Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 17 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdischcs Volksblatt 0. Juni 1899 Nr. 17 seine Kosten drucken und verbreiten. Der Verein „Trnd" (Arbeit) in Odessa hat eine Puschkin-Prämie ausgeschrieben, mehrere Wohlthätigkeitsvercine, Schulvorstände und Gemeinden haben gleichfalls für diesen Tag besondere Auszeichnungen sich Vorbehalten. Sie alle wollen mit den Russen den Dichter verherrlichen und seinen Namen auch ihren Stammesgcnossen feierlich verkündigen. Und diesmal ist cs nicht eine bloße Nachahmung, nicht bloß eine Gefälligkeit, um in den Augen der russischen Bevölkerung Gefallen zu finden, es ist gewissermaßen ein Herzensbedürfnis, ein Act der Dankbarkeit für den Dichter, der in seinen Werken immer für Recht und Freiheit gekämpft und im Leben zum Theile dafür gelitten. P u s ch k i n hat zwar jüdisches Sujet in seine Gedichte, keine jüdischen Typen in seine Romane und Poenie gebracht. Die Zeit und die Verhältnisse, in denen er lebte, haben ihm keine Gelegenheit gegeben, jüdisches Leben kennen zu lernen, die jüdische Seele zu studieren, um in seinen Gesängen ein Wort dafür zu finden. Nur zwei unbedeutende Gedichte beschäftigen sich specrell mit Juden: Das eine aus dcm Jahre 1833, in welchem er jüdisch verherrlicht, und das andere, in dem er eine arme, jüdische Familie schildert. Aber nicht diese Gedichte speciell haben das jüdische Herz für den Dichter gewonnen. Ter Ton seiner Gesänge überhaupt, seine traurigen Klagen über die Gegenwart und sein freudiges Hoffen auf eine bessere Zukunft hat das verursacht. Der Jude liebt immer den Dichter, der im Volke die Gefühle der Tugend und Gerechtigkeit weckt, der für Freiheit und Nächstenliebe kämpft, und noch mehr den, der dafür leidet. Wenn Puschkin in einem Gedicht ausruft: Nein, mein Freund! Ich null von dieser Erde nimmer scheiden, Leben will ich, um zu denken und zn le.deu... Ist das nicht instinctiv ans der Seele der Inden gesprochen? Ja, aus der Seele des ganzen jüdischen Volkes, des Volkes, das in seiner ganzen Geschichte diesen Vers zur That machte! Immer von anderen Völkern zum Tode verurtheilt, gejagt und verfolgt, hat es immer aus den Tiefen seiner Seele geschrieen: Nein! Ich will nicht sterben, ich will denken und leiden > Und das jüdische Volk lebt, denkt und leidet. Esfectiv hat es allerdings nur das Leiden. Sein Leben lebt es lange nicht so, wie ein Volk leben soll, sein Denken ist leider auch noch nicht so, wie ein lebendiges Volk denkt. Und gerade das kann man an der Betheiligung der russischen Juden au Puschkins Gedenkfeier sehen. Jndi recte Ursachen sind ja vorhanden, welche diese Betheilignng rechtfertigen. Direct P— mussten wir uns erinnern an unsere — Dichter, unsere wahren Volksdichter. Ist schon ein jüdischer Dichter vom jüdisch en Volke gefeiert worden? Im Leben unversorgt, nach dem Tode vergessen, das ist das Los eines jüdischen Volksdichters. Wenn wir das Vorgehen anderer Völker sehen, wenn wir die rege Betheiligung der Juden betrachten, wo es sich um die Gedenkfeier eines nichtjüdischen Dichters handelt, daun regt sich uns die bittere Frage: Sind wir noch ein Volk, leben wir wie eiu Volk? Möge die Puschkin-Feier den Juden in Russland, die sie mitfeiern, ihre eigenen Dichter in Erittueruug bringen, mögen sie von den Russen lernen, Volksdichter zu ehren, um bei ihrer Rückkehr nachhause an ihre nationalen lebenden und tobten Dichter zu denken, den ersteren Brot, den letzteren Andenken zu verschaffen. Aus den jüdischen Organisationen. (Literarischer Geselligkeitsverem jüdischer Mädchen „Moria".) Bei dem am 27. Mai im literarischen Geselligkeitsvereine jüdischer Mädchen stattgehabten literarischen Nachmittag hielt die Präsidentin Frl. Natalie Pvllak anlässlich der Uebersiedluug des Vereines eine Ansprache, in welcher sie der „Oesterr.