Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 20 (30.6.1899)
- Date
- 1899-06-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. Juni 1899 Nr. 20 Die Judenschast aus der Erde. Bon Dr. E. H. II. Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, dass in den bisherigen Aufstellungen immer nur von der sesshaften Jndeiischaft die Rede war. Denn zu vorübergehendem Aufenthalte kommen Inden in Ausübung commercieller Thätigkeit fast überall hin. Ziffernmäßige Nachweise dafür gibt es kaum. Weit dankbarer wird die Aufgabe des Statistikers, sobald er sich der europäischen Staatenwelt znwendet. Hier braucht er sich nicht auf die nackte Anführung eines spärlichen Ziffernmateriales zu beschränken, wie dies in den außereuropäischen Ländern der Fall ist, sondern kann die reichlich gebotenen Daten auch zu wertvollen Schlüssen socialpolitischer Art benützen. Zwar bin ich mit wenigen Ausnahmen auch fernerhin gezwungen, die C o n f e s s i o n e u einander gegenüberzustellen, um das Vorhandensein und die Stärke der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Staaten zu constatieren, ich kann sie nicht als Nation von allen anderen Nationen sondern, da diese uns, wo immer wir wohnen, für ihr Vvlksthum reklamieren. Wir gelten in England als Engländer, in Italien als Italiener, in Galizien als Polen und in Ungarn als Magyaren. Bloß in den Ländern des östlichen Europa, in Russland, Rumänien, Serbien, Bulgarien, Griechenland und der Türkei werden die Juden als Nationalität betrachtet. „In den übrigen Staaten", sagt Brachelli in einer von rührender Naivetüt dictierten Anmerkung seines statistischen Werkes, „werden die Israeliten im Hinblick auf die immer mehr schwindenden Rassen-Berschiedenheiten jenen Volksstämmen zugezählt, deren Sprache sie sich bedienen." Was so ein emeritierter Hofrath nicht alles weiß! Die Darstellung der Bertheilung unserer Glaubensgenossen in Europa dürste am besten mit einer tabellarischen Zusammenstellung der absoluten und relativen Stärke sämmtlicher, ans unserem Erdtheile vertretenen Religionen eingeleitet werden. Die gesammte Bevölkerung Europas, welche nach den neuesten Zählungen 358,206.000 Köpfe beträgt — die Abweichung dieser Zahl von der aus der Tabelle ersichtlichen Gesammtsumme ist auf Rechnung der Bevölkerungszunahme zu setzen — scheidet sich nach ihrer Confession, wie folgt: Confession Zahl Percent der Gesammt- Bevölkerung. Römische, armenische und griechischunierte Katholiken . . . 47-26 Altkatholiken. 0'05 Evangelische. 22-16 Protestantische Dissidenten . .... 2,700.000 0-82 Methodisten. 1-07 Unitarier. 0-04 Griechisch-Orientalische . . .... 82,510.000 24-71 Juden . . . .... 5,984.000 181 Mohammedaner . . . . Andere und Confessionslose .... 6,445.000 1-95 .... 447.000 0-10 Mit Ausnahme der kleinsten europäischen Staaten, der Republiken Andorra und San Marino, der Fürstenthümer Monaco, Liechtenstein und Montenegro, wo gar keine Inden ansässig sind, leben in allen Ländern Europas Glaubensgenossen. Im Großherzogthum Luxe mb u r g gibt es laut der Zählung vom 1. December 1890 eine Gesammtbevölkerung von 211.088 Köpfen. Juden sind davon 1009 Menschen, also 4'8 pro mille. Mit Rücksicht darauf, dass zehn Jahre vorher, am 1. December 1880, die gesammte Einwohnerschaft des Landes 209.570, die jüdische 777 Köpfe zählte, ergibt sich für diesen Zeitraum eine Zunahme der Gesammtbevölkerung um 0°72 Percent, während die jüdische Bevölkerung sich in der gleichen Periode um 29 8i» Perccnt vermehrt hat! Das Fürstenthum Bulgarien zählt nach der im Jahre 1888 vorgenommenen Berechnung 3,154.375 Einwohner, wovon sich 24.352 (7-72 pro mille) zum Jiidenthum bekennen. Doch wie bereits erwähnt, ist man in Bulgarien sehr genau in statistischen