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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-02 · 16 (2.6.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
16 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1l» Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Juni 1800 Seite 5 messe, die aller Rechte beraubt ist, sogar des Rechtes auf's Sterben." (Aus den „unvollendeten Plaudereien"). So schrieb Saltikoff-- — Die Ursachen des abnormalen jüdischen Zustandes analysierend, weist er hauptsächlich auf die falschen, traditionellen, seit Jahrhunderten überlieferten Vorstellungen über die Juden hin. Es sind Begriffe des Mittelalters in unserer Zeit noch herübergerettet worden, und mit denselben wird die Judenfrage operiert. Alles was schon für alle Welt abgelebt, seelenlos, veraltet ist, wird noch die Behandlung der Jndenfrage als Maßstab gewählt. „Wem wird es entfallen", — schreibt der große Satyriker — „Rasuwajeff für den bestimmenden und tonangebenden Typus des russischen Menschen, hinzustellen. Und Rasuwajeff als Jude wird dem ganzen jüdischen Stamme anfgenöthigt, und alle Welt schreit auf das jüdische Volk zeigend: Hier!" Die Bedingungen, die die Judenfrage entstehen ließen, aufklärend, versuchte auch Saltikoff auf eine Art Lösung hinzuweisen. Dieser Weg, ist nach Saltikoff, die genannte Bekanntschaft mit dem wirklichen Sachverhalte, mit dem wirklichen Zustande der armen jüdischen Masse, das Studieren ihrer Bedürfnisse und Nöthe. „Was wissen wir, in Wirklichkeit, von dieser Masse? Haben wir denn eine Ahnung was ihr noththut und in welchen Umständen sie sich befindet? Wissen — das ist das allernächste bei Behandlung der Judenfrage. Das Wissen wird unbedingt jenes menschliche Gefühl zur Folge haben, das in den Beziehungen der Menschen zu einander Gerechtigkeit, Bewusstsein der Liebe und Brüderlichkeit feststellt". So sprach Saltykiff- Haben wir denn nicht Grund genug, sich seiner mit Liebe zu erinnern? Wenn bloß Pobjedonosceff und andere Wohlthäter des jüdischen Volkes zu verstehen „geruhten" .. . J. Nitschek. E. Zeller: Vorgeschichte des Christent h u m s, in der Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie. Herausgegeben von H i l g e n f e l d, 2. Heft, 1899. Einen Versuch zur Lösung des Räthsels und des Dunkels, welches über die jüdische Secte der Essäer, namentlich über ihre Entstehung, ausgebreitet liegt, könnte man eher die Abhandlung nennen, welche der durch seine Geschichte der griechischen Philosophie rühmlichst bekannte Verfasser uns hier bietet. — Man hat bisher die Ursachen ihrer Entstehung auf dem Boden des Judenthums selbst gesucht und hat als Zeitpunkt ihres Jnslebentretens die religiösen Wirren ansehen wollen, welche zur Zeit der Makkabäerkämpfe, sowie nach denselben im jüdischen Volke platzgegriffen hatten. So bezeichnet sie Hitzig als identisch mit der Partei der Chassidim. Dieselben, welche zu Beginn des Makkabüeraufstandes eine große Rolle gespielt, sich später aber zurückgezogen hatten, Hilgenfeld hingegen als Anhänger der Rechabiten, die sich bekanntlich des Weingennsses enthielten. Z. will nun den Nachweis führen, dass der Essenismus unmöglich rein jüdischer Herkunft sein könne, sondern mit Berührung mit dem Hellenismus ins Leben gerufen worden sei, und zwar lange noch vor Ausbruch der Makkabäerkämpfe, zur Zeit der ersten Ptolomäer und Selenciden. — Denn dass eine solche Secte, welche durch ihre