Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 22 (14.7.1899)
- Date
- 1899-07-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Vuiksblatt I i. Juli ISO'.) Nr. 22 Khichtlicheur Gebiete, ein Erleuchter dev dunklen Pfade uufevev Vergangenheit, und, was auch viel sagen will, ein Meister des Stils, jäl> vvm Tode ereilt wurden — P rvfessor Tvctvr David K a u f m a n n ist nicht inelir. Es ist wahrlich schwer, in dem Ralnnen eines schmächtigen Feuilletons die ganze grolle Tbätigkeit dieses Biaimes zu kennzeichnen, der, wie kein ßtueitcr in unseren Tagen, es verstanden hat, ans staubigen Archiven und verwitterten Grabsteinen die düstere Vergangenheit unseres Volkes zu neuem Leben vor den staunenden Augen erstehen zu lassen, der nicht nnr die verschlungenen Pfade der jüdischen Veligionsphilvsvphie mit Hellem Auge durchschritt, Jehnda ha Levis Dichtungen und die anderen althelnäischen Melodien wieder neu erklingen liest dem anfhorchenden Ohre, sondern auch die alte und immer wieder neue Leidensgeschichte unseres Volkes mit gewissenhafter, geschichtlicher Treue und in herzbewegenden Worten schilderte. Was David Kaufmann der jüdischen Wissenschaft geivesen, wird man erst erkennen, wenn man nach einem Stellvertreter suchen wird — man wird ihn suchen und ihn schwer, vielleicht gar nicht finden. Am 7. Juni hatte er seinen 47. Geburtstag gefeiert. An diesem Tage wurde er (18ü2) in Kojetein, Mähren, dem Sitze einer alten Talmudhochschnle (Jeschiba) geboren. Im Drange nach Wissen, welcher den jungen Mann in hohem Maße anszeichnete, begnügte er sich nicht damit, nach Art der Bochnrim im alten talmudischen Geleise zu wandeln, vielmehr wandte nch der junge Student an der Hochschule zu Breslau nicht nur theologischen, sondern auch philosophischen und orientalischen Studien zu. Auch das Predigeramt, zu dem er designiert schien, genügte ihm nicht. Es ist gewiss eine hohe Aufgabe, das Wort Gottes zu verkünden, aber K a n f m a n n s Streben gieng dahin, durch wissenschaftliche Thätigkeit, durch philosophische und geschichtliche Arbeiten die Ehre und den Ruhm des Judenthums zu künden in einer Weise, wie es selbst durch die inhaltrecchsten Predigten — und wieviele solcher haben wir — nicht geschehen kann. Im Jahre 1877 wurde er Professor an der neugegründeten Rabbinerschnle zu Pest. Welche reiche Thätigkeit entfaltete er hier! Bachja ibu Fakuda und I eh u d a ha L e v i, der eine, volksthümlich geworden durch sein Werk „Die Herzenspflichten", der andere der jedem Juden im Herzen wurzelnde nationale Sänger, sie waren die ersten, mit deren Werken er sich beschäftigte. Sowie er eines der dunkelsten Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie „D i e A t t r ibu te nl ehre" erhellte, so suchte er uns den Denker und Dichter des 11. und 12. Jahrhunderts näher zu bringen, und insbesondere die streng philologische, literaturgeschichtliche Charakteristik des Dichters des „Zionsliedes" ist ein kleines Meisterstück. Was Kaufmann eben vor allem auszeichnet, ist sein Streben, stets nur die Pfade wahrer Wissenschaftlichkeit zu wandeln. Bog, wohtthuender Wärme für seinen Stoff erfüllt, lässt er doch nie jene Objectivität außer acht, die wir bei vielen Gelehrren unseres Stammes oft so schmerzlich vermissen. Zahllos sind die Studien, Kritiken und wissenschaftlichen Beiträge, welche K a u s m a n n in den verschiedenen deutschen, hebräischen und fremdsprachlichen Zeitschriften und Jahrbüchern, insbesondere in der ..Uovur