Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-06-02 · 16 (2.6.1899) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
16 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432780--0148-2433662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Juni 1899 Nr. IG Zur Schulsrage. Wir erhalten folgende Zuschrift: Die Schule war immer das höchste Ideal im Judenthum, auf die Erziehung seiner Kinder hat der Jude von jeher das größte Gewicht gelegt. Und die Gemeinden haben immer in ganz bedeutendem Maße auch für die Erziehung der Kinder armer Gemeindemitglieder gesorgt. Jede Gemeinde hat jüdische Schulen, wenn auch in verschiedener Form und mit verschiedenen Einrichtungen gegründet. Allerdings sind sie in Form und Einrichtung leider oftmals von einander extrem auseinander gefallen. Im Ghetto haben sich die jüdischen Schulen Talmud-Thora und Jeschuvath genannt und nur mit jüdischem Wissen, mit Bibel und Talmud sich beschäftigt, ohne auf die Erlernung der Landessprache und allgemeinen Wissens Gewicht zu legen. Kaum waren die Ghettomauern verschwunden, kaum hatten die Juden mehr oder weniger Bürgerrechte bekommen, schüttelten sie alles jü d isch e Wissen von sich ab und die allgemeine Bildung hat die Oberhand gewonnen. Die freie Schule hat ihre Thore auch den Juden geöffnet, und die kamen mit aller Hast hinein, ohne sich zu erinnern, dass es n o t h w e n d i g sei, auch für jüdisches Wissen Sorge zu tragen, ihre nationale Geschichte und Literatur ihren Kindern im Leben mitzu- _geben. Die Zeiten haben sich geändert. Der Antisemitismus hat uns gelehrt, uns aus uns selbst zurückzuziehen, bei uns selbst Hilfe zu suchen und für uns selbst zu sorgen. Nicht nur im politischen und socialen Leben, nicht nur in materieller Beziehung, sondern auch in geistigem Sinne, auch rücksichtlich der Erziehung der Kinder. Mit Freude wurde darin die Constituierung des „Allgemeinen hebräischen Sprachvereines" begrüßt, der hier in Wien sich gegründet hat. Ein Verein, der wirklich aus den Bedürfnissen unseres Volkes entstand und zum Heile führen kann. Aber wozu die Halbheiten, fragen wir? Sprechen wir klar und deutlich. In der letzten Vollversammlung hat der „Deutsche S ch u l v e r e i n" Beschlüsse gefasst, die es jedem ehrenhaften Juden v e rb i e t e n, noch länger in diesem Vereine zu bleiben. Der Wiener Bezirksschulrath versuchte confessionelle Classen einzuführen. Und wir sitzen, die Hände in den Taschen geballt und — protestieren. Ist nicht für uns die Zeit gekommen, etwas thatkräftiger zu werden, etwas Positives zu . schaffen, etwas Ganzes zustandezubringen? Wir meinen die Gründung eines „Jüdischen Schulvereines." Man darf nur nicht zurückschrecken vor einem größeren Unternehmen. Unser Volk ist noch genug stark und hat noch genug Mittel, um diesen Gedanken auszuführen. Auch der „Deutsche Schulverein" hat mit schwachen Kräften angefangen, und wie stark und mächtig ist er jetzt. Man darf nicht vergessen, dass in der Provinz, wie in Mähren, Böhmen und anderswo, noch heute jüdische Schulen bestehen, aber in einem hinfälligen Zustand, der durch eine gute Organisation völlig aufgehoben werden könnte. Und wenn wir überdies noch bedenken, dass wir in Oesterreich mit Riesenschritten der allgemeinen c o nfessionellen Schule entgegengehen, so scheint uns die Nothwendigkeit, die freie Schule uns wenigstens für uns s e l b st zu erhalten, als eine Frage der Zeit, die, wenn wir ernst ans Werk gehen, auch glücklich gelöst werden kann. Der „Hebräische Sprachverein" kann uns nur theilweise helfen, kann nur in sprachlicher Beziehung uns dienen, während ein „Jüdischer Schulv e r e i n" die ganze jüdische Erziehung uns sichert, für das ganze Schulwesen Sorge trägt. Aus den jüdischen Organisationen. (Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten in Wien, II., Untere Augartenstr. 