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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-14 · 22 (14.7.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
22 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. Juli 1899 Seite 5 Die Indenschaft aus der Erde. Bon Dr. E. H. IV. Das europäische Russland hat nach den letzten Berechnungen eine Gesammtbevölkerung von 95,806.875 Köpfen, Do:t welcher sich rund 9,(>00.000 (:-?7*r> j)ro mille) zum Jndenthume bekennen. Die Vertheilnng der jüdischen Bevölkerung in Russland ist sehr ungleich. In cv.npacteu Blassen wohnt sie nämlich in Polen und den südlichen Gouvernements, während beispielsweise in Finnland gar keine Inden zu finden sind. Die im Jahre 1867 vorgenommene Zählung ergab für das europäische Russland, mit Ausschluss Polens eine Bevölkerungsziffer von 69,67)8.994, für Russisch-Polen eine solche von 5,700.607 Seelen. Von der ersteren gehörten 1,829.100 (29 pro mille), von der letzteren 789.079 (197 pro millo) dem mosaischen Glauben an. Damals war die -jüdische Bevölkerung Russlands am zahlreichsten in folgenden Gouvernements : Mohilew 118.7 18 164 pro mille Grobno I 19.686 125 Kiew 266.205 124 ,, Kowno >99.1 14 123 „ Minsk 13.4.256 US „ „ Wolhynien 19 4.516 11« „ ,, Wilna 168.437 IN Podrlien 211.801 169 Witebsk 86.426 96 „ Bessarabien 94.645 89 Cherson 128.342 86 Sturlauö 35.841 •’ Tschernikow 49.829 „ Jekaterinoslaw 36.617 23 ,. „ Pultawa 43.391 22 7, Illach dem im Jahre 1859 erschienenen Berichte des Ministeriums für Volksaufklärung gab es am Ende des Jahres 1851 im russischen Reiche (einschließlich der asiatischen Besitzungen, aber mit Ausschluss von Polen und Finnland, welch letzteres, wie erwähnt, keine Juden beherbergt) 1,266.765 Juden und in Russisch-Polen im Jahre 1820 rund 555.000 Glaubensgenossen. Damals besaß bie russische Judenschaft 1110 Seelsorger. Man sieht, dass die Bedrückungen, denen die Juden Russlands seit den Vierzigerjahren dieses Jahrhunderts ausgesetzt sind, ihr Ziel — die Entfremdung derselben von ihrem Glauben und ihren Sitten — nicht erreichten, und wenn nicht alle Zeichen trügen, lernt man dies auch dort endlich einsehen. Während eines Zeitraunies von HO Jahren hat sich die gesummte Einwohnerschaft Russlands um 38-24 Percent vermehrt, wogegen die jüdische Bevölkerung des Reiches in der gleichen Zeit um 39-35 Percent gestiegen ist. Berücksichtigt man die bedeutende Emigrationsbewegnng unter den russischen Inden, welche durch die unseren Glaubensgenossen gegenüber beobachtete Politik der russischen Regierungskreise hervorgernfen wurde, so wird man auch hier eine im! Vergleiche zu der übrigen Bevölkerung überaus große natürliche Vermehrung der Judenschaft constatieren können, was in Russland umso bemerkenswerter ist, als dasselbe zum grüßten Theile von cnlturell rückständigen, also durchaus nicht infolge Hypercultnr der Degeneration verfallenden Völkern bewohnt ist. Einer eingehenden Besprechung behielt ich die beiden mitteleuropäischen Großstaaten vor. Im Deutschen Reiche lebt nach der Zählung vom l. December 1890 eine Bevölkerung von 49,421.809 Köpfen. Dieselbe gehört folgenden Confessionen an: Protestanten 20.369.817 626-x pro mille Katholiken 16,782.979 358-2 Sonstige Christen 128.428 2-7 .. ,, Juden 563 172 12 0 .. Andere 11.279 o-3> „ Für das Jahr 1859 wurde die Bevölkerung Deutschlands, d. h. der Länder des Deutschen Bundes, zu welchem damals auch Oesterreich gehörte, auf 42 Millionen und die Zahl der daselbst ansässigen Juden mit rund 400.000 angegeben. Seither sind die österreichischen Länder von Deutschland getrennt worden, wogegen nur kleine Gebiete (Schleswig, Holstein, Lanenbnrg itnd Elsass-Lothringen) dem Reiche hinzngefügt wurden, uub dennoch sind die obigen für das heutige Deutsche Reich festgestellten Ziffern so bedeutend höher. Ich werde mlumehr die einzeltten Bundesstaaten in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen behandeln. Das Herzvgthnm Anhalt zählte am 1. December 1890 eine Bevölkerung von 271.759 Köpfen. Juden gibt es dort 1601 (6-5 pro mille). Im Großherzogthume Baden lebten am 1. December 1890 1,656.817 Einwohner. Dieselben sind ihrer Confession nach. folgendermaßen in den vier Bezirken des Landes vertheilt: Constanz Katholiken 273.776 Evangelische 252.67 Inden 26.18 Andere 636 Freiburg 306.853 ' 161.592 6.229 362 Karlsruhe 256.866 180.196 6.15! 