des ('Indes juifcs“ veröffentlichte. Seine eigentliche Bedeutung liegt aber in seinen historischen Arbeiten. Ausgezeichnet durch ungewöhnlichen Scharfsinn, einen wahrhaft bewunderungswürdigen Fleiß und eine stets schasfenssrvhe Arbeitslust, versenkte er sich in die Vergangenheit llnseres Volkes und wendete insbesondere dem 17. Jahrhundert seine wissenschaftliche Thätigkeit zu. Es war eine merkwürdige Zeit für das Jndenthnm. Die Bewegung, welche Sabbatei Zewi hervvrbrachte, die Chmielnieky'sche Verfolgung in Rußland, die neue Geistesblüte des Judenthums in Hol land, Männer wie Samson Wertheimer und Samuel Oppenheimer, welche damals in Oesterreich auftraten, dies alles macht das 17. Jahrhundert zu einem in der That höchst anziehenden in der Geschichte unseres Volkes. Von Kaufmanns Werken, ivelche diese Zeit behandeln, hebe ich nnr hervor „Sanisou Wertheimer" und „die letzte Vertreibung der Juden aus Wien, ihre V o r g e s ch i ch t e und ihre Opfer (Wien 188!>.) — Nekrvlogien (sogen. Memorbücher), Grabsteine und noch nicht benützte Archivnlien sind es, welche Kaufmann mit einem Anfwande staunenerregender Gelehrsamkeit, glücklicher Eombinativnsgabe und unvergleichlicher Darstelluttgsknnst benützt, um ein ergreifendes Gemälde aus düsterer Vergangenheit darzustellen. Dem 17. Jahrhundert gehört auch „Israel Conegliauo" an, ein jüdischer Diplomat, welcher am Hofe des türkischen Sultans dessen Verhältnis zu der Republik Venedig zu einem freundschaftlichen gestaltet. Diesen C o u e g l i a n o hat Kaufmann im wahren Sinne des Wortes aus dem Schutte der Vergangenheit ansgegraben. In den „Memvir c n der Glücket von Ha m e l n" bietet er uns ein ungemein frisches, anmuthendes Zeitbild des jüdischen Lebens in der Zeit des westfälischen Friedens. Im übrigen verdienen es diese in der jüdisch-deutschen Mundart abgefaßten Lebenserinnernngen auch vom sprachlichen Standpunkte gelesen zu werden. Gar mancher Germanist, würde aus ihnen Beiträge zur Kenntnis der altdeutschen Sprache schöpfen. Erwähnen wir hier noch K a u f m a n n s letztes größeres literarhistorisches Werk, welches in der gelehrten Welt berechtigtes Aufsehen erregte, wir meinen „Aus Heinrich Heines Ahnensaal" (Breslau, 1806.) Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts verfolgt Kaufmann die mütterlichen Ahnen des Dichters. Neue Geschlechter sind es, die er gleichsam als Ahnenprobe Heines vorführt, an deren Ende als „krönendes Schlussglied" der Dichter selbst steht. Wie anziehend ist insbesondere in dem Buche Simeon von Geldern geschildert, den Oheim der Mutter Heines, von dem der Dichter in seinen Momoiren erzählt: „Ich versenkte mich so tief in seine Irrfahrten und Schicksale, dass mich manchmal am hellen, lichten Tage ein unheimliches Gefühl ergriff und es mir vorkam, als sei ich selbst mein seliger Großvheim und als lebte ich nnr eine Fortsetzung des Lebens jenes läirgst Verstorbenen." Und dann die herzerquickende Schilderung Peierchens von Geldern lgeb. 27. November 177!), der Mutter des Dichters „Des Buches der Lieder". - Wir wollten mit dieser Skizze das reiche Arbeitsleben des vereivigten Gelehrten nicht erschöpfend schildern, es ist dies auch kaum in so engen Grenzen möglich. Nur Hinweisen wollten wir auf sein sv vielseitiges Werk. Ein Heller Geist, aber auch ein zartes riefempsindendes Herz ist mit K a n fm a n n heimgegangcii. Er liebte sein Volk tief und innig. Wie freute er sich, wenn er zu bestimmten Zeiten des Jahres in