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Jüdisches Volksblatt · 1899-07-14 · 22 (14.7.1899) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
22 (14.7.1899)
Date
1899-07-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite A- Wien, Freitag Jiiilisc! e? Volksblatt M, Juli 1890 Nr. 22 Bnd»rpest. tatistisches über Volkss d) u lwese it.) Im minifterictleit Ausweise über das Volksschulwesen iit Ungarn findet matt einige recht interessante Laten über jüdische Volksschulen. Unter den 1 confesslonetlen Schulen sind -',2 8 der jüdischen Confession, unter welchen 2«; Anstalten reiit jüdisch sind; die übrigen sind theils mit gentischtent Sprachnnterrtchte, das heisst ungarisch und deutsch, theils nur ungarische. In allen Anstalten sind 995 jüdische Lehrer thätig, von welchen nur 24 ohne Lehrerdiplom sind. Budapest. (T r. David K a u f m a n n s L e t cf) e nbegäitgni s.j Von der Wertschätzung, deren sich der so plötzlich verschiedene Gelehrte in den weitesten Kreisen der Bevölkerung erfreute, zeugte die grosse Zahl derer, die ihm am Mittwoch die letzte Ehre erwiesen. Ans weiter Ferne kamen seine Collegen mtd einstigen Schüler, die nunmehr als Seelsvrger in den verschiedensten Gemeinden wirken, mit den Freund und Meister zur ewigen Ruhestätte zu begleiten. Tie Pester Chewra Kadisd)a bestimmte dem Heimgegangenen ein Ehrengrab an der Seite des vor einigen Jahren verstorbene'! Rabbinats- Prasidenten S. L. Brill und Tr. Ignaz Hirschler. Die Pester israelitische Cnltnsgemeinde war durch die Vorstandsmitglieder Ludwig Adler, L. B a n m g a r t e u, Ai. G r ii ti b a it nt, die Rabbiner Dr. K o h n und Pollak vertreten. Zahlreiche ungarische Gemeinden hatten Deputationen entsendet. Das ProfessorenLotleginm der Landes-Nabbinersd)nle war durch die aus den Sommerfrischen eigens hieher gekommenen Professoren Bacher, Blau, Bloch und Schill, die israelitische Landes-Lehrerpräparaudie durch Prof. Kraus vertreten. Zahl-- reich waren die einstigen Schüler znnt Leichenbegängnisse eingetroffen. Die israelitisch-theologische Lehranstalt in W i e it sandte ihren Tocenten Dr. David Heinrick) M ü l l e r, ordentlid)en Professor an der Wiener Universität: das jüdisch-theologische Seminar in Breslau war durch Pros. Dr. M. B r a u n, die Wiener israelitische C u l t u s g e m e i n d e und das Museum jüdischer Alterthümer in Wien durch den Baurath Wilhelm Stiaßny, die Heimatsgemeinde des Verstorbenen durch ihren Rabbiner Dr. S t c t it h a r d t und drei Cultnsvorstände vertreten. Die Leichenfeier fand aus dem Friedliche nächst der Kerepeser straße statt. Rach Absingung eines Tranerchorats durch den verstärkten Mäuuerchor des Tempels in der Tabakgasse, recitierte Obercantor Lazarus in ergreifender Weise das Tvdcengebet. Hierauf hielt Rabbiner Tr. S. K o h n dem Verstorbenen einen warmen Nachruf, in dem er den Heimgegangenen als Gelehrten. Forscher, Schriftsteller und Menschen würdigte; namens der Collegen sprach Tr. Bache r, indem er die Leistungen Kaufmanns als Lehrer charakterisierte; ebenso sprach Dr. Müller namens der Wiener Lehranstalt. Zum Schlüsse sprach der ehemalige Schüler Kaufmanns der Kesthelyer Rabbiner Dr. B ü ch l e r Worte des Dankes und des Abschiedes von dem vielgeliebten Meister. Am offenen Grabe gab Baurath Stiaßny aus Wien im Nameit der von ihm vertretenen Körperschaften dem Schmerze Ausdruck, über den schweren Verlust, den die jüdische Wissenschaft durck) den Hintritt Kausmauns erlitten hat. Professor Dr. Ignaz G o l d z i e h e r nahm von dem Freunde im eigenen Namen und dem intiiner Freunde Abschied. Sodann wurde das Kadischgebet gesagt, mit welchem die würdige Trauerfeier, endete. Ausland Berlin, lieber die Thätigkeit der Londoner Judenmission in Berlin während des Jahres 1898 berichtet Pastor Becker in der Missionszeitschrift „Dibre Emeth": Darnach wurden 772 Hausbesuche gemacht, '.