Dingen und hat herausgebracht, dass der Nationalität nach nur 23.541 Juden sind. Erkläret mir, Graf Oerindur ... In S e r b i en leben laut der Zählung vom Jahre 1890 2,162.759 Menschen, von welchen 4978 (2-2 pro mille) Glaubensgenossen sind. Die Schweiz beherbergt unter einer im Jahre 1888 gezählten Einwohnerschaft von 2,934.057 Seelen 8069 (3 pro nulle) „Israeliten". Portugal zählte im Jahre 1881 4,708.178 Einwohner. Davon waren — die Berechnung erfolgte nur annäherungsweise — ungefähr 400 Juden. Diese geringe Zahl — kaum 0'1 pro mille der Gesammtbevölkerung — steht in auffälligem Gegensätze zu der einstigen Dichtigkeit und Bedeutung der jüdischen Bevölkerung dieses Landes. Aenlich ist es in Spanien, wo in einer Bevölkerung von 17,650.234 Köpfen im ganzen 7060 (0'4 pro mille) Juden wohnen. Die Geschichte liefert den Commentar zu biefer Statistik. Griechenland mit einer bei der Zählung des Jahres 1889 sestgestellten Bevölkerung von 2,187.208 Seelen wird von 6000 (2°74 pro mille) Glaubensgenossen bewohnt. Die Bevölkerung Belgiens wurde im Jahre 1890 auf 6,147.041 Köpfen berechnet; von den 3000 (ungefähr 0-5 pro mille) dort ansässigen Inden leben mehr als die Hälfte in den Provinzen Antwerpen und Brabant, was hauptsächlich auf das Conto der beiden größten Landesstädte Antwerpen und Brüssel zu setzen ist. In den Niederlanden leben nach der Zählung des Jahres 1890 4,564.565 Menschen. Davon gehören 97.274, also 21*31 pro mille der mosaischen Evnfession an. Am zahlreichsten, wohnen die Juden in der Provinz Nord-Holland, was sich wieder durch die Lage der Haupstadt Amsterdam erklären lässt. Dieses kleine Ländchen mit seiner glücklichen geographischen Lage und dem beneidenswerten Wohlstände seiner Bewohner vertreibt seine Juden nicht, verfolgt sie nicht, und es sind recht viele dort, wie eben constatiert wurde. Sind denn diese Juden nicht eines Stammes mit denen in anderen Ländern, wo man behauptet, wirtschaftlich von ihnen erdrückt, ausgebeutet, von ihrer Presse beherrscht zu werden? Ja, eines Stammes sind wir Juden alle, wo immer wir uns niederlassen, und wenn da oder dort unser Gedeihen den anderen unbequem wird, so liegt die Schuld nicht an uns, sondern eben an den anderen. Ich erinnere mich der Worte eines reichsdeutschen Pnblicisten, die da lauten: „Wenn arische Capitalisten, statt ruhig auf ihren Geldsäcken zu sitzen, ihre Capitalien mehr dem Handel und der Industrie gewidmet hätten, wenn man die christliche Presse, statt ihr Lauheit und Interesselosigkeit entgegenznbringen, unterstützt hätte, wenn man christliche Banken nicht hätte — oft auf die unüberlegteste Weise — verfallen lassen, und vor allem, w e n n man den Fleiß, die E n t h a l t s a m k e i t und Sparsamkeit der Israeliten n a ch g e a h m t h ä t t e, so wäre die Macht dieser nie so gewachsen. Der beste Beweis dafür, dass wir mit unserer obigen Argumentation nicht ans dem Holzwege sind, ist England, wo die Presse fast durch vegs in christlichen Händen sich befindet und wo das einheinnsche (sie!) Capital dem jüdischen die Wage hält. Die Inden haben nur den Platz, den wir ihnen dank unserem Mangel an geistiger und commercieller Thatkrast freiwillig (!) eingeräumt haben, eingenommen, und an uns liegt es nun, zu zeigen, dass wir im Wege freier Concurrenz sine ira et odio imstande sind, das Versäumte nachzuholen, das Verlorene zurückzuerobern." Portugal mit seinen 400 Inden ist bankerott, Holland mit deren fast hnnderttansend ist reich und blühend. Das eine hat nicht allein die Behandlung der Inden verschuldet, das andere haben gewiss nicht die Juden allein bewirkt: aber symptomatisch ist dieses Zusammentreffen cultureller Thatsachen immerhin und belehrend zugleich für jene, die sich belehrcit