Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-07-21 · 23 (21.7.1899) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
23 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432787--0208-2433729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Krdaclivn: II/I3, Untere Augsrtenstraße 19. Sprechstundenr An Wochentage» von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von IN bis 12 Uhr vormittags, ssosiadresse: Jüdische« VoltSblatt, Wien, ll|3. Vrsrhwrrdrir wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht znrülkgestellt. Postsparcassen-Cvnto 847037. I» das Abonnement kann man täglich einttcten. Erscheint jeden Freitns unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwätzHen Prefsrommij'ston. Jnserat^übdmehineN'chje Firmen: I. Danneberg, M. Dukes, Häasenstein & Bögler, Rudolf Dürfte, 81. Oppclst, M. Pozsonyi,?l. Schalek in Wien, ferner alle Ainioncen-Exprditionen im Auslände. Einzel-Nummer irs Wien 8 kr. Kdmmisiralivn: II., Untere Augartenltralje 19. AbonnementSpreis: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn Für das gesannnte Attsland sammt Fran.ozustcllnng.! sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4.- I Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig.fl. 2 — Halbjährig ....... fl. 2.2o Vierteljährig.fl. 1.— | Äiertcljädrig.fl. 1.15 Nr. 83 Wir«. 81. Juli 1809. Christlicher Socialismus. Inmitten des heftigen Kampfes, der um die Wiener Gemeindewahlreform entbrannt ist, hat die antisemitische Partei einen praktisch-socialen C u r s nach Wien einbermen. Eine Veranstaltung, die angeblich den Zweck haben soll, das sociale Glaubensbekenntnis der antisemitischen Partei kundzugeben und zu verbreiten, in Wahrheit aber wohl sich als eine äußerst geschickte Agitationsform illustriert. Und man muss zugeben: Die Veranstaltung der antisemitischen Partei ist geglückt. Die Betheiligung an dem praktisch-socialen Curse ist stark, es sind Delegierte aus nahezu allen Kronländern erschienen, auch Parteigänger aus dem Auslande sind gekommen. Die gefammte Presse beschäftigt sich mit den Verhandlungen dieses seltsamen Congresses, die Aufmerksamkeit von halb Europa wird durch die Presse auf diese That des Antisemitismus gelenkt. Der 'praktisch - sociale Curs der antisemitischen Partei hat für die Juden Wiens, ja ganz Oesterreichs, seine besondere Bedeutung. Nach zwei Richtungen hin: Nach der socialen, weil auf diesem Congreffe von gelehrten und ungelehrten Leuten, von gebildeten und ungebildeten Menschen, von solchen, die es ernst und ehrlich meinen mit ihrer Sache, und solchen, die aus. derselben sich ein Geschäft machen, der Welt eine christlich e Wirtschaftslehre in directem Gegensätze zu einer angeblich jüdischen verkündet werden soll. Weil hier ein angeblich wir t sch a f t s p o l itis ch e r und socialethischer Gegensatz zwischen einer jüdischen und christlichen Weltanschauung gepredigt wird, der niemals bestanden hat, weil hier Probleme, die einzig und allein aus der Divergenz national-ori ginärer M o m e n t e zu erklären sind, als das Ergebnis confessioneller Anschauungsweise hingestellt werden, nur um daraus eine Berechtigung für das schandbare Treiben' der antisemitischen Machthaber abzuleiten. Es ist noch nicht an der Zeit, sich eingehends über diese Punkte zu verbreiten. Wir werden Gelegenheit nehmen, darauf zurückzukommen, wenn die Verhandlungen des praktisch-socialen Curses geschlossen sind. Nur soviel sei gesagt: Die Wiener antisemitische Partei hat ebensowenig mit dem Christenthum an sich, wie mit dem Socialismus desselben zu thun. Die widerlich brutalen, unmenschlichen Hetzereien eines G r e g o r i g oder Schneider sind ebenso unchristlich wie unjüdisch, und das Gebaren eines V e r g a n i oder G e s s m a n n bedeutet nie und nimmer die Erfüllung der Lehre jenes Mannes, der einst sagte: „Es gehet eher ein Kameel durch ein Nadelöhr, denn ein Reicher in den Himmel. Die Lehre des brutalen Antisemitismus hat nichts gemein mit der ch r i st l i chs o c i a l e n Idee, denn diese Lehre ist nur eine der Kirche. Deshalb sind sännntliche Christlich-Sociale des übrigen Europa ebenso starke Gegner des Antisemitismus, wie des modernen Clericalismus. Von der a c 1 u e l l - p o l i t i s ch e n Seite aus betrachtet, bedeutet der praktisch-sociale Curs die empfindlichste Mahnung an jenen Theil der Jndenschaft, der sich auf der politischen