Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 23 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Juli 1899 Seite 5 preußischen Staate einoerleibt waren. Die gesammte Bevölkerungszahl dieser Gebiete mit Einschluss des nachher hinzugekommenen Reichslandes betrug damals 39,653.544 Köpfe, woraus sich für die ersten zwanzig Jahre des neuen Deutschen Reiches eine Zunahme der Bevölkerung um mehr als 25% ergibt. Die Vertheilung unserer Glaubensgenoffen in den einzelnen deutschen Staaten, wie sie im Jahre 1867 constatiert wurde, ist aus der folgenden Zusammenstellung zu ersehen: pro mille Juden der Gesammtbevölkerung Bayern 49.840 10 Baden 25.599 18 Preußen 313.250 13 Württemberg 11.662 7 Hessen 25.187 31 Oldenburg 1.527 5 Sachsen-Weimar 1.182 4 Lippe 1.125 10 Waldeck 815 14 Sachsen (Königreich) 2.103 1 Bremen 271 3 Hamburg 13.448 44 Vraunschweig 1.038 4 Anhalt 2.108 11 Lübeck 609 12 Sachsen-Meiningen 1.629 9 Schaumburg-Lippe 349 11 Sachsen-Coburg-Gotha 137 1 Reuß, ältere Lmie 10 — „ jüngere „ 14 — Schmarzburg-Sondershausen 216 3 „ -Rudolstadt 113 2 Mecklenburg-Schwerin 3.064 6 „ -Strelitz 466 5 Sachsen-Altenburg 1 — Die Veränderungen in den Sesshaftigkeitsverhältnissen, welche während des Zeitraumes von 18 Jahren (1867—1885) in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands vor sich gegangen sind, weisen große Mannigfaltigkeit auf. Während in der einen Gruppe deutscher Staaten die jüdische Einwohnerschaft eine mehr oder minder normale Zunahme erfuhr, muss in einigen Bundesstaaten ein rapides Anwachsen, in anderen wieder eine Abnahme derselben constatiert werden. Alle diese Erscheinungen lassen sich aus den bestehenden localen Verhältnissen erklären; denn ist auch heute die Freizügigkeit in deutschen Landen eine allgemeine und unbeschränkte, so gibt es auch gegenwärtig, wenngleich nicht so in die Augen springend und greifbar wie ein obrigkeitliches Machigebot, doch immerhin manch zwingende Gründe für das Auf- und Abwogen der Volksmaffen im allgemeinen und der Judenschaft insbesondere. Die Besprechung der einschlägigen Verhältnisse in Oesterreich-Ungarn behalte ich «inem Schlussartikel vor. Unsere Cultusgemeinden. Aus Kierling kommt uns eine Nachricht zu, die in so crasser Weise die Reformbedürftigkeit unserer Cultusgemeinden. 'im allgemeinen und der in Klosterneuburg insbesondere darthut, dass wir sie unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben. Seit Jahren hat es in Kierling keinen jüdischen Fleischhauer gegeben, die jüdischen Familien, die alljährlich zu ihrer Erholung Kierling aufsuchen müssen, und deren Zahl ist durchaus nicht gering, waren auf das Wohlwollen des dortigen christlichen Fleischhauers Herrn Bogner angewiesen, der, wenn er gerade guter Laune war, für die Juden ein Stück Vieh koscher schächten ließ. . Im vorigen Jahre jedoch scheint die Gregorig'sche Heilslehre auch bis zum Herrn B. sich durchgerungen zu haben, und er erklärte ganz deeidiert. für die Saujuden »volle er nicht mehr schächten, die Saujuden sollen froh sein, wenn er ihnen überhaupt Fleisch verkaufe. Dagegen war die Cultnsgemeinde in Klosterneuburg gewiss machtlos und konnte nichts thun. Nun sollte man meinen, dass unter solchen Umständen ein jüdischer Fleischhauer, der auf eigenes Risico, und das ist gewiss nicht gering, den Muth hat, sich in Kierling zu etablieren, um den dortigen Juden Koscherfleisch zu verabreichen, seitens der?. T. Cultnsgemeinde Klosterneuburg, wenn schon keine Förderung, doch zumindestens keine Schädigung erfahren wird. Weit gefehlt! Leider musste dieser junge, dem Solidaritätsgefühle der Juden blind vertrauende jüdische Geschäftsmann erfahren, dass es eine jüdische Gemeinde gibt, die in der jetzigen Zeit, in der das jüdische Gewerbe ohnehin durch die antisemitische Strömung ganz darniederliegt, und in der der jüdische Gewerbetreibende um seine Existenz einen furchtbaren, fast