-isr. Union" und dem Vereine „Ferienheim" den Dank für die Ueberlassnng der Lvcalitüten ausdrückte. Hierauf referierte das Mitglied Frl. Rosa Ko l l m a n n über „die Erziehung bei den alten Völkern." Frl. K o l l m a n lt entrollte den mit gespanntester Aufmerksamkeit folgenden Zuhörern geradezu ein Stück Weltgeschichte und erntete für ihren mit bewunderungswürdiger Genauigkeit ansgesührten und stilvoll gehaltenen Vortrag reichlichen und wohlverdienten Beifall. — Sonntag, den 11. d. M. findet im Vereine der letzte literarische Nachmittag in diesem Semester statt. Neferentin Jnstitutsvorsteherin Frau Thilo. Thema: „Die Inden und Araber zur Zeit des Maimonides." Ferner sprechen Schriftstellerin Frau Wilhelm und der Beirath des Vereines Herr Dr. Max I e r u s a l e m. Gäste (Damen) herzlich willkommen. Beginn 3'/, Uhr, IX., Berggasse 20, 1. Stiege 2. Stock. Wien. Der hiesige „Verein zur Abwehr des Antisemitisnius" hielt am 25. Mai seine Jahresversammlung ab unter Vorsitz des Vicepräsidenten Dr. Freiherrn v. S e i l l e r. Ter Präsident Baron Suttner weilt bekanntlich im Haag. Zunächst constatiert der verlesene Rechenschaftsbericht, dass der Verein durch die tristen Wiener Verhältnisse in der Entfaltung seiner Propaganda wesentlich behindert sei. Sollte bei der angegebenen Ursache nicht gerade das Gegentheil der Fall sein müssen? Der Verein in Berlin hat gerade durch die von ihm entfaltete rege Thätigkeit viel zum Rückgänge der antisemitischen Bewegung beigetragen. Red. Gemeinderath Doctor Stern kritisiert das Vorgehen der Machthaber im Rathhause gegen die jüdischen Lehrer und Hausierer und erzählt verschiedene Fälle. Auch die Möglichkeit des Ritualmordes, wie die „Wiener Zeitung" den Polnaer Fall darstellt, kam zur Sprache, ebenso die Asfichiepung der von der herrschenden Partei veranlassten Placate mit dem „Fall Brunner" an den Polizeinnd Gerichtslocalen der Leopoldstadt, deren Entfernung der amtierende Pvlizeibeamte zwar zngesagt, die sich aber noch heute dort befinden. Den Schluss der Versammlung bildeten Vorstandswahlen. Wittheilungeu ans dem Pichttmm. Das Stauböl, eine ursprünglich amerikanische Erfindung, hat sich mit einen: ungeahnten, raschen Erfolg in Europa eingeführt und sich auch in Oesterreich, speciell in Wien, den Markt erobert. Alle großen Etablissements, Schulen, KanAeien, Institute rc. sind an der Arbeit, den Segen dieses Ocles sich nutzbar zu machen, insbesondere hat die altbekannte Firma Max Muhr in Wien, V". Bezirk, Wienstraße Nr. 77, diesen Artikel zu einem wirklich reellen Preise, in concurrenzloser Qualität in den Handel gebracht. Es ist daher Pflicht aller Behörden, Schulen, Institute, tute überhaupt aller hiezu Berufenen, jeden dem größeren Personenverkehr dienenden Ramn staubfrei zu machen, vermittelst Imprägnierung des Fußbodens durch das unfehlbar wirkende Stauböl. Der hygienischerseits erzielte Vortheil (man denke an die staubgeschwängerten Schulzimmer und die armen Kinder) ist so sehr in die Augen springend, dass der minimale Kostenpunkt gar nicht in Betracht kommt, da das übliche Aufspritzei: und Aufwaschen