>8 Reden gehalten, 8000 Tractate neu gedruckt und 48.578 Schriften verbreitet. Aus dem Verkaufe von 7162 Schriften ergab sich eine Einnahme von 881. Mk. 85 Psg. Aus Abonnements für die beiden Missiousblätter „Dibre Emeth" und „Thymorheos" wurden eingenommen 584 Mk. 02 Psg.. weitere Einzel- und Sammelgaben 688 Mk. 50 Pfg. Diesen Ausgaben und Arbeiten stehen gegenüber 5 Tansbewerber, 2 Taufen, 44 jüdische Theilnehmer an der christlichen Jomktppurseier. Zur Erreichung dieses Erfolges waren außer Pastor Becke r, ein Colporteur und eine Diakonissin thätig. Frankfurt a. M. (Ein antisemitischer Ga stw i r t.) Der Regierungspräsident in Wiesbaden hat der Beschwerde des antisentitischen Gastwirtes Laaß gegen die Verfügung des Magistrates wegen Nichtbenützuug der Trottoirs zu Gasthausztvecken stattgegeben. Der Magistrat hatte diese Verfügung getroffen, nachdem von den Gästen des Wirtes das jüdische Publicum aus der Straße häufig in uuqualificierbarer Weise belästigt und verhöhnt wurde. Hierzu benierkt die „Frankfurter Zeitung" treffend: Der Vorgang ist geeignet, Aufsehen in der Frankfurter Bürgerschaft hervorzurufen. Bekanntlich hat der Magistrat den hässlichen Hetzereien, die nicht nur innerhalb der vier Wände des Gasthofes, sondern auch vor dem Locale auf offener Straße betrieben worden sind, einen Damm setzen wollen. Selbst wenn man annimmt, dass die Regierung die Sachlage nicht geprüft, vielmehr nur nach dem Grundsätze Flut justitia gehandelt hat, muss man mit Befremden feststellen, welch ein Mangel an Rücksicht auf die Selbstverwaltung dabei zutage tritt. Paris. Abermals haben die Zeituugeu von einem Excess zu berichten, den antisemitisches Gesindel begangen hat. In der Rue Domat haben in der Nacht zum 4. bis 5. d. M. einige Dutzend Studenten, beit Versuch gemacht, den Laden eines Trödlers nantens Gadbois zu stürmen. Das Geräusck) der Steinwürfe und Schläge gegen die Thur des Ladens zog schließlich den Trödler herbei, der die Thür öffnete, aber im selben Augenblicke von den Krakehlertt angefallett ttnd durch Stockschläge erheblich am Kopfe verwundet wurde. Mit dem Jeldgeschrei „Rieder mit dem schmutzigen Juden" stürmten die Studenten den Laden und zertrümmerten den Inhalt desselben. Der Trödler ries die Polizei znhilse, die einige der Attentäter verhaftete. Ter Humor an der Geschichte ist aber, dass der Trödler Gadbois kein Jude ist, sondern selbst ein guter Antisemit und eifriger Leser der antisemitischen Organe „Libre Parole" und „Intransigeaut." Petersburg. Ter Minister hat eine den jüdischen Lehrern sehr ungünstige Eutsckieidung gefällt. Darnach genießen dieselben, wenn sie an jüdischen Schulen unterrichten, nicht dieselben Privilegien, wie die Lehrer an allen sonstigen öffentlichen Schulen, selbst dann nicht, wenn sie alle vorgeschriebenen Examina gemacht und ihre Studien auf der Universität beendigt liabett. Günstiger ist die Entscheidung des Senates in der Angelegenheit der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine. Der Gouverneur voit Cherson hat nämlich vor kurzem die Gründung eines jüdischen Unterstützungsvereiiies in Balta verboten, der Senat aber dieses Verbot aufgehoben, und den Grundsatz ausgesprochen, dass