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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-30 · 20 (30.6.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
20 (30.6.1899)
Date
1899-06-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. Juni 1800 Seite 5 dort nur deshalb keine antisemitischen Ausschreitungen statt-' gefunden, weil eben keine jüdischen Geschäfte sich dort befinden. Im ganzen wohnen 11, sage eilf ansässige Juden in Rennes. Nichtsdestoweniger kann sich die einstige Hauptstadt der Bretagne rühmen, ein antisemitisches Comite und zwei antisemitische Blätter zu besitzen, welche sich eifrig bestreben, den Rassenhass zn schüren. Die ganze Verfolg,mgswuth hat sich schon wiederholt gegen den Professor der Literaturgeschichte an der philosophischen Facultät, Dr. B a s ch, gekehrt, der von den fast durchwegs antisemitischen Hörern im Hörsaale bedroht, in seinem Hause in der Stadt belagert wurde, so dass er sich nur mit dem Revolver in der Faust gegen seine Angreifer schützen konnte. Die „Libro Parole“ hat in Rennes mehr als 500 Abonnenten; das Hanptcontingent der Antisemiten stellen die ans katholischen Erziehttttgsanstalten hervorgegangenen Universilätshörer, sowie die Arbeiter des Staatsarsenals. Allein Ulan fürchtet nicht den Ausbruch von Unruhen anlässlich des Zusammentretens des Kriegsgerichtes, wenn genügende Verstärkung von Militär eintrifft. Andererseits werden es die in Rennes wohnhaften Anhänger der cäsaristisch-clericalen Factoren nicht wagen, Unruhen hervorzurnfen, wenn nicht beträchtliche Unterstützung aus Paris eintrifft. Paris. (Antisemitische A u s s ch r e i t u n g e n in Versailles.) Die Antisemiten, welche durch Derouledes Fernbleiben um die vorbereitete Versailler Kundgebung gebracht waren, zogen vor die S y n a g o g e, zertrümmerten mit Steinwürfen die Fensterscheiben, überfielen den eben heimkommenden Oberrabbiner Moses Bloch, den sie erkannten, misshandelten ihn mit Stockhieben, Fußtritten und Faustschlägen und prügelten auch den zur Hilfe seines angegriffenen Vorgesetzten herbeigeeilten Synagogendiener. Polizei war nicht zur Stelle, da sie mit der Bewachung des Hoche- Denkmals und der Bahnhöfe in Anspruch genommen war. Paris. Eine Anzahl von Proeessen gegen antisemitische Schreier von der Straße sind kürzlich zur Verhandlung gekommen. Die Angeklagten sind milde genug behandelt worden, dafür, dass sie „Nieder mit den Juden" oder „Tod den Juden" in lieblicher Abwechslung bei deir Straßendemonstrationen brüllten, müssen sie nun ans 3 Tage in das Loch wandern. Schlechter fährt der Gerant des „Antijuif“ Chanteloube und der Mitarbeiter dieser Zeitung Mayence, welche beide wegen Verleumdung eines jüdischen- Hausbesitzers Hirsch zu je 15 Tagen Gefängnis und 1000 Francs Geldstrafe vernrtheilt wurden, sowie zusammen bem Kläger 10.000 Francs zu zahlen. Wenn alle die verleumdeten jüdischen Persönlichkeiten diesem Beispiele folgen tvürden, rvürde den antisemitischen Scribenten bald die Lust vergehen, zu verleumden. Einen anderen Weg hat der belgische Diplomat B i s ch o f s h e i in eingeschlagen, der sich durch einen Artikel in der „Libre Parole“ beleidigt fühlte. Er gieng in die Redactiou, fand dort den Verfasser Raphael V i a n und regulierte denselben mit einigen kräftigen Ohrfeigen. London. Am Montag, den 12. Juni versammelten sich die Mitglieder des Clubs der Mllkabäer, um einen berühmten Gast zu feiern, Prof. Haffkine ans Bombay, der zur Zeit hier weilt. Um den jüdischen Arzt zu ehren, erschienen in dem Club außer seinem regelmäßigen jüdischen Publicum noch viele christliche wie jüdische Celebritäten, darunter