Tribüne breit macht, endlich Vernunft anzunehmen, oder wenn das unmöglich ist, vonr politischen Schauplatz zu verschwinden. Vor wenigen Wochen sang das Leiborgan unserer deutsch-nationalen Stammesgenossen der antisemitischen Partei ein wohltöuendes Grablied. Und siehe! ' Heute ist die Partei zu neuem Leben erstanden, und, wie es scheint, zu recht kräftigem. Ja, vermögen denn diese Stammesgeuossen noch immer nicht einzusehen, dass der Kampf gegen die antisemitische Partei nur von ihren christlichen Gegnern ausgesochten werden kann und darf? Dass jedes Eingreifen von so prononciert jüdischer Seite, wie es die freisinnige ist, unter dem Deckmantel des Freisinns und Fortschritts dem Kampf sofort den Stempel eines „Kampfes zwischen Judenthum und Christenthum" aufdrückt? Sind denn diese unsere Herren Glaubensgenossen noch immer nicht einsichtsvoll genug, zu wissen, dass sie mit all dem nur ihre armen Stammesbrüder, die auch wirtschaftlich unter dem Antisemitismus leiden.* nur noch mehr schädigen? Wenn die Herren es nicht glauben, dann mögen sie doch bei den jüdischen Unterlehrern Nachfragen. Die wissen ein trauriges Lied von den wohlthätigen Wirkungen der jüdisch-liberalen Wahlrechtsagitation zu singen! Und es ist wahrlich dies nicht der einzige Fall! Das muss endlich einmal anders werden. Es geht nicht an, dass der vielleicht geringste Theil der Judenschaft sich ohne Unterlass ins politische Vordertreffen stellt und dort für irgendeine Chimäre, doch niemals für uns Juden kämpft. Diese Methode hat uns politisch bankerott gemacht, sie wird uns auch heute nichts nützen. Nur wenn wir allein, nur mit uns für uns, dastehen, werden wir stark und mächtig sein. Nur wenn wir auch im politischen Leben s ch e i n e n, was wir sind, werden wir können, was wir wollen. l. Jahrgang. und Judenthum Von R. A. B. IV. Die Assimilation war demnach vollständig bankerott; aber auch die Reaction — im Sinne einer Rückkehr in die Judengasse und ins Beth hamidrasch war, besonders für die intelligente studierende Jugend, unmöglich geworden. Es musste etwas Eigen-jüdisches, den europäischen Verhältnissen angepasst, dem Sinne und Geiste des 19. Jahrhunders entsprechend, geschaffen werden, das mit der Außenwelt in harmonischer Verbindung blieb. Und so kam in das Judenthum, von außen hineingetragen, die „jüdisch-nationale" Idee, oder, wie Pinsker es richtig benannte, die „A u t o - E m a n c i p a t i o n". Das 19. Jahrhundert kann mit Fug und Recht „das Jahrhundert der Nationalitäten" genannt werden. Deutschland, Italien, die kleinen Balkanstaaten sind der beste Beleg hierfür, sie haben sich glücklich zur vollsten Selbständigkeit herausgearbeitet. Folgerichtig tauchte auch in den Köpfen der jungen jüdischen Intelligenz der Gedanke auf: „Auch wir sind eine Nation, ryüssen in unserer Nationalität unser Heil suchen, eine Zukunft finden! Aber eine Nation muss doch Grund und Boden besitzen, ein Land, eine Regierung, eine Sprache! Das — müssen wir uns zu erwerben bemühen. Der Boden, das Land ist ja da — Palästina. Das muss nur bevölkert, cultiviert werden. Wenn wir Um- und Einkehr halten, so wird das nicht in das alte Ghetto, nicht ins Beth hamidrasch sich vollziehen, nicht hier im Exil ist eine Wiedergeburt der Nation möglich, zurück in unser altes Heimatland, zurück zur Pflugschar und zum Ackerbau!" „Wohl, so gieng das Calcül der jungen Welt weiter, ist heute die Türkei Herrscherin dieses Landstriches, aber diese ist ja nach dem Kriege mit Russland erschöpft und ohnmächtig, und leicht dürste es sein, dies Ländchen ihr zu entreißen." Dies war in bunter Farbenmischung der Jdeengang der russisch-jüdischen Studenten, und in diesem Sinne, wurde der Verein „Bilu"*) gegründet, von welchem einzelne Mitglieder noch heute die Gederra bewohnen. Zur selben Zeit (1881—1ö82) regte sich auch unter den rumänischen Juden eine ähnliche Propaganda für die Besiedlung Palästinas. Seit der Vertreibung C u z a s, des Fürsten der Moldau und Walachei, litten die rumänischen *) Es sind dies die Initialen der 4 Worte ans dem 2. Cap. Jesaia: Beth Jaakob Lechu Unelcho. rkmii arv-t-'i S. N. Weiß. Jüngst kam mir ein Gedicht einer hiesigen Schriftstellerin zu Gesichte. Frau Amalia von Felbinger- W l a s s a k ist wenig gekannt. Gleichwohl bereute ich nicht, es gelesen zu haben, denn es ist sinnreich und herzhaft, und es spiegelt sich in ihm eine tapfere