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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-09 · 17 (9.6.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
17 (9.6.1899)
Date
1899-06-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. Juni 1899 Seire 5 wieder tauchte diese haltlose und vor jeder wissenschaftlichen Kritik in ihr Nichts zerfallende Beschuldigung wieder auf. Der Ritualmord, sagte und sagt man in den Kreisen derer, die davon nicht lassen wollen, stütze sich auf den Talmud und auf die jüdische Tradition. Die letztere muss man kennen, wenn man sich auf sie berufen will, und dann muss sie jedem die Ungeheuerlichkeit und Lächerlichkeit jener durch gar nichts zu erhärtenden, vielmehr durch alles — wir erinnern an das Schächtegebot und die umständliche Behandlung des.Fleisches vor dem Genüsse — widerlegten Behauptung darthun. Und der Talmud? In diesem ist ja der Abgeordnete und „Mechaniker" Schneider angeblich so gut bewandert, dass er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit seinem talmndischen Wissen flunkert. Ich behaupte aber kühn, dass dieser Herr gar nicht fähig ist, dieses in seiner Art einzige Geisteswerk der Weltliteratur, dieses Sammelsurium alles Wissenswerten auf religiösem, ethischem, socialpolitischem und wissenschaftlichem Gebiete, diese Encyclopädie, an welcher Dichter und Gelehrte sowohl wie schlichte, aber kluge und erfahrene Handwerker gearbeitet haben, zu begreifen oder gar zu beurtheilen. Mag auch zugegeben werden, dass die mit bewundernswertem Scharfsinne geführte Dialektik des Talmuds hie und da in Spitzfindigkeit und Spintisiererei ausartet: getragen ist das ganze Werk doch von einer hohen, von der jüdischen Ethik, die mindestens so hoch steht wie die Ethik der anderen Völker, für die sie ja Quelle und Vorbild war. Wie wäre es möglich, dass dieses auf so hohem sittlichem Standpunkte stehende Geistesproduct des sittenstrengsten der Völker ein Verbrechen nicht nur für entschuldbar, sondern sogar für geboten hinstellte! Umsonst haben sie alle darauf hingewiesen, die competenten Autoritäten ans dem Gebiete des Wissens und der untrüglichen Forschung: ihre Stimme verhallte im Gejohle eines fanatischen und habsüchtigen Pöbels. Jawohl, Fanatisnius und Habsucht, diese beiden Beweggründe ließen das Märchen vom Blutrituale immer wieder aufs Tapet bringen, und kindliche Einfalt hat den Erfolg verbürgt. Denn, wenn es wahr ist, dass die bösen Juden unschuldige Christenkinder hinmorden um des Blutes willen, dann sind sie gefährliche Leute, die man für vogelfrei erklären muss, die man erschlagen kann, wo man sie findet, denen man ihr Hab und Gut wegnehmen darf, wann es einem beliebt, um ihnen die Existenzmöglichkeit zu rauben. Und eben deshalb, weil man es nicht aus innerer, auf plausible Gründe gebauter Ueberzeugung, sondern weil man es gerne glaubt und sich vom einleuchtenden Gegentheil gar nicht überzeugen lassen will, verfehlt es niemals seinen Zweck, wenn der alte, abgestandene Kohl wieder aufgewärmt wird, um eine Hetze gegen Leute zu inscenieren, deren Concurrenz enipfindlich fühlbar ist und die man mit vergifteten Waffen schlägt, weil mit ehrlichen Waffen sie zu bekämpfen man nicht gewillt oder nicht imstande ist. Wir wollen nun jene hervorragenden nichtjüdischen Autoritäten zu Worte kommen lassen, welche sich über das Blutmärchen geäußert haben, um zu zeigen, dass es eben nicht an warnenden Stimmen gefehlt hat, die bei einigem guten Willen auch gehört worden wären, da man sie sonst wohl zu würdigen wusste, wenn es sich um andere Dinge handelte. Aber mau wollte und will sie noch heute nicht hören, sondern lässt sich lieber von thierischen Jnstincten leiten