seine Heimat kommen und in der engen Jndengassc seines Geburtsortes lvieder an seine Jugendzeit sich erinnern konnte! Da fühlte er sich im voahren Sinne des Wortes glücklich. Die glänzende Umgebung der großen Hauptstadt, in ivelcher er wirkte, sic bot ihm nicht das, was ihm die kleinen, niederen Hänschen des beschränkten Ghettos gaben, in welchem er sein stilles Kindesalter durchlebt, bewacht von dem sorgenden Auge einer zärtlichen Mutter, die ach, überreich an Schmerz, den herrlichen Sohn zur Grube fahren sah. Die alte Synagoge seiner Vaterstadt, die uralten Häuschen der „Gasse", die alten Müterchen, welche zu dem berühmten Sohne des Ghettos bewundernd aufschauten, sie alle haben Kaufmann zu manchen seiner bedeutenden Werke angeregt. — Wie er, waren wenige in Israel! Da er nun tobt ist, werden wir uns der Wahrheit dieser Worte erst recht bewußt. Aus fetter Pfründe auszuruhen, war sein Sinnen nicht. In ernster, wissenschaftlicher Arbeit hat er seinem Volke den Weg gezeigt, wie es sich selbst ehrt, wenn es seiner Bergannenheit in liebevoller Treue gedenkt. Aus seinen Büchern aber werden zn allen Zeiten Gelehrte und Laien reiche Anregung schöpfen, sowie seine blühende Darstellungsart stets erfreuen und erquicken wird. Ein Lehrer und Meister ist mit ihm hingegangen und noch in spätesten Geschlechtern werden Schüler dankbar sein gedenken. Rufen wir ihm den altjüdischen Scheidegrnß zu, der da lautet: „Seine Seele sei aufbewahrt im großen Schatzyause des Lebens." Dr. Max G r ü n f e l d. Die Noth in Boryslaw. Die durch die bergpolizeilichen Vorschriften und die Machinationen der Läuderbank herbeigeführte Noth in Boryslaw blieb niemandem erspart und gewinnt mit jedem Tage an Ausbreitung. Die vom Staate und den Wohlthätigkeitsinstituten eingeleitete Hilfsaction war bloß eine Halbheit, weil die vertheilten Summen keine dauernden Erwerbsquellen schufen, sondern bloß die materielle Agonie Boryslaws herbeigeführt haben. — 84 — Gut so! schrie Tomkiewicz. Vergeltung muss sein. Wenig Häuser haben sie verbrannt. In Krzewno und in Puwtiwka haben sie in diesem Frühjahre Feuer gelegt. Leise die Schultern zuckend, sagte Gedali: Ich Hab' kein Feuer gelegt. Weil Du nicht konntest; wenn Du nur könntest, würdest Du auch Feuer legen. Er möcht' kein Feuer legen — wiedersprach Korejba — ich kenne ihn von früher. Er war ein ruhiger Mensch. Und wie geht's Deiner Merka? Hat sie noch den Laden in Wolpa? Sie ist todt. Ah, todt,- gestorben! — Den Mund weit öffnend, sagte Frau Korejba; — noch gar keine alte Frau! Und was hat ihr denn gefehlt? Der Jude sah zu Boden. Nu, was ihr gefehlt hat! Gott hat wollen.... man soll's nicht aussprechen, die böse Krankheit.... Das heißt die Cholera — sagte Korejba; der Verwalter aber, wandte sich lebhaft dem Juden zu. No. Jud'! — rief er — wenn Du morgen nach Schumna kommst, so geb' ich Dir, auf Ehrenwort, einen Sack frischer Erbsen, sag' mir, wie die Krankheit heißt, an welcher Dein Weib gestorben ist! Ha, ha, ha, ha! Gedali zuckte unruhig. Nu, man soll's nicht sagen, die böse Krankheit. . . Aber sag' mir, wie sie heißt? Wie sie heißt? Zu was soll man sagen, wie sie heißt! Die Bestie wird es nicht sagen, wenn man ihn verurtheilen möcht', wird er's nicht sagen — lachte Tomkiewicz. Das ist schon so ein dummes Borurtheil bei ihnen — gab Stefan zu. Ganz roth, sagte Janek ernst: Es ist unmenschlich, jemanden ganz ohne Nutzen zu etwas zu zwingen, was ihm unangenehm ist. Offenbar gieng ihm das Schicksal