17.) Dem Jahresberichte entnehmen wir, dass auch in diesem Jahre bedauerlicherweise ein Deficit sich herausstellt, u. zw. beträgt dasselbe 1150 fl., so dass nur eine gesteigerte Beitrittserklärung und ergiebige Förderung des Vereines die weitere Realisierung der Humanitären Bestrebung, unbemittelte Israeliten des Krankenhauses mit ritueller Kost zu versorgen, ermöglichen könnte — wahrlich eine Tendenz, die jeder Jude, selbst der freidenkende, unterstützen müsste, denn es gibt viele Fromme, die eher die schädlichen Folgen des Hungers ertragen, als dass sie sich entschließen würden, die Spitalskost oder sonstige unverlässliche Speisen zu genießen, wie Schreiber dieses sich mehrfach davon zu überzeugen Gelegenheit hatte, und wie es auch die hochgeehrten Professoren des Allg. k. k. Krankenhauses bestätigen, so Professor Schrötter, Albert, Auspitz, Dittl, Gruber, Nothnagel, Politzer, Schwarz rc. Besonders hoch sind die Auslagen für das Passahfest und die hohen Feiertage, zu welchen die Cultusgemeinde und „Chewre- Kadischa" separate Subventionen von 80, beziehungsweise 24 fl. beitrugen, außer dem regulären Beitrage von 500 fl. und fürs Spital der Barmherzigen 200 fl., desgleichen von der „Chewre Kadischa" 50 fl. Die Einnahmen des vorigen Jahres beliefen sich auf 5831 fl., die Ausgaben auf 6982 fl. Obmann des Vereines ist Herr Marcus Bondi, dessen Stellvertreter" Herr Dr. Marcus Spitzer. (Tomech Crvjonim.) Verein verfolgt eine ähnliche Tendenz bezüglich der rituellen Verköstigung armer und kranker Israeliten — nur beschränkt er seine humanitäre Thätigkeit auf die Sabbate und Festtage — während der „Osten" für das baldige „Fortkommen" der aus den Spitälern entlassenen Dürftigen Sorge trägt. Am jüngsten Passah- und Wochenfeste wurden circa 500 Personen — gute, kräftige Mahlzeiten a 50 kr. verabreicht — verschämten Armen wird überdies Geld und stärkender Wein, falls es Hauskranke sind, in die Wohnung gesendet — namentlich verdient die Vorsorge des Herrn Prof. Hoffmann und H. M. W. Cohn für die Nothleidenden und Enterbten des Schicksals in unserer so schweren, bedrängten Zeit rühmlich erwähnt zu werden, ebenso ist es Sache der Begüterten, dem Vereinsvorstande die zu seinem wohlthätigen Wirken erforderlichen Mittel in entsprechender Höhe zur Verfügung zu stellen. (Humanitärer Geselligkeits - Verein „Vorwärts".) Dieser rührige Verein, veranstaltet Samstag, den 10. Juni 1899, in Pertls Prachtsälen, 3. Cafehaus, Prater, (Hauptallee), ein S o m m e r f e st verbunden mit Vorträgen und Tanzkränzchen, zu welchem schon jetzt die Einladungen ausgeschickt werden. Eintrittskarten sind zu haben: Beim Obmanne Herrn E. Blau, H., Glockengasse 3, Restauration Berger, II., Lilienbrunngasse 9, Caf6 Adria, II., Große Pfarrgasse 1, Cafe Blau, II., Rothen Sterngasse, Tabaktrafik Kohlmessergasse 4, bei allen Ausschussmitgliedern und in der Administration des „Jüdischen Volksblatt". Briefkasten. M. Drimmer Starmria, Srrssman Mrazniea. Abonnement dankend erhalten. Hanna. Proselytenmacherei ist nicht > Sache des Judenthums, am allerwenigsten die unsere. Wir finden es ganz begreiflich, dass der dortige Rabbiner Sie abgelehnt hat, wozu er wohl gute Gründe haben wird, fühlen uns aber nicht berufen, hier irgend welchen Rath zu ertheilen. Max W. Stets herzlich willkommen. Zerkowitz. Für uns ungeeignet. Br. in H. Wir machen Sie aufmerksam, dass die Aufsätze blos auf einer Seite zu schreiben sind, da sonst dem Setzer Schwierigkeiten erwachsen. H. Kozin. Wie Sie sehen, bringen wir etwas Dreyfusisches, können uns jedoch mit den Details nicht befassen. Ln. in M. Buchhandlung L. W. Seidl & Sohn, I., Graben 13 oder k. k. Hof- und Staatsdruckerei. — 62 — Sie sind so lieb mit mir, so gütig — sagte Fanny — Wenn ich nur auch Ihnen eine Freude bereiten könnte. Aber, liebes Kind — entgegnete die Mutter — wo denkst Du hin? Du bereitest mir ja die größte Freude dadurch, dass Du auf der Welt bist. Ich verdiene nicht so viel Liebe. Meinst Du, weil Du arm bist? Mein Aron wird gewiss mit Dir sehr glücklich sein! Komm', Fanny, erzähle mir, wie habt Ihr Euch denn zusammengefunden, Du und mein Aron? Ach — sagte Fanny — es war ein Augenblick, der mich zum Himmel emporgehoben. Und da schwebst Du jetzt oben in der Höhe — sagte die Mutter mit freundlichem Lächeln — und schaust auf die armen Sterblichen nieder. Es ist zu viel, zu viel! Ich bin so ängstlich und fürchte immer, es muss ein Unglück kommen. Dieses Gefühl — sagte Arons Mutter — gereicht Dir nicht zur Unehre. Ich kenne das. Komm', ich will es Dir ins Ohr sagen. Schon Geheimnisse? —• sagte der Vater, der bisher dem Austausch von Zärtlichkeiten und süßen Worten schweigend zugehört hatte. Vater und Sohn zogen sich in einen Winkel des Salons zurück und die Mutter sagte: Das verliert sich