Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 21 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432785--0195-2433714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 •liidi^rhrs Yi-iksblatt 7. Juli!SO«) Nr. 21 '«Vien, Fieiku die Vorsteher der jüdischen Eiiltusgemeinden und die Rabbiner Fragebögen zu vertheilen, umso indirect die Z,ahl ihrer Glaubensgenossen wenigstens annähernd festznstellen. Ans Grund der eingelangten Antworten wnrde die Zahl der in Italien, dessen Gesaniintbevvlkernng im Jahre 1889 30,947.300 Kopse za iltc, lebenden Inden für das Jahr 1 HS 1 ans rnnd 38.n<>0, für das Jahr 1 HHt> dagegen in ziemlich verlässlicher Weise ant 40.420 0'-' I"'o ttiillr) veranschlagt. — In F r a n frei ch n'nrde durch die Zählung vvin üO. Mai 1Hrt(> eine Bevölkerung von 38,21 8.903 Köpfen berechnet. Inden gibt es ui Frankreich 53.500 (1*4 pro nulle«. Mehr als die Hälfte derselben leben in Paris, dessen Einwohnerzahl im Jahre 1 HS(» rnud 2,345.000 betrug. Im Jahre >801 zählte Paris 548.000 Einwohner. Was die vereinigten Königreiche G r v ß b r i t a n n i e n und Irland betrifft, so liegen zwar nur für letzteres wirklich offieielle Zählungen nach der confessionellen Zugehörigkeit der Bevölkerung vor. Doch hat mau auch für Englaud itiio Schottland ziemlich genaue Berechnungen angestellt. Die folgende Tabelle möge die Bertheilung der Religionen in den drei vereinigten Königreichen darthnn °. Eonfessionen England Schottland Jrlan d Zahl i"" miile Zahl > miile Zahl miile Römische Katholifen.I,3.52.732 16 3! »1.(52!»5 3,591.831 763 Protestanten ... ml lo.'JOl 171 1,8! »5. 132 412 16!'.!'12 1U() Englische Staatskirche.22,87!'. 151 7 TS! ii 16.1)2 22 3!»2.6!l 1 121 Schott. Staatskirche. — — l,S'iX.!l-20 159 — Inden.57.815 8241 ä 51.090 H Im Ganzen leben also in England 2! 3,407.049, in Schottland 4,120.547 und in Irland 4,009.1-25 Menschen. Großbritannien und Irland zusammen haben — dies alles nach der im Jahre 1890 vorgenommenen Berechnung — 38,583.955 Einwohner. Davon sind H7*74:1i (3 pro miile) Glaubensgenossen. Die Zählung vom 4. April 1881 ergab mr ganz Großbritannien eine Einwohnerschaft von 35.241.482, eine jüdische Bevölkerung von rund 100.000 Kovfen. Davon lebten in Irland allein 45.300 Inden. Sohin hat die jüdische Bevölkerung dieses Landes in kaum zehn Jahren einen Zuwachs von 1.2'38 Percent erfahren, wogegen die Gesammtbevölkerung sich nur um 9'48 Percent vermehrt hat. Wissenschaftliche Autoritäten, die sich mit dieser Erscheinung beschäftigen, erklären sie ans dem musterhaften Familienleben und der enthaltsamen Lebensweise des jüdischen Volkes in seiner überwiegenden Mehrheit. Literatur. -Man schreibt uns ans S t a n i s l a n : Das jüdischdeutsche Theater hat bereits seine Vorstellungen begonnen und haben die bis nun zur Anfführnng gelangten Stücke einen glänzenden Erfolg errungen. Die Gesellschaft besteht aus den besten jüdischen Schauspielern, unter welchen die Primadonna Fran Zwiebel und Herr Grass die besondere Attraction bilden. Frau Zwiebel ist eine imposante Erscheinung, hat eine wunderbar schöne Stimme und eine bedeutende Gesangstechnik. Sie spielt ihre Rollen vorzüglich. Ihr Partner, Herr Grass, ist ein Schauspieler, der auch ans einer n i ch t jüdischen Bühne zu den größten gehören würde. In der historischen Operette „Azaria" hat er das Publicum im Sturm erobert. Auch Fran R v s e n b e r g, Frau R a s l i k, Herr S ch v r, Herr M e l z e r und Herr S i l b e r geben ihre Rollen