Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 23 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Juli 1809 Nr. 23 Juden, nistete sich in Rumänien der Judenhass ein, und unter dem Regime B r a t i a n u s steigerten sich die Verfolgungen und die an Juden verübten Grausamkeiten ins Unerträgliche. Recht- und schutzlos, fast vogelfrei, konnten sie es nicht einmal zu geregelten Gemeindezuständen bringen, wiewohl sie sich mit einem Leben im Ghetto begnügt hätten. Selbst dieses war den Juden versagt. Die letzte Hoffnung auf den Berliner Congress (1878), bei welchem die Unabhängigkeit Rumäniens von der Gleichstellung aller Unterthanen abhängig gemacht wurde, schwand, dank den Kniffen der rumänischen Regierung, welche dem $ 7 der Constitution eine solche Färbung zu geben wusste, dass die Juden in eine trost- und hoffnungslose Zukunft schauten. Also zur Verzweiflung getrieben, tauchte auch in den Köpfen der rumänischen Juden der Gedanke an die Gründung eines Judenstaates in Palästina auf. Sie sahen, wie die Moldau und Walachei zu einem Königreiche vereinigt wurden,'wie Serbien immer mehr als Balkanstaat erstarkte, und selbst das winzige Bulgarien sich zu einem selbständigen Fürstenthume heranbildete. „Sind wir nicht ein älteres Volk?" fragen sie sich, „haben wir nicht die gleiche Existenzberechtigung? .Wir müssen uns unsere alte Heimat Palästina zurückerwerben, und auch wir werden es zu einem Königreiche bringen." Und wie Pilze schossen über Nacht Vereine unter dem Motto: „Jischuw-Erez-lsroel“ (das gelobte Land mit Juden zu bevölkern) empor. Massenhaft wurden Gelder gesammelt, eine neue Hoffnung erfüllte diese Herzen, eine einzige Idee beherrschte jedes jüdische Gemüth: „Jerusalem-Zion." Doch darf diese Idee keinen Anspruch auf Neuheit erheben. Seit Jahrtausenden lebt sie im Volke, allerdings nur als frommer Wunsch in seinen Gebeten. Allein schon in der ersten Hälfte unseres Jahrhundertes begann sie praktisch im jüdischen Leben aufzutreten; schon in den 30er Jahren trat der in Thorn (Preußen) domicilrerende Rabbiner Kolischer mit einem Projekte zur Colonisation Palästinas auf. Zur selben Zeit brachten Londoner Blätter den curios klingenden Bericht: Irgendein Banquier, Montefiore mit Namen, unterhandle mit der ägyptischen Regierung, welche damals die Herrschaft über Palästina ausübte, über den Ankauf Palästinas. Doch die damalige Ritualmordbeschuldigung in Damaskus und die inzwischen an die Türkei übergegangene Suprematie über Palästina vereitelten den Plan. Anfangs der 60er Jahre veröffentlichte Heß sein Buch „Rom und Jerusalem", in welchem er mit den schlagendsten Argumenten für diese Idee eintrat. 15 Jayre später unterbreitete der Londoner Banquier Chaim Gedalja der jüdischen haute finaiiee einen aus* gearbeiteten Plan zum Ankäufe Palästinas, um einen jüdischen Staat zu gründen, fand jedoch keinen Anklang bei seinen Commilitonen, da die Assimilation damals in voller Blüte stand. Die Gleichberechtigungsphrasen und der Freiheitsdusel verwirrten alle Köpfe, blendeten jeden klaren Blick. Die Intelligenz hielt die ganze Palästina- Idee für etwas Absurdes, die übrige Judenheit für eine Utopie. Einzig die in hebräischer Sprache arbeitenden Schriftsteller propagierten ernstlich die Idee und agitierten mit Wort und Schrift dafür, sie erblickten in der Lösung dieser Frage zugleich die Lösung der Frage des I u d e n t h u m s. Vom Tage. Die Verhältnisse sind unerträglich, jammert Herr Vergani in einem Leitartikel vom 18. d. M. Er citiert die Worte, die der Obmann des Donauclubs, Baurath S t i a ß n y, als Sprecher einer Deputation dem Ministerpräsidenten sagte. Licht, Du reiner Quell des Lebens, Dich entbehren kann ich nicht! O, so lass' mich nicht vergebens Deiner harren: komm', o Licht! Ein anderer guter Genius, welcher an seinem Krankenlager wachte, war der die Socialethik des Judenthums in sich verkörpernde H i l l e l, welchem er Zeit seines Lebens nachstrebte. In der Apotheose