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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-02 · 16 (2.6.1899) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
16 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Juni 1890 Nr. 16 klar zu werden — wer recht hat und welche Bedeutung das Wort „unsere" hat. Nttgar.-Brod. (Jüdischer Geselligkeits- Verein.) Man schreibt uns: Am 21. Mai hat sich in unserer Stadt, die sich immer mehr zu einer Pflanzstätte jüdisch-nationalen Lebens gestaltet, ein jüdischer Geselligkeits¬ und Humanitätsvcrein constituiert. Zum Obmann wurde Ihr Mitarbeiter, der verdienstvolle und allseits beliebte Oberlehrer Herr L. Riesenfeld, gewählt. Bttdweis. (S t e r b e f a l l.) Am 24. v. M. verschied hier Herr Med.-Dr. Armin A b e l e s, der gewesene Fabriksarzt im Eleouorenheim. nach kurzem Leiden. Der Dahiugeschiedene, ein Sohn des emerit. Rabbiners Löwy Abeles in Prag, wirkte eine Reihe von Jahren in ersprießlicher Weise im Eleonorenheim. Sein Leichenbegängnis fand am 26. v. M. unter großer Betheilignng statt. Brandeis a. d. Elbe. (Israelitische Cnltnsgemein de.) Bei der Vorsteherwahl am 24. Mai wurden mit Stimmeneinhelligkcit Herr JUDr. Richard U l l m a n n, Advocat in Brandeis a. d. Elbe, zum Cultnsgemeinde-Vorsteher und Herr Alois L n st i g in Brandeis zum Vorsteher-Stellvertreter gewählt. Am Samstag den 27. Mai fand die Installierung der nengewählten Functionäre statt, verbunden mit einem feierlichen Gottesdienste im Tempel. Stanislan. (Ein seltener Fall.) Man schreibt uns: In unserer Stadt hat sich jüngst ein Fall ereignet, der in der modernen Cnltnrgeschichte Galiziens wohl einzig dastehen dürfte. Im hiesigen Gemeinderathe erhob sich in der Sitzung vom 2ö. v. Ai., die unter dem Vorsitze des jüdischen Bürgermeisters Dr. N i m h i n stattfand, der hiesige Pfarrer Dr. Eiselt und stellte den Antrag, es möge die Benennung „Judengasse" in „Baron Hirsch-Gasse" umgewandelt werden. Es ist selbstverständlich, dass dieser Antrag einstimmig und unter reichem Beifall angenommen wurde. Stlinislan. Die Disciplinar-Untersuchung gegen den k. k. Bezirkshauptmann von Nadworna, Halecki, in der bekannten Affaire des Barbiers Wolf Blau wurde vor einigen Tagen abgeschlossen und Halecki strafweise zur Statthalterei nach Lemberg versetzt. Ausland Berlin. Der seltene Fall eines Polizeikampfes gegen antisemitische Flugblattvertheiler beschäftigte kürzlich das Oberverwaltungsgericht. Die Polizeiverwaltung von Perleberg hatte dem Fleischer Ehlers die Erlaubnis .zum öffentlichen Vertheilen eines antisemitischen Flugblattes verweigert. Ehlers klagte darauf im Verwaltnngs-Streitverfahren und machte geltend, dass der § 10 des preußischen Pressgesetzes die Versagung der Erlaubnis, Druckschriften öffentlich zu verbreiten, nur für die Fälle znlassen wolle, wo die persönlichen Eigenschaften der Vertheiler besorgniserregend wären. Im übrigen müsse bestritten werden, dass § 10 II 17, allgemeinen Landrechtes, den ablehnenden Bescheid der Polizeiverwaltung rechtfertige, denn von der Flugblattvertheilung habe eine Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung nicht befürchtet werden können. Nur Juden und deren Freunde wären unangenehm berührt worden. Der Kreisausschuss, dessen Urtheil später vom Bezirksausschuss bestätigt wurde, wies die Klage a b, und erklärte die rechtlichen Ausführungen des Klägers für