und glaubt gewissenlosen Hetzern, die im Trüben fischen wollen, um einen guten Fang zu thun. Schon der heilige H i e r o n y m u s und nach ihm manche andere sogenannte Kirchenväter, wie Eusebius und Origines, die sich mit dem Studium des Talmud beschäftigten, erklären, nichts darin gefunden zu haben, was man verwerflich nennen müsste. Auch weltliche Herrscher haben schon früh das schwere Unrecht erkannt, das man den Juden zufügt, indem man ihnen diesen verbrecherischen Brauch andichtete; aber ernster hat die Sache wohl keiner genommen als der aufgeklärte Fürst W i t o l d von L i t h a u e n, dessen Vetter den polnischen Königsthron bestieg und die tolerante Dynastie der Jagellonen begründete. Witold erließ zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein Gesetz, das angesichts der rings in tiefste Unwissenheit und gedankenloses Vorurtheil versunkenen Welt vom erleuchteten Geiste seines Urhebers zeugt. In deutscher Uebersetzung lautet dasselbe ungefähr folgendermaßen: „Die wiederholte, im westlichen Europa so häufig wider die Juden erhobene widersinnige Anschuldigung, als ob sie zu angeblichen Ostermysterien Christenblnt bedürften, soll in Unserem Lande keinen Eingang haben, denn nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die jüdische Religion und Tradition verbieten den Genuss jeglichen Blutes. Daher befehlen Wir, dass einen D e n n n c i a nt en, der eine solche An klage wider einen Inden erhebt, jeneStrafe treffe, die er dem Angeklagten zu gedacht hätte." Ja aber, entgegnet man, haben wir denn nicht den in autoritativer Form erbrachten urkundlichen Beweis dafür, dass thatsächlich Christenkinder von Juden ans rituellen Gründen ermordet wurden? Sind doch die beiden Christenknaben Andreas Ring itttb Simeon von Juden umgebracht und deshalb sogar von der Kirche heiliggesprochen worden! Oho, nur nicht so hitzig! Es ist wahr und kanu nicht abgeleugnet werden, da es die betreffende Canonisations-Urknnde als historisch beglaubigtes Document unwiderleglich ausspricht, dass jene beiden Knaben in odium fidei Christi von Juden getödtet wurden. In odium fidei Christi — dies ist das Argument für die Beschuldigung der Hinschlachtung christlicher Kinder für jüdische Cultuszwecke! Man greift sich an den Kopf, denn man hält es nicht für möglich, dass aus diesem ebenso trockenen und nüchternen wie klaren Ansdrucke jene ungeheure Verdächtigung heraus oder — wie der Schreiber Vansen im „Egmont" sagt — richtiger vielleicht in denselben hinein interpretiert werden konnte. Hatten die Juden wirklich keinen anderen, keinen näherliegenden Grund für ihr odium fidei Christi als das Bedürfnis nach christlichem Blute zu rituellen Handlungen? Hätte der Verfasser jener Bulle das sagen wollen, dann hätte er Wohl eine passendere, den Kernpunkt der Sache besser treffende Form für die Aeußerung seiner Ansicht gefunden. Ich glaube aber, dass ein Volk, welches wie das jüdische geknechtet und gedehmütigt, verspottet und verachtet als Abschaum der Menschheit, als ehr- und rechtlose Individuen betrachtet und behandelt, mehr denn eine Ursache hatte, seine Peiniger zu Haffen, und ich finde es nur zu begreiflich, wenn ich es auch nicht entschuldbar nennen kann, dass in manchem leidenschaftlichen, heftigen Gemüthe dieser Hass sich zur grauenvollen That nmsetzen konnte. Andreas und Simeon sind nicht den Passahgebränchen des jüdischen Volkes, sondern der thierischen Roheit und unmenschlichen Ueberhebnng ihrer eigenen Volksgenossen zum Opfer gefallen. Es haben sich einige schwache Menschen, die den Heroismus der geduldigen Resignation nicht anfznbringen vermochten, zu einem Verbrechen hinreißen lassen, bei dessen Aburtheilnng nach