Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 19 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite G Wien, Freitag .Tfulisolies Volksblatt Juni IS99 Nr. 19 streiten sich diese Beklagenswerte!! wie um eine Reliquie, da auch ein solcher Verdienst selten ausfindig wird. Es ist nicht möglich, Ihnen ein treues Bild von dem Jammer und Elend, das unter diesen Arbeitern herrscht, zu entwerfen, und doch fiimmert sich niemand um diese trostlosen Wesen. Ihre Seufzer und ihr Aechzen verhallen in dieser von aller Welt getrennten und unbeachteten Gebirgsgegend. Um diesem Elend nach Möglichkeit zu steuern, haben wir liier ein Hilfseomite geschaffen, mit der heiligen Aufgabe, all unsere Kräfte diesem heiligen Zwecke zu widmen, das Wohlwollen und die Barmherzigkeit aller Menschenfreunde wachzurufen und diesen arbeitsfähigen, verhungernden Arbeitern Arbeit zu verschaffen oder für dieselben Geldspenden entgegenznuehinen, damit dieselben mit etwas Geld versehen, answandern könnten, um nicht vor unseren Augen mit Frau und Kindern zu verhungern. Wir ersuchen Sie mm im Namen so vieler hungernder Familien, uns in diesem heiligen Werke ihre Unterstützung ebenfalls angedeiheu lassen zu lvvlleu, auf ivelche Art immer Sie es für gerathen verstehen werden. Mögen die hundertfachen Seufzer, die den gedrückten Herzen dieser Unglücklichen entströme», Ihre rege Theilnahme erwecken, Ihren Einfluß für diese Unglücklichen geltend zu machen. Ihre werte Antwort erbittend, zeichnen wir mit aller Hochachtung H i l f s c o m i t e" i n Svlotwina. Galizien zur Unterstützung der arbeitslosen, jüdischen Arbeiter der Tzwiniaczer-, Starnnia- und Molotkower Erdivachsgruben. M. B i t t i g. E. A l i g. Leib Saut nt a rt n. Literatur. Nerrhedriirsches. Achicsicsi, literarischer Almanach für das Jahr-'Müll, sechster Jahrgang, Warschau 1898 (hebräisch). Seit sechs Jahren wird von der nenhebräischen Verlagsanstalt „Achicsicsi" alljährlich ein Almanach, versehen mit dcn Prodnctionen der neuhebräischen Schriftsteller, in die weite Welt hinaus gesandt. In den ersten zwei Jahren war ein gewisses festgesetztes Programm in diesem Almanach vorherrschend, ein Streben beseelte jeden Aufsatz, und alles gieng ans einen Zweck und eine Idee aus. Jetzt ist es anders. Der Grund ist erklärlich: der bekannte und höchst sympathische Schriftsteller Achad-Haam (Pseudonym für U. Sinzberg) gab die Redaction des Almanach auf. Nach dem vorausgeschickten satirischen Gedichte von „Achicsicsi" folgt ein Aufsatz von dem beständigen Achiascsi-Mitarbeiter Tr. Bernfeld, der „Ueber die verschiedenen moralischen Strömungen im 19. Jahrhundert" betitelt ist. Pompöser Name, nicht wahr? Oder vielleicht journalistisch, denn Dr. B. ist auch nicht mehr als Journalist. Hauptsächlich behandelt er die Ansichten Nietzsches und Ibsens auf den Dcmokratismns. Er ist bemüht, die Richtigkeit ihrer Lehre in Bezug auf den Demokratisnms zu beweise««, sowie sie auch auf dcn Eultnrstand der Judcnheit in Westeuropa anznwenden. Seitdem das Jndenthrun ein Herdenjlldenthllin geworden ist, bat es viel von seiner Bedeutung und seinem inneren Werte verloren. Es hatte Abbröckelung, Zerrinnen und Verflachung zur Folge. Dr. B. steht das Heil des Jndenthnms nur in einzelnen, in wenigen, in „Herrenjuden". Tie vor unseren Augen nenetttstandene nationale Bewegung freut ihn in mancher Beziehung, aber nur in n: a n eh e r. Er fürchtet, dass die Wiederbelebung der jüdischen Nation eine solche der Masse (der Viel-zu-Vielen) werden kann. Es wundert mich, dass Dr. Bernfeld, der in der nenhebräischen Monatsschrift „Hafchiloah" immerwährend ans die „Jnnghebräer" losschimpft, sie sogar... als verdannnte „Nietzscheaner" hinstellt, plötzlich