des Bodens gänzlich entfällt. Das Stauböl wird auf dem vorher gereinigten Fußboden partienweise aufgegossen und mit einem geeigneten Besen gleichmäßig verrieben, lieber Nacht ist das Oel genügend eingesangt und der Boden, welcher nun täglich mit einem Piassavabesen gekehrt wird, zur Benützung fertig. Alle 3 bis 1 Monate wird nachgeölt, l Kilo Doppelstanböl reicht für 0 bis <s Quadratmeter Bodenstäche. Für die BorySlawcr Arbeitslosen sind uns ferner unter dem Motto: nytMJXpJjry.tf 5 si- (ans Berann) zugegangen. Mit den bereits ausgewiesenen 20 fl. 26 kr. Zusammen 31 fl. 26 kr. Wir sind gerne bereit, weitere Spenden entgegenzunehmen und in jeder Nummer auszuweisen. Eingesendet. Der Allgemeine hebräische Sprachverein in Wien eröffnet mit Anfang des nächsten Studienjahres 1890/1900 folgende nneutgeltliche Cnrse für Erwachsene (2—3mal wöchentlich): I. Curs für Anfänger: Lesen, Schreiben, Elemente der Sprache nnd Grammatik. II. C u r s für F o r t g e s ch r i t t e n e: Lectüre und Erläuterung aus „Könige", „Zeitgeschichte" und Sprechübungen. III. Element a r c n r s f ü r M ü d ch e n. IV. L i t e r a r g e s ch i ch tl i ch e r Abriss: Gallerie berühmter Männer der Lehre und That in Israel, um und seit der Zeit der Unterdrückung durch die Römer, deren Leben nnd Einfluss (Cyclus von Vorträgen über die „Tanaim" durch Dr. Kahn einmal die Woche für. jedermann). Zeit und Ort werden dem Bedürfnis nnd den — 66 — — 67 — Sie benrtheilen ihre Lage gewiss richtig — sagte Aron — auch kennen Sie sie ja lange genug, um sich über ihren Charakter ein Urtbeil zn bilden. Eben, weil ich sie seit längerer Zeit kenne — fuhr Samuel fort — kann ich Ihnen die Versicherung geben, dass diese ihre Stimmung nicht aus einer ursprünglichen Anlage eines melancholischen Temperamentes her-- vvrgeht. Sie war früher gar nicht traurig, war auch niemals von ausgelassener Heiterkeit. Sie war ruhig und bescheiden und verrieth keine Spur von Unzufriedenheit. Sie nahm ihr Schicksal hin wie etwas Gegebenes, das sich nicht ändern lässt. Und nun hat es sich geändert, und wie geändert. Das sollte sie ja leichten Sinnes ertragen können? Sie ist eine edle Seele nnd hat ein weiches Gemüth, ein Herz, das vor jeder Berührung zittert. Könnte ihr nicht auch ein geheimer Kummer ans der Seele lasten? — fragte Aron. Unmöglich ist dies natürlich nicht — sagte Samuel — man kann ja niemandem ins Innerste seines Herzens hineinsehen. Aber es bedarf dieser . . Annahme nicht, um ihren Zustand und ihre Stimmung begreiflich zu finden. . Sie ist ja doch so harmlos, ein so unschuldiges Wesen- Und so hingehend — ergänzte Aron — lieber Freund, ich kann es Ihnen nicht sagen, wie glücklich ich bin. Und wein habe ich dies Glück zn verdanken, wem anders, als Ihnen? Dem Zufalle —■ sagte Samuel — nicht mir; es war eine Kette von Zufällen, die aneinandergefügt den Eindruck des Wunders bewirken, , , wie in den, Balladen von Schiller. Uebrigens, wenn die Hochzeit erst vorüber ist, wenn sie sehen wird, wie man ihre Herzenseigenschaften zn würdigen weiß, so wird diese ihre Furcht vor dem Glück sich verlieren, und sie wird aufhören, sich vor dem Reichthum Ihrer Häuser gedemüthigt zu fühlen. Ich kann die Zeit kaum erwarten — sagte Aron. Nun — entgegnete Samuel — es ist ja nicht mehr lange bis dahin. •//•- i'/ . : XVI. .;Es Kvar die letzte Woche vor der Hochzeit. