Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 19 (23.6.1899)
- Date
- 1899-06-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Wien, Freita« Jüdisches Volksblatt 23. Juni 1899 Seite 5 Culturverhältnisse vieler, namentlich außereuropäischer Länder liegen, andererseits aber auch —^ und dies gerade in Europa — in der Nichtberiicksichtignng der Confession bei der Volkszählung mancher Staaten, die sich eben strenge an das Princip halten, die Confession sei eine Privatsache, die den Staat nichts augehe. Welch greller Contrast! Während in manchen Staaten soviel — ich möchte sagen zuviel — Gewicht ans die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religivnsgenossenschast gelegt wird, finden es andere nicht einmal der Mühe wert, sich über die Zugehörigkeit zu informieren. Trotzdem erhält man, soweit sich nur derartige statistische Nachweise über die Höhe der jüdischen Bevölkerung in den Staaten sämmtlicher fünf Erdtheile erbringen lassen, ein Bild von der numerischen Stärke und Berrheilung unserer Glaubensgenossen ans dem Erdbälle. Ich werde mich heute mit den außereuropäischen Staaten befassen, um nächstens dann nach Europa überzugehen. In den vier Erdtheilen Asien, Afrika, Amerika und Australien müssen behufs Aufstellung einer Statistik die einzelnen Ländergebiete in solche geschieden werden, die selbständig d. h. von keiner äußeren Macht abhängig, und in solche, welche Cvlouien oder Vasallenstaaten europäischer Mächte sind. Besonders die ersteren legen infolge der zumeist noch niedrigen Cultnrstnfe, auf der sie stehen, oder tvegen des zähen Widerstandes gegen europäische Einrichtungen dem Statistiker große Schivierigkeiten in den Weg. Fassen wir zunächst Asien ins Auge, so lässt sich fiir das bedeutendste und interessanteste seiner unabhängigen Staaten, für das „Reich der Mitte", absolut keine sichere Grundlage für die Berechnung der Gesammtbewolinerschaft überhaupt und deren confessionelle Zugehörigkeit insbesondere aufstellen. Die Größe der Gesammtbevölkerung Chinas wird in der einen mir vorliegenden statistischen Erhebung mit 360,250.000, in einer anderen, ans demselben Jahre stammenden mit 402,734.977 Seelen angegeben. Soviel ist sicher, dass fast gar keine Juden in China ansässig sind. Dasselbe gilt von Japan mit seinen 40 Millionen und von Siam mit 6 Millionen Einwohnern. In Persien leben nach einer im Jahre 1881 veranstalteten, ziemlich verlässlichen Zählung 7,653.000 Menschen, wovon 19.000 Juden sind, also 2'48 Percent pro mille*) der Gesammtbevölkerung. A f g h a n i st a n mit seiner annähernd auf 4 Millionen berechneten Bevölkerung beherbergt ungefähr 14.000 Juden (3*5 Percent pro mille). Von den im Besitze einer europäischen Macht stehenden asiatischen Ländergebieten wird Britisch- Indien, dessen Einwohnerzahl nach der im Jahre 1891 vorgenommenen Zählung 282.077.060 beträgt, von 28.000 Inden, das ist 0°1 Percent pro mille Glaubensgenossen bewohnt. In den übrigen britischen Besitzungen Asiens wohnen keine Juden. Dagegen ist die Zahl der in den asiatischen Provinzen der *) Ich wähle hier und im Folgenden die Berechnungsart nach pro mille, da die nach Percenten für die großen Zahlen, die in Betracht kommen, sich nicht gut eignet. Türkei lebenden Glaubensgenossen eine bedeutende. Im Jahre 1887 wurde die Gesammtbevölkerung dieser Gebiete auf 12,700.000 Köpfe veranschlagt, und es ergab sich,' dass darunter 194,800 Inden, also 15*34 Percent pro mille der gesammten Einwohnerschaft waren. Die russischen