dieses erhabenen Apostels der Liebe und Demuth, welche zugleich eine Apotheose des Judenthums ist, ertönen wie feierliche Orgeltöne die goldenen Worte: Jnn'ge Menschenliebe, Die Liebe zur Gesammtheit ist das Wesen Der Religion, sie ist das Wesen Gottes, Und Gott erkennen heißt nichts anderes, als ihn Mit ganzem Herzen lieben, denn die Liebe Wird wieder nur durch Liebe ganz ergründet. Wie sehr unser Dichter das Judenthum ins Herz geschlossen hat, wie es ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, geht unter anderem auch aus der congenialen Nachempfindung und Nachdichtung des 137. Psalms „An den Wass ern Babels" hervor. Die moderne Gewandung thut der Ursprünglichkeit des prachtvollen Psalmes nicht den geringsten Eintrag. Damit der freundliche Leser sich selbst davon überzeuge, ertheilen wir dem Dichter das Wort. Er singt: An den Wassern Babels saßen wir und weinten Und dachten Dein, o Zion! Deiner Leiden Und hängten unsere Harfen an die Weiden, Wo sie im Flusse dichter sich vereinten. Da heischten sie von uns — ihr Wort, es klingt noch Wie Hohn uns nach — : „Auf, singt uns Eure Trauer! Die Verhältnisse in Wien sind unerträglich, sagt Herr Vergani, und zählt dann in schier unabsehbarer Reihe alle Gebiete auf, in denen die Juden noch immer dominieren. Von all dem, was Vergani sagt, ist natürlich die eine Hälfte erlogen, die andere entstellt. Das ist man ja so gewöhnt und man muss es schon so mit in den Kauf nehmen. Sich darüber aufzuregen, wäre einfach überflüssig. Ueberdies hat man Gescheiteres zu thnn, als sich mit dem sauberen Besitzer des „Antisemitenhofes" herumzuschlagen. Aber in einem hat Herr Vergani zwar nicht ganz, doch theilweise Recht. Wahrhaftig, die Verhältnisse in Wien sind wirklich nahezu unerträglich — für die ehrlichen Juden. Da macht ein Theil der Wiener Judenschaft Versammlung über Versammlung und schreit sich sozusagen die Seele hinaus für den „Freisinn". Aber ob es einem dieser Herren auch nur einmal eingefallen wäre, als das, was er i st, als Jude für die Juden zu sprechen! Ta geht der Herr Baurath S t i a ß n y, der noch dazu im Vorstände der jüdische n Gemeinde sitzt, als Führer einer Deputation zum Ministerpräsidenten und spricht im Namen des — freisinnigen Bürgerthum s. Es ist geradezu unbegreiflich, dass dieses jämmerliche Komödienspiel diese Herren selb st noch nicht anekelt. Der Studententag. Wir erhalten aus studentischen Kreisen folgende Zuschrift: Am 25. und 26. d. M. werden die Delegierten sämmtlicher jüdisch-nationaler Studentenvereine in Lemberg zusammeutreten. um über die Stellung und das Wirken der Studentenschaft in der jüdisch-nationalen Bewegung schlüssig zu werden. So wenig Bedeutung dieses Ereignis in dem Getriebe der Weltpolitik haben mag, so großes Interesse erregt es bei allen Juden, denen die moralische und materielle Zukunft unseres Volkes nicht gleichgiltig ist. Wird sich doch in dmi Verhandlungen des Studenlentages der Gefühls- und Jdeenkreis unserer gebildeten Jugend wiederspiegeln, der Blüte und des Stolzes unseres Volkes, lind umso größer ist dieses Interesse, als sich in das entschiedene Wohlwollen für die studentische Jugend eine gewisse Besorgnis mischt, die Besorgnis, ob sie, die Jugend, von der wir die Zukunft erhoffen, die Kraft hahen werde, den geänderten Verhältnissen gemäß mit Ernst und Einsicht über neue Wege zu berathen. Denn es soll und darf nicht geleugnet werden — die Verhältnisse innerhalb der jüdisch-nationalen Studentenbewegung liegen heute anders, als vor noch wenigen Jahren. Das Ideal, das einst russisch-jüdische Studenten nach Wien verpflanzten, und das in der Gründung ches ersten Jüdisch-nationalen Studentenvereines der Wiener Universität seinen Ausdruck fand, war unter dem Drucke der zwingenden Nothwendigkeit etwas verblasst und in die Ferne gerückt worden. Das Gebot der Selbstachtung sowie Nothwehr, zwangen allgemach den jüdischen Wiener Studenten die blanke Waffe in die Hand, trotzdem