Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 17 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. Juni 1899 Nr. 17 hob der Cassationshof nach Anhörung des Generalprocnrators das Urtheil auf und sprach Biberle frei. — Dieser Spruch wird nun, wie die „Deutsche Warte" bemerkt, eine czechische Hetze gegen den Obersten Gerichtshof nach sich ziehen, und die Czechen werden nicht eher ruhen, bis alle Stellen am Obersten Gerichte von Czechen besetzt sind. Dann erst werde der G e h e i m e r l a s s der Negierung, dass bei politischen Vergehen auch politische Gesichtspunkte bei der Verurtheilung maßgebend sein sollen, erst ordentlich zur Geltung kommen. (In Amerika spielt bekanntlich bei allen politischen Verhandlungen der Revolver eine große Rolle. Vielleicht lassen sich in dieser Beziehung amerikanische Gepflogenheiten auch in unserem lieben Vaterlande einführen. Die Regierung dürste gewiss bereit sein, beide Augen zuzndrücken, damit die Gegner beim „Abdrücken" nicht gehindert werden. Schussgeld auf. . . Red. Smichow. (Todesfall.) 1. Juni. Heute fand das Leichenbegängnis unseres Rabbiners Herrn Dr. Sani. Bock statt. Nach der Trauerfeier im Tempel, an der Vertreter der landesfnrstlichen Behörden, der Bürgermeister und mehrere Gemeinderäthe, Mitglieder des Landesschnlrathes und des Lehrkörpers des Mädchen-Lycenms, sowie anderer Lehranstalten, die Rabbiner Prags und Umgebung theilnahmeu, wurde die Leiche auf den Gottesacker überführt. Im Tempel widmeten Obecrabbiner Dr. E h r e n s e l d, Dr. Weiner, Rabbiner des Vorortes Weinberge und Herr Red. Grab, Vorsteher der Smichower Cultusgemeinde, dem Tahittgeschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf, dessen verdienstvolles Wirken als Seelsorger, Lehrer und Forscher rühmend. Auf dem Friedhofe sprachen Dr. Hirsch, Rabbiner in Karolinenthal und Dr. P o z m a n s k y aus Pilsen, namentlich die glänzenden Herzens- und Charaktereigenschaften des Verblichenen hervorhebend, die er als Freund und Amtsgenosse bethätigte. Dr. Samuel Bock, gebürtig in Freistadtl (Galgocz), besuchte viele Jahre die Pressburger Jeschibo, maturierte als Privatist und gieng dann nach Breslau ins Fränkel'sche Seminar. Seine einzige Stelle war Smichow (1872—1899), nur kurze Zeit vorher fungierte er als Religionslehrer in Leitmeritz, wo dieser Tage sein Nachfolger Rabbiner Joachim Wittenberg (ans Preran geb.) in gleichem Alter wie Dr. Bock gestorben ist (59 I.). Außer einem von der Kritik allgemein anerkannten Werke über Elischa ben Awujah (Acher), den bekanntlich Lettwis als jüdischen „Faust" bearbeitete, erschienen von ihm viele Vorträge, im Aphike-Jehuda-Vereine in Prag gehalten, und Predigten — wissenschaftliche Beiträge in Grätz's Monatsschrift — und überdies regte er vor etwa 15 Jahren seinen Cousin N. Eisler in Freistadtl zu einem zionistischen „Zukunftsbilde" an, welches recht stimmungsvoll gehalten, auch als Vorläufer des „Judenstaates" angesehen werden kann. Troppair, 7. Juni. (Wir unter uns.) Die deutschnationale „Deutsche Wehr" enthielt folgende Liebenswürdigkeit an den „Herrn von Wien", wegen einer Bemerkung, die Dr. Lueger in einer Versammlung bezüglich der Provinzialpresse gethan, in welcher — wie er behauptet — über die Christlich-Socialen gelogen werde. Das Blatt bemerkt: Die Macht der „Herren von Wien" ist über den dumpfen Bannkreis von Wien und Niederösterreich zu Ende. In Südmähren wie in Steiermark, vom nördlichen Böhmen gar nicht zu reden, ist eine Wiederwahl von christlich-socialen