der Gründung von Vereinen zur Unterstützung armer Juden kein Hiitdernis in den Weg gelegt werden dürfe. Diese Entscheidung ist deshalb so wichtig, weil ohne diese Vereine, die in jeder uenitenswerten Gemeinde sind, Tausende armer Juden buchstäblich Hungers sterben müssten. Noch eilte gtiitstige Nachricht ist zu melden. Nach langer Berathung ist in Saratow die unter dem Vorsitze des Gouverneurs Fürst M a tschersky tagende Commission zu dem Resultate gekommen, dass die Juden nicht aus dem Wolgaterritorium auszuweiscit seien, vielmehr die Klage der angeblich benachtheiligten christlichen Kauflente, ihrer Concurreuten, abgewiesen werden solle. — In Eupatoria, im Gouvernement Taurien, verbreitete sich plötzlich das Gerücht, dass Jndenexcesse von einigen Wählern vorbereitet würden. Eine jüdische Deputation gieng nach Simseropvl zu dem Gouverneur, um seinen Schutz zu erbitten, und erreichte, dass die Polizei in Eupatoria durch Gensdarmeu verstärkt wurde, doch ist erfreulicherweise alles ruhig geblieben. An die 74 Familien, die bei den Excesseu in Rikolajeff am meisten gelitten habet!, ist eine namhafte Sumnie vertheilt worden, doch fehlen immer noch größere Beträge, die noch gesammelt werden müssen. Im Gouvernement Wilna steigt die Anstvanderuug wieder sehr erheblich: jede Woche verlassen 80—40 Familien ihren Wohnort, um zu emigrieren. Meist gehen diese Leute nach Nordamerika. In Orgejew, im Gouvernement Bessarabien, ist der Grundstein zu dem neuen Gebäude der Ackerbauschule gelegt worden. Die Schule besteht seit dem März 1898, und wurde damals auf dem an Oberst I i v k o v i t s ch, dem Adjutauten des Czaren geschenkten Grundstücke eröffnet. Seitdem sind noch weitere Terrains der Anstalt geschenkt worden; auch die Jowisli (lolonisation Association hat sich der Sache augenommen, und so konnte man zu dem neuen Ban schreiten, der auch eine Abtheilung für Zimmerei und Wagnerei enthalten wird. Die Grundsteinlegung fand mit einer kleinen Feierlichkeit in Anwesenheit einiger Freunde der Anstalt aus Petersburg statt. London. (Die Frauen bei Rothschild. Die Gartengesellschast, die Lady Rothschild und Mrs. Leopold de Rothschild zu Gunnersbury Park gaben, um die Mitglieder des internationalen Fraueu-Congresses nach Abschluss der Arbeiten zn bewirten, wird als eines der glänzendsten und erfolgreichsten Gartenfeste geschildert, die je in London gegeben wurden. Die unbeschreibliche Pracht der herrlichen Gartenanlagen, die Gunst der schönen Sommerwitterung und das vollendete Arrangement des Programms machten die Veranstaltung zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle Theilnehmer. Die Wirtinnen empfieugen ihre Gäste auf der Terasse, die den Rasenplatz und die Gärten überblickt. Außer den officielleu Gästen war eine Reihe von Mitgliedern der ersten englischen Gesellschaft gebeten worden, und niemand unterließ, der Einladung Folge zn leisten. Die Parkanlagen, die sämmtliche denkbaren Künste der Laudschaftsgärtnerei vereinigen, riefen die Bewunderung aller wach, die sie zum ersteumale sahen. Aus den Londoner Variötvtheatern waren überdies die ersten Künstler aufgeboten worden, um das Programm zu vervollständigen. London. Bekanntlich soll hier eine jüdische Rettungsaustalt für verwahrloste Knaben errichtet werden, die ein dringendes Bedürfnis ist. Lord Rothschild hat zu diesem Ztvecke 12'Z Acres Land in Hayes (Grafschaft Middlesex) geschenkt, und außerdem 100.000 Mark, tvährend von anderer Seite uock) 150.000 Mark zugesichert sind, so dass man nur noch 110.000 