übermenschlichen Kampf zu bestehen hat. dass also eine jüdische Gemeinde den traurigen Muth hat, ,%nm sich einige Gulden jährlich zuzueignen, einen jüdischen Fleischhauer zugunsten eines antisemitischen zugrunde zu richten, ja, ihn, der sein ganzes Vermögen in dieses Unternehmen gesteckt hat, zum Bettler zu machen. Kaum hatte der antisemitische Herr B o g n e r gesehen, dass der Jude wirklich ein Geschäft machte, setzte er sich mit der Cultusgemeinde in Klosterneuburg in Verbindung, versprach ihr ein geringes Jahrespauschale, welches vielleicht der jüdische Fleischhauer, wenn man an ihn herangetreten wäre, auch bezahlt hätte, und die jüdische Cultusgemeinde entblödete sich nicht, Circulare an alle Juden zu vertheilen, in denen zu lesen war, dass das wirklich koschere Fleisch nicht beim Juden, sondern beim antisemitischen Fleischhauer zu haben ist. Nun fragen wir die löbliche jüdische Cultusgemeinde in Klosterneuburg: Ist das jüdisch? Darf das, besonders in der jetzigen Zeit, geschehen? An sämmtliche jüdischen Bewohner Klosterneuburgs, die das Wahlrecht in die Cultusgemeinde haben, richten wir den energischen Appell, ihre gewählten Vertreter in der ihnen passend erscheinenden Weise darauf aufmerksam zu machen, dass sie gewählt worden sind, um j ü d i s ch e I n t e ressen und nicht antisemitische zu vertreten. — Das „Jüdische Bolksblatt" wird nicht ermangeln, diese Pflicht den Herren Cultusvorstehern recht oft .und..eindringlich ins Gedächtnis zu rufen. Literatur. „Midrasch Echa Rabbati. Sammlung agadischer Auslegungen und Klagelieder. Herausgegebeu nach einer Handschrift aus der Bibliothek zu Rom cod. J. I. 4, und einer Handschrift des British Museum cod. 27089. Kritisch bearbeitet, commentiert, und mit einer Einleitung versehen von Salomon B u b er in Lemberg." (Wilna, 1899.LXXVIII, 162.) Während in früherer Zeit Talmud und Midrasch mit einerArt heiligem Nimbus bloß als religiöse Literatur behandelt wurde, ist in der letzten Zeit eine neue Seite der Forschung denselben abgewonnen worden. Der Midrasch begann als Geschichts- und Literaturquelle benützt zu werden, und gewährte zu gleicher Zeit einen Einblick in damalige Cultur- und Zeitverhältniffe. Die Religion hatte im Midrasch bloß eine Predigt gesehen, um das Publicum auf Grundlage von Bibelversen zu erbauen, heute wird im Midrasch der Geist zu erforschen gesucht, von welchem die damaligen Redner beherrscht waren und ihre Hörer begeisterten, je nach den Zeitverhältnissen bald himmelhoch jauchzend, bald wieder bis zum Tode betrübt, da Hoffnung einflößend, dort den schäumenden Ungestüm beschwichtigend. Wir begrüßen deshalb freudig jede neue Midrasch-Ausgabe als verlässlichen Führer durch das Labyrinth jüdischer Geschichte und Literatur, welches, zumeist aus der damaligen Zeit, keinen Ariadnefaden bot, unc sich zurecht zu finden, und fühlen nns all denen, die diesem Gebiete ihre Kräfte zuwenden, zu innigem Danke verpflichtet. Herr B u b e r ist einer dieser gottbegnadeten Männer, der fast seine ganze Lebenszeit solcher Forschung widmete, wovon die vielen Midraschwerke, die aus seiner Hand ediert Hervorgiengen, herrliches Zeugnis geben. Auch in jüngster Zeit wieder hat sich B u b e r der schwierigen Arbeit unterzogen, den uns vor Augen liegenden Midrasch-Threni (Echa Rabbati), in welchem wir den emsigen Jugendfleiß, gepaart mit der reifen Erfahrung des denkenden, greisen Forschers, erkennen und zu würdigen Anlass haben. Wohl ist hier nicht der Ort, uns in einzelne Details einzulaffen, aber soviel drängt sich selbst bei bloß oberflächlicher Durchsicht jedem Leser auf, dass das Werk mit besonderer Sorgfalt und Umsicht gearbeitet, besonders in seiner Einleitung zum Midrasch, und in den Quellenangaben erkennt man sofort den Mann, der die Pesikta rabbati, die ihm einen unsterblichen Ruf sichert, ediert hat. Besonders freudig bewegt hat uns die Ankündigung des Verfassers, dass diesem Opus zwei weitere Werke, zum Drucke reif, bald Nachfolgen dürften. Wie herrlich ist die Energie und Geisteselasticität dieses Greises, der heute mit Jünglingskraft forscht und arbeitet. 