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Jüdisches Volksblatt · 1899-06-02 · 16 (2.6.1899) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
16 (2.6.1899)
Date
1899-06-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Frei lag Jüdisches Volksblatt 2. Juni 1809 Nr. 16 Seile 2 derzeit Maßgebende „geistige Wien" auf. wieder nahezu durchwegs Juden. Man konnte in den Blättern lesen, dass „alles, 'was in Wien für Literatur sich interessiert", lebhaften Antheil an'diesem Processe nehme. Doch wer die dicht gedrängte Zuschauermenge, welche dieser kleinlichen Tragicomödie beiwohnte, Revue passieren ließ, der sah wieder nur bis auf wenige an den Fingern abzuzühlende Ausnahmen — Juden. Wie? Ist thatsächlich alles, was in Wien Interesse für geistige Cultur hat, ausschließlich jüdisch? Wie? Entstand denn wirklich erst mit der Emancipation der Juden das Burgtheater, und wurde Wien 'erst wirklich mit der Befreiung des jüdischen Volkes aus dem Ghetto die erste Musikstadt des Continents? Nur Heller Wahnsinn könnte diesen ungeheuerlichen Gedanken als feste Behauptung ausstellen. Nein, nein! Es gibt wahrhaftig in Wien noch Leute genug, die ein starkes und reges Interesse an geistiger Cultur besitzen und trotzdem keine Juden sind. Aber dieses geistige Wien hat sich versteckt und auf sich selbst zurückgezogen. Denn es ist ein furchtbarer Ekel in ihm aufgestiegen, ein Hass und Abscheu vor einer Presse, die eine Geistescultur pflegt, die seine m Wesen fremd ist, seine Hoffnungen nicht kennt und seine Sehnsucht nicht stillt. Und diesen furchtbaren Hass und Widerwillen hat es von der Presse auf die Juden übertragen, lediglich deshalb, weil diejenigen, welche diese Presse machten, zufällig Juden waren und sind. Denn wahrlich den größten Theil der Schuld an dem mächtigen Wachsen der antisemitischen Bewegung trägt diese freisinnige Judenpresse, die wohl niemals jüdisch war, doch auch niemals wusste, was Freisinn ist. Es mag vielleicht verfrüht sein, eine Betrachtung über den geradezu verheerenden Schaden, den die liberale Presse dem Judenthum zufügte, anzustellen. Den noch ist die Entwicklung der liberalen Culturepoche nicht abgeschlossen, noch gehört sie nicht der Geschichte an. Doch lässt sich trotzdem schon heute einigermaßen überblicken, wie sehr die freisinnige Presse das Judenthum moralisch erniedrigt, social degradiert und politisch geschädigt hat. Solange nach der Emancipation der Juden die Völker Oesterreichs den glücklichen Traum der allgemeinen Verbrüderung träumten, solange speciell in Wien dieses Phantasiegebilde eines noch siegestrunkenen Volkes praktisch zum Ausdrucke kam, solange mochte und konnte es den Anschein haben, als ob die Wiener Presse thatsächlich den Willen des Volkes vertrete, thatsächlich die öffentliche Meinung kundgebe. Doch musste es bald anders kommen. Der Taumel, "der damals einen Theil und wahrlich nicht den größten Theil der Juden ergriff und sie trieb, sich mit überschäumendem Gefühle dem Genüsse der jungen Freiheit hinzugeben, die Erinnerung an die schmachvolle Vergangenheit in den verpesteten Gaffen des Ghettos möglichst wegzuwischen und deshalb ihr eigenes Volksthum zu verleugnen, sich möglichst rasch und gründlich zu assimilieren, dieser Taumel verschonte auch die Wiener Presse nicht. Und was nun nothwendigerweise draußen im Leben kommen musste, das spiegelte ebenso nothwendig in der Presse sich wieder. Denn mit Worten lässt sich eine geschichtliche und culturelle Vergangenheit nicht wie mit einem Schwamme hinwegwischen, und historische Kategorien lassen sich nicht vernichten, wie man Fliegen tödtet. Die Juden, die mit Sack und Pack, mit Haut und Haar in das Lager der anderen Völker übergehen wollten, verloren ihren eigenen Boden, in dem sie mehr denn vier Jahrtausende gewurzelt und auf dem sie naturgemäß in voller Freiheit sich weiter entwickeln sollten, es entschwand ihnen ihre Mutter Erde, ihre Cultur, aus der ihr ganzes Fühlen und Denken entsprossen, alle ihre Begriffe