Mark braucht, die durch eine öffeutliche Sammlung aufgebracht werden sollen. London. Da die Kinder der Armen in den großen Schulferien leicht verwildern, so sind Ferienschulen eingerichtet, deren Besuch ganz freiwillig ist, in denen die Kinder mit Musik, Gesang, Malen, Spielen, Turnen und Gartenarbeiten beschäftigt werden. London. (Vortrag übe r Palä st i n a.) In eineraußerordentlich stark besuchten Versammlung, die kürzlich der „Chowewe Zion" im Saale des jüdischen Arbeiterclubs abhielt, hielt General Wilson einen Vortrag über seine jüngste Reise in Palästina. Der Redner schilderte die Eindrücke, die er hierbei empfangen und welche im Vergleiche zu seiner Reise im Jahre 1882 ivesentlich besser waren; er konnte in allen Colonien wesentliche Fortschritte in jeder Hinsicht cvnstatieren. Wegen lebhafter Unruhe, welche durch eine kleine Opposition hervvrgerufen, musste der Vortragende schließen, worauf der Vorsitzende, Sir Oberst Goldsmith, die Versammlung schloss. Johannesburg. Am 28. Juni fand eilt neues Massenmeeting der hiesigen Inden statt, das Stadtrath Hary Solomon leitete. Man verlangte allgemein dieselben Rechte, die den anderen Weißen gegeben werden sollten, und protestierte dagegen, dass Transvaal den Weg Russlands einschlage und religiöse Unduldsamkeit die Ertheilung der Bürgerrechte beeinflussen lasse. Ein Telegramm vom Ober - Cvinmissür Miln er wird verlesen, worin er sich verwahrt, dass er je die Absicht gehabt habe, an den Juden im allgemeinen oder von den russischen Inden im besonderen Schlechtes zn reden oder sie vom Bürgerrecht anszuschließen. Die Deputatioit der Inden aus dem Randgebiet ist am 80. Juni vont Präsident Krüger empfangen worden und hat von ihin die Zusicherung erlangt, dass er für die Ertheilung der Bürgerrechte an die russischen Inden unter denselben Bedingnngen, wie au die Christen, im Volksrath stimmen werde und dies boffentlich erreichen könne. Ties ist zur Zeit alles, was die Inden beanspruchen können. Zur jüdischen Nationalitätsfrage in Russland. Seit ein paar Jahren hat Europa von einer tteitett lebens vollen und nach Leben strebenden Bewegung im Lager Israels erfahren. Die früheren Abwehr- und Gegenmittel zn der stark anivachsenden antisemitischen Hetze erschienen tu den Augen einiger vernünftigen Leute einfach lächerlich, sie sahen ihre Komik ein und mussten gezwungenerweise sich dem einzigen und ehrlichen Auswege zuweudeu: der jüdischen Rativnalidee. Diese sich stolz erhebende Bewegung war eigentlich nicht neu. Sogar in Westeuropa — abgesehen von Russland, worüber wir weiter sprechen werden — ließen sich schon vor einem Jahrzehnt Stimmen einzelner vernehmen (wie Dr. N. Birnbaum u. a.) die zur jüdischua Selbstermannnttg aufmunterten. Der feinfühlige, ehrliche Moses Hess schriebschon im Jahre 1862 „Roinnnd Jerusalem",das beste Buch der jüdischnationalen Idee bis auf den heutigen Tag. Das Buch wurde von den Wellen der sonstigen Bücherflnt verschlungen, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Nach ihm fvlgteit andere, die das Lied vom ewigen Wanderer von neuem wiederholten; es ließ von sich ein wenig reden und verscholl.. Das war noch alles in einer Zeit, wo die Leiben unseres Stammes diesen edlen Söhnen mehr geistig zu ihrem Bewusstsein kamen. Die moderne zionistische Bewegung in Westeuropa ist eine zusammengepeitschte, wenn sie sich auch allmählich besinnt und mehr culturell zn werden beginnt. Sie ist noch beiweitem nicht abgestandeu. Sehen wir aber, wie es in Russland zugieug und' noch zugeht. Die Lage der