Lord Lister, der Erfinder der antiseptischen Wundbehandlung, unter den jetzt lebenden Medicinern einer der bedeutendsten. Pros. Meldola begrüßte den Ehrengast, schilderte seinen Lebenslauf und hob hervor, dass er gerade als Jude und noch dazu als russischer Jude besonders schwierig sich habe Geltung verschaffen müssen. Lord Lister pries die wissenschaftlichen Verdienste des Gefeierten, schilderte die Erfolge, die die neue Methode der Cholera- und der Pestbehandlnng, welche Haffkine erfunden, jetzt bei den Epidemien in Indien erzielt habe. Die Todesfälle an Pest sind durch die Impfung mit Haffkine'schem Serum um 90 Percent heruntergegange». Ebenso wie die Erfolge verdient aber auch der Charakter Haffkines die größte Bewunderung, denn der Gefeierte ist trotz seines Ruhmes ebenso bescheiden geblieben wie vorher, und seine Hilfsbereitschaft kennt auch noch jetzt keine'Grenzen. Mit herzlichen Worten, die auch dem Verhältnisse zwischen Inden und Christen gelten, brachte Lord Lister den Toast ans Haffkine ans. In seiner Antwort gedachte der Gefeierte der russischen Inden, seines Volkes, dem er mit Leib und Seele angehöre, und des Druckes, unter dem sie schmachten. Ans dem Verlaufe des Abends möge noch eine rührende Scene hervorgehoben werden: Rev. Charles Boysey, ein Christ, erhob sich zu der Mittheilung, dass seine Tochter, die gerade ans Indien, ans Currachn, angekommen sei, als sie gehört habe, er gehe zn einem Feste für Prof. Haffkine, ihm anfgetragen habe, demselben zn sagen, dass er ihres Gatten Leben gerettet habe. Man kann sich denken, welch ein Beifall bei diesen Worten losbrach. Bon Interesse ist noch das von einem Redner verlesene Gutachten der deutschen Cholera-Commission, zn der auch Prof. Koch gehört, weil dasselbe sich sehr lobend über die Haffkine'sche Methode ausspricht. So seien in der portugiesischen Colonie Daman 25 Percent der Bevölkerung an der Pest gestorben, von den geimpften 1645 Personen dagegen sind nur 90 erkrankt und 35 gestorben, d. h. nur zwei Percent. London. Die neuerschienenen „Transactions" des Vereines für Geschichte der Inden in England enthalten viel Interessantes. Dr. Adlers große Ansprache „Uebersicht über die jüdische Geschichte", die Rede von Joseph Jacobs „Der specielle Charakter der englisch-jüdischen Geschichte", ein Essay von demselben über „Aaron Lincoln", ein zweites von David Kaufmann über „Rabbi Zevi Aschkenasi und seine Familie in London", ferner noch eine größere Anzahl von kleineren Artikeln. Dieser Band reiht sich seinen Vorgängern würdig an. London. Die Monatsversammlnng der Anglo Jewisli .Association fand am Sonntag dxn 11. Juni statt. Die Einnahmen der Gesellschaft sind erheblich gestiegen, aber auch die Ausgaben, 1897/98 betrugen die Einnahmen 65.000 Mk., die Ausgaben dagegen circa 61.000 Mk., im Jahre 1897/98 aber 65.000 Mk. gegen 69.000 Mk., so dass sich. schließlich das Deficit noch vergrößert hat. Die Mädchenschule in Constantinopel, die früher große Schwierigkeiten hatte, weil die Eltern ihre Töchter nicht zur Schule senden wollten, ist jetzt so populär geworden, dass sich für die 50 freien Plätze 300 Kinder gemeldet haben. Die Versammlung bewilligte nur 240 Mk. für die Talmud-Thora in Damaskus, lehnte dagegen die beantragte Unterstützung für das jüdische Mädchenwaisenhaus in Jerusalem ab. — Einen wirklich enormen Aufschwung hat die Einrichtung genommen, jüdische Burschen zn einer Knabenbrigade zn vereinigen. Mit 60 Knaben fieng 1895 diese Organisation an, im folgenden Jahre hielt sie erstes Feldlager mit 18 Boys, dieses Jahr dagegen hat die Musterrolle 23 Compagnien mit 2000 Knaben