sie dieses Mittel als atavistische Roheit verdammten und ihrem Abscheu oftmals ungescheut Ausdruck gaben. Leider litt unter diesen Verhältnissen das erste und ureigentliche Ziel der Studentenvereine, die innere Culturarbeit, selbst die äußere agitatorische Thütigkeit konnte nur lässig, in geringem Umfange betrieben werden. Wie es schon zu gehen pflegt, vermischten sich mit der Zeit die Begriffe, was ursprünglich lediglich ein Mittel zum Zwecke gewesen war, wurde mit der Zeit nahezu Selbstzweck. Bis vor nun mehr als drei Jahren, da die Vereinigung der Wiener deutschnationalen Studentenschaft, der Waidhofener Verband, ihren lächerlichen Satisfactionsunsähigkeits-Beschluss fasste, gab die Abwehr nach außen der jüdisch-nationalen Studentenschaft nahezu allein Leben und Inhalt. Das Lied versöhnt und Leid ist nicht von Dauer: Singt uns ein Lied von Zion! Auf!... Sv singt doch!" O Gott! O Gott! Im fremden Lande singen, Wo wir das Brot mit bitt'ren Thränen netzen! Eh' soll kein Tropfen uns den Gaumen letzen, Eh' unseren Schmerz zur Lust sie könnten zwingen! Wenn je wir Dein, Jerusalem vergäßen, Dann — straf' uns Gott! — verdorre unsereRechte, Und weh! uns feigem, sündigem Geschlechte, Wenn wir den Muth zu sterben nicht besäßen: Dem Feind zu Trotz, wie sehr esJhn auch kräliken Und gegen uns erbittern mag, erheben Soll unser Lied im höchsten Wonnebeben, Jerusalem, Dein glorreich' Angedenken. Doch glühend brennt der Reue off'ne Wlinde, Wenn sie am Tag von Salem's Fall uns höhnen: „Seht! ihren Gott könnt' nur ihr Sturz versöhnen, Verwüstung thront auf Zions heil'gem Grunde! —" Allein gar bald wird Dir der Tag auch kommen, Verstörte Tochter Babels, Sinnbethörte, An dem Dir Gott vergilt das Unerhörte,' Das Du gethau an uns und uns'ren Frommen. Wohl dem, der Deine Kinder, Deine Greise In grimmer Wuth an harte Felsen schmettert ... Dann fühlst Dij wohl, wie Gott im Zorne wettert, Und sinkst zertrümmert hin — zu seinem Preise. Thränenden Auges nehmen wir von S. A. Weiß Abschied. Die mitgetheilten Proben zeigen zur Genüge, dass er ein Bannerträger unseres schwer bedrängten Volkes geworden wäre, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sich sattsam auszuleben. J. (lei-hanl. Es mochte zuerst scheinen, dass mit dein eben erwähnten Beschluss das Leben der Studentenbewegung erlahmen werde. Allein fast in die gleiche Zeit siel der Beginn jener Bewegung, welche unserem alten Ideale eine neue Form verleihen sollte. Mit einem wahren Heißhunger stürzte sich die Studentenschaft in die neue Bewegung tlnd — schoss wieder übers Ziel hinaus. Denn nun wurde wiederum alle Kraft auf die äußere, agitatorische Thütigkeit verwendet, und wiederum ruhte die innere Culturarbeit. Und auch das ist bereits zum Theil anders geworden. Eine gewisse Ermüdung, eine gewisse Skepsis gegen die rein äußerliche Thütigkeit fängt an um sich zu greifen, und ist als gutes Zeichen einer besseren Einsicht mit Freude zu begrüßen. Die Erkenntnis, dass nicht die äußeren Umstände, die materiellen Bedingungen die Geschicke eines Volkes bestimmen, sondern die innere Cultur die äußeren Geschicke, diese Erkenntnis zieht, heute schon in den Kreisen der Studentenschaft immer weitere Kreise. „Denn — so sagt unser genialer Mathias Acher — was ist die Materie der Geschichte? Der Mensch." Und insolange die jüdisch-nationale Idee nicht zu einer inneren C u l t u r f r a g e der civilisierten Welt geworden ist, wie es etwa die sociale Frage ist, insolange werden all unsere Bemühungen vergebens, all unser Streben zwecklos sein. Noch sind wir Juden erst eine Raff e. Ein Volk müssen wir vorerst werden, durch u n s, mit unserer ei gelten Cultur, dann wird die Erfüllung unseres Ideals eine elementare Nothwendigkeit sein, der niemand auf Erden sich wird verschließen können. Es dahin zu bringen, das ist die innere Culturaufgabe aller Jüdisch-Nationalen, ganz insbesondere der Studentenschaft. Die jüdisch-nationale Studentenschaft ist der Sympathien