Juden in Russland ist zur Genüge bekannt. Es ist noch das mittelalterliche System, dass den dortigen Inden gegenüber ausgeübt wird. Ein bekannter Wiener Antisemit wollte einmal haben, dass die Inden keine Menschen, sondern eine Art Affen sind. Wie es scheint, theilt Russland nicht diese, unserem Jahrhundert ehrenmachende Hypothese. In Russland haben nämlich die Assen mehr Rechte als die Jl^den. Das jüdische Leben in Russland besitzt eben die Vor- und Nachtheile der jüdischen mittelalterlichen Ghetti. Das russische Judenthum ist noch national und trotz der falschen und lügenhaften Faseleien westeuropäischer, jüdischer Seelsorger von einer „religiösen Gruppe", ist doch das russische Ghetto die einzige Stätte, wo das jüdisch-religiöse Leben noch pulsiert. Sein Augenmerk ist noch immer nach Zion gerichtet. Wenn wir von dieser Betrachtung ansgehen, so muss uns doch wunder - nehmen: woher diese unbedeutende Betbeilignng der jüdischen Jugend in Russland an der nationalen Idee? Als Alexander Ii. zu herrschen begann, machten sich liberale Winde in Russland spürbar. Er gedachte auch der Inden. Der unter unsäglichen Leiden und Demüthigungeu sich krystallisierende knechtische Sinn wurde ganz an diesem Lichtstrahle berauscht und glaubte vor Seligkeit und Verzückung zn vergehen. Einige Zeit gieng es ganz gut. Die russischen Juden begannen wirklich Affimtlatious-Halluciuativiteu zu bekommen. Mit Eifer und Wissensdttrst etlte die russisch-jüdische Jugend an die Universitäten und Hochschulen. Und nun eine neue Variation des alten Liedes: Eine alte Cultnructtion tvill ihre Werte, ihre Individualität für einen Topf Linsen verkaitfen. Ich muss bemerken, dass es sich hier nicht bloß um Linsen im materiellett Sinne handelte. Die russischen Inden wollen von der häufig bekannten Devise „Wess' Brod ich esse, dess' Lied ich singe" nichts wissen. — Die jüdische Ethik trieb die bessere jüdische Jugend in die Arme russisch-nationaler Ideale. Das russische Volk selbst hatte doch ja selbst furchtbar viel zn leiden! Plötzlich aber, urplötzlich — im Beginne der 80er Jahre — brachen die weit und breit durch ihre Unmenschlichkeit bekannten Judenexeesse ans. Die Inden rieben sich die Augen gehörig und sahen sich ganz getäuscht dastehen. Und nun die Rückkehr in die Zelte ihrer Väter. Jüdische Studenten und sonstige Akademiker gaben ihre Studien ans und eilten nach Palästina, Arbeiter, Cvlonisten zn werden: Wurzeln bekommen. Wie nach jeder intellectnellen Ermüdung und Ueberspanntheit ein blinder und exaltierter Glaube eintritt, geschah auch diesinal dasselbe. Man wendete sich bem alten, eifrigen Jabeh wieder zn, man wollte ihn wieder gntgesinnt wissen. — Und die jüdische arme Masse? Sie ließ sich von den fenersprühenden Redetl begeistern. Ihr blieb ja nichts übrig, als den Wanderstab zu ergreifen. Man begann zu flüchten. Ja, es war eine Flucht und keine Emigration. Man lief nach allen Ecken und Enden. In allen Grenz- und Hauptstädten Europas lagen verhungerte russische Familien. — Dass ein im Gefängnisse längere- Zeit Schinachtender lieber Selbstmord begeht, als wieder in diese Hölle zn konnneu, ist selbstverständlich. — Diese armen Teufel giengett von dem Grundsätze ans: „Schlimmeres giebts ja nicht, kcimls gar nicht geben". Sie hatten ja auch nichts zu verlierett. Im nächsten Artikel werden wir versuchen, den weiteren Verlauf dieses Fieberznstandes und die active Stellnngnahine der intelligenten, idealen jüdischen Jugend zu skizzieren. J. M.

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