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Für den nächsten Sonntag war die Hochzeit bestimmt. Am Sabbath, dem Tage vorher, fanden sich bereits die geladenen Freunde und j Bekannten ein, um zn gratulieren. Auch Jonas Gottlieb gehörte zu den J )'!.Geladenen. Als er zu Mittag bei seinen Hausleuten, wo er die Kost nahm, ■Jj bei Tische saß, erzählte er von dem großen Glücke eines armen Mädchens, welches morgen Hochzeit halten wird, eine arme Weißnäherin, eine gewisse k Fanny Wäldknecht, in die sich ein sehr reicher junger Manu verliebthabe. >, Das Dienstmädchen, welches eben die Suppe ansgetragen hatte, hörte diese l >'Geschichte und sagte: Da sieht man, tpie lpcchx es ist.. Die ärgste Sau kriegt den besten Bissen! . ..... , f ■ jp ' ’" Was reden Sie da? — fragte Herr Gottlieb wissen Sie, wer k " Fanny Wäldknecht ist? i/J | Ahr acht —, lachte das Mädchen, ich werd' nicht wjssen, wer Fannerl 4 /Wäldknecht ist! Jch' öin" doch,rnit ihr aus einem Ort. > : Mh-tbariM -'beschimpfen Sie sie? Sehr gut, beschimpfen — sagte das Mädchen —, vor zwei Jahren hat sie ein Kind gehabt. Was unterstehen Sie sich? — rief Gvttlieb in höchster Entrüstung. Sehr gut — sagte das Mädchen —, was ich mich untersteh'. Bei uns daheim sagt es Ihnen jedes Kind, dass sie vor zwei Jahren im Findelhaus gewesen ist. Jonas Gottlieb stand vom Tische auf; er konnte nichts essen; er begab sich in sein Zimmer, in welchem er mit starken Schritten auf- und abgieng. Die Hausfrau gab ihr arge Scheltworte, dass sie dem Zimmerherrnden Mittagstisch gestört. Sie könne nichts dafür, entschuldigte sich das Mädchen, dass der Zimmerherr die Geschichte in ihrer Gegenwart erzählte. Ein Dienstmädchen — sagte die Frau — hat das Maul zu halten. Bin ich denn kein Mensch — rief das Dienstmädchen — das soll ich ruhig mitansehen, dass so eine, die im Findelhaus gewesen ist, ein solches Glück macht, und um ein ehrliches Mädchen, wie ich bin, kümmert sich niemand. Der Zimmerherr öffnete die Thüre und rief das Mädchen zu sich. Die hatte Furcht und wollte nicht gehen. So koninien Sie doch — rief der Zimmerherr. Werde:: Sie mir nichts thun? — fragte das Mädchen. So geh' doch hinein — sagte der Hausherr — er wird Dich ja nicht schlagen; nnd sie gieng. Sag' mir — fragte der Zimmerherr — wie war die Geschichte mit der Fanny Wäldknecht? Wie soll sie gewesen sein? Wie ist sie zu Fall gekommen? Weißt Du das? Das war so — sagte sie. Setz' Dich nieder — sagte der Zimmerherr — und erzähle mir alles ganz genau. Fannerl Wäldknecht — begann das Mädchen — war die Schönste im ganzen Ort. Ihre Eltern waren sehr arm, und sie tvär' froh gewesen, wenn der üruiste Jung' in der „Gass'" sie genommen hätt'. Dem Sohn vom „Noschhakvhl" aber hat sie in die Augen gestochen, und der hat ihr eingered't, er wird sie heiraten. Niemand im ganzen Ort hat es geglaubt, dass das geschehen wird, nur sie allein ist die Närrin gewesen, die das geglaubt hat. Nichtig hat er sie daran gekriegt, und wie sie mit dem großen Bauch herymgegaugeu ist, hat er sich schon aus den: Staub gemacht und' ist auf und davon, und seine Eltern haben gesagt, sie wissen nicht, wv er ist. Fannerl ist ins Findelhaus gekommen und hat ein Kind gehabt und hat sich vpp Schande nicht mehr getränt nachhause zu konimen. Ihre Eltern haben sich darüber das Herz äLgegessttt und sind kurz nacheinander gestorben, und daun,! nachdem niemand mehr da »var, vor den: er hätt' müssen das Äug' Niederschlagen, ist der Sohn vom „Rvschhakohl" auf einmal wieder ayfgetaucht und hat eine Reiche geheirat'. Fanny ist also verführt worden!, — sagte Jonas Gvttlieb.