unzutreffend. Entscheidend dafür, ob die Polizei die Genehmigung ertheile oder nicht, sei der Inhalt des Flugblattes. Die Polizei sei nun hier mit ihrem Vorgehen im Recht gewesen, weil sie angenommen habe, dass der Inhalt des Flugblattes geeignet gewesen sei, aufreizend zu wirken. — Auf die Revision des^ Klägers hielt das Oberverwaltungsgericht die Borentscheid nngen aufrecht. Paris. Es ist bemerkenswert, dass zwei Akademien an Stelle des verstorbenen englischen Premiers G l a d st o n e, zu Ehrenmitglieder Juden gewählt haben und zwar wählte die hiesige Akademie für politisches Wissen, den italienischen Staatsmann L. L u z a t t o und die Akademie der Wissenschaft in Belgien den Herrn A s s e r. Letzterer ist gegenwärtig mit der Vertretung Hollands bei der Friedensconferenz im Haag betraut. London. In dem hiesigen großen allgemeinen Hospital waren bis jetzt nur zwei Zimmer. Eines für jüdische Kranke männlichen und eines für solche Kranke weiblichen Geschlechter reserviert. Aufsicht und Pflege ließen viel zu wünschen übrig; ein großes Uebel bildete das Zusammensein der mit verschiedenen Krankheiten Behafteten in eine m Raume. Jetzt wurde die Schaffung einer speciell jüdischen Abtheilung in Angriff genommen, in welcher auch streng rituelle Kost verabreicht werden wird. London. Wie die „Times“ berichtet, hat die „englische Missionsgesellschaft zur Bekehrung der Juden" zum Christenthum im Vorjahre 3 8.4 3 0 Pfund Sterling verausgabt, wofür sie 2 8 Juden der Taufe zngeführt haben. Wahrlich sehr theuer bezahlt. London. Ein englisches Schiff brachte vorige Woche 75 jüdische Familien aus Russland nach der Insel Cypern, die sich sämmtlich dem Ackerbau widmen. Die Engländer auf Cypern sind ihnen mit Freundlichkeit entgegengekommen und haben ihnen den Platz Margo zur Bildung einer Colonie angewiesen. Petersburg. Im Jahre 1881 heiratete ein Jude Josef Lutwak seine Frau Scheine Nura k, welche im Jahre 1887 zum katholischen Glauben übertrat, um einen Christen Bichowitsch zu heiraten. Lutwak brachte beim Kreisgerichte in Wialka die Klage ein und verlangte, das Gericht möge seine Frau verhalten, zu ihm zurückzukehren, da nach jüdischem Gesetze die Taufe das Band der Ehe nicht löse. Das Gericht jedoch hat infolge Aeußernng der katholischen Kirche die Taufe als Scheidungsgrund erkannt. Lutwak appellierte an den Senat, welcher jetzt über den Fall entscheiden wird. Petersburg. Seit 10. Mai (28. April a. d.) erscheint hier ein neues Tagesjonrnal „llassia" dessen Redactenr ein Herr Sasanow, in seinem Programmartikel über die Tendenz der Blätter die strengste Toleranz allen Nationen und Confessionen gegenüber manifestiert. Schon in der ersten Rümmer jedoch hat er in der Rubrik „Ausland" eine Notiz gegen die Inden anfgenommen. In der letzten Nummer vertheidigt er sich, die Notiz sei irrthümlicher Weise in das Blatt anfgenommen worden. Petersburg. (Antisemitische C h i c a n e n.) In der Umgebung von Charkow haben s ä m m t l i ch e B e rm i e t h e r von S o m m e r w o h n u n g e n auf den betreffenden Polizeibureans sich durch Namensnnterschrift verpflichten müssen, keine Juden als S o m m e r g ä st e aufzunehmen. Eine Ausnahme soll nur dann zulässig sein, wenn der betreffende jüdische Sommergast ein ärztliches Zeugnis beibringen kann, dass er wirklich krank ist und der Aufenthalt auf dem Lande für die Wiederherstellung seiner Gesundheit unbedingt nothwendig