wurden verschwommen und vage, vollständig in Widerspruch stehend mit denen der umgebenden Bevölkerung. Und dasselbe geschah mit der Presse. Träumte der Wiener den Liberalismus mit der Erhaltung seines eigenen Volksthums, den friedlichen Internationalismus, so war die liberale Presse «national. Waren die Völker Oesterreichs blos a n t i c l e r i c a l, so war die liberale Presse antireligiös. Und war der Wiener aus seinem innersten Gefühle heraus kaisertreu, so war die liberale Presse mit erlogenen Empfindungen byzant i n i s ch. Und hatte der Wiener kein Verständnis für französischen Leichtsinn und Pariser Sittenlosigkeit, so musste er sich trotzdem in der liberalen Presse immer mehr einen französisch-carikierten Stil vorsetzen und französische Cultur als moderne Cultur preisen lassen. Doch nicht genug an dem; die Bevölkerung musste allgemach sehen, . wie das, was in der 'liberalen Presse als vollgiltige Wahrheit mit feuriger Beredsamkeit gepredigt wurde, vielfach, ja meistentheils einfache Lüge war. Sie musste mitansehen, wie langsam, aber sicher eine entsetzliche Corruption diese Presse ergriff, eine moralische Fäulnis, die bereit ist, um einen gerade nicht allzuhohen Betrag das ärgste Unrecht gut zu heißen. Sie musste sehr oft erkennen, dass der Beruf der Presse, Aufklärung und Bildung zu verbreiten, lediglich eine für den Meistbietenden käufliche Ware sei. Und so musste es zu jenem betrübenden Scheidungsproceffe kommen, der heute noch in voller Entwicklung begriffen ist, und der das Kind mit dem Bade verschüttete. Befremden und Staunen war der Anfang, Enttäuschung und Verstimmung die Fortsetzung und Hass und Widerwille das Ende. Das alles aber galt der liberalen Presse. Die Presse ist «national, hieß es, die Presse ist antireligiös, die Presse ist bycantinisch, die Presse ist gemein und sittenlos, die Presse ist corrupt, um Geld für alles und für jeden zu haben. Und weil die wenigen, die diese Presse machten, Juden waren und sind, und weil wir Juden das Unglück haben, dass bei uns und nur bei uns immer generalisiert wird, so heißt es heute: Die Juden sind «national, die Juden sind antireligiös, die Juden sind lasterhaft, die Juden sind corrupt, um Geld für alles und für jeden zu haben. Vom Tage. Das „Neue Wiener Tagblatt" ist gestern großartig und pathetisch zugleich geworden. Und wenn so ein liberales Blatt großartig und pathetisch wird, dann kann man sicher sein, dass irgend eine köstliche Dummheit rauskommt. Das ist auch bis aufs Haar beim „Neuen Wiener" eingetroffen. Was war geschehen? Herr Fürst Auersperg, der „liberale" Großgrundbesitzer, hatte im Landtage bei der Debatte über den Pressknebelungs-Antrag Dr. Luegers die gesammte Presse beschimpft. Der hochgeborene Herr hatte nicht mehr und nicht weniger gesagt, als man füglich von ihm erwarten darf. Man muss ihm schon verzeihen, denn er versieht's ja nicht besser. Aber das „ ^eue Wiener Tagblatt" ist das Organ des liberalen Großgrundbesitzes, und Fürst Auersperg ist der Führer dieser Gruppe. Und dieser Führer beschimpft die gesammte Presse, also auch sein eigenes Organ. Das ist natürlich eine böse Geschichte. Da muss man doch antworten. Und das „Neue Wiener Tagblatt" hat geantwortet. Großartig er schien in der gestrigen Nummer eilt Artikel: A n dieAdresse des Fü r st e n Auersperg. Vor allem glaubt das „Neue Wiener Tagblatt" nicht an die Märe vom groben Fürsten Auersperg. Der „soll" gesagt haben — man muss erst die stenographischen Protokolle abwarten, und im Landtage ist stets ein großer Lärm, und da kann leicht ettvas falsch gehört werden. Merkwürdig! Die sprichwörtlich gewordene Taubheit unseres würdigen Landmarschalls, des Herrn Baron Gudenus, scheint mit einemmale auch die Berichterstattung des „Neuen Wiener Tagblatt" ergriffen zu haben. Eine böse Krankheit, die, scheint es, in Wien zur Epidemie geworden. Doch das „Neue ' Wiener Tagblatt" gibt sich nicht so leichten Kaufes zufrieden. Wenn Fürst Auersperg die beleidigenden Worte