ein übermenschlich vornehiner Jude geworden ist. Er — Herr Dr. B. — weiland Zionist, später Bekämpfe:' des Nationalismus, ist wieder plötzlich national-sentimental geworden, der das Glück des Jndenthums und des Zionisnms in der Wissenschaft des Jndenthnms sieht. Unbegreiflich. Wir möchten jedoch Herrn Dr. Bernfeld sein Gedächtnis empfehlen, damit er seine unzähligen und täglichen Widersprüche ivnhrnehmen möge. Es wäre viel besser und gescheiter, wenn Herr Dr. Bernfeld, der eine Unmenge Aussätze alljährlich über das Jndenthnm veröffentlicht, uns einmal einen Aufsatz „Was i st daS Jndenthnm" bescheren wurde. . . Ans diesen Aufsatz folgen: Ein sehr tief und ivarm enipfnndenes Gedicht von A. Schapira, der seinem subjectiven wie jüdischen Schmerze in diesen: wirklichen Seeleuergusse Ausdruck verleiht; ein Aufsatz von Rosenfeld über die Rabbinerfrage in Russland, eine Erzählung von dem irr den Siebzigerjahren bekannte«: Novellisten Brandstetter und sechs Essays von Doetor M. I. Berdyczewsky. Es sind sehr interessante Essays über Norden«, Herzl, Birnbann: (Mathias Acher), Lublinski, Achad- Haan: und Ben Jehudah. Dr. Berdyczewsky ist als Revolutionär in der nenhebräischen Literatur bekannt. Gegen ihn haben schon viele, sehr viele jüdische Schriftsteller Pulver aus ihren Phrasentaschen verbraucht. Der erste Essay beginnt mit Nordau. „Nordau", meint Dr. B., „der Mann, der jetzt bei den Jude«: so gefeiert wird, ist nicht mein Gefeierter. Nordau, der Bielgelob'.e, ist mein größter Feind, oder viel richtiger, er ist der heftigste Feind aller meiner Heiligthümer und Ideale außerhalb der jüdischen Grenze." Darauf folgt eine Charakterisierung Nordnus als Schriftsteller und Heiligthümer-Zerstörer, der alle Werte der neuen Cultur ohne Sin«: u«:d Verständnis brutal mit den Füßen zerstampft. Manchmal stiehlt sich Dr. Nordau i«: das Lager jener Entarteten hinüber, will dichten nach ihrer Art, schaffen nach ihren: Schaffen, aber er kann nicht. Mit einem Worte: alles, was Nordau Decadence nennt, heißt in Berdyczewsky'scher Uebersetznng Renaissance. Das ist sein Verhältnis zu Nordau „außerhalb des jüdischen Lagers". Wie er nur mit ihr:: bei seiner Volkssache zusammenkonunt, so schivindet sein Groll gegen ihn gänzlich. Auch Nordan «vird ein anderer. Nordau wird Dichter. Durch und durch. Als Beweis dafür eitiert er einen von Nordau in der palästinensischen hebräische«: Woche«:schrist „Haschkasah" („Revue") veröffentlichten Aufsatz über das jüdische Messias-Ideal und dessen psychologischen Unterbau. „Aber" — endet der Essay — „verstünde Dr. Nordan den individuellen menschlichen Wert, ebenso wie er den Wert einer sociale«: Gruppe, eines Volkes zu würdigen versteht, könnte er auch die Bestiimnnng des Nie,sichen, der schließlich der Endzweck des Volkes ist, begreifen, er hätte auch anders gesehen." Diese Thcilnng zwischen Nordan „außer- und innerhalb der jüdischen Grenze" ist zu verstehen. Sie ist ans de»: «Mieren Eonflicte des modernen europäischen Inden zu erklären; sie ist aber falsch. Eine solche Theilnng kann nicht richtig sein. Dennneiation bleibt Dennnciatio«: und nicht Hohelied, «venu es dernsch, russisch, englisch oder hebräisch geschrieben ist. Man kam: nicht rohe und brutale, geineine und billige Ausdrücke gegen Tolstoi, Nietzsche, Dostojelvski n. a. gebranchc«: und sich für Jehudah Halevy, Spinoza und Heine begeistern. Liebe und Hass, Vornehmheit und Gemeinheit, Ja «u:d Nein sind internationale Begriffe. Es ist unmöglich, zu Napoleon hinaufzusehen n«:d mit dem ersten besten Liimmel Brüderschaft zu trinken. Der ziveite Essay ist über Dr. Herzl. .. „Herzl, der sich in der Literatur als Dichter «ücht behaupten konnte, ist ein großer Dichter in: Leben. Auf der Arena des Lebens versteht er gewaltige Dramen zu schaffen, Heldeir, Gefühle, Gedanken hcrvorzubringen." . . Möglich, dass seine g e d r u ck t e >: Drainen nie mehr auf die Bretter gebracht werden, aber jenes große, auswendige Drama, das er uns dort in Basel schuf, lebt in «ins, es ist ein eigenthünckiches Drama, eines der größten, die je durch Menschenhände geschaffen worden sind." „. .. Seine Figuren sind Schatten, ohne Geist und Körper,, und nur sein Geist, der in ihnen lebt, inbei«: er in sie ein modernes Thema, eine Tendenz aus der Gegemvart hineinhancht, erhält sie bis zu einer gewissen Zeit. Seine lebendigen Figuren aber, dort in Basel, sind willensstarke Männer, die von einer Wiedergeburt ihres Volkes träumen; Leute, derer: Wirkung arrf uns nie verivischt rverden kann." „. . . Jenes erhabene Gefühl, das sich eines jede«: in der historischen Abenddämmerung zu Basel bemächtigte, im Momente, in dem alle zu einer Stunde zusammentrafen, um das alte, unterjochte, tiefgebeugte Volk wieder aufzurichreu, und Sclaven zu Königen wurden, theilte sich der gesammten Judenheit mit. Auch jene Juden, die dort nicht waren, hatten das stolze Gefühl. . Ferner eitiert Dr. Berdyczeivsky die Worte Herzls über die geistige Wiedergeburt Israels. U«:d das geistige Elend unseres Volkes steht bei Dr. Berdyczeivsky über allen:. Der dritte Essay ist über Dr. N. Birnbaum, jetzt Mathias Ach er ge::an«:t. Er bespricht den jungen Nathan, den Schwärmer ins Blaue, der später zum reifen Acher wurde. Es beugt sich alleswieder und wieder, um dessen Inhalt seinem Gedächtnisse einzuprägen und in süßen: Traume vom Lieblinge zu entschlummern. Ein Tag folgte dem anderen. Moriz schrieb sehr oft an seinen Vater, besuchte fleißig die Collegien und lernte den studentischen Leidenskelch bis ans die Neige leeren. Doch niemals verlor er die Lernlust oder den Muth. Je näher sein erstrebtes Ziel rückte, desto mehr wuchs auch die Kraft in ihm, es zu erreichen. Mit vorzüglichem Erfolge bestand er die exnminn und erivartete de«: Zeitpunkt, wo seine Mühe Anerkennung, in Form eines Doctordipkoms finde«: sollte, unterließ es aber nicht, seinem Vater mit beredeten Worten alles zu berichten. Inzwischen ward der alte Jude immer älter und sank endlich altersschwach aus das Krankenlager. Der vernichtende Kamps ums Dasein, um sein tägliches arnsieliges Brod, verzehrten die Kräfte des „Kautscyukjnden", doch schrieb er die eingetretene Schwäche seiner freudig erregten Erwartung zu. „O! Ihr werdet sehen" sprach er zu den Nachbarn, die erschienen, um ihn: zur Standeserhöhung seines Sohnes zu gratulieren. „Ihr werdet sehen, dass ich gesund werde. Mein Moritz wird in Kürze heimkehren, aber bereits als Doetor — er wird mir etwas verschreiben, ordinieren — und seine Ordination wird mich kräftigen und mich wieder ans die Beine bringen. Der große, für den arinen Alte«: so bedeutungsvolle Tag, der ihm soviel Freudiges bringen sollte, nahte heran — sehnsuchtsvoll erivartete er die Ankunft seines Sohnes, der geschrieben hatte, dass er an: Tage seiner Promotion heirureisen werde. Obwohl der Alte sich anstrengte, das Lager zu verlassen, dainit seinem Sohne die Freude des Wiedersehens nicht durch die Krankheit des Vaters getrübt werde, tonnte es ihm nicht gelinge». Die typhöse Fieberglut überstieg die Kraft des armen Greises. /Moritz hatte von der Erkrankung seines Vaters keine Ahnung, doch erstarb in ihm die Freude des Wiedersehens, als er bei seiner Heinckehr die Nachbarn erblickte, die gleichsam als Unheilverkünder ihn an: Bahnhof erwarteten. Hingerissen von wehmuthsvollen: Schmerz, stürzte er in das Stübchen seines Paters. Der Alte erhob sich im Bette, ein freudiger Schirumer, erhöht