Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 21 (7.7.1899)
- Date
- 1899-07-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. Juli 1899 Seite 5 Mitte des Karrens, den einige Polizisten schützend nmstehen, sitzt der alte gelähmte Apostel Dnnlap selbst, und der mit seinem Stocke, den er allen Störern seines frommen Werkes drohend entgegenstreckt, ein höchst eigenthümliches Bild abgibt. Da Dnnlap seine Bekehrnngsreden nicht gut im Sitzen halten kann, so hat er sich in der Person eines gewissen Oskar Lemberger einen Gehilfen angenommen. Derselbe ist ein Oesterreicher aus Mähren, ein getaufter Jude, der mit dem Convertierten so oft eigenthümlichen Eifer seine Bekehrungsversnche macht. Drei bis vier Frauen, darunter eine handfeste Mulattin, einige angeblich „dem Heile" geretteten Kinder und ein farbiger Kutscher vervollständigen das Ensemble. Au dem Wagen hängt ein Placat, das den ganzen Zorn der Bevölkerung dieser Gegend heransfordert, denn dasselbe enthält ein in hebräischer Sprache geschriebenes Gebet, die Persiflierung eines jüdischen Gebetes. Dieser Wagen hält bald in dieser, bald in jener Straße des Stadttheiles, worauf Lemberger in jüdischdeutscher Mundart seine Predigten hält, oder die Kinder unter dem Geheule der Zuhörenden fromme Lieder singen, wobei dasjenige, das am lautesten gesungen hat, durch ein Geschenk ausgezeichnet wird. Die Wuth der Menge ist ungeheuer und richtet sich meist gegen Lemberger, dessen Auftreten als eine Provokation betrachtet wird. Als die wiederholten Borstellnngen hervorragender Juden dieses Viertels nutzlos blieben, wurde die Erregung unter den ärmeren nnd ungebildeteren Inden immer größer und täglich drohender, bis es schließlich am 17. und 18. Juni zu directen Angriffen auf die „Missionäre" kam. Unter den Rufen „Nieder mit den Baptisten" griff ein starker Haufen meist junger Leute den Evangelistenkarren au, dessen Insassen mit allerhand Abfällen beworfen wurden. Eine Anzahl älterer Juden versuchte die Angegriffenen zu schützen, einige nichtjüdische Bürger thaten ein gleiches und so kam es zu einem allgemeinen Krawalle, welcher die Intervention der Polizei nothwendig machte. Nur nach heftigem Kampfe gelang es Wilson Dnnlap und seinen Jüngern, sich zu befreien. Der Bürgermeister von Wyk hat nun die Baptisten angewiesen, ihren „Kreuzzug" sofort einzustelleu nnd sie für alle weiteren Folgen verantwortlich gemacht. Dnnlap aber antwortete, er habe weder die Hilfe der Polizei noch die des Bürgermeisters angerufen, werde um beide sich nicht kümmern und die Jliden ihrem „scheußlichen" Glauben entreißen oder als Märtyrer sterben. Im übrigen erscheint der Apostel als ein etwas sonderbarer .Heiliger; denn der „Newyorker Herald" bringt merkwürdige Enthüllungen über seine privat-geschäftliche Thätigkeit; die Mittel zu seinen! gottgefälligen Werke stammen nämlich aus seinem gutgehenden Gelddarlehen-Agenturen in New-Aork und Philadelphia, woselbst Juden und Christen gegen gute Worte und gute Zinsen — oft, wie nachgewiesen, bis 720 Procent — Geld geliehen erhalten, das dann erbarmungslos, selbst im Falle des Ruins der Schuldner, von dem „Missionär" Dnnlap ein getrieben wird. Bombay. Das jüdische Pestspital, das jetzt seit einem Jahre besteht, hat in dieser Zeit 76 Patienten ausgenommen, von denen 34als geheilt entlassen werden konnten, während 7 als Reconvalescenten noch in Behandlung sind. Es sind also 35 gestorben, was einer Quote von 46°/,, entspricht. Die Mensch aft aus der Erde. Bon Dr. E. H. III. Ehe ich die Statistik der europäischen Jndeuschaft fortsetze, möchte ich den scheinbaren Widerspruch aufklären, der zwischen meiner neulichen tabellarischen Zusammenstellung der in den V e r e i n i g t e n S t a a t e n Nordamerikas existierenden Confessionen. beziehungsweise der in derselben constatierten Zahl dort ansässiger Inden und den Ausstellungen des in der letzten Nummer des Blattes erschienenen Artikels „Die Judenfrage in Amerika" besteht. Jene Daten stammten nämlich aus dem Jahre 1880, und es ist bekannt, dass gerade in den letzten zwei Jahrzehnten