ausgezeichnet. M. Ii. Der vorchristliche jüdische Gnostieiönius. Von M. F riedländer. < Göttingen - Bande n h o e ck & R n p v e ch t 1S9X.) Als allgemein bekannt können wir voranssetzen, dass das Schemone-Essra-Gebet nicht IX Benedietionen enthält, sondern es wurde zu Zeit des Schemad/wo die hellenisicrenden Assiniilanten so überhandnahmen und sich allmählich durch die Beschäftigung mit der griechischen, recte epicuräischen Philosophie zu Häretikern oder gar zu Denuncianten und Delatoren (in der späteren Römer- Epoche) eutivickelten, um eine nnd zwar um die Bärchath Namminiiu (Verwünschung der .Ketzer) vermehrt. Das Wort „Minim" wurde durch die -Angeberei der Rengaten von der Eensur eliminiert — ivie ja auch in neuerer Zeit einige Gemeinden aus übertriebener Furcht das Kol-Ridre-Gebet — obwohl dasselbe ein ganz unschuldiges ist und nur religiöse, in Uebereilung auf sich geuommene Gelübde löst und mit juristischen Schwüren nichts zu thun hat, durch ein anderes von jedem Verdachte freies, mit der gleichen elegischen getragenen Melodie mit Unrecht ersetzten. Das Wort „Min" wurde nämlich durch künstliche, ans Abbreviatur zurückgeführte Auslegung auf die -Anhänger des Nazareners bezogen, was durchaus unrichtig war, wie es der geschätzte Verfasser, in gelehrten Kreisen, leider in protestantischen, durch seine tüchtigen Arbeiten auf dem Gebiete der Patristik bestens bekannt, welche vor einigen Jahren bei Breitenstein und Hölder in Wien erschienen, durch wissenschaftliche Belege auf strenglogischem Wege fast bis zur Evidenz nachweist. Ein ähnliches Bewandtnis hat es mit der falschen -Auslegung des Wortes „Aknin" aus Bekenner des Christenthums fälschlich angewandt, wie es von den Herausgebern der Responosa nnd von sonstigen Decisoren unmittelbar vor der Einleitung in einer besonderen Erklärung „Maudoch rabbeh" feierlichst veröffentlicht wurde und zwar im Rainen des Gesammt-Judenthums, um dadurch den Vorläufern und Vorbildern Rohlings, den berüchtigten Pamphletisten Eisenmenger, Pfefferkorn und Eousorten im Vorhinein die Spitze zrl bieten. Es iväre mm sehr verlockend, über diese Monographie selbst eilte gelehrte Kritik zrl schreiben, nameiitlich über das Problem, wie aus dem jllden-christlicheii neuen Glauben diirch Paulus eine uiiiverselle Religion mit Hintansetzung des Formenwesens und Ceremviiieu-Cultus entstehen koiiiite, bis das nationaljüdische Element fast ganz verschivunden war, entgegen der Absicht und dem Worte des Stifters der Kirche: Ich bin nicht gekommen, die Lehre «des alten Testamentes) ailfzulösen, sondern zcc erhalteii; doch hier soll iiur eine kurze, populäre Charakteristik dieser religionsphilosophischen Stildien über die Gnosis geboten iverden, über ivelches THeina, ivie auch über die Neu-Plntoniker vor längerer Zeit Dr. M. Eisler, Religions-Professor in Nikolsburg, eine Broschüre herausgab. Es gab nämlich dreierlei Gruppen von Gnostikern. Zur Zeit PhiloS in Alerandrien waren es einzelne, die sich über biblische Satzuiigeii lind religiöse Vorschrifteii kühn hiiilvegsetzteii dieselbeii bloß als Symbole erklärend, mtb die in der Bibel mu gedrohteu strengen Strafen im Falle von deren Ueberrretuilg liicht wörtlich nehmend, deshalb aber getadelt und verketzert wurden. Diese Aniiäherung der jüdischen Gnostiker an die heidnischen gieng der christlichen Gnosis voraus, welch letztere ebenfalls als Sectiererei verdammt wurde. Im Buche selbst ist Näheres und Interessantes über das damalige Seclemvesen