aller ehrlichen Juden Oesterreichs sicher. Möge sie aber auch der Pflichten sich bewusst sein, die auf ihr, dem berufenen Führer unseres Volkes, ruhen. Mögen die Verhandlungen und Beschlüsse des Studenlentages zeigen, dass die jüdisch gesinnte Studentenschaft die ernste Lage unseres Volkes nicht nur erfasst, sondern derselben auch vollauf gewachsen ist. Die Finanzen der Wiener jüdischen Gemeinde. (Von einem M i t g li e d e der S ch ä tzu n g s c o m mi s s i o n.) I. Wir erhalten von hochgeschätzter Seite folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Nicht ohne ein Gefühl inneren Widerstrebens komme ich endlich Ihrer Aufforderung, mich eiugeheuds über die Finanzlage nuferer Cultusgemeinde zu verbreiten, nach. Denn wenngleich die frische, jugendstarke Bewegung, die Ihr geschätztes Blatt vertritt, auch mich, wie viele andere, aus meiner bisherigen Lethargie riss und ich heute so manches anders sehe, als ich es noch vor wenigen Jahren sah, wenngleich ich Ihre Bedenken,- die ich ja des öfteren kennen zu lernen Gelegenheit hatte, vollständig theile, wenngleich auch ich der Meinung bin, dass es hoch an der Zeit fei, diese so ungemein wichtige Frage endlich in der Oeffentlichkeit zu erörtern, so konnte ich mich trotz alledeni denn doch nicht des Eindruckes verwehren, dass meine Ausführungen vielleicht missverstanden und als bloßes Radau-Manöver gedeutet werden könnten. Um nun dieser Eventualität gleich von allem Anbeginn zu entgehen, gestatten Sie mir, in Kürze meinen allgemeinen Standpunkt, das Ziel dieser Zeilen, zu präcisiereu. Wie in so vielen anderen Dingen, herrscht auch kücksichtlich der Oeffentlichkeit i u der R e ch u u u g s l e g u n g bei unserer Cultusgemeinde das altliberale Princip der Ausschließlichkeit, das System, möglichst wenig Leute „einzuweihen" und möglichst wenig nach außenhin zur Kenntnis zu bringen. Ist dieses Princip schon an sich geradezu widersinnig und regelniäßig nur Unheil bringend, so kann es gerade in dem einen Punkte, wo es sich um die Verwaltung öffentlicher Steuergelder handelt, nicht scharf genug gegeißelt werden. Die seltsamste Art einer öffentlichen Rechnungslegung, die ich je kennen lernte, ist bei der Wiener Cultusgemeinde üblich — insofern man da überhaupt noch von „öffentlich" reden kann. Dieses merkwürdige Verfahren besteht darin, dass für die in allen neunzehn B e z i r k e n zerstreut wohnenden Mitglieder der Cultusgemeinde die Rechnungsabschlüsse im Gemeindehause im ersten Bezirke durch vierzehn Tage — sage vierzehn Tage — zur Einsicht aufgelegt werden. Die Verlautbarung, dass diese schöne Zeit gekommen, erfolgt mittelst Kundmachung in der „Wiener Zeitung", sowie mittelst Anschlag in sämmtlichen Bethäusern. Nun bin ich fest überzeugt, dass, mit Ausnahme der Herren Cultusvorsteher, die gerade in der beziiglicheu Sitzung anwesend sind, wenn viel, zwei Procent der Wiener Cultuswähler von diesem Eintritte dieser märchenhaften Zeit eine Ahnung haben. Man kann auch thatsächlich Jahr um Jahr den geradezu zur Formel gewordenen Satz lesen: Eine Eiusichtriahme seitens der Gemeindemitglieder iu die Rechnungsabschlüsse hat nicht stattgefunden und sind auch Erinnernngen nicht überreicht worden. Sind diese vierzehn Tage abgelaufen, dann ist die Möglichkeit einer Einsichtnahme in die Rechnungsabschlüsse überhaupt ausgeschlossen. Denn eine öffentl i ch e D r u ck l e g u n g und A u s f o l g n n g an d i e Gemein d e m i t g l i e d e r gibt es nicht. Wohl beliebt es dem Cnltnsvorstande, so von Zeit zu Zeit periodische Bertvaltungsberichte zn veröffentlichen, in denen auch angeblich eine Rechuungsdarlegung erfolgt, auch hat er die besondere Gnade, in einer einzigen jüdischen Zeitschrift — der „Oesterreich i s ch e n Wochenschrift" — so eine Art Fiuanzreferat kundmachen zn lassen; allein beide Veröffentlichungen haben einerseits längst die schmerzliche Heiterkeit und missliebige Verwunderung aller ökonomisch Gebildeten erregt, während es