Verwerfung jeglicher Opferhandlung, des Eides, der Ehe sich in directen Gegensatz zu den Grundanschaunngen des damaligen Judenthums stellte, ungehindert entstehen und sich ansbreiteu konnte, lasse sich nur durch den gewaltigen Einfluss erklären, den das Griechenthnm unter den genannten Herrschern auch auf das Judenthum ausgeübt, ein Einfluss, der sich in den immer häufiger werdenden Abfall vom jüdischen Glauben und Annahme griechischen Wesens äußerte. Auf das Wesen des Essäerthums selbst hätten aber namentlich die griechischen Pythagoräer und Oephiker mit dem ihnen eigenthümlichen Mysteriencnltus einzewirkt. Wenn wir nämlich finden, dass auch diese sich des Fleischgeunsses enthielten, feinen Wein tranken, int Cölibat lebten, sich vor jeder Berührung mit einem Leichnam hüteten, und statt des Eides sich bestimmter Bethenerungsformeltt, bei fließendem Wasser gesprochen, bedienten, so kann es begreiflich erscheinen, dass diese beiden Orden, welche gleichsam eine Art Asketenverein bildeten, wie überall, so auch in Palästina durch ihre ganze Lebensweise besondere Aufmerksamkeit Hervorrufen mussten, und gar leicht mag da aus der Verbindung dieser Askese und Mystik mit der jüdischen Religioit der Essenismus entstanden sein. Auch ihre im gewissen Sinne pantheistische Weltanschauung, wie ihr Seelencult, demzufolge sie die eigentliche Bestimmung des Menschen ans dem Diesseits ins Jenseits verlegten, mag diesen llebergang ins Judenthum erleichtert haben. Interessant ist schließlich die Beweisführung für die Entstehungszeit des Essenismus aus dem Buche Koheleth — das die Kritik um 200 v. Ehr. ansetzt — welches Buch deutlich auf die Secte anspiele, wenn es z. B. Capitel 9, 2 heißt: „Ein Loos trifft.. . den Opfernden und den, der keine Opfer bringt. . . Der, welcher schwört, ist wie der, welcher den Eid scheut", zwei der auffälligsten Untersuchungslehren der Essäer, was beweisen soll, dass diese Secte jedenfalls vor dem Ausbruche der Makkabäerkämpfe bestanden haben müsfe. m. st. ,,Pjesni Sijona“, sobranje stychotworonij Gh. Singer a. Verlag „U l e j", Charkow 1899. („Z i o n s l i e d e r", eine Sammlung von Gedichten von CH. Singer, russisch.) In der russisch-jüdischen Literatur gibt es wenige Dichter von Bedeutung. Die traurigen Bedingungen, in denen sich die russischen Juden befinden, lassen keine Künstler aufkommen. Die Betheiligung der russischen Juden an der russischen Literatur ist eine minimale. Selten, dass einer aus den ihn umringenden Qualett und Leiden, ans dem - ewigen Jagen und Gejagtwerden sich in eine höhere" Sphäre herüber zu retten vermag, um seinen Schmerzen und Gefühlen Ausdruck zu ver-! leihen. Von der Wiege bis zum Grabe ist das Leben dieser Leute finster, lichtlos, schmerzvoll und schwer. Sie haben sogar schon das Hoffen verlernt. Ihre Hoffnungen sind nicht die Hoffnungen eines gesunden, normalen Volkes, sondern sie spielen mit den Hoffnungen wie mit einem Spielballe, bloß um sich ein wenig zu zerstreuen, bloß zum Zeitvertreib. Europa weiß nichts davon, auch so manche von den jüdischen Führern in Westeuropa. Ich meine nicht die Abwehrleute, sondern die sogar auf edlere Ziele und Ausgänge Hinweisen, auch die köitnen nicht die Heiligkeit des Schmerzes der jüdischen Volksseele. Aber auch speciell jüdische Dichter, die von ibren Leiden als solche uns erzählen könnten, sind sehr wenig vorhanden. — Der größte und bedeutendste ist Samuel F r u g, der noch