thatsächlich gesprochen hat, dann.... Geschwinde versteckt das muthige Blatt das Fäustchen und meint mit neckischem Lächeln: „N u n, dann i st der F ü r st A u e r s p e r g nicht c o m p e t e n t, über b i e gesammte Presse z u u r t h e i l e n. Im liberalen Jargon nennt man das eine „würdige Antwort". Im gewöhnlichen Leben sagt inan: dumm und feig. Wenn man | schon nicht reden darf, so schweigt man fein still und erspart sich die Blamage. Die „Preußischen Jahrbücher", heransgegeben von Prof. Hans Delbrück, bringen in ihrer letzten Nummer einen eingehenden Artikel über deutsche Colonisation in Syrien und Palästina. Der Verfasser dieses Artikels kommt unter anderem auch auf die jüdischen Colonien Palästinas zu sprechen und citiert bei der Erörterung des Verhältnisses der jüdischen zu den deutschen Colonien den Artikel in unserer Osternummer „Kaiser Wilhelms Orient- Politik", dessen sensationeller Inhalt ja seinerzeit die Runde durch die gesammte deutsche Presse gemacht hatte. Von den jüdischen Colonien meint der Verfasser, dass dieselben in An betracht der bedeutenden Zuschüsse von Seiten Rothschilds keine besonderen Erfolge aufzuweisen hätten. Diese Ansicht dürfte wohl auf einem Jrrthnm beruhen. Der größte Theil der jüoischen Colonien Palästinas blüht und gedeiht, und es ist in informierten Kreisen schon lange kein Geheimnis mehr, dass nur eine allzu große Bevormundung und die vielfach mangelhafte Administration der günstigeren Entwicklung der Colonien hinderlich im Wege stehen. Die Zustände in der Wiener Cultusgemeinde. n. Es wurde bereits hervorgehoben, dass der zwischen dem Cultusvorstande und der Verwaltung der Schiffsynagoge bestehende Streitfall bezeichnend ist für die Auffassung des Vorstandes, betreff der Rechte und Pflichten, die er den Tempelvereinen zugesteht—oder nicht zugesteht Jedenfalls erhält dadurch die Frage, wie der Vorstand sich zu der Forderung der Autonomie der verschiedenen Tempelvereine stellt, eine intensive Beleuchtung. Wie wir bemerkten, war es namentlich Ottakring, von wo die Bewegung wegen Etablierung von Filialen der unter Aufsicht des Rabbinats der Schiffsynagoge stehenden Fleischer! und Selcher ausgegangen. Es ist auch bekannt, dass erst in 8 den letzten Monaten die Besetzung des Ottakringer Tempels! mit einem Gemeinderabbiner definitiv erledigt wurde und I dürfte auch hier in erster Linie Grund und Ursache zu finden! sein, aus denen die Opposition des Cultusvorstandes hervor- und wohl auch vom Gouverneur umschmeichelt, der die schönen Frauen liebte. Die Kinder wussten sich unter einem Juden nur jemand vorzustellen, der in einem schmierigen Kaftan betteln kam und den im Hausflur die Dienstboten verlachten. Vor vierzehn Tagen hatte der Doctor mit seiner Frau wieder Streit gehabt. Er hatte zu Ostern den Kindern die Geschichte von der Befreiung aus Aegypten erzählen wollen. Er wollte das Passah feiern. Seine Kinder sollten doch einmal wissen, dass- Aber da war er bei seiner Frau schön angekommen. Sie fragte ihn, ob er nicht gar am Ende auch noch Mazzes essen wolle? Da kamen eines Tages die Buben aus der Schule nachhause und fragten: „Ist es wahr, dass die Juden Ehristenblut essen?" Die Kameraden in der Schule hätten es ihnen erzählt. Und an dem Tode der kleinen Anna Dobrovolska. des blonden Engels, seien auch die Juden schuld. Das sind Dummheiten, sagte der Doctor den Buben. Am nächsten Tag aber brachte man ihm das Kind aus der Schule, in welche es durch die Empfehlung des Herrn Gouverneurs, des Bewunderers seiner Mutter, ausgenommen worden war, jämmerlich zerschlagen nachhause. Neben dem armen, kleinen Boris aber wankte, mit ein paar Beulen im Kopf, der ältere Nikolaus einher. Auch ihn hatte der Lehrer heimgeschickt, weil seine Mitschüler ihn bedrohten. Und zitternd und bebend zog er seinen Vater in einen Winkel, als er sich um seinen gemarterten Wurm bemühte, der in Fieberphantasien vom Blute der Anna Dobrovolska sprach. „Vater", sagte schaudernd das Kind, „ist es denn