zu ersehen, besonders über die Orphiten und Therapeuten findet der aufmerksame Leser ganz neue Gesichtspunkte, weshalb allein, wie auch wegen der Popularisierung des Talmud, dessen „weites Meer" ohne Führer und Eompass zu befahren unmöglich ist, das Werk größere Verbreitung, speciell unter gebildeten Juden, verdienen würde. Dass „Minim" aber, im (Gegensätze zu „Maminim" (Gläubige), nicht mit Anhängern des Messias aus Nazareth identisch sei, erhellt schon daraus, dass in den betreffenden talmudischen Stellen erstere als Leugner der llnsterblichkeit der Seele gelten, was aber nur von den Saddueäeru bekannt ist, keineswegs aber von den Pharisäern und Essäern, aus deren Schoß ja das Juden-Christenthum hervorgieng. Der Glaube an die Auferstehung der Todten ist dem Judenthume, wie der Tochter-Religion gemeinsam. Es erübrigt uns nur noch die wichtige Partie, die von den „Giljonim" handelt, in Stürze zu referieren. Durch den Gleichklang haben sich einige verleiten lassen zur Ansicht, dass die Stelle (Sabbath 116 n) die Evangelien im Sinne habe, was durchaus nicht der Wahrheit entspricht. Vielmehr sind damit jene Thora-Rollen gemeint, welche von Ketzern, eventuell Minim u. dgl. geschrieben wurden, denen also jeder Anspruch auf Heiligung und Verwendbarkeit beim Gottesdienste abgeht, nach der Meinung einzelner mussten sogar die heiligen Gottesmessen in diesen ganz profanen Schriften der Vernichtung, dem Feuertode anheimfallen, in welcher Hinsicht der hochgeehrte Lector Friedmann mit uns übereinstimmt, während - 80 — die Knochen hervvrstarrten, nahm sich unter diesen gesunden, gebräunten, kräftigen Leuten, in dem freundlichen Zimmer, wie das plötzlich aufgestiegene Gespenst des Leidens aus. Im Namen Gottes und des Sohnes... — ries Frau Korejba, als traue sie ihren Augen nicht. Gelobt sei Jesus — rief spöttisch Tomkiewicz Jesus Maria! — schrie Judwiga, und versteckte sich hinter dem Rücken des Bruders, der seine vor Uebermuth leuchreudeil Blicke in die zlüheudeu erschrockenen Augen des Augekvmmeneu tauchte. Während der Zeit näherte sich ein kräftiger junger Mann in einem kurzen Arbeitsrock und hohen Stiefeln dem Tische. Er war das Ebenbild seines Vaters. Sv musste der alte Korejba einst ausgesehen haben. Die blauen Augen des Jünglings blitzten, die Stirne war schneeweiß und stach von den gebräunten Wangen ab, die Haare waren goldblond wie die der Schwester, und die Hände so abgearbeitet wie bei den Eltern. Er nickte dem Verwalter ans Schnmna zu und trat vor den Vater hin. Vater, ich Hab' einen Dieb gefangen ... er hat unsere Erbsen gefressen, dass cs nur so gekracht hat, vielleicht hat er die Taschen auch voll. Nichte Du ihn, ich Hab' meine Pflicht gethan. Noch bevor er geendet, hatte ihm die Mutter einen Teller voll Erdäpfeln und Grammeln zugeschoben, Ignatz Korejba aber sprang auf und schlug mir der Faust so auf den Tisch, dass die Teller klapperten. Die blauen Adern auf der Stirne schwollen an, die Augen blitzten, die Wangen waren mit Purpur übergossen. Man sah es jetzt, dass er im Zorn schrecklich sein konnte. Elender Hund! Wirst meine blutige Arbeit vernichten! Der Schrei erinnerte an das Gebrüll des Löwen. Stefan brummte wie ein junger Bär. Den Mund voll angestopft, klagte er dem Verwalter, dass man von allen Seiten bestohlen werde. Trotzdem sie reich geworden waren, arbeiteten Vater und Sohn selbst mit, sie hüteten ihr schwer errungenes Gut, wie die Wölfe eine Beute. Plötzlich erstaunte der alte Korejba, er bedeckte, nach Art der Kurzsichtigen, die Augen mit der Hand, und schaute den Ankömmling aufmersam an. Was ist das? — frug er — bist Du Gedali? Gedali auä Wolpa? 