gar rasch! Sei nicht ängstlich! Dieses Gefühl ist das Sträuben der Jungfräulichkeit gegen ein Unbekanntes, wovon sich die Jungfrau keine Vorstellung machen kann; aber sei ganz ruhig! Am Morgen nach der Hochzeitsnacht wirst Du erwachen und wirst erquickt sein wie beim Aufscheinen der Sonne nach einem Gewitterregen. Sie zog das Mädchen wieder an sich und Fanny verbarg ihr Gesicht an dem zärtlichen Busen der Mutter. Nun — sagte der Vater, der mittlerweile mit dem Sohne an die beiden Frauen herangetreten war — Habt Ihr Euch noch nicht genug umarmt? Lasst jetzt die Dummheiten sein und reden wir von Dingen, die einen Zweck haben. Zunächst: Wann soll die Hochzeit sein? Ich meine, sobald als möglich — sagte die Mutter. Das ist auch meine Meinung — sagte der Vater. — Und Du? Ich bin damit natürlich völlig einverstanden — sagte der Sohn, an den diese Frage gerichtet war. Und was sagt mein Töchterlein? — fragte der Vater. Fanny schwieg. Nun? — wiederholte der Vater drängend. Ich will alles thun, wie Sie befehlen — sagte das Mädchen zitternd. Sie hat ja noch gar keine Ausstattung — bemerkte Aron. Das ist keine Sorge. Hier in meiner Brieftasche liegt die ganze Ausstattung fertig beisammen. Im Verlaufe weniger Stunden kann sie alles haben, was sie braucht. Ich glaube — sagte er zu seiner Frau — — 63 — Du sollst Dich gleich mit ihr auf den Weg machen — setz' Dich mit ihr in einen Fiaker und mach' die Sache ab. Soll die Rosa bei der Auswahl nicht behilflich sein? — fragte Aron. Diesen Vorschlag nahm Fanny gerne an; es fiel ihr schwer, sich in diese ganz ungewohnten Verhältnisse hineinzuleben und es war ihr leichter ums Herz, ihre Rosa, die ebenso arm war, wie sie selber, bei sich zu haben. Aron bestieg mit der Mutter und seiner Fanny den Wagen. Zuerst wurde Rosa abgeholt und dann gieng es an ein fröhliches Einkäufen. Fanny war dabei sehr zurückhaltend, derart, dass sie zwischen den mannigfachen Stoffen, die da vor ihr ausgebreitet lagen, nicht einmal die Wahl zu treffen wagte. Richtete die Mutter an sie die Frage, was ihr am besten gefalle, so gab sie zur Antwort, was Sie wählen werden, wird mir gewiss recht sein. Rosa war weit degagierter; sie gab ihr Urtheil über die Ware in decidierter Weise ab, und Frau Kohn ließ es gerne gelten und kaufte,, was Rosa ausgewählt. Die feinste Leinwand, die kostbarsten Seidenstoffe, wurden eingekauft und zwar in einem Ueberfluss, als ob es sich um die Ausstattung einer Comtesse handelte. Die Unsumme Geldes, die da für sie verausgabt wurden, betäubten das arme Mädchen, sie war aber ganz glücklich, als die Mutter zu Rosa sagte: Nun, Fräulein Rosa, suchen Sie für sich selber etwas aus! Rosa deprecierte; sie werde sich eine Gefälligkeit, die sie der Freundin leiste, nicht bezahlen lassen. Arons Mutter meinte, das sei keine Bezahlung und sie werde doch ein Geschenk von der Mutter ihrer Freundin annehmen dürfen. Und als Rosa darauf eingieng, fiel ihr Fanny um den Hals und bot dem erstaunten Geschäftspersonale das Schauspiel einer Brant, die ihr Glück nicht zu tragen vermag und vor: Freude weint. Nun kam erst die Hauptsache; nun gieng es zum Juwelier. Die beiden Mädchen konnten sich nicht fassen über all den Glanz und die Pracht, die ihnen hier in die Augen glitzerten, diese goldenen Ketten, diese Perlenschnüre, diese diamantenen Armbänder und Ohrgehänge, diese Ringe und diamantbesetzten Damennhren und was es noch alles zu sehen gab. Da sollte Fanny wieder die Auswahl treffen. Hier ivar auch Rosa betäubt, hier konnte sie ihr nicht helfen; aber die Mutter, aber die Mutter, von allem, was gut und theuer war, hängte es dem Mädchen um utid schmückte es, dass es dastand, wie eine Prinzessin. Die Tausender flogen nur so einer nach dem andern, und die Mutter gab das Geld hin mit einer Leichtigkeit und Gleichgiltigkeit, als ob es Gulden oder gar Kreuzer wären. Von solchem Reichthum batten die armen Mädchen keine Vorstellung und sie schauten empor zu der Frau, wie zu einem höheren Wesen. Man fuhr zllrück ins Hotel, bepackt mit Paketen und Schatullen, dass mau rin Wagen fast gar keinen Platz hatte, und als man augekommen war, wollte sich Rosa entfernen, um in die Arbeit zu gehen. Die Frau ließ sie aber nicht weg. Sie werden mit uns zum Speisen gehen. Fanny war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.