Abgeordneten nicht mehr zu erwarten. Die Wirtschaft in Wien wie im niederösterreichischem Landtage verlockt eben keinen vernünftigen Menschen zur Nachahmung, und dann soll vielleicht die Provinzialpresse die Wiener Zustände loben? Wenn dann Wien auch schlecht wegkommmt, wer kann das hindern? — (Wer erinnert sich nicht bei diesen „Tonschwingungen" an den bekannten jüdischen Witz: E r schreit, schreit er — i ch schrei!) Bilm, 7. Juni. (L e h r e r i n n e n h e tz e.) Der niederösterreichische Landtag — so schreibt uns ein Freund unseres Blattes — hat in seiner letzten Sitzung der Welt das entwürdigende Schauspiel bereitet, gegen eine Frau, die sich als Lehrerin nicht der Protection gewisser „damen"freundlicher Kreise erfreut, in wahrhaft erbärmlicher Weise loszuziehen. Das Schauspiel, welches der Landtag in dieser seiner Schlusssitzung geboten, war ein solches, wie es kaum unter den Wilden Vorkommen dürfte. Leider steht Niederösterreich mit dieser „Hatz" nicht allein da, wenngleich auch der Ton nirgends so niedrig gestimmt ist. Im Biliner Lehrerverein wurde seitens der Lehrer das Vorgehen einiger Lehrerinnen getadelt, welche — wahrscheinlich hatten sie ihre triftigen Gründe — an den böhmischen Landtag eine Petition richteten, es möchten an Mädchenschulen nur Lehrerinnen Verwendung finden. Der Allgemeine Lehrerverein soll energisch gegen die Petition Verwahrung einlegen. Oftrau, 5. Juni. (Localba hu - Frech h eite n.) Man schreibt uns: Was doch den Juden alles in die Schuhe geschoben wird! Da schreibt ein hiesiges Blatt dieser Tage über die hiesige Localbahngesellschaft: „Man sollte kaum glauben, dass eine solche (!) jüdische Gesellschaft, wie es die aus Brünn herangezogene Localbahngesellschaft ist, sich erfrecht, noch zur Czechisierung Ostraus beizutragen. Nicht genug, dass sie das Pfeifen und Blasen statt der Abfahrtsrufe eingeführt hat, muss sie noch auf Ostrauer Boden Tafeln mit Aufschriften aufstellen, wo das Czechische an erster Stelle steht und das Deutsche ganz klein unten. Und da fahren noch unsere deutschen Gemeindeväter stolz vorbei und es gefällt ihnen am Ende noch ganz gut. Dieses Beispiel von bodenloser Niedertracht zeigt uns von neuem, wie wenig Verlass auf unsere Gemeindemachthaber ist, wenn es gilt, Ostrans Deutschthum zu erhalten!" — Entsetzlich . ..! Budapest. (Tempelraub.) In der Gemeinde Kobersdorf wurde vor kurzer Zeit — wie man aus Oedenburg berichtet — in die Synagoge eingebrochen. Die Strolche sprengten die Eisenstäbe des Plafonds, stiegen durch denselben in den Tempel und plünderten die von ihnen erbrochenen Opferstöcke, in welchen sich der Betrag von 30 fl. befand. Die Räuber entflohen. Es ist dies in kurzer Zeit der dritte Tempelraub. Ausland Berlin. Vor der 9. Strafkammer des Landgerichtes I kam gestern die Anklage gegen die Verleger und Redacteure der „Staatsbürgerzeitung" und des „Generalanzeigers" wegen Veröffentlichung der bekannten Graf Pückler'schen Reden zur Verhandlung. Die Strafe lautete gegen 3 der Angeklagten auf 200 resp. 100 Mark Geldbuße. In Anbetracht, dass Graf P ü ck l e r wegen der Reden seinerzeit freigesprochen worden, hatten die Vertheidiger der Angeklagten das gleiche für ihre Clienten verlangt, da es doch nicht gut angienge, den Urheber freiznsprecheu, Drucker und Verleger aber zu verurtheileu, namentlich, weil ja Graf P ü ck l e r zugestandenermaßen die Reden den beiden Zeitungsredactioneu behufs Abdruck übersandt hatte. Der Staatsanwalt wandte ein, dass, wenn zwei das Gleiche thuu, es