die Zahl der nach Amerika Auswandernden überhaupt und die der jüdischen Emigranten nach dem westlichen Cvntinent insbesondere im Vergleiche zu früheren Zeiten ganz besonders gestiegen ist. Im Jahre 1880 gab es in den Vereinigten Staaten eine Gesammtbevölkernng von 50,445.336 Menschen. In dem Jahrzehnte 1880—1890 sind 12,466.447 Leute dorthin eingewandert. Heute wird die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf 80 Millionen Köpfe geschätzt. So kommt es, dass im Jahre 1880 bloß die Ansässigkeit von 14.000 Inden in der nordamerikanischen Republik constatiert wurde, während gegenwärtig 1,200.000 Glaubensgenossen daselbst wohnen sollen. Die Bevölkerung New-Iorks ist von 1,627.000 im Jahre 1890 auf fast 3,600.000 gestiegen. Auch diese kolossale Zunahme ist zum größeren Theile nicht ans die natürliche Vermehrung der Bevölkerling, sondern auf die Einwanderung zurückzuführen, nnd zu den Einwanderern stellen die Inden ein ansehnliches Contingent. In Europa sind von den Mittelstaaten zunächst noch die drei nordischen zu erwähnen. Dänemark hat nach der Zählung vom Jahre 1890 eine Bevölkerung von 2,298.367 Köpfen, deren über 4000 (t°13 pro mille) sich zum Judenthume bekennen. Interessant sind folgende Reminiscenzen. Das Königreich, zu welchem bis zum Jahre 1863 auch die jetzt preußischen Provinzen Schleswig, Holstein und Lauenburg gehörten, zählte am 1. Februar 1855 mit Einschluss der letzterwähnten Gebiete eine Bevölkerung von 2,468.713 Seelen. Von dieser Gesammtzahl bekannten sich 99'24 Percent zur dänischen Staatskirche, dem Protestantismus augsburgischer Coufession. Bloß 18.663 Menschen waren in diesen Gebieten Andersgläubige, und diese vertheilten sich in folgender Weise: Confessionen männlich weiblich Reformierte. 118!« 1144 Anglikaner. ir,u 124 Presbyterianer. 9 7 Römisch Katholische .... 1859 1141 Griechisch-Katholische . . . 17 7 Baptisten. 800 926 Juden. 3094 4260 Normanen . 931 1115 Menoniten. 104 112 Mährische Brüder. 175 223 Quäcker. 1 — Buddhisten. 1 — Ohne bestimmten Glauben 15 5 Die jüdische Bevölkerung Dänemarks war al 1. Februar 1855 8263 Seelen stark. Mehr als neun Zehntel derselben wohnten in den Städten; in Kopenhagen 2695, in Altona (heute preußisch) 2264. Also in diesen beiden Städten allein lebten fast 60 Percent der gesummten dänischen Judenschaft. Von den eben erwähnten 2695 Inden Kopenhagens waren damals 1242 männlichen nnd 1453 weiblichen Geschlechtes. Zehn Jahre früher, am 1. Februar 1845, hatte es in der Hauptstadt Dänemarks 975 jüdische Personen männlichen und 1183 weiblichen Geschlechtes gegeben. Die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in dem Jahrzehnt 1845—1855 betrug demnach 24-88 Percent, während die Gesammtbevölkernng Dänemarks in diesem Zeitraum sich bloß um 10'26 Percent vermehrte. Bon den beiden skandinavischen Reichen besitzt S ch w e d e n laut der im Jahre 1889 angestellten Berechnung 4,774.409 Einwohner, wovon 3820 (0'8 pro mille) Glaubensgenossen sind. In N o r w e g e n, dessen Einwohnerzahl nach der Zählung des Jahres 1891 1,999.176 beträgt, waren am 1. December 1895 25Juden ansässig.Rum änien mit einer imJahre1887 5,500.000 Köpfe geschätzten Bevölkerung wird von ungefähr 400.000 Glaubensgenossen bewohnt; also machen die rumänischen Juden pro mille der gesummten Einwohnerschaft aus. Mit Rücksicht darauf, dass bereits die vorhergegangenen Zählungen eine gleich hohe Ziffer für die jüdische Bevölkerung des Landes ergaben, ist anzunehmen, dass die jährliche Auswanderung von Juden aus Rumänien — namentlich nach Oesterreich-Ungarn — der natürlichen Zunahme dort die Wage hält. Die europäische Türkei zählt 4,373.480 Einwohner, wovon 91.843 (21 pro mille) der mosaischen Coufession augehören. Davon leben auf der Insel Kreta 686, auf der Insel Samos 2 Juden; die übrigen sind in den unmittelbaren Provinzen der Türkei, auf der Balkanhalbinsel ansässig. Indem ich mich der Besprechung der sechs europäischen Großmächte und unter diesen zuerst Italien zuwende, so muss vorausgeschickt werden, dass bei den in diesem Staate vorgenommeneu