'Jto, sprich, bist Du stumm geworden? Der Gefragte bewegte die Lippen, er grüßte tief und stotterte dann: Gedali! Gnädiger Herr! Ich bin — Gedali aus Wolpa . . . derselbe, zu dem der gnädige Herr immer um Salz und Eisen gekonunen ist. . . Derselbe, der die Briczka und ein paar schöne Schuhe gehabt hat.., Der Herr weiß . .. vj! .. . Er hatte sich ein wenig von seinem Schreck erholt, und schüttelte traurig den Kopf. Korejba erinnerte sich sehr gut an ihn, sein Zorn war schon bedeutend verraucht; er setzte sich nieder und sagte: Weit hast Dn's gebracht, gehst auf fremde Felder stehlen . . . Der June schlug sich mit der mageren Hand in die Brust. Gnädiger Herr! ich Hab' nicht gestohlen, unglücklich soll ich wern', wenn ich gestohlen Hab', soll ich nicht erleben bis morgen . . . — xi — Was denn hast Du gemacht? — schrie Stefan, der in der einen Hand den Teller haltend, wüthend ans ihn zusprang, — was hast Du gemacht, Du Ungläubiger, wie ich Dich bei den Erbsen erwischte? he? Ru! Verzeihen! soll sich der junge Herr nicht ärgern, ich Hab' die Erbsen nicht gestohlen . . . Was denn hast Du gemacht — schrie der alte Korejba zornig. Tomkiewicz, der den Juden mit Verachtung betrachtete, spottete: Er hat wahrscheinlich gesucht, ob in den Erbsen keine Rubel wachsen. . . Der Jude sagte leise: Ich Hab gegessen . . . Das ist wahr. . . Korejba schrie wüthend: Ja was glaubst Du denn, dass ich dazu Erbsen säe, damit jeder Landstreicher sich sattesse. Wart ... ich werd's nicht schenken ... Du musst zahlen. . . oder ich geh' mit Dir zum Richter. . . Der Jude neigle sich tief. Oj, — ächzte er! — soll der gnädige Herr hundert Jahr gesund leben, verzeihen der gnädige Herr dem Gedali... ich bin nach Schnmna ans die Nacht gegangen und bin diesen Erbsen begegnet. . . Sie wachsen am Weg! Warum gerad' am Weg! Aj, wie viel Hab ich gegeffen! ein bissel Tomkiewicz, der seine Angebetete offenbar mit seinem Witz blenden wollte, lächelte Judwiga an, und sagte: Also Deine Religion erlaubt Dir nicht viel'zu stehlen, nur wenig? Was? Der Jude warf dem Redenden einen eigenthümlichen Blick zu, er presste die Lippen zusammen und schwieg ein Weilchen. Was hat die Religion damit zu thun? Sie erlaubt niemandem das -Stehlen. Roch leiser fügte er hinzu: Ich war hungrig . . . Wenn Du hungrig warst, hätt'st Du bitten sollen, aber nicht ohne Erlaubnis nehmen .. . begann Korejba; aber Tomkiewicz unterbrach ihn; den jüdischen Accent nachahmend, sprach er: Und wenn die Erbsen trefe waren, was wird jetzt sein? Die blassen Lippen Gedali's zuckten. Jvinkiewicz hatte sein Gewissen wachgerusen. Er sah zur Erde, runzelte die Stirn und sann. Plötzlich richtete er sich ans, so gut es ihm die Last erlaubte, breitete die Arme ans, hob das Gesicht zum Plafond nnd rief mit lauter Stimme: Aj, aj! wenn der Rebe selbst neben diesen Erbsen gehen macht', möcht' er auch ein bissel essen: solche Erbsen! In diesein Ausrufe lag ein solches Entzücken, mit dem der Hungernde an die Erbsen dachte, dass Niemand von den Anwesenden lachte; im Gegentheil, der alte Korejba nnd seine Söhne wurden ernst. Tomkiewicz hatte nicht übel Lust, seinem Witz die Zügel schießen zu lassen, aber er hielt sich äuvütf, sah er dvch, dass seine Flamme sich dem Herd näherte, und den Inden mit ihren großen grauen Augen ernst und aufmerksam betrachtete..