wahr?" „Was denn, mein Kind?" fragte stockend der Vater — und sein Herz stand stille vor der Angst seines Kindes. „Sie haben uns geschlagen, wie man Hunde schlägt — Und gespuckt haben sie nach uns. — I st e s denn w a h r, dass wir Juden s in d? III. Hansel Popper hat sich ein neues Feld entdeckt. Selber entdeckt, wie er das bisher immer gethan hat in den sieben Jahren seines Lebens. Mit zwei Jahren hat er eigentlich angefangen. Damals hat er nachdeclamiert, was immer er hörte. Er konnte die Buchstaben noch nicht nachsprechen, aber er behielt im Gedächtnis, was man ihm einmal vorlas. Und die Leute wälzten sich am Boden vor Lachen, wenn der Knirps auf einem Sessel stand und mit ernsthaften Geberden ein Gedicht von Heine also vorzutragen begann: „Nach Fjanteich zoden zwei Genadie, Die wajen in Fußjand besannen — Und als sie tamen ins deutze Twatie Da jießen die Töpfe sie Hannen —" Und man wand sich in Krämpfen, wenn er zum Schluss im Ton der Marseillaise zu singen anfieng: „Dann jeitet mein Taiser wohj über mein Dab, Viel Swähter tijen und bjitzen- Mit drei Jahren begann für ihn die Zeit der Jndianergeschichten. Aber er war dabei mehr schaffend als empfangend. Der staunenden Familie erzählte er aus dem Stegreif die gewagtesten Abenteuer von seinen Rothhäuten. Da spielte Raum und Zeit keine Nolle. Für Hansel war einfach alles möglich. Einmal ließ er sie, mit dein Tomahawk bewaffnet, von Amerika nach Europa spazieren, um den Invaliden zu scalpieren, der den Hansel im Stadtgarten immer aus den Blumenbeeten jagte. „Aber Hansel", warf da die vorlaute Schwester ein, die immer die gescheitere sein wollte, „zwischen Amerika und Europa ist ja der atlantische Ocean". „Wer ist das?" fragte Hansel. „Na, ein großes Wasser, über das man nicht hinübersteigen kann." „So?" sagte der Hansel und überlegte einen Augenblick, „dann gehen sie halt auf den andern Weg!" Mit vier Jahren zeichnete Hans. Auf mannshohen Papierbogen entwarf er mit ein paar Strichen eine ganze Regimentskapelle. Die lehnte er an die Wand und spielte selbst die Märsche dazu. Das Jahr darauf begann er zu rechnen. Dreiziffrige Zahlen bewältigte er spielend und lachte seine Schwestern aus, die sich über ihren Heften so sehr mit dem Addieren plagten. Als er dann lesen lernte, bekam er eine wahre . Leidenschaft für die Bücher. Ein Zufall spielte ihm ein Lehrbuch der Geschichte in die Hand. Und nach einem halben Jahr wusste er sämmtliche Zahlen und sämmtliche Personen von Bedeutung aus allen drei Perioden der Geschichte besser auswendig, als ein Gymnasialprofessor. In seiner Schule aber, wo er sich abplagte, das kleine x und das große Z schreiben zu. lernen, führte man ihn als Paradestück allen Classen vor. Da siel ihm vor einiger Zeit die „biblische Geschichte" in die Hand, die von seinem Bruder im Gymnasium als Lehrbuch benützt wird. Und es that sich ihm eine neue Welt auf. Er war immer den Buben in der Schule, wenn sie ihm „Jud, Jud!" zuriefen, mit einem gewissen Stolz gegenübergestanden. Und seine Schwester, die ihn einmal scherzweise fragte, ob er sich nicht möchte taufen lassen, hatte er einfach ausgelacht. Jetzt aber bekam er vor diesen Juden geradezu Respect! Ein Volk, das, wie die berühmten Griechen und die berühmten Römer, auch Schlachten geschlagen hatte, — ein Volk, von dem man wie von anderen Jahreszahlen auswendig merken konnte, ein Volk, dessen Geschichte ein ganzes dickes Buch ausmachte — o, wer hätte das gedacht? Hans bekam eine gewaltige Achtung vor diesem Volk. Und der Bursch hatte eine merkwürdige Eigenschaft. Er wollte immer wissen, was weiter geschah. Die Namen: Nebukadnezar, Titus, Ferdinand der Katholische, kannte er natürlich längst. Aber nachdem sie von diesen vernichtet worden waren, hörte ja in anderen Büchern die Geschichte der Juden immer auf. Hans aber fragte: was geschah weiter mit ihnen. Und sein Vater, der, wenn er es auch schon yalb vergessen hatte, doch aus einer alten

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