ist. Petersburg. (Beschränkung der Rechte jüdischer A e rz t e.) Die Spitalscommission im Petersburger Gemeinderathe, (Duma), hat die Beschränkung der Zahl, der in Spitälern und Versorgnngshänsern in Petersburg practicierenden jüdischen Aerzte beschlossen. Fast sämmtliche hiesige Blätter sprechen sich über diesen Entschluss abfällig aus und bemerken, dass der Commission der „Duma" kein Recht zusteht, jemandem das Recht zu nehmen, welches das Gesetz ihnen gegeben. Hierzu bemerkt der „Wratz" : Schade, dass ^der Name des Antragstellers nicht genannt wurde. Die Schamröthe steigt zu Gesicht bei dem Gedanken, dass in der „Spitalscommission", in welcher viele Aerzte sitzen, eine derartige Frage aufgerollt werden konnte. Coustantinopel. Laut Zeitungsmeldnngen hat der Großvezier an alle Paschas sämmtlicher Provinzen des türkischen Reiches ein Rundschreiben erlassen, in dem es heißt: Es sei der feste Wille des Sultans, dass alle, welcher Religion immer Angehörigen, Unterthanen des türkischen Reiches, in Eintracht und Friede mit einander verkehren sollen. Das Schreiben legt allen Paschas und Richtern im Lande ans Herz, diesen Wunsch Sr. Majestät nach seinem vollen Werte zu würdigen und mit Eifer dahin zu streben, dass diesem Wunsche Rechnung getragen werde und derselbe zur A u s f ü h r u n g gelange. BerussstatiftU. Von Dr. E. H. Wir haben vor Kurzem darauf hingewiesen, dass infolge der gegenwärtigen socialen und politischen Verhältnisse die Juden massenhaft und in eurer den bezüglichen Ziffern der Bewölkernng jüdischen und anderen Glaubens durchaus nicht entsprechenden Zahl den gelehrten Berufen, soweit dieselben ihnen offen stehen, zugetrieben werden. Im Folgenden mögen einige statistische Aufstellungen diese Behauptung erhärten, gleichzeitig aber auch ein Bild der sonstigen Berufsverhältnisse unter den Juden darbieten. Was vor allem die gelehrten Berufe anbelangt, so fassen wir zunächst ins Auge, wie es bezüglich der Rassenangehörigkeit um unser Barreau bestellt ist. Es gibt 935 A d v o c a t e n in Wien; davon sind 644 Juden, das heißt 08.88 Percent der Wiener Rechtsanwälte sind unsere Glaubensgenossen. Sollen's es uns nachmachen, die anderen! Von den 2184 Aer zten der Reichshauptstadt gehören 1235, das ist 56-55 Percent der mosaischen Confession an. Interessant ist es zu erfahren, wie sich diese Gesammtzahl der Aerzte ans die einzelnen Bezirke von Wien vertheilt. Die meisten Doctvren der Heilkunde besitzt der neunte Bezirk, nämlich insgesammt 473. Weit mehr als die Hälfte derselben, und zwar 279 bekennen sich zum Judenthume, also 59-2 Percent. Die nächsthöchste Zahl von Aerzten weist die innere Stadt auf. Von den 418 heilkundigen Doctvren derselben sind 270, das ist 646 Percent Juden. Dem ersten Bezirke zunächst steht an Zahl der daselbst etablierten Aerzte die Landstraße. Der dritte Bezirk Wiens zählt 209 Doctvren der Medicin, worunter sich 112 Glaubensgenossen befinden (53-6 Percent). Dann folgt die Leopoldstadt mit 191 Aerzten, wovon 169, also 88'5 Percent Glaubensgenossen sind. Bon den 180 Medicinä-Doctoren des achten Bezirkes sind 63 Juden (35 Percent), von den 134 des 4. Bezirkes 55 (41 Percent). Im Bezirke Neubau sind 107 Aerzte etabliert, darunter 42 Juden (39'/, Percent), in Mariahilf 84 Aerzte, darunter 40 (47'6 Percent) mosaischer Confession. In den übrigen Bezirken ist die Zahl der Doctvren der Heilkunde, welche sich daselbst