nicht immer das Gleiche ist, dass das „Milieu", wo der Graf seine Reden gehalten, ein grundverschiedenes sei. Hier eine ländliche Bevölkerung, ein beschränkter Kreis, dort verbreitete Tagesblätter, in deren Veröffentlichung die Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden gefunden werden müsse. Demgegenüber wandten die Vertheidiger ein, dass Ausdrücke wie: „Jetzt müsse der Aufmarsch der deutschen Heereskörper zum Kampfe gegen das Judeuthum beginnen; es sei besser, dass 600.000 Juden auf der Strecke liegen, als dass die ganze Nation zugrunde gehe rc. rc." werden als „an einigen Uebertreibnngen leidende poetische Sprache" bingestellt, deren Sinn keinesfalls der sei, dass die Juden todtgeschlagen werden müssten rc. Der Staatsanwalt hatte 500 Mk. Geldbuße resp. 50 Tage Gefängnis und gegen Sedlacek, in Anbetracht zahlreicher Vorstrafen, 3 Monate Gefängnis beantragt. Letzterer musste indess freigesprochen werden, da er die betreffende Nummer nicht als „Verantwortlicher" gezeichnet hatte. Gegen die übrigen lautete das Urtheil wie angegeben. Berlin. 4. Juni. Der conservativ-antisemitische Reichstags-Vicepräsident, Herr v. F r e g e, scheint sich seine Collegen im niederösterreichischen Landtage zum Muster nehmen zu wollen — wenigstens schriftstellerisch. In einer Zuschrift an die „Dresdener Nachrichten" schilt er den Berliner Correspondenten der „Breslauer Morgenztg.", einen Stammesgenossen Heinrich Heines, obgleich er wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden, dass dieser „Pressjüngling" nicht Jude sei. Der „Vorwärts" ergreift nun die Gelegenheit, dem Herrn Vicepräsidenten ein artiges Register seiner bei verschiedenen Gelegenheiten vom Stapel gelassenen „Kernschussworte" und „Phrasen" vorzulesen. Schließlich wird Herr v. Fr ege daran erinnert, dass seine Vorfahren mit dem polnischen Stammesgenossen auf der Leipziger Messe in lebhaftem geschäftlichen Verkehr gestanden, dass seine Familie so „jüdisch betriebsam" gewesen, dass sie gern an Juden verdiente, und diese es gewesen, die dem Stammvater „derer von Frege" den Weg zum Adel und Kammerherrn ebneten. Berlin. (Jüdische Krankenpflegerinnen.) Gelegentlich des hier stattfindenden „Congresses zur Bekämpfung der Tuberculose als Volkskrankheit" wurde auch die „Ausstellung für Krankenpflege" eröffnet. Dem Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen wurde daselbst, in der Nähe des „Victoriahauses", ein Ansstellungszimmer eingeräumt. Die Oberin des Vereines, Frl. Rosa Blau, welche dem Damencomite zugetheilt wurde, gab eine Darstellung der Methode, nach welcher die jüdischen Krankenpflegerinnen für ihren Beruf ausgebildet werden. Durch seine Einrichtung erregte das Ansstellnngszimmer des Vereines Aufsehen. Sämmtliche Blätter zollen dem Vereine ihr vollstes Lob. Berlin. Die „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden in Preußen", welche seit dem Jahre 1613 hier besteht, hat soeben ihren Jahresbericht pro 1898 veröffentlicht. Wir entnehmen demselben folgende interessante Daten: Die Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 18.812*92 Mark. Für 71 Lehrlinge sind 6060-45 Mark und als Beisteuer für das Lehrlingsheim Pankow 1500 Mark ausgegeben worden. An Mitglieder-Beiträgen sind 4808-95, an Effecten-Zinsen 4693-77 und an Geschenken 5965-—, darunter ein beträchtlicher Beitrag zum Andenken an den verstorbenen Philanthropen Ad. Ginsberg eingegangen. Das Vermögen der Gesellschaft beträgt zur Zeit 101.261-53 Mark. Außer den 71 Lehrlingen sind 