8. Angesendet. Jüdische Harrdelsangesteltte! Der Verein jüdischer Handelsangestellter „Emunah" in Brünn veranstaltet am 6. und 7. August einen Handels- — oo — Na, wenn Ihr wenigstens ein paar Kartoffeln mit Salz essen wolltet, ihr werdet ja ganz schwach werden, sagte Frau Korejba, in den Topf schauend, wo noch einige Erdäpfel drin waren. Offenbar verlegen und das Gesicht abwendend, sprach Gadali: Ich danke den gnädigen Herrschaften für Alles... ich werde schon morgen beim Schänker in Schumna essen. Leb' mit diesen Leuten! — schrie der Verwalter mit seiner Baßstimme — wenn sie aus einer christlichen Hand nicht einmal ein Stück Brod annehmen, wie wenn Alles vergiftet war', was wir haben! Ach! meiner Seel', hol' sie der Teufel mit ihren trefen Geschichten, und ihren hungrigen Kindern! Das ist wahr, bestätigte Korejba — der zum Beispiel hat Nichts zu essen, hat kein Geld, um sich zu curiren, und wenn ein guter Mensch ihm etwas geben will, so erlauben ihm seine Vorurtheile nicht, das zu genießen. Deshalb kann auch der Mensch, wenn er sie noch sosehr bedauert, kein Herz zu ihnen fassen... Gedali hörte aufmerksam zu, er senkte den Kopf und seufzte tief. Sein Gesicht trug den Ausdruck tiefen Nachdenkens. Die Augen blickten durchdringend. Mit seiner leisen, heiseren Stimme sprach er: Das ist wahr, was die gnädigen Herren sagen. Es gibt viel Unglück auf der Welt, viel Sand im Meere. Ein Unglück entsteht aus Noth, das Andere aus Krankheit, das Dritte aus Streit, das Vierte aus dem, dass der Mensch keinen Verstand hat. Aber es wird nicht immer so bleiben. Es wird eine Zeit kommen, wo alles gut sein wird. Und von wem diese Zeit kommen wird, das sagt uns eine schöne Erzählung. Er richtete sich auf, legte die Hände auf die Knie, und hob das Gesicht. Offenbar war er unter dem Eindruck der Begeisterung. Vielleicht war dies seine Lieblingslegende, vielleicht hatten ihm das Feuer und die Theilnahme der Menschen, Körper und Seele erwärmt. G r d a l j e. Nach dem Polnischen der Elise O r z e s z k o. — Deutsch von Flora LandeSberger. (Fortsetzung) Das ist wahr! Da, zum Beispiel, damals wo mir Policki den Process machte, um mir mein Gütchen ungerechter Weise abzunehmen, da Hab' ich mich so gekränkt, dass ich beinahe krank geworden bin und doch Hab' ich manchmal gedacht: wenn er auch ein großer Herr ist und ich nur ein armer Mann, so bin ich doch besser, wie er, denn er ist ein Bedrücker und Ausbeuter, und ich trübe niemanden das Wasser. Blutig Hab ich mir mein Gut erarbeitet, und manchmal Hab' ich auch noch jemanden geholfen... Verzeihen der gnädige Herr, ließ sich Gedali vernehmen — das was der Herr jetzt gesagt hat, das sind solche Beeren, die auf einem stehenden Strauche wachsen.... ich weiß nicht wie der Strauch heißt, der so sticht? Vielleicht wilde Rosen — antwortete Judwiga. Aha! das Fräulein weiß Alles.... Wilde Rosen! wilde Rosen! Wir haben da auch eine hübsche Geschichte. Das Mädchen klatschte in die Hände. Gedali sah sie mit seinen halberloschenen Augen an, lächelnd begann er: Aj! wie lustig das Fräulein ist! wie angenehm das ist, wenn jemand so lustig ist! Ach! wenn meine Malta jemals so froh wäre! Sie ist gerade so alt, wie das Fräuleinchen. und auch so groß, nur weiß wie Papier und immer schweigsam. Wenn das Fräulein will, so kann ich diese Geschichte auch erzählen Bei uns steht geschrieben: Als die Juden in der babylonischen Gefangenschaft waren, lebte ein sehr gelehrter und frommer Mann unter ihnen, Namens Uriel. Ec war sehr gut, und weil er sehr gut war, konnte er diese Gefangenschaft nicht ertragen. Wenn er sah, dass man den Juden Unrecht that, so weinte er so, daß sein ganzes Herz durch seine Augen strömte. Und