durch bi«. Fieberglut, glänzte in seinen Augen, er breitete die abgqnmgerten knochigen Arme ans und beide vergossen in herzlicher Umarmung Wße Freildenthränem über das glückliche Wiedersehe«:, gelobend, dass sie fortan unzertrennlich beisammen bleiben wollten. „Ach, «vie wohlthuend ist es" sprach diese Alte schluchzend. mit heiserer Stimme. „Wie gnt, wie selig ist nur hier in: Hinzeri, aber h,ie:>, hiyr schmerzt und brennt es entsetzlich" sägte er hinzu, nach den: Kopse w,eisen.d> -in-welchen der sich nahende Tod bereits seine Krallen ehjgrub. „Aber Dubist bei ,«:ir, mein Sohn, mein Doetor! Verschreibe mir ctipas und ich werdbe nvieder gesund und kräftig rverden. Dam: leben wir z^ainmon in Fveüds'Mnd'Glück".- - -'j Der' jnNge^ Arzt konnte sich der mit voller Kraft in seine Auge«: drängrnden. Thrctnennicht - enthalten und weinte bitterlich. Er sah und fühlte, dass es ,zn Errde gehe, dass sein Vater bereits dein Tode verfallen «md nichts mehr imstande sei, ihn demselben zu entreißen, dessenungeachtet verschrieb er ein Recept und flog in rasender Eile da«nit in die Apotheke. „Gib her, gib nur schnell her, mein Sohn!" bat der Alte, als der Arzt zurückkehrte, und trank gierig, mit fiebernden: Munde die ihn: dargereichte Medien«. — „Ach — wie — das «vohl — thut" stammelte er unzusarnmenh äugend. Das — wird — wird Helsen — das — das hat nur-mir mein - — mein Moritz ver — verschrieben, er — — der Doet-der Doetor" — und verschied. — G e d a l j e. Nach dem Polnischen der Elise Orzeszko. — Deutsch von Flora L a n d e S b e r g e r. J. Ueber der weiten Ebene lag die durchsichtige Klarheit eines Sornrnerabends. In der beginnenden Dämmerung sah man die gelben Felder, der Steg zeichnete sich durch eine weiße Linie ab, die Blumen zitterten in: Abendwinde, die Obstbänme nahmen eigenthümliche For««:en an, und die Pappeln ragten wie schlanke Säulen über den niedrigen Haushahn des kleinen Vorwerkes. Auf der einen Seite des Hinnnels sah n:an noch die Purpnrstresien der untergehenden Sonne, an der anderen hatten sich die Wolke«: so verdichtet, dass sie das Symbol der hereinbrechenden stacht bildeten. Die Luft war warm, es herrschte völlige Windstille. Die Grillen zirpte«:, hie und da flog eine Fledermans ans, die ebensoschnell wieder verschwand; an den Weideplätzen vernahm das Wiehern der Pferde und nmnchinal die Flöte des Hirten.. Sonst schlief schon alles; Vogel, Hornvieh und Jnsecten, auch Menschen, sah und hörte man nicht. Nur die Lichter auf den: Voriverk zeugte«: für ihr Daseim In die Däinmerung und Stille der weite«: Ebene schritt nur ein Mann ans vem schmalen, an beiden Seiten von Weiden unsiäumten Wege dahin. Er gieng nicht ans das Vorwerk, sondern wandte sich den Feldern zu. Hier beleuchtete ein letzter Sonnenstrahl seine hohe, etwas gebückte Gestalt, mit dem Bündel auf den: Rücken. Er trug einen langen Nock, der bis zu den Füßen reichte, eine zerdrückte, zerrissene Mütze, und schiefgetretene, staubbedeckte Stiefel. In der Hand hielt er einen Stock, auf den er sich stützte. Cr gieng sehr langsam. Seit einigen Wochen herrschte hier eine große Dürre, der Weg war sandig. Die Fuße des Wanderers stießen an Steine oder sanken tief im Sande ein, ganze Wolken Staub anfwirbelnd. Der Mann hatte den Kops gesenkt; sein Athen: gieng schwer und rasselnd, man hörte ihn deutlich in der Stille des Abends. Einmal siel ein Lichtschein ans sein Gesicht; es war ein schurales, von einem schwarzen Bart umgebenes Antlitz, wachsgelb, mit hervorstehenden Backenknochen, halboffenem Munde und zur Erde gewandtem Blick; Er blieb stehen um auszuruhen, konnte sich jedoch nicht anfrichten, weil er das Bündel nicht hernnternahn:. Er stand, ans den Stock gestützt, und hob-