3 Elektrotechniker, 2 Maschinenbauer und 1 Mechaniker zum Besuche höherer Lehranstalten unterstützt worden. Die Lehrlinge werden durch 5 Jnspectoren in ihrem Verhalten in den Werkstätten und im Besuche der Fortbildungs- und Religionsschule controliert. Sie gehören 29 verschiedenen Handwerken an. Auf die Altswahl der Lehrmeister und auf die Abfassung von Lehrverträgen wird besondere Aufmerksamkeit verwandt. Berlin. (E r n e n u u n g.) Der Privatdocent an der medicinischen Facultät der hiesigen Universität, unser Stammesgenosse Herr Dr. M. Mendelssohn, ist zum ordentlichen Professor ernannt worden. Breslau. Wie die „Schlesische Zeitung" meldet, sollen im Ministerium Erörterungen darüber im Gange sein, „ob nicht die grundsätzliche Abwehr ausländischer Juden von den östlichen Landestheilen auf die Zuzügler polnischer, mährischer und czechischer Abstammung beschränkt werden kann." Leipzig. (Zur S ch ä ch t f r a g e.) Ein Rittmeister a. D. v. Pobylinski veröffentlicht in der „Internationalen Fleischerzeitnng" folgende Ausführungen: „Das Schlachten eines Säugethieres geschieht am schmerzlosesten vermittelst eines Schnittes mit recht scharfem Messer durch die Aorta am Halse. Das Laufen des Blutes ist vollständig schmerzlos, wie jeder an sich durch Nasenblttten rc. empfurtden haben wird. Nur das Fleisch, welches vollständig ansgeblntet hat, ist zu Conserven geeignet. Vieh, welches zuerst betäubt wird, kann nicht ausbluten. Der Schlag mit der Axt vor den Kopf des zu schlachtenden Thieres zum Betäuben desselben ist eine der rohesten und grausamsten Handlungen, besonders wenn der Schlag zur vollständigen Betäubung des Thieres mehrfach wiederholt werden muss. Eine solche Handlung verroht den Menschen und ist entschieden nnchristlich. Nur nervösen Menschen, die kein Blut sehen können, erscheint es grausam, wenn ein Thier sich verblutet. Sie halten die Reflexbewegungen desselben für den Ausdruck des Schmerzes. Ein Huhn, dem der Kopf abgedreht ist, tanzt noch lange ohne denselben herum, man wird unmöglich dem Thier ohne Kopf Bewusstsein zumessen können. In alten Zeiten wurde viel zur Ader gelassen. Jeder, der es sich hat machen lassen, weiß, dass es ganz schmerzlos ist. Das Verbluten galt früher für den schönsten und sanftesten Tod, weil er vollständig schmerzlos ist. Weshalb will man dem Thier diesen sanften Tod nicht gönnen und allgemein zu dieser Schlachtmethvde übergehen, zumal es die rationellste Art ist, da nur vollständig ansgeblutetes Fleisch haltbar und bekömmlich ist." Stettin. Der „Generalanzeiger" veröffentlicht folgendes Inserat, das für die vom Antisemitismus durchseuchte Provinz Pommern überaus bezeichnend ist. „Verein ehem. Jäger unv Schützen! Wieder haben wir den Tod eines Kameraden zu beklagen. Gestern abends halb 7 Uhr verschied nach sechswöchentlichem Krankenlager im städtischen Krankenhanse Hierselbst Herr Hermann Wolfs. Gleich bewährt im Krieg und Frieden, haben wir in dem Heimgegangenen einen Soldaten im besten Sinne des Wortes, einen treuen und braven Kameraden verloren. Der Vorstand. (Folgt die Einladung ztim Begräbnis.) Warschau. (C u l t u s v o r st e h e r w a h l e n.) Unsere Gemeindemitglieder stehen jetzt vor einer neuen Wahl. Die Agitation ist diesmal ungeheuer stark. Die einzelllen Parteien kämpfen gegeneinander mit allen Mitteln. Es handelt sich aber in diesem Kampfe nur um Personen, nicht um Principien. Warschau ist die größte jüdische Gemeinde Russlands und könnte dem Judenthume voranlenchten. Leider werden dorr die Personalfragen über die Interessen des Judenthnms gestellt. Warschau. (Eine große Spende.) Der hiesige Banquier Josef Landau hat 287.900 Rubel für wohlthätige Zwecke gespendet, darunter 100.000 für die hiesige Cnltusgemeinde und 75.000 zum Baue eines Asyls für Greise. Petersburg. (Die E x c e d e n t e u in Nikolaj e w.) Wie die „Nowosti“ berichtet, hat am 13. Mai a. St., vor dem Friedensrichter in Nikolajew die Verhandlung gegen die Excedenten stattgefunden. 