1.327 Mannheim 216.983 229.862 12.270 2.095 Im ganzen bekennen sich also in Baden 26.668 Personen (17 pro mille) zum Jndenchume. Für das Königreich Bayern ergab die Zählung vom 1. December 1890 eine Bevölkerung von 5,589.982 Seelen. Mosaischer Confession waren davon 59.697 (10 pro mille). Die confessionelle Zugehörigkeit der Bewohner der einzelnen Kreise des Landes, wie sie am 1. December 1885 festgestellt wurden, ist aus der folgenden Tabelle ersichtlich: Kreise Gesammtbevölkerung Juden pro mille Oberbayern 1,102.027 5.696 4-5 Niederbayern Pfalz 664.131 1.183 2*3 728.422 11.526 15-8 -Oberpfalz 537.217 1.435 3-6 Ober-franken Mittelfrankeu 572.189 4.624 8-0 699.928 12.138 17-5 Unterfranken 617.680 14.939 24-3 Schwaben 667.788 4.362 7-5 Im Herzogthume B r a n n s ch w e i g leben nach dem definitiven Ergebnisse der Zählung vom 1. December 1890 409.788 Menschen, deren 1470 (4 pro mille) sich zum Judenthnme bekennen. Die freie Stadt Bremen hat — hier wie im folgenden sind, wenn nichts besonderes bemerkt wird, gleichfalls die Ergebnisse der Zählung vom 1. December 1890 verwertet — 180.449 Einwohner, darunter 1091 (5'1 pro mille) jüdische. Das Reichsland Elsass-Lothringen hat 1,609.987 Einwohner; darunter sind 96.876 (24 |n*o mille) Glaubensgenossen. Unmittelbar vor der Annexion des Landes durch das nenbegründete Deutsche Reich — im Jahre 4867 — wohnten dort 49.500 Juden (27 pro mille der damaligen Gesammtbevölkerung). Es muss also, da ja seitdem auch eine ziemliche Vermehrung stattgefnnden hat, eine ganz bedeutende Anzahl elsässisch-lothringischer Inden nach dem Kriege vom Jahre 1870 für Frankreich optiert haben. Für die drei Bezirke des Landes ergibt sich folgende Confessionalitäts-Statistik: Ober-Elsass Katholiken 389.958 Protestanten 66.357 Sonstige Christen 1.531 Juden 16.543 Andere loo Unter-Elsass 379.844 211.955 1.184 18.891 263 Lothringen 140.495 40.629 1.084 7.442 79 Die freie Stadt H a m bürg mit einer Bevölkerung von 622.590 Köpfen beherbergt 17.979 (92 pro mille) Inden. Nächst Berlin ist Hamburg die an jüdischen Einwohnern reichste Stadt Deutschlands. Im Großherzogthume Hessen wohnen 999.659 Menschen, tvovon 26.114 (27'9 pro mille) Glaubensgenossen sind. In den drei Provinzen des Landes ist die Vertheilung der Bevölkerung nach Religionen folgende: Katholiken Evangelische Sonstige Christen Jude» Andere Starkenbnrg 11.6.974 ' 274.211 1.583 9.518 94 Ober-Hessen 19.152 236.219 227 7.438 8 Rheinhessen 142.314 133.451 6.205 9.160 59 Das Fürstenthum Lippe hat 128.414 Einwohner, darunter 1024 (8 pro mille) jüdischer Nationalität. Die dritte der freien Reichsstädte, Lübeck, wird von 76.485 Menschen bewohnt.. Davon gehören 654 (9-5 pro mille) unseren Glaubensgenossen an. Von den beiden Großherzogthnmern Mecklenburg hat Mecklenburg-Schwerin 578.565 Einwohner, deren 2947 (4 1 pro mille) sich zum Judenthnme bekennen, und Mecklenburg-Strelitz eine Geiammtbevölkernng von 97.978 und eine jüdische von 497 (5 pro mille) Köpfen. David Kaufmann (geb. 7. Juni 1852, gest. 6. Juli 1899.) Auf der Sonnenhöhe des Lebens wandelnd, mitten im rührigsten geistigen Schaffen, Voll von wissenschaftlichen Plänen, ist einer der bedeutendsten Gelehrten des heutigen Judenthums, ein Mann von seltener Vielseitigkeit, ein Bahnbrecher auf ge- — 86 — Da ertönte wieder die kindliche Stimme Janeks; mit gebietendem Tone sprach er: Setzen Sie sich, ich bitte, Herr Gedali, nehmen