niedergelassen haben, eine verhältnismäßig weit geringere; aber auch unter ihnen ist der Percentsatz der Angehörigen unseres Volkes ein sehr hoher, trotzdem in diesen zumeist an der Peripherie der Residenz liegenden, und gewiss nicht als „verjudet" zu bezeichnenden Stadttheilen eine nur kleine Zahl von Juden wohnt. In der bisher eingehaltenen absteigenden Reihenfolge figuriert nun znnächst der Bezirk Währing mit 67 Aerzten, lvovon 33, also die Hälfte (49-25 Percent) Juden; dann folgen Favoriten mit 51 Aerzten (davon 27 (52-94 Percent Juden), Margarethen mit 43 Medicinä-Doctoren, deren 22. also mehr denn 50 Percent, unsere Glaubensgenoffen sind, Ottakring mit 40 Aerzten, wovon genau die Hälfte Juden sind (50 Percent), Hernals mit 39 Aerzten, darunter 20 jüdischen (mehr als 50 Percent), Hietzing mit 34 Doetoren der Heilkunde. 15 jüdischen (44 Percent), Rudolfsheim mit 31 Aerzten, 16 jüdischen, (über 50 Percent), Döbling mit 31 Aerzten, davon 22, d. i. über 70 Percent Juden, Meidling mit 23 Doctoren der Medicin, deren 12 (mehr als 50 Percent) jüdischen Glaubens, Fünfhans mit 22, davon 15 (d. i. über 68 Percent) jüdischen Aerzten; endlich Simmering mit im ganzen 7 Aerzten, und auch davon sind 3 Juden. Wir haben also in dem erwähnten Artikel nicht stark übertrieben, wenn wir behaupteten, dass die Zahl der jüdischen Mitglieder des Advocaten- und Aerztestandes in Wien und diejenige der anderen Confessionen angehörigen Mitglieder dieser Berufsgruppen fast im umgekehrten Verhältnisse zu den bezüglichen Ziffern der Gesammtbevölkerung stehen. Sehen wir uns im I o u r n a l i st e n st a n d e mit, so ergibt sich Folgendes: Der Wiener Schriftsteller- und Journalistenverein „Cvncordia" zählt 117 ordentliche Mitglieder. Davon sind nur 23, also 19-65 Percent Nichtjnden, während 94 ordentliche Mitglieder der „Cvncordia", d. i. über 80 Percent mosaischer Confession sind. Der „Concordia-Club" hat aber auch außerordentliche Mitglieder und zwar 119. Davon sind 89, also 74*9 Percent Juden. Diese Ziffern besagen mehr als ganze Abhandlungen. Denn die „Cvncordia" repräsentiert nun einmal das stabile Element der Wiener Jonnalistik; in dem fluctnierenden Theile derselben ist das Verhältnis ein dem eben gekennzeichneten ähnliches. Zur Vervollständigung unserer berufsstatistischen Betrachtungen dürften die folgenden Erhebungen dienen. Der e r st e W a h l k v r p e r des Bezirkes Alsergrund für die Wahl des Wiener Gemeinderathes besteht ans 377 Wählern. Das sind also die social und wirtschaftlich hervorragendsten Bürger dieses Bezirkes. Unter jenen 377 Wahlberechtigten des ersten Wahlkörpers befinden sich 151 Inden, das sind 40 Percent. Ihrem Berufe »ach sind die letzteren: 76 Kauflente und Fabrikanten, 16 betreiben ein Gewerbe, 13 Agenten und Sensale, 10 Beamte, 10 Privatiers, 6 Aerzte, 5 Börsenbesucher, 5 kaufmännische Angestellte, 3 Redacteure, 2 Professoren und je ein Baumeister, Advocat, Haus-Administrator und Elektrotechniker. Machen wir eine ähnliche Stichprobe wie soeben bezüglich der Elite der Bevölkerung nunmehr auch in den unteren Schichten derselben, wo die Berufswahl ganz anders beeinflußt ist, greifen wir z. B. jene Wähler des dritten Wahlkörpers des genannten Bezirkes heraus, deren Namen mit dem Buchstaben A beginnen, so ergibt sich folgendes Resultat: Im ganzen wohnen im 9. Bezirke Wiens 54 Wähler des dritten Wahlkörpers, deren Namen mit A