und schon bei dem vorjährigen Feldlager betheiligten sich 400 Burschen. Am 18. Juni hielten die Londoner Compagnien der Brigade eine Synagogenparade ab, zu der die Dalston-Synagoze festlich mit Fahnen und Flaggen decoriert war. Rev. Hyamson hielt die Frierpredigt und eine besondere Auswahl von Psalmen wurde im Anschlüsse an den Mincha- Gottesdienst vorgetragen. Bedauerlich ist nur, dass diese Organisation sich stets in Geldschwierigkeiten befindet. Nett» - Dork. Die Zudringlichkeit einiger christlicher Missionäre, die das Jndenviertel in unserer Stadt durchziehen und von einem Wagen herunter Tractätchen vrrtheilen und Predigten gegen die jüdisch: Religion halten, hat zn argen Tumulten und Schlägereien zwischen Inden und Christen geführt, der die Polizei durch Verhaftung der Missionäre ein Ende machte. Der Bürgermeister Van W y ck hat ein Verbot dieser Missionsthätigkeit erlassen, aber die Missionärs wollen sich nicht daran kehren, denn sie betrachten es als ein Martyrium, mit dem sie sich den Himmel erwerben können, wenn sie von den Inden mit faulen Eiern beworfen werden. Bequemer ist es freilich, als wenn sie sich nach alter Märtyrerart müssen kreuzigen oder verbrennen lassen, oder bei den Heiden Afrikas ihr Leben auf das Spiel setzen. Melbourne. Das Comite für jüdische Erziehung hat am 30. April seine Generalversammlung abgehalten, bei welcher Gelegenheit constatiert wurde, dass in den Gemeindeschnlen 324 Schüler Religionsunterricht erhalten. Einen wichtigen Erfolg hat das Comite dadurch aufzuweisen, dass es ihm gelungen ist, in den höheren Schulen ebenfalls Religionsunterricht einznrichten. — Professor Heinemann, der bis vor kurzem den Lehrstuhl des Deutschen an der Universität Otago in Neuseeland eingenommen hatte, verlässt die Colonie, um nach London zurückzukehren. Bei seinem Abgänge wurden ihm große Ovationen dargebracht. — 78 — Eigenthümlicherweise bewegten sich in den Augenblick. als Korejba von der gleichen Vermögensbetheilung seiner Kinder sprach, die Ohren des Herrn Verwalters aus Schumna, seine honigsüßen Blicke aber wandten sich wieder dein am Herde stehenden Mädchen zu. Ganz unerwartet, und so laut, dass Korejba die Augen aufriss, rief er: Grad' oder ungrad', Fränlein Judwiga! Es war dies ein ungewöhnlich geschickter Anfang eines Gespräches mit der jungen Heldin. Aber anstatt zu antworten, sprang das Mädchen auf und lief ans dem Zimmer, auf der Schwelle hörte man ein lautes Klopfen und zugleich ein helles Gelächter! Das Klopfen kan, von dem Zusammenstoß zweier Köpfe! „Das macht nichts!" Das Mädchen hielt sich an der Schläfe, wälzte sich aber dabei beinahe vor Lachen, und auch der sechzehnjährige Junge, der in einer Leine,iblouse, die Flinte auf dem Rücken, hereingesprungen war, lachte; in der einen Hand hielt er seine Mütze mit den, Schulzeichen, in der anderen zwei tobte Vögel, die er auf den Tisch warf. Hinter ihm sprang ein Hund in die Stube, er war so kothig, dass man die Farbe seines Felles nicht mehr unterscheiden tonnte. Aus der Kleidung des Jungen konnte ,nan erkennen, dass er von der Jagd kam. Die Stiefel waren kothig, der ganze Anzug feucht vom Thau der Wiesen. Das Gesicht, rund wie das der Schwester, nur nicht so blühend, war von Schweißtropfen bedeckt, ein Ausdruck des Triumphes belebte es. Zivei Fasanen hatte er getödtet! Das Genie der Familie brachte alle in Aufruhr! Fasanen, Herr Nachbar, fett, wie mit Butter übergossen,- seht nur, wie der Kerl schießen kann! Ha, ha, ha! frohlockte der Vater. Und er lachte aus vollem Halse. Der Verwalter aeeompagnierte mit seiner Bassstimme; er frug Janek, auf welchen Wiesen er