Besitzungen in Asien (Sibirien, K a u k a s i e n und Centralasien) zählten im Jahre 1885 16,925.345 Bewohner, worunter sich rund 40.000 (2*36 Percent pro mille) Inden befanden. Von den unabhängigen Staaten Afrikas ist vor allem Abessinien zu nennen, dessen Einwohnerzahl auf 2*5 Millionen geschätzt wird. Dort leben in der Provinz Simen die sogenannten F a l a s ch a s, Inders, die wahrscheinlich nach der Niederwerfung der jüdischen Erhebung durch die Römer nach Abessinien answanderten. Seit fast zwei Jahrtausenden sind sie im abessinischen Hochlande ansässig und — unbehelligt geblieben. Lässt sich dieser in der Geschichte unseres Volkes einzig dastehende Fall ans der Sympathie der übrigen Bevölkerung des Landes für die Falaschas erklären? Möglich, denn die Abessinier, die in ihrer Mehrzahl koptische Christen sind, beobachten selbst sogar neben der Beschneidnng auch die mosaischen Speisen- und Reinigungsgesetze, die ©nO&atfjCjeLtigung | u. s. w. Die Zahl der jüdischen Bewohner Abessiniens beträgt nach einer Schätzung, die noch unter dem italienischen Protectorate vorgenommen wurde, rund 200.000 Köpfe, also 80 Percent pro mille der Gesammtbevölkerung Abessiniens. Wenn ich das staatsrechtliche Zwitterwesen Aegypten zu den autochthonen selbstüudigen Staaten zählen darf, so leben dort unter einer durch die Zählung des Jahres 1882 festgestellten Bevölkerung von 6,817*265 Seelen ungefähr 8000 (1*18 Percent pro mille) Juden. Im Sultanat Marokko leben 6,140.000 Menschen, worunter rund 200.000 (3*25 Percent pro mille Glaubensgenossen sind. Das Beyleg Tunis wird geinäß der im Jahre 1883 vorgenommenen Schätzung von 1*5 Millionen Menschen bewohnt. Juden gibt es daselbst 45.000 (30 Percent pro mille). Von den europäischen Besitzungen in Afrika hatte das französische Algier bei der Zählung des Jahres 1686 eine sesshafte Bevölkerung von 3,817.306 Köpfen. Davon sind 43.000 (11*26 Percent pro mille) Juden. In den britischen Gebieten Afrikas wohnt nur eine verschwindend kleine Anzahl von Glaubensgenossen. In Amerika lässt sich die Zahl namentlich der in den Republiken des südlichen und mittleren Theiles dieses Continentes lebenden Juden meist nicht ermitteln, da diesbezügliche statistische Nachweise fehlen. Im allgemeinen tvohuen in Süd- und Mittelamerika sehr wenige Glaubensgenossen. In dem größten dieser Staaten, in Brasilien, dessen Bevölkerung nach der im Jahre 1888 veranstalteten Zählung 14,602.335 Seelen beträgt, ist die Zahl der Akatholiken im Ganzen 27.766 Köpfe. Auf die Juden dürfte von dieser Zahl nur ein ganz kleiner Brnchtheil entfallen. Von den südamerikanischen Republiken lassen sich nur für Per n genaue Angaben machen..!Dort leben 2,971.924 Menschen. Davon sind nur 498 „Jsraliten", wie constatiert wurde. In Nordamerika bietet die Eintheilnng der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, für welche die im Jahre 1890 vorgenonnnene Zählung eine Stärke von 62,860.885 Köpfen ergab, nach ihrer Confession ein interesiantes Bild. Die folgende Tabelle möge es veranschaulichen : Katholiken 3/177.000 Presbyterianer 1,229.000 Methodisten 4,980.000 Congregationalisten 402.000 Baptisten 4,202.000 Juden 14,000 Lutheraner 1,08(».000 Mormonen lio.ooo Episeopate 480 000 Menoniten 100.000 Neforulierte 283.000 Freunde 107.000 Unitarier 20.000 Adventisten 9.8.000 Universalisten 38.000 Dunkards 00.000 In B r i t i s ch - N 0 r d a m e r i k a wurden im Jahre 1889 5,075.855 Einwohner gezählt. Von diesen bekennen sich 2537 (0*5 Percent pro mille) zum Judenthnm. In Australien endlich, welches mit der Insel Tasmania nach einer Berechnung aus dem Jahre 1889 eine Bevölkerung von 3,046,768 Köpfen zählt, leben 12.188 (4 Percent pro mille) Juden. Auf Neu- Seeland mit den umliegenden Inselgruppen wohnen 662.260 Menschen, wovon 2650 (4. Percent pro mille) Glaubensgenossen sind. Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redacteur! Gefertigtes Hilfsconnte der hiesigen israelitischen arbeitslosen Erdwachsgruben Arbeiter erlaubt sich, im Vertrauen auf Ihre allbekannte Humanität, Ihr geneigtes Wohlwollen für Nachstehendes zu erbitten: Dass die neuen Bergpolizeivorschriften den Ruin vieler Arbeiter herbeiführten, dürfte Ihnen wohlbekannt sein, und sind auch schon verschiedenerseits Actionen eingeleitet worden, um für die Boryslawer Arbeiter Abhilfe znschaffen. Nun sind aber auch bei uns in der Solotwinaer Umgebung einige hundert Arbeiter, die bis muizn in den Erdwachsgruben von Dzwiniacz, Starunie und Molotkow Beschäftigung fanden, durch die Einstellung genannter Gruben brotlos geworden und ist das Elend so schrecklich, dass man kaum imstande ist, ein Bild davon zu entwerfen. Unser kleines Gebirgsstädtchen, dessen Einwohner bereits ohnedem durch zweimalige Feuersbrünste ganz verarmt sind, hatten nur noch den einen ausschließlichen Ernährungszweig, dass sie in den hiesigen Dzwiniaczer-, Starunier- und Molotkower- Erdwachsgruben ihren kargen aber sicheren Unterhalt als Aufseher und Arbeiter fanden. Nun ist ihnen auch dieser Nahrungszweig abgeschnitten. Arbeits- und brotlos schreiten nun diese armen Wesen wie die Geister der Unterwelt umher, um einen Taglohn von 20 kr. — 74 — nur den Blick zu dem dunklen Himmel, den ein weißerillebelstreif durchzog. Da fühlte er den frischen Duft der thauüberströmten Pflanzen. Im Dickicht vernahm man ein Geräusch, wie wenn ein Hase vorbeigehuscht wäre. Er blickte auf das Feld; der Geruch war erquickend, das Feld mit Erbsen bedeckt. Hie und da waren noch Blüten vorhanden, sie wurden aber von der Menge der reifen Erbsen erdrückt. Am Rande des sandigen Weges hatte sich der 'Mann unter der Last des Bündels noch tiefer gebückt; der Stock entsank ihn, er streckte seine Hände, wie von einer unbezwinglichen Macht getrieben, gegen das Feld aus. Er zog sich zurück und wollte weitergehen, aber seine Füße waren wie in die Erde gewachsen. Aj, aj! ach! Ein unwiderstehliches Verlangen klang in diesem Ruf. Er schüttelte den Kopf, schnalzte mit der Zunge, warf das Bündel ab, und warf sich in das Erbsenseld. Jetzt horte man nur das Reißen der Erbsen und das Krachen zwischen den Zähnen des Wanderers. Er rutschte auf den Knien immer weiter. Seine Kiefer bewegten sich rasch, die Hände liefen von den Erbsen zum Munde. Die Erbsen waren mit Than bedeckt, man konnte nicht unterscheiden, ob der Essende mehr seinen Hunger oder den Durst stille. Er aß und trank auf einmal. Seine Stirne war von der Hitze verbrannt, der Mund voll Staub; er bückte sich so tief, bis er das ganze Gesicht in das feuchte Feld tauchte, er horte aus zu essen und ruhte. In diesem Augenblicke erhob sich ein paar Schritte entfernt ein Mann, einen Augenblick horchte er aufmerksam, dann aber sprang er auf und packte den am Boden Liegenden am Kragen. Eine rauhe, aber noch junge Stimme rief: Was machst Du denn hier, Du Dieb, Du Räuber, Du Vagabund! Zertrittst uns die Erbsen und isst sie, und gewiss hast Du Dir die Taschen auch angefüllt! Hab' ich Dich, Du Hund! Steh' auf! Komm