imstande ist, „sogar die kalten Herren" weilten zu machen. Unsere Sinne, die für Leiden empfänglich sind und jeden Messerstich wahrnehmen können, sind schon abgestumpft. „Jnden-Excesse in X. So und so viel Todte, so und so viel Schwerverletzte" lassen uns ganz kalt. Wir vermögen das schon nicht gehörig zu empfinden, denn Alltäglichkeiten können nicht tief empfunden werden. Bloß ein stummes Weh- und Rachegefühl hält uns auf den Füßen. Daher in den Reihen verschiedener Befreiungs- und Nichtbefreiungs-Kriege soviel junge jüdische Leute.... Sie empfinden die Ungerechtigkeit in allen ihren Erscheinungsformen, und suchen Mittel, ein wenig ihr heißes Blut zu kühlen- Schon Jahrtausende, dass wir die „Klagelieder Jeremias" alljährlich zu hören bekommen und täglich in verschiedenen Variationen im Leben sehen- Daher muss ein Dichter, der mts rühren will, einen Schrei, mit einer solchen Verserkerwnth erheben, dass „es dringt in alle Ohren und durch die Ohren ins Herz". Ch. Singer ist ohne Zweifel ein dichterisches Talent. Er empfindet das ewige jüdische Leideit, er kennt die an uns ausgeübte Ungerechtigkeit, kann sogar noch aus dem Haffe leiden; aber dies Leiden ist das alltägliche und kann uns nicht mehr rühren.... J. M. „Front Plock to Boston“ nennt sich das von der allerjüngsten Autorin erschienene Buch. — Vor etwa 4 Jahren wanderte eine russische Familie von Plock (Russisch-Polen) nach Boston (Amerika) aus. Eine 12jährige Tochter dieser Familie führte während der ganzen Fahrt ein Tagebuch und notierte dabei alle empfangenen Eindrücke. — In Amerika angelangt, erlernte dieses Kind rasch die englische Sprache, übersetzte ihre Aufzeichnungen insEnglische, verehrte das Manuscripte iner hochgestellten Dame, die die Wohlthäterin ihrer Eltern war. — Als der bekannte Schriftsteller Zangwill in Amerika weilte, stattete er dieser Dame einen Besuch ab und hatte Gelegenheit, in dieses Manuscript Einsicht zu nehmen. Er bewunderte das schriftstellerische Talent des jungen Mädchens, schrieb zum Manuscript eine Vorrede und ließ es als Buch unter oben bezeichnetem Titel erscheinen. — Die amerikanischen Blätter ergehen sich in Lobeserhebungen über diese Arbeit und prognosticieren der jungen Schriftstellerin eine große Zukunft. — Ui — darüber ganz glücklich. Am Abend dieses Tages wurde die Verlobung erst ordnungsgemäß im Beisein der Eltern gefeiert. Es waren nur wenige Bekannte zugezogen. Fräulein Mali mit ihrer Mutter durften nicht fehlen, ebensowenig der Zimmerherr Samuel Feigengold, aber auch Jonas Gottlieb nicht. Bei dieser Gelegenheit konnte Aron es nicht vermeiden, seine Freunde, die einander bisher fremd tvaren, znsantmenzubringen. Die Sache hatte aber keine weitere Folge, da man vorzugsweise auf die Braut das Augenmerk richtete und sie als den Mittelpunkt des Festes betrachtete, so waren für die beiden Herren, die überdies noch so placiert waren, dass sie nicht unmittelbar nebeneinander saßen, keine Veranlassung, sich gegeneinunder auszujprechen und so behielt die gemachte Bekanntschaft den Charakter der Flüchtigkeit, wie gewöhnlich bei solchen Anlässen. Man war fröhlich und guter Dinge. Jeder bestrebte sich, dem einfachen Mädchen, das von der Gunst des Glückes so hoch emporgehoben wurde, etwas Angenehmes zu sagen, und Fanny nahm alle die Lobpreisungen und Glückwünsche mit einer solchen Demuth entgegen, die selbst den Neid verscheuchte, welcher bei solchem Glückswechsel im