Zählungen der Jahre 1881 und 1889 die Confessionen nicht berücksichtigt wurden und man sich darauf beschränkte, sowie an die protestantischen Seelsorger, auch au — 82 — Seht nur — sagte der Hausherr — wodurch bist Du so arm geworden Gedali? Ich Hab' Dich zehn Jahre nicht gesehen, aber wie ich .damals oft nach Wolpa gekommen bin, warst Du gar nicht arm. . . Ich bin arm geworden Herr, ganz arm... Tomkiewicz konnte es nicht mehr anshalten. So wie der Blinde den Armen bestehlen kann! — brüllte er — so ist das wahr, dass er arm ist! Welcher von ihnen ist arm? Sie sind alle Blutegel, die vom Blut der Menschen leben. .. mein Ehrenwort. Gedali wandte sein Haupt langsam dem Redenden zu, er sah ihn nicht böse, nur sinnend an, dann ließ er den Stock fallen, öffnete seine zerrissenen Chatat. Das Hemd war so löcherig, dass man den dunkeln mageren Körper darunter sehen konnte. Gleichzeitig schüttelte ihn ein starker .Husten, unter den zerrissenen Aermeln sah man die nackten Arme. Schlamperei! brummte Tomkiewicz und spie aus. Frau Korejba wandte das Gesicht ab: „Heilige Mutter"! Korejba trommelte auf dem Tische, da rief Janek plötzlich: Bitte mein Herr, warum nehme» Sie Ihr Paket nicht herunter? Bitte, wollen Sie so freundlich sein und cs hernnternehmen! Herr! Herr! Ha, ha, ha, ha' Mein Ehrenwort, ich Hab' noch nie gehört, dass man solches Gesindel per „Herr" anspricht. Diese Höflichkeit hat Herr Jan schon in der Stadt gelernt. Der Knabe erröthete wie eine Kirsche, mit dem Stolze eines sechzehnjährigen Gymnasiasten hob er den Kopf und sagte: Es kann ja sein, dass der Herr Tomkiewicz noch manches nicht gehört hat, wir aber wissen, dass ein civilisierter Mensch gegen jeden höflich sein muss. Still, Janek, still! — schrie der Vater den Liebling au, bald aber fügte er milder hinzu: No, leg' schon ab, Gedali, und steh' gerade, wenn der junge Herr es will. Sichtlich erfreut, begann Gedali die Schnur über den Kopf herunterzunehmen. Er konnte es jedoch nicht fertig bringen, seine Hände zitterten, er hustete stark. Judwiga! hilf ihm! — commandierte Janek. Das Mädchen, das dein Juden zunächst stand, war im Augenblicke bei ihm, mit ihren kräftigen Händen hatte sie sofort die Schnur gelöst. (Fortsetzung folgt.) G e d a l j r. Nach dem Polnischen der Elise Orzeszko. — Deutsch von Flora Landesberger. III. Fräulein Judwiga ist heute etwas böse. Ich bin gar nicht böse, das kommt dem Herrn Tomkiewicz nur so vor. Und weiß Fräulein Judwiga, dass der Zorn der Schönheit schadet.... So soll sich der Herr Tomkiewicz nie ärgern, sonst wird er hässlich werden.... Soll ich das so verstehen, dass ich in Ihren Augen jetzt schön bin, Fräulein? . .. . Alle Anwesenden lachten, nur Janek beachtete den Wortkrieg seiner Schwester mit Herrn Tomkiewicz nicht; er hörte nicht auf, von seiner heutigen Jagd zn erzählen. Seine helle, angenehme, noch halb kindliche Stimme übertönte alle anderen. Er aß, gestikulierte nnd redete, meist wandte er sich an den Vater, der mit vollen Backen kaute; seine Augen glänzten voll Befriedigung. Ich schau! .. . . Tresor steht.... wart'! — schrei ich — Er steht, wie aus Stein! Die Flinte an's Auge.... ich geh' weiter.... Tresor geht weiter! Fasan vor! piff, pass, umgefallen.... Tresor, der seinen Namen hört, winselt vor Freude; man gab ihm einen Teller saure Milch. Ha, ha, ha, ha! — lachte Korejba — wie der Kerl sich zu allen schickt! Zum Buch! Zur Flinte! Erschieß' Dich nur nicht, Du Lump .. . In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Manu in einem zerissenen, auf der Brust offenen Anzuge, mit staubigen Stiefeln, einen Pack auf dem Rücken und einen Stock in der Hand, stolperte herein. Er war offenbar mit solcher Kraft hineingestoßen worden, dass er sich mit den Händen an der Wand halten musste; um nicht hinzustürzen; tief athmend blieb er im Schatten zwischen Thür und Herd stehen, gebückt, mit dem Bündel am Rücken, nur sein Kopf war vom Feuer beleuchtet. Diese abgemagerte, von Lumpen bedeckte Gestalt, tief gebückt mit der Last am Rücken, den wirren Haaren, dem wachsgelben Gesichte aus dem ' ■-