32 Personen wurden wegen Diebstahls während der Excesse vernrtheilt. Interessant ist, dass die Beschuldigten Diebstahl nicht zu den Verbrechen zählen. „Alle haben genommen — nun nahm ich mit — meinte einer vor dem Richter, ich bin kein Dieb!" Die meisten wurden mit dreimonatlichem Kerker bestraft. Charkow. (NeneBeschränk ungen gegen die Jude n.) Alle Gutsbesitzer und Eigenthümer der Sommerwohnungen außerhalb der Stadt Charkow sind von der Polizei vorgeladen worden, wo sie sich mit Unterschrift verpflichten mussten, keinem Juden eine Sommerwohnung zu vermiethen, da den Juden nicht erlaubt ist, außerhalb der Stadt zu wohnen. Ausnahmen machen nur diejenigen, denen von einem christlichen Arzt ihre Krankheit und die Nothwendigkeit eines Sommeranfenthaltes bezeugt wird. Das Blutmärchen. Von Dr. E. H. I. Tiefbegründet in der menschlichen Natur ist der Hang zum Aberglauben, welcher sich zum wahren Glauben verhält wie das Unkraut zur segenspendenden Feldfrncht, auf deren Kosten jenes wächst und gedeiht. Der Unterschied liegt nur darin, dass man das Unkraut ansrvtten kann, den Aberglauben nicht. Eine der lächerlichsten, in seinen Consequenzen aber zugleich furchtbarsten Formen des letzteren ist die im christlichen Pöbel verbreitete und von gewissenlosen Hetzern unterstützte Meinung, die Juden brauchten zu rituellen Zwecken Blut. Es klingt zwar nnglaublich an der Schwelle des 20. Jahrhunderts, aber Thatsache ist es, dass jüngst erst, anlässlich des mysteriösen Mordes im Walde bei Polna, wiederum das Blutmärchen aufgetischt wurde — und was das Bedenklichste daran ist — nicht etwa nur durch das täppische und nncontrolierbare Gerede von Klatschbasen männlichen und weiblichen Geschlechtes, sondern in Blättern, die ernst genommen werden wollen, ja sogar in einer Eingabe ans Ministerium. Beschäftigen wir uns einmal des Näheren mit der gruseligen Geschichte von der angeblich durch den Cultns der Juden geforderten Verwendung von Christenblut, prüfen wir sie nach ihrer Genesis, ihrer Verbreitung und ihrer Beurtheilung seitens der maßgebendsten Factoren außerhalb des Judenthnms. Es muss geradezu eine Ironie der Völkergeschichte genannt werden, dass der Borwurf einer Verwendung von Menschenblut zu ritullen Zwecken zu allererst gegen die Christen erhoben wurde, indem die damals noch heidnischen Römer den Umstand, dass die nengegründete Secte stets „den Leib und das Blut Christi" im Munde führte und bei ihren heiligen Handlungen eine wichtige Rolle spielen ließ, in diesem Sinne attslegten und als einen Grund mehr zur Verfolgung der Christen anführten. Als aber das Christenthum zu Macht und Ansehen gelangt und schließlich zur herrschenden Religion geworden war, da kleidete das Volk sein Vorurtheil und seinen Hass gegen die Juden in dieselbe Form, die noch kurz zuvor gegen die Seinen geltend gemacht worden war. Vergebens erhoben die ob ihres tiefen Wissens und ihrer Vertrautheit mit den Lehren des Judenthnms maßgeberidsten Autoritäten ihre gewichtigten Stimmen gegen diesen Nonsens: immer und immer