Sie Platz! Gedali neigte sich, da aber Korejba die Aufforderung nicht wiederholte, wagte es Gadali nicht sich zu setzen. Eigen geht es auf der Welt zu! Da ist ein ruhiger, ehrlich arbeitender Mensch zugrunde gegangen, und der Gauner Mendel aus Schumna, so ein Schwindler, dass einem Gott behüten möge, wird immer reicher. Ich höre, dass er Schumna in Pacht nimmt. Ein boshafter Ausdruck spiegelte sich in seinen Augen, er sah den Verwalter von der Seite an. Es waren Gerüchte im Umlaufe, die besagten, dass Tomkiewicz mit dem reichen Mendel zusammen zum Verderben des Besitzers beitrug. Der Verwalter wurde verlegen. Korejba wiederholte: Ha! Warum geht es so? Der hat nichts Böses gemacht und ist in Noth — und jener Schuft ist sehr reich . .. Ja, so ist's auf der Welt, dem Guten geht's schlecht, dem Schlechten gut. Gedali trat einige Schritte vor und sagte schüchtern: Ich möcht' den gnädigen Herrschaften was erzählen. Judwiga blickte lebhaft empor. Sie liebte Geschichten über alles. Der Jude richtete sich auf und sprach: Bei uns steht geschrieben: Als der liebe Gott der Welt die Bibel gab, sprach er, alle Berge mögen zu ihm kommen. Die Berge gehorchten, aber die Großen standen voran, stolz, dass sie so groß waren und warteten, welchen der liebe Gott die Bibel geben werde. Der liebe Gott schaute und schaute und rief den kleinsten Berg zu sich, er war so klein, dass er sich hinter dem großen versteckte, da er glaubte, der liebe Gott werde ihn nicht sehen. Aber Gott rief ihn zu sich und sprach: „Ich gebe Dir die Bibel, weil Du, trotzdem Du klein bist, in meinen Augen mehr Wert hast, wie die Großen. Und warum bist Du mehr wert? Darum, weil sie hochmüthig sind, und Du nicht, und darum, weil von den hohen Bergen schon viele Steine auf die Menschen gefallen sind, aber von Dir ist noch ans niemanden ein Stein gestürzt." Und Gott gab dem kleinsten Berge die Bibel, und einer unserer großen Rabbiner — er hieß Ben- Jehuda — sagte, dass diese Fabel zeigt, dass ein armer Mensch mehr wert sein kann, als ein Großer, wenn er nicht hochmüthig ist und niemandem schadet, und der andere hochmüthig ist und schon viel böses den Menschen gethan hat. Der alte Korejba schlug blitzenden Auges mit der Faust auf;beit Tisch. Gedalje. Nach dem Polnischen der Elise Orzeszko. — Deutsch von Flora LandeSberger. (Fortsetzung) Tomkiewicz war entsetzt. Jesus, Maria! — schrie er — noch was, Fräulein Judwiga soll sich die Händchen an jüdischem Gesindel beschmutzen! Was zu viel, das essen auch die Schweine nicht, auf Ehrenwort! Aber Judwiga, die dem Commando des gelehrten Bruders folgte, hatte für andere einen losen Schnabel, im rothen Mündchen. Soll sich der Herr Tomkiewicz nicht um meine Hände kümmern. Wenn sie schmutzig sein werden, so werd' ich sie waschen, um Wasser werd' ich Sie nicht bitten. — Was habt Ihr in diesem Sacke? Geht Ihr betteln? — sagte Frau Korejba, ihre dummen Augen weil aufreißend. Gedali schüttelte verneieinend den Kopf. Ich bin kein Bettler ... Und was ist in diesem Sacke? Ich bin ein Hausierer — ich komme auf die Herren-Höfe und in die Bauerndörfer und verkauf' Ware. Wie kam es denn nur — wiederholte nachdenkend der Hausherr — dass Du so arm geworden bist, Gedali? Ich weiß, dass Deine Frau einen Laden gehabt hat, mit Eisen, Salz und anderen Kleinigkeiten. Du aber warst Fuhrmann. Ich erinnere mich, o, ich erinnere mich genau, wie ich noch ganz arm zu Euch kam. Alles, was ich brauchte, kaufte ich bei Deiner Frau; sie war gescheit und hübsch, Deine Merka — mit Deiner Briczka bin ich einmal zu meinem Vetter nach Stonin gefahren. Was ist denn mit Dir geschehen? Jetzt stand Gedali schon ganz aufrecht: er wusste, dass ihm hier nichts Böses geschehen werde. Er antwortete: Was? Rn, was. . . Gott hat's so wollen. Mein Haus in Wolpa ist abgebrannt. Schade! schade — sagte Korejba mitleidsvoll. 1

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