heutigen strafrechtlichen Principien fast der Strafausschließungsgrund des „unwiderstehlichen Zwanges" in Betracht zu ziehen wäre! Hören wir, was ein unparteiischer Mann, bei dem man durchaus keine Voreingenommenheit für das Judenthnm voraussetzen kann — Graf Vandalin Muiszech —■ diesbezüglich sagt: „Gleich wilden Thieren hetzte man die Nachkommen des auserwählten Volkes, die durch buntfarbige, am Rücken angebrachte Lappen jedermann kenntlich waren, von Ort zu Ort, sie wurden als Unreine, als Parias behandelt, und nur ihr Geld war sowohl damals wie heute vom Bannflüche ausgenommen. Dasselbe war trotz der Unreinheit seiner Besitzer rein, und seine Annahme auf Nimmerwiedergabe schändete niemanden. Dass die Aechtung, diese allgemeine R e ch t l o s i g k e i t u n d Missachtung nicht danach angethan waren, im Herzen der Betroffenen Liebe zu erzeugen, ist erklärlich." Damit wollen wir unsere Ausführungen für heute schließen, und dieselben demnächst in einem zweiten Artikel fortsetzen und beendigen Literatur. Das Vuschkiir-JirlrUaunr. Petersburg, 23. Mai. (4. Juni). Russland rüstet sich zu einer Feier, die allenfalls rein russisch ist, direct nur die Russen angeht. Nichtsdestoweniger bethätigen sich aber die russischen Juden lebhaft daran. Am 26. Mai (7. Juni) werden es hundert Jahre, da der größte Dichter seines Vaterlandes, A. S. Puschkin, geboren wurde. Und die russische Intelligenz macht alle Anstrengungen, um den Tag würdig zu begehen und sein Gedenken beim russischen Volke mit viel Effect zu erneuern. Auch die Juden feiern den Tag. Der „Verein zur Aufklärung der russischen Juden" in Petersburg hat eine Uebersetzung ausgewählter Gedichte Puschkins ins Hebräische veranlasst, und lässt dieselbe auf - <>8 — Versteht sich — sagte das Dienstmädchen — und fügte zu ihrer Rechtfertigung für die frühere Aeußerung hinzu: Nun, Hab' ich nicht Recht mit dem, was ich gesagt Hab'? Schon gut — sagte er — Sie können wieder gehen. Jonas Gottlieb war in großer Aufregung. Es ließ ihn nicht zwischen seinen vier Wänden. Er befand sich in einem mächtigen Seelenkampke, ob er dem Freunde die Wahrheit entdecken solle, oder nicht. Wie ein Geistesgestörter lief er. lief, trotz des eisig kalten Windes, der ihm ins Gesicht schnitt, in den Straßen der Kaiserstadt umher, und wusste nicht, was er beginnen sollte. Sie ist eine Verführte, sagte er sich, eine gemeine Natur ist sie deshalb nicht. Sie hat sich im blinden Vertrauen auf die Rechtschaffenheit eines Mannes einem Schurken hingegeben, sie wusste nicht, dass es ein Schurke ist und ihr Vertrauen ist getäuscht worden. Sie kann demungeachtet noch eines solchen Glückes, wie das, welches ihr widerfährt, würdig sein und eine gute Gattin und Mutter werden. Das ist alles richtig, soweit es sich um die Benrtheilnng ihres Charakters handeln Aber hier handelt es sich ja um lveit mehr. Es handelt sich um das Glück des Freundes. Er wird eine Entweihte in die Brautkammer führen. Und ich, ich weiß es und kann es verhindern durch ein einziges Wort, und soll ich es nicht sprechen, dieses Wort? Bin ich nicht verpflichtet, es zu sprechen? Darf ich dem Freunde das Geheimnis verschweigen? Ich weiß, es wird ihn niederschmettern, und es ist möglich, dass er den Freund, der nur nnl sein Wohl bedacht ist und ihm in dieser furchtbaren Lage die Augen öffnet, als seinen ärgsten Feind betrachten wird, ich habe tiefes Mitleid mit ihm, wie mit mir! Was wird sie thun, wenn sie sich mit Eins so ans allen Himmeln gestürzt sieht? Sie kann den Tod davon haben! Und er, wie würd' er es vertragen, wenn sie sich, was Gott verhüten möge, etwas anthut? Und ich, ich kann es selber verhüten, ich habe nichts zu thun, als zu schweigen! Wer