lassen wollen. Literatur. Jahrbuch für Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. II. Band. Berlin, 1899. Verlag von Albert K a tz. Die moderne Zeit will es als ihr ureigenstes Verdienst in Einspruch nehmen, die Bildung selbst den untersten Volksschichten erschlossen zu haben. So. unangefochten und ungeschmälert ihr dieses Verdienst im allgemeinen auch bleiben mag, so hat sie doch hierin im gewissen Sinne einen Vorläufer im jüdischen Volke. Hier hatte schon in allerfrühester Zeit der Grundsatz allgemeine Geltung gewonnen, dass die Wissenschaft Gemeingut aller sei und nicht das besondere Privileg einer bestimmten Elasse von Menschen. — Und die jüdische Wissenschaft, sie war geradezu darauf angelegt, in die weitesten Kreise des Volkes zu dringen, weil sie gewissermaßen in dem Dienste der Religion stand, mit dieser, welche zn allen Fragen des menschlichen Lebens Stellung nahm — und mochten sie auch außerhalb ihres eigentlichen Gebietes liegen — die mannigfachsten Berührungspunkte aufwies. Man braucht ja nur den Talmud, dieses umfangreichste aller religionsgesetzlichen — 76 — Wart' mit Deinem Segen, bis Dir der Vater für die Erbsen den Chatat vom Leibe reißen wird! Hi, hi, hi hi! Er hustete wieder und blieb ein Weilchen stehen. No, geh' schneller, sonst kriegst Du was! Er hob die geballte Faust auf den Rücken des Juden, aber er schlug ihn nicht, er drohte nur. Aus dem tiefen Schatten der Weiden klang ein Seufzer. Ach, ach, ach! Aus dem Gute Ignatz Korejbas war das Herrenhaus, grau mit Stroh gedeckt und in zwei Hälften getheilt. In der einen Hälfte wohnte das Gesinde mit dem Geflügel, in der anderen der Eigenthümer und seine Familie. Die Tagesarbeit war eben erst beendet worden. In der Gesindestube kochte man das Nachtmahl für die Knechte und Mägde. Man hörte die rauhen Stimmen der Männer, das Lachen der Weiber, das Bellen des Hundes und das Gackern der Hühner, die durch das Licht aus ihren dunklen Winkeln aufgescheucht waren. Auf der anderen Seite des Flurs war auch ein großes Zimmer mit einem Bretterboden, reingeweißten Wänden, auch da brannte ein helles Feuer am Herd. Es kochte etwas in dem großen Topfe; der helle Schein des Feuers beleuchtet die Heiligenbilder an der Wand, die rothen Schränke, Tische und Stühle, den Webstuhl in der Ecke; durch die offene Thür sah man ordentlich gebettete Betten, eisenbeschlagene Kisten, Säcke mit Wolle oder Mehl gefüllt, auf der Wand hiengen Körbr, Siebe und auch Heiligenbilder. Jenes Zimmer war offenbar die Schatz- und Schlaskammer, dieses Esszimmer und Küche. Ignatz Korejba war erst vor einer Viertelstunde vom Felde heimgekehrt, wo er mit seinen Knechten die Wagen voll goldner Gerste gefüllt hatte, jetzt hatte er der Hitze wegen den Rock abgelegt. In Hemdärmeln saß er am Tisch, aus dem ein Laib Brod lag und Teller und Löffel vorbereitet waren. Er war klein, untersetzt, das Gesicht war rund wie ein Vollmond, die Haare grau und kurzgeschnitten. Die Haut des Gesichtes war kirschroth, die Stirne voller Falten, die rauhen, mit Schwielen bedeckten, hartgearbeiteten Hände gaben Zeugnis, dass das kleine, aber einträgliche Gut nur mit blutigem Schweiße und einer Unzahl von Entbehrungen erbeutet worden war. Trotz alledem war er die verkörperte Kraft und Gesundheit, sein Gesicht leuchtete vor Heiterkeit und Zufriedenheit. Ganz anders sah der neben ihm sitzende Verwalter aus Schumna aus; er war ein Mann in mittleren Jahren, groß, mager, mit einem langen und dunkeln Gesicht, mit unruhig flackernden Augen und einem schwarzen Schnurrbart über den Mund. Er trug einen schwarzen Rock und eine rothe Cravatte. Alle wussten, dass er sehr eitel und auch sehr geschickt war, er spottete über alles und alle. Heute auf der Heimkehr aus