gejagt, gab ihn, Rathschläge und bot ihm seinen eigenen Hund an; auf Ehrenwort, einen echten Jagdhund! Frau Korejba nahin dem Sohn' die Flinte ab und wischte ihm den Schweiß von der Stirne. Judwiga, noch immer lachend, packte den am Herde stehenden Kopf. Der junge Schütze war gleich nach Tisch ausgegangen, er musste hungrig sein. Man stellte Teller voll saurer Milch und eine ungeheure Schüssel voll dampfender Kartoffeln nüt Speck auf den Tisch. Es wurde licht und lustig. Das Feuer an, Kamin brannte hell. Frau Korejba stellte noch einen Messingleuchter auf den Tisch. Zu Ehren des Gastes waren Zinnlöffel herausgenommen worden; sie glänzten wie Silber und klangen hell an die Teller, auS denen man die saure Milch, die mit einer Schicht rosigen Rahn,es bedeckt war, schöpfte. Korejba trank dem Gaste zn; es war Kirschenliqueur häuslicher Arbeit. Frau Korejba häufte dem Gaste und den Kindern fortwährend Essen aus die Teller. Der Verwalter naschte sich die Milch vo», Schnurrbart und präsentierte dabei seinen goldenen Ring; er warf Judwiga, die auf der Bank kniete und nüt dem Bruder aus einer Schüssel aß, süße Blicke zu. Sie war sehr heiter und schlug mit den nackten Füßen den Tact zu irgend einer Melodie, ja sie entschloss sich sogar, nüt bewölkter Miene, den unangenehmen Bewerber zu antworten. (Fortsetzung folgt.) G r d a l j e. Nach dem Polnischen der Elise Orzeszk o. - Deutsch von Flora Landesberger. II. Die heisere leise Stimme erwiderte: Di! oj! soll mich der gnädige junge Herr lassen ... ich geh' zum Schanker auf die Nacht.. . Oj, was für ein Gericht! Die Erbsen wachsen so am Weg! Warum wachsen sie so schön? Ich kenn' den Vater von, gnädigen jungen Herrn ... er soll das Glück haben, was ich ihm wünsch' ... er sott sich ein zweites Gut kaufen .. . soll ihm das Feld lauter Gold geben ... soll er, na soll er hundert solche schöne Söhne haben, wie der gnädige Herr! In der Dunkelheit sah man den Ausdruck seines Gesichtes nicht, bei jedem Satz neigte er sich; der derbe Bursche aber hatte sich schon abgekühlt, denn er brach in ein Gelächter ans: Ein schöner Segen das! — rief er — hundert Söhne! Gut rnvcht' mir 's gehen, wenn ich neunundneunzig Brüder hätt'! 9ta, Du Heidenseele, wirst nichts erreichen, wirst mich mit Deinen Segenswünschen nicht herumkriegen! Marsch, vorwärts, ich folge Dir, wie der Soldat den, Arrestanten. Zum Bater, er soll richten! Ei„v, zwei, drei, marsch! Er ahmte die Bewegungen eines Soldaten nach, „ahn, den Stock auf den Arm und schritt hinter dem Juden her, der „lühsam den Pack auf den Rücken nahm. Durch das Lachen ermuthigt, sagte er: Nu, ich werd' gehen! Warn,,, soll ich nicht gehen; Kenn ich denn den gnädigen Bater nicht? Weiß ich nicht, dass er dem arrnen Gedali nip schlechtes thun wird? Ich kenn' den Herrn Ignatz Korejba von damals her, wo er noch in seiner Heimat... in Korejba wohnte ... Jetzt sind schon fünf ^zahr, dass er gekauft hat das Gut. .. Gott soll ihm Gesundheit geben! Bor ihm furcht' ich mich nicht! Er ist jein barmherziger Mensch! Trotz dieser Versicherung hörte man es dem Zittern der Stimme, ja sogar dem Lachen an, dass er sich fürchtete. Mit gebückten, Rücken und gesenktem Antlitz ging er weiter. Sein Athen, ward lauter, die Stimme noch heiserer, er hüstelte einigeinale und spie aus. Der Verfolger schritt dicht hinter ihm. Bald waren sie am Eingänge der Weidenallee angelangt. Rechts n,n, marsch! commandierte laut der Sohn des Besitzers. Der Gefangene lachte leise und heiser. Hi, hi, hi, hi! Wie der junge Herr lustig is! Gott soll dem jungen Herrn Gesundheit geben!

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