des Juden zu Herzen, dann interessierten ihn auch die Pferde, die der Jude besessen. Und die Pferde? — frug er. Eines ist umgestanden und das andere ist blind geworden, ich hab's um fünfzehn Rubel verkauft. Du hast viele Kinder gehabt — begann Korejba wieder — ich weiß noch, wie ich zu Dir gekommen bin, Hab' ich fünf neben Deiner Mera gesehen. Sieben... — berichtete Gedali. O, Jesus! — seufzte die Hausfrau — sieben Kinder pflegen und nähren, ist das eine Kleinigkeit? Sie stützte den Kopf in die Hand und schüttelte traurig das Haupt. Sie wusste nur zu gut, was das heißt, Kinder erziehen im besseren Stande, und was erst in solchem Elende! In ihrer Stimme zitterte etwas wie Achtung vor diesen Sorgen und Mühen der Eltern, als sie sanft frug: Und in welchem Alter? Stockend, bald freudig lächelnd, bald traurig und erbittert, erzählte er, dass er nur ein ganz erwachsenes Kind habe, eine Tochter, die sich nach dem Tode der Mutter mit allem befasste und die Geschwister pflegte; ein Sohn lernte das Schusterhandwerk, der zweite besuchte die Talmud-Thora, eine Schule für arme jüdische Kinder, der dritte lernte nichts, da ihm Gott keinen Verstand gegeben hatte, der vierte, der kleine Chaim, ist sehr klug, aber noch ganz klein. Was die zwei jüngeren Töchter anbelangt, so wollten sie dienen gehen — sie können aber nicht, weil sie keine Kraft haben. Sie sitzen im Zimmer und stricken Strümpfe zum Verkaufe. Eine von ihnen, Malta, ist fünfzehn Jahre alt und sehr hübsch; sie ist aber so weiß, wie Papier und spricht nichts. Warum sie nichts spricht? Weiß er's? Vielleicht aus Traurigkeit oder aus Noth? Sie brauchte mehr zu essen und mehr Fröhlichkeit; aber von wo nehmen? In einem Zimmer leben alle acht und haben die drei Rubel wöchentlich, die er durch seinen Handel verdient. Vom ganzen Vermögen blieben ihm achtzig Rubel übrig; dafür kaufte er Ware, jede Woche Schabbes kommt er nachhause und bringt ihnen drei Rubel. Nu, manchmal auch vier oder fünf, aber selten — meist drei, und dann ist's schwer; um gut auszukommen, brauchten sie acht Rubel die Woche. Ach, ach, wenn er acht Rubel wöchentlich hätte, welches Glück für ihn und seine Kinder. . . Er hätte länger gesprochen, aber er begann zu husten. Auf den Zehen durchschritt er das Zimmer und spuckte in die Ecke; dann kehrte er auf seinen Platz zurück. Die Anwesenden schwiegen. Es schien, als wäre der Engel des Erbarmens durch $ne Stube geflogen und hätte alle diese Gesichter mit seinen weichen, weißen Flügeln gestreift. Korejba trommelte auf dem Tische mib sann? . . . Vielleicht dachte er an seine Jugend, wo er als armer Teufel in das Haus Gedalis kam und dort mit Mera scherzte. Frau Korejba hatte den Kopf in die Hand gestützt, vielleicht stieg das Bild einer ihrer verstorbenen Töchter vor ihr auf, die ein Jahr vor ihrem Tode auch so weiß ivard wie ein Papier und schweigsam wie ein erwürgter Vogel. Stefan saß am Fenster, das Kinn in die Hand gestützt, hieng er seinen Gedanken nach; er hatte auch seine Kränkungen; in einem Jahre musste er fort aus dem Elternhause, zu den Soldaten! Als er das fremde Elend hörte, ward er auch traurig. Jndwiga, die noch keinen Kummer kannte, warf die goldene Mähne auf den Rücken, kauerte ans den Boden, ihre verwunderten grauen Augen hingen an dem Antlitze des Juden. Nur Tomkiewicz witzelte wieder. Warum, zum Kuckuk, Jude, hast Du so viele Kiuder? Gedali erwiderte: Das ist eine bekannte Sache.... Bei dem Armen sind immec die ineisteu Kinder.