dem benachbarten Dorfe, wo er Arbeiter mietete, war er bei den Korejbas zu einem Plauderstündchen und frischen Kartoffeln, die eben gekocht wurden, eingekehrt. Er sprach mit dem Hausherrn von der Ernte, seine Augen aber schossen fortwährend zu dem blutjungen Haustöchterlein hinüber. Trotzdem sie erst fünfzehn Jahre alt war, hatte sie doch schon viele Gäste in das Vaterhaus gelockt; dieser Gast aber war ihr unangenehm. Das Mädchen war nicht groß und noch nicht erwachsen, sie trug ein Percailkleid, das die nackten Füße und den Hals nicht einmal bedeckte; sie lehnte am Herde und strich mit den sonnverbrannten Fingern über die Oberfläche desselben. Das Feuer vergoldete ihr Gesichtchen, das wie ein rothbackiger Apfel uussah, die grauen Augen glänzten, die mit einem rothen Band gebundenen goldenen Haare sielen lose den Rücken herab. Am Feuer beim Essen waltete die Hausfrau, die keinen Theil an dem Gespräche der Männer nahm — sie war groß und hager, ihre Stirne war ebenso gefaltet und die Hände ebenso abgearbeitet wie die ihres Mannes; aber sie war nicht so kräftig wie er, sie machte den Eindruck einer nicht ganz gesunden und beschränkten Person, ihr Mund war stets geöffnet. Lange Jahre hatte sie in Haus und Hof gearbeitet, viele Kinder geboren, erzogen und — begraben. Drei hatte sie bloß erhalten: das blühende Mädel neben ihr und zwei Söhne. Ignatz Korejba sprach gerade von seinen Söhnen mit dem Nachbar. Er hatte große Kränkunben. Der Stephan, der eben jetzt die Erdäpfel und Erbsen bewachte, wurde zu Peter und Paul zwanzig Jahre alt. In einem Jahre kommt er zum Militär. Und wie wird er sich ohne diesen Sohn in der Wirtschaft behelfen! Der Mensch wird alt, es wird schwer gehen. Und auf solange! Als Stephan klein war, gieng es ihnen noch schlecht. Er hat zuhause nur lesen und schreiben gelernt. Auf sechs Jahre muss er dienen gehen. Wer weiß, ob ihn unsere Augen noch sehen werden.... Während der Zeit kann ein Krieg ausbrechen.... und da wird dem Vater die rechte Hand bei der Arbeit fehlen.... Frau Korejba wandte sich dem Feuer zu, sie wischte sich die Augen. Der Verwalter frug seinen Schwiegervater in spe: Nun — und Janek? Der geht nicht zum Militär, er wird die Schulen endigen? Das runde rothe Gesicht Korejbas erglänzte wie von einein Sonnenstrahl durchleuchtet. Janek — Herr Nachbar! Ha, der wird auch fortgehen, freilich.... aber nicht zu den Soldaten, Advoeat soll er werden.... ha, ha, ha! Der Fratz ist gescheit und reißt sich zn den Büchern hin, wie der Jud zur Bibel.... „Vater, wenn ich die Schulen endige, geh' ich auf die Universität!" Geh' mein Sohn, sag' ich, lern' und Du wirst ein König werden! Und er darauf: „Kein König, aber ein Advoeat!" Soll's sein! Wenigstens wird ein Korejba es zu etwas bringen. Gott sei Dank! Jetzt kann ich meinem Sohne eine Erziehung geben .... Stephan hat's nicht gehabt, was ist zu thun? Es waren eben andere Zeiten?! Dafür wird er nach Beendigung seines Dienstes mehr bekommen .... Gerechtigkeit muss sein.... Ich werde keinem meiner Kinder Unrecht thnn und werde alle drei gleich betheilen.... Das Mädel ist auch mein Kind, sie wird soviel haben wie die Brüder .... ja.... Sr. Eomper Verwob lichen fl Wissens siele Be Eiuseiti Volk sel zeugte d auch di, fanden. r jüdische, nacht d< guität t in neue zanken velche Me se Gebiete, mit Bi uwählti legende Vereine o recht önnen, > l i rk e rage 9 )ott Gt cheinun >er nun rorgehol Ü a ch e öuches >ie arab ns recht iector £. ) ochsc welchen >erühmt acht mit 5 e c t e' chauunc m K a iU sein« ie Kabl >ar. — elass on M. liograpl rdeutsat ilden zi buttern is in isten ei .rckendet int trac chen F reifende (P ertrage elt." illunget äudcher >er 51 G. 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