sagt mir, welcher Weg der rechte ist? So wälzte er seine Gedanken hin und her, bald war er für das eine, bald für das andere entschlossen, und scholl wollte das Gefühl des Mitleids den Sieg erringen über die Wahrheitsliebe, als diese einen mächtigen Bundesgenossen in den» Kainpfe erhielt, einen Bundesgenossen, der unüberwindlich war. Was discuriere ich da? Mein Gott, Herr im Himmel, sagte er sich, indem er stehen blieb und sich mit der Hand an die Stirne schlug, wie konnte ich das auch nur einen Augenblick vergessen? Er ist ja ein „Kohen"! Wenn er ein gewöhnlicher Israelit war', ich könnte wich entschließen zu schweigen; aber ein „Kohen" darf eine Entweihte nicht •äiu» Weibe nehmen. Ich muss es ihm sagen! Es wird ihm einen furchtbaren Stoß geben; ich kann es aber nicht auf mein Gewissen nehmen, zu schweigen und die Sünde geschehen zu lassen. Ich kann ihm nicht helfen, ihm nicht und ihr nicht. ^(Schluss folgt.) I Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) XV. Der Hochzeitstag war festgesetzt. In der Nähstube des Fräulein Mali wurde gearbeitet über Hals und Kopf; Fannys Ausstattung musste zur bestimmten Zeit fertig werden. Zwei neue Nähmamsells wurden aufgenommen und Fanny selber arbeitete an ihrer Ausstattung mit. Viele heiße Thränen flössen ans die Leinwand, die sie in der Hand hielt. Die anderen Mädchen begriffen diesen Zustand nicht. Wie kann man traurig sein, wenn man so glücklich ist? — so fragten sie. Es ist das übervolle Herz! Ihr Herz ist ein Gefäß, das bis an den Rand mit Freude gefüllt ist, und immer wird noch mehr Freude hineingegossen! Da ist es denn auch kein Wunder, wenn es überläuft! Mit solchen Worten suchte sie die Zudringliche Neugierde der Mädchen zu beschwichtigen, im Grunde ihrer Seele aber mehrten sich dieselben Fragen, denn auch sie wusste sich den Zustand der Freundin nicht zu erklären. Fanny war ihr ein Näthsel. Aus Schonung und Zartgefühl unterließ sie es, sie mit Fragen zu bestürmen; so schwieg sie, von der Zeit die Heilung dieser Schmerzen erwartend. Aron beobachtete ihr Thun und Lassen mit tiefer Bekümmernis. Wenn er abends kam, so fühlte sie sich selig in seiner Nähe; aber diese Seligkeit war gedämpft, sobald von der Zeit der nahen Verbindung die .Rede war. Umschlang er sie mit seinen Armen, so überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeit, aber jeder Kuss, den sie ihm gab, war so innig, als ob er der letzte wäre. Wenn er sie fragte, ob sie glücklich sei. fiel sie ihm um Len Hals und wenn er dann ihr den, Kopf emporhob, um ihr in die Augen zu schaueu, so lächelte ihm das holdseligste Gefühl des Glücks aus ihren Augen entgegen, aber es waren Thränen darin. Aron sprach über die Sache mit seinem Freunde Samuel. Was brauchen Sie sich zu beunruhigen — sagte Samuel — es ist ja doch eine sehr natürliche Sache. Bedenken Sie Fannys Lage. Eine arme Waise, ein junges Geschöpf, alleinstehend. Niemand ist da, auf den sie sich stützen tonnte, ein Mädchen, das vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht arbeiten musste, um nur das Nothdürftigste für den Lebensunterhalt zu erwerben und nun auf einmal, wie mit einem Zauberschlag über die ganze Misere ihres bisherigen Daseins hinausgehoben, glauben Sie, dass sie sich der Freude so ungebunden hingeben kann, wie die verhätschelte Tochter aus einem reichen Hause? Es ist ja doch sonnenklar: Sie hat Furcht vor dem Glück! Im Gegentheil, es würde nur ein leichtsinniges Gemüth verrathen. wenn sie anders wäre, und alles das, was ihr vom Glück in den Schoß geworfen wird, so hinnehmen möchte, als ob es etwas ganz Gewöhnliches wäre und sie darauf einen Anspruch hätte.

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