beginnen. Davon sind 17, also ungefähr ein Drittel, Juden. Von diesen 17 Glaubensgenossen sind 4 Beamte, 4 Börsebesncher, 4 kaufmännische Angestellte, 2 Agenten und je ein Gewerbsmann, Kaufmann und Elektrotechniker. Durch diese Stichproben wollten wir die Vertheilung der verschiedenen Bernfszweige in jenen Bevölkerungsschichten Nachweisen, zu welchen eben nicht das Gros der früher besprochenen Stände — der Advocaten, Aerzte und Journalisten — gehört, da dieselben in ihrer überwiegenden Mehrheit im zweiten Wahlkörper als der typischen Vertretung der Intelligenz wählen. Literatur. Zur Grmnenmg an M. G. KaMlroff. (Saltikoff und die In den frage.) Unlängst sind zehn Jahre verstrichen, seitdem der russischen Literatur einer ihrer größten Söhne, der größte Humorist und Satyriker Russlands nach Gogol, M. E. Salti k v f f (Ozschedzin) gestorben ist. Saltikoff war mehr Pnblicist als Künstler, aber er war ein Künstler der Pnblicistik, sein Humor ist gesund und tief. Seine ganze, fruchtbare und productive schriftstellerische Thätigkeit bestand sozusagen im Entlarven, im Demaskieren. Sein Lachen war nicht selbstzufrieden, sondern herzzerreißend. Liebe zum Nächsten, Mitleid zu allen Leidenden und Unterdrückten waren die Grnudtöne seines edlen Charakters. Er berührte alle kranken Seiten des russischen Lebens und schrieb ernst über alle „verruchten Fragen", die ihrer Lösung schon lange harren. Selbstverständlich stieß er auch auf die Judenfrage, jene alte und ewig neue Frage. Geistvoll und ehrlich wie er tvar, vermochte er in alle geheimen Schlupfwinkel dieser Frage einzudringen, und sehr viel lichtloses und finsteres zu beleuchten. Aus vielen Stellen seiner verschiedensten Aufsätze, in denen er beiläufig die Indens', age berührt, leuchtet Verständnis und Gewissenhaftigkeit hervor. In einem Aufsatze über das Schulwesen in Russland schreibt er u. a. „Bald beim Eintritte in die Schule, werden über jeden, der nach Wissen schmachtet, verschiedene Nachforschungen angestellt: vb er Adeliger oder Bürger ist, welcher Confession er angehvrt, ob er Protestant, Katholik oder schließlich — Jude ist. Für letztere ist die Schule insbesondere — die Zeit der schwersten und unansstehlichsten Leiden. Noch von Jugend auf erzieht und ernährt sich der Jude ein Herzweh, durchgeht er alle Stufen der Rechtlosigkeit, Depression und Sclaverei. Was kann also in Zukunft ans ihm werden?" Die rechtlose, kummervolle und peinliche Stellung der Juden in Russland betrübte den edlen Saltikoff auf's stärkste, und als Künstler ließ er diesen — seinen Schmerz in künstlerischen Formen ausleben. Er kannte den Hang des verzagten, verfolgten Juoen nach Metaphysik, nach Luftschlössern, nach Träumereien und nach Phantasien ins Blaue, denn ohne diese Welt und bei solch namenlosen Leiden, wäre es Sache der Unmöglichkeit, existieren zu wolle n, oder besser, existieren zu können. „Wenn ich" — schreibt er „an jenen Zustand denke, der durch verschiedene Formen und Seufzer der alten Legende geschaffen ist, jene Legende, die den Inden an jedem Orte von einem Jahrhundert nach dem anderen verfolgt, so glaube ich wahnsinnig zu werden. Es kommt mir vor, als ob hinter dieser Legende ein grenzenloser Schlund hervortrete, der voll siedenden Peches ist, nnd in diesem Schlunde befindet sich immer und ewig, in einer svrtivährenden Agonie, eine Menschen-

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