mit mir, denn wenn ich Dir Ein's mit dem Stock geben werd', wirst Du gleich hinter mir hergaloppieren wie ein Pferd! Ob er wohl noch galoppieren könnte? — Das ist die Frage. Aber er sprang rasch auf und zitterte vor Schreck. In einem so süßen Augenblicke hatte ihn das Verhängnis ereilt. Er bückte sich tief und mit heiserer Stimme Aj, aj, soll mich der gnädige junge Herr lassen, ich geh' zum Schanker von Schumua auf die Nacht! Aj, aj, diese Erbsen, so nah' am Weg... so schöne Erbsen ... ich Hab' nur bissel... Soll mir der gnädige Herr verzeihen ... is das so ein großer Schaden...? Der junge Mensch hörte ihm nicht zu und schrie: Na! ob das ein großer Schaden ist? Am End' noch ein Nutzen, wenn solche Diebe, wie Du, sich an unseren Erbsen sattfressen. Du hätt'st Dir noch Erdäpfel ausgraben sotten, könntest den Balbus am Schabes damit tractieren. Durch Euch muss der Mensch wie ein Hund die Nacht am Feld verbringen, um sein Eigenthum zu hüten, und da schreit der Vater noch, dass ich nie einen Dieben erwisch. Na jetzt! Hab' ich einen erwischt! Komm zum Vater! Er sott richten! Wirst einen Denkzettel kriegen! Er fuchtelte mit den Armen und schrie so laut, dass man ihn weithin hörte. Der „Kautschukjude". Aus dem Polnischen von M. Fuchsgelb. Moriz gieng in die Welt. „Gehe mein Sohn," sprach der Vater in der Stunde der Scheidung, „gehe und sei glücklich!" legte wie sonst die Hände auf das Haupt des Sohnes und seufzte, weinte und betete abwechselnd, und Moriz schied.- Endlich kam der Tag, an welchem der „Kautschukjude" einen Brief von seinem Sohne erhalten sollte. Kaum graute der Morgen, noch lag die Natur in tiefem Schlununer, hie und da begann ein Vögelchen leise zu zwitschern, da stand schon der „Kautschukjude" pochenden Herzens vor dem Postamte. Stunde um Stunde verrann, bis endlich das Eingangsthor geöffnet wurde. Zaghaft, unsicheren Schrittes trat der Jude ein und nannte seinen Namen. Der Beamte sah ihn verwundert an und brach in ein helles Lachen aus. Höchst lächerlich erschien es ihm, dass ein Geschöpf wie der „Kautschukjude", überhaupt einen Namen haben kann. Der Alte kümmerte sich jedoch nicht im geringsten um das Gespötts des Beamten. Die Augen starr auf jenes Fach gerichtet, aus welchem der Brief hervorgeholt werden sollte, mit einem Gesichte, von welchem die fiebernde Erwartung deutlich abzulesen war, blieb der Jude vor dem Schalter stehen, bis ihm der Beamte das Resultat bekannt gab. Es war wirklich ein Brief für ihn angelangt. Schon hielt er ihn in den zitternden Händen, betastete ihn thränenden Auges auf allen Seiten. „Dieser Brief, ja dieser Brief, er ist von meinem Sohne, von meinem Moriz," rief er jauchzend dem Beamten entgegen und eilte so rasch, als es seine alten Beine gestatteten, dem, das Städtchen umgebenden Wäldchen zu. Die Sonne stand bereits ziemlich hoch am Firmamente. Ein herrlicher Morgen! Die erwachte Natur stimmte Lobhymnen an, und das Blätterrauschen alter Bäume, vereinigte sich mit dem Gesänge der Vögel, zu einem wunderbar harmonischen Concerte. In diesem erhabenen Momente, las der arme Alte mit, von Rührung und Freude thränenden Augen den ersten Brief seines Sohnes, seines geliebten Moriz. Derbrennende Sonnenstrahl saugt kaum mit größerer Gier den Morgenthau von den Blättern, als der arme Vater jeden Buchstaben, den die geliebte Hand geschrieben, verschlang. Morgens und abends, ohne Unterbrechung, selbst während er sein elendes Mahl einnahm und schließlich auf der Lagerstätte, las er den Brief