Herzen der Menschen sich zu regen pflegt. Alles gönnte ihr das große Glück, das ihr widerfahren, aus vollem Herzen; nur sie selbst fand sich solcher Gnade des Himmels nicht würdig. Nur Jonas Gottlieb war nicht so mit ganzer Seele bei der Sache. Er hätte es lieber gesehen, dass, wie er es erwartet hatte, sein Freund Aron Kohu eine sogenannte große Partie gemacht hätte. Wenn er ihn um Rath gefragt hätte, tvär' die Sache nicht zustande gekommen. Eine arme Weißnäherin und der Sohn eines so reichen Hauses passen nicht zusammen. Man sieht es dem Mädchen ja auch an, dais ihr die neuen Zustände, in die sie eintreten soll, zu vornehm sind und darum ist sie so schüchtern uitd so zaghaft. Indessen aber —■ so war inmitten der lauten Fröhlichkeit sein einsam stiller Gedankengang — seine Eltern geben doch ihre Eimvilligung, und wenn es ihnen recht ist, kann es auch mir recht sein. Er brachte aber trotz dieser innerlichen Absonderung keilten Mission in die festliche Stimmung und so verlief der Berlobungsabetid ungestört und ungetrübt zur Zufriedenheit aller. (Fortsetzung folgt.) Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Knlke. (Fortsetzung.) XIV. Aron führte die Geliebte zu seinen Eltern in das Hotel, wo sie Wohnung genommen hatten. Es war für Fanny ein schwerer Gang; ihr war's ums Herz, als gienge sie zu Gericht als eine Angeklagte. Er musste sie förmlich dazu drängen, dass sie mit ihm gieng, so viel Angst hatte sie, und sie schmiegte sich an ihn, als ob sie bei ihm Schutz suchen müsste vor Angriffen, die nicht gemacht wurden. Nachdem sie eingetreten waren, nahte sie sich demüthig der fremden, vornehmen Frau, um ihr die Hand zu küssen. Arons Mutter aber zog die Hand zurück und umschlang mit beiden Armen die Geliebte ihres Sohnes, während der Vater sie mit Wohlgefallen und väterlichem Wohlwollen betrachtete. Sie hatte auf die Eltern einen großen Eindruck gemacht. Ihre Schönheit übertraf alles, was sie je gesehen hatten und konnten es nur sehr natürlich finden, dass sich der Sohn von dieser Schönheit gefesselt fühlte. Aber nicht nur dieser äußerlich strahlende Glanz hatte die Eltern bestochen. Nachdem die Mutter sie losgelassen und sie Platz genomnten hatte, zeigte sie in jedem Worte, das sie sprach, so viel innere Schönheit der Seele, dass sich die Eltern zu dieser Wahl nur gratulieren konnten. Diese Bescheidenheit, diese Sanftmuth. diese Hingebung und Aufopferungsfähigkeit, die sie ihr vom Gesichte lasen, sie verrieth sich in jedeut Blicke, in jeder Bewegung, in jedem Worte, und weit entfernt von dem Stolze, dass sie dnrh ihre Einwilligung etwa ein armes Geschöpf zu sich emporhoben, waren sie vielmehr innig von der Ueberzeugung durchdrungen, dass ein größeres Glück ihrem Sohne nicht hätte widerfahren können, als dasjenige, welches ihm an der Seite dieses holdseligen Wesens bevorstand. Als Arons Mutter das Müdchett mit einem Blicke voll Zärtlichkeit ansah, sagte Fanny mit dem Ausdrucke reinster Dankbarkeit: Ach, gnädige Iran- Warum sagst Du mir gnädige Frau, liebes Kind — unterbrach sie die Frau — Du bist ja meine Tochter, Du musst mir Mutter sagen. Ach — erwiderte Fanny — dieses Wort Hab' ich mir abgewöhnt. Du musst es Dir wieder angewöhnen — sagte die Frau und schloss sie abermals in die Arme. Aber — setzte sie fort, nachdem sie sie wieder losgelassen hatte —• Du hast ja etwas sagen wollen. Was war das?

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