Seele. Es ist „Tiefe Wunden" überschrieben und lautet also: Wenn im argen Weltgetriebe Man Dir schlägt viel Wunden oft. Wenn Du nimmer kannst erreichen, Was so sehnlich Dn gehofft. Sieh', die Muschel tief im Meere, .Keinem hat sie Leid's gethan, Und es fällt sie, vhn' Erbarmen, Doch ihr Feind, der Bohrwurm, an. Stille zieht sie sich nach innen, Schließt die Wunde leise, sacht, Mit der Perle, die so köstlich, Bor des argen Feindes Macht. Also, birg in tiefem Herzen All' Dein Leid und heg' es dort — In dem Hohn und Spott der Menge, Nimmer find' ein einzig' Wort. Traue! Den Krieger man bewundert, Der voll alten Narben spricht — Doch den Schmerz von Herzeuswunden, Den versteht die Welt wohl nicht. . . Dieses Gedicht ist Weiß gewissermaßen nachgedichtet, seinem Leben gleichsam abgelauscht. Zerronnene Hoffnungen und bittere Enttäuschungen hatten ihm tiefe Wunden geschlagen, allein er schloß sie mit den köstlichen Perlen der Weisheit und der Poesie, welche ihn über das Reich des trügerischen Scheins zu dem Sein, zu der Wirklichkeit im höheren Sinne des Wortes erhoben. Er schüttelte vom Fuße der Erde Staub, denn sein Sinn war stolz und unabhängig und neigte sich nur vor dem ewig waltenden Geiste des Lebens, der ihn ernst und mild aus des Himmels unendlichem Rund anblickte. Ungebeugt ragt auf mächtiger Felswand im Wolkengrau die knorrige Lärche. Zornig rauscht der Sturm über ihren Wipfeln, der Blitz splittert zuckend die Aeste herab, doch sie harrt ruhig aus, bis das Licht wiederkehrt. Sie ist ein Symbol unseres Dichters. Er fühlte sich eins mit der Natur. Wenn der Sturm ihn umbrauste, genoss er mit Ehrfurcht ihre heilige, schweigende, Frieden athmende Einsamkeit und rang sich ans Adlerschwingen zu Bildern unvergänglicher Schönheit empor. Das wunderbare, majestätische Schauspiel, welches der „Dachstein im Vollmond" bietet, entlockte ihm die schönen, herrlichen Verse: Stille kommt mir iu die Seele, Da' ich Dir, Natur, in's hoM' Antlitz wieder durfte schauen — Du bist streng und mild zugleich. Dort der steiugefügte Niese, Tanseudjähr'ger Stürme Zeuge, In dem Glanz der vollen, runden, Silberhellen Mondesscheibe Scheint er fast ein menschgewvrd'uer, Warmdurchströmter Urgesteiublock, Der, geformt in's Uugeheu're, Aufragt wie ein Staliltuverwaudter Unsres eigenen Geschlechtes, Und ich möcht' ihm suhlend sinken An die harte Felsenbrnst!- Doch er erfuhr nicht nur herbe Enttäuschungen. Das Schicksal setzte ihm auf die grausamste Weise zu. Am ersten Geburtstage seines reizenden Knäbleins, Ende März 1893, warf ihn eine heimtückische Influenza nieder, welcher er sich wohl für den Moment entwand, aber um als Lungenkranker mehr als drei Jahre vom Bette in das Eisenbahncoupä und von diesem wieder in das Bett gehoben und durch alle Klimata geschleppt zu werden, bis er bald nach dem lähmenden Hinscheiden seines Lieblings am 21. Juni 1896, siebenunddreißig Jahre alt, in Gries seine edle Seele aushauchte. Die Witwe, welche seine vor kurzem in der deutschen Verlagsanstalt „Concordia" zu Berlin erschienenen „G e d i ch t e" herausgab, sagt in der schlichten, aber ergreifenden Vorrede: „Er litt viel, aber körperliche Schmerzen vermochten nicht die schöne Harmonie seiner Seele zu trüben. So blieb er sich bis zu seinem letzten Athemzuge treu: immer die gleiche heitere Ruhe, das liebe, sanfte, milde Wesen, die rührendste Bescheidenheit und edelste Selbstverleugnung. Zu unfreiwilliger Einsamkeit verurtheilt, entbehrte er die Welt nicht, weil er selbst eine schönere, bessere Welt in sich trug. Er spann sich ein in Poesie und alles äußere und innere Leben wurde ihm Gedicht." Jawohl, sein Martyrium war ein üppiges Blühen von Gedichten. Aus den Leiden erwuchsen gedankenwuchtige und seelentiefe Lieder, wie aus den Ackerfurchen gesegnete Aehren sprießen. Nicht Klagen und Stöhnen war das Dichten dieses Poeten, der sein Leben in Poesie auflöste, weil er in der Poesie sein Leben fand, ein anderes, höheres uub besseres Leben, ein Jenseits schon im Diesseits, nicht Seufzer, und Vorwürfe, sondern Sonnenschein, Verklärung, innere Erhebung, eine Art dichterische Himmelfahrt auf den Fälligen Spinoza's. Der große Philosoph erhellte ihm die düstere Krankenstube mit dem Lichte, welches sein Lebenselement war. Der „N e b e l auf dem G a r d as e e" klingt in die wehmüthige Strophe aus: \-v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.