Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 16 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kedartwn: ll/?}, Ankere Angartenstealje 19. Sprechstunde»!:?ln Wochentngen von 4 bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von 10 bi'S 12 Uhr vorniittagS. Postadresse: JiidifcheS VottSblatt, Wien, lyz.; Vrschwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. - MiNttlseripte werden nicht znriickgestellt. Postsparcasfen-Conto «47087. In das Abonnement kann inan täglich eintreten. ♦..—» Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volks- Verein erwählten Prrforommifsioii. Inserate übeniehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haasenstein & Vogler, Rudolf Mofle, A. Oppclik, M. Pozsonyi, A. Schalck in Wien, ferner alle Nnnoncen-Expcditioncn im Auslande. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. ♦--—--* Administration: ll., Untere Augarten graste 19. Abonnementspreis: Für Wien «. Ocsterreich-Nngarn! Für das gesannnte 4l,Island sammt Francozustellung. I sammt Francozustellung. Ganzjährig.fl. 4.— j Ganzjährig.fl. 4.50 Halbjährig.fl. 8.—! Halbjährig ....... fl. 8.85 Vierteljährig.fl. 1.— j Vierteljährig.fl. 1.15 ♦-♦ Ur. 16 Da Ende dieses Monats eine gröstere Anrastl von Abonnements abläuft, so ioerden die Betreffenden ersucht, sich behufs Erneuerung des Abonnements der beigelegten Post-CheKs bedienen zu wollen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechllng eintrete. Abonnenten, welche in Bäder reisen oder sonstwie ihren Aufenthalt verändern, wollen dies rechtzeitig der Administration bekanntgeben. Die Administration. Der Anfang vom Ende. Punktum. Das erste Capitel ist zu Ende. Mit Genugthuung begrüßt jeder rechtlich denkende Mensch die Beschlüsse des Pariser Cassatlonshofes in der Affaire D r e y f u §,. welche nun also mit der Annulierung des ersten Urtheiles und der Zuweisung an ein neues Kriegsgericht endet. Der Justizmord vom Jahre 1894 soll jetzt gut gemacht werden. Die „Affaire" ist eine rein französische, richtiger eine rein menschliche geworden. Dreyfus ist nicht das erste Opfer eines Justizmordes, Frankreich auch nicht das einzige Land, in dem sich dergleichen ereignet. In allen Ländern kommen ja kleinere und größere, rehabilitierte und nicht rehabilitierte Justizmorde vor und wenn sie alle nicht s o in die Welt hinausposaunt werden, wenn sie nicht solche Aufregung hervorgebracht, so liegt es an den verschiedenen Landesverhältnissen ihrer Negierungsform und Regierungsformen. Frankreich ist eben etwas besonderes. Dreyfus ist Franzose und die „Affaire" in allen ihren Phasen eine französische. Aber es fließt aus ihr eine reiche Lehre für uns Juden. Für alle und in allen Ländern. Sie ist eine Muster-Affaire. Dreyfus ist Franzose, vom Scheitel bis zur Sohle Franzose. Dem Judenthume gehört er durch seine Geburt an; er hat dieses Unglück bedauert, verwünscht, | er suchte es zu verwischen. D r e y f u s ist reich; wir haben nie gehört, dass er für jüdische Zwecke etwas gespendet hätte. Er erlangte eine Stellung in der französischen Gesellschaft, er brachte es bis zum Capitän; um die jüdische Gesellschaft hat er sich nie gekümmert, mit seinen Stammesbrüdern hat er nie verkehrt. Sein ganzes Thun und Lassen, sein Denken und Fühlen war echt französisch und wie es schon bei einem Franzosen ist, chauvinistischfranzösisch. In der Affaire ist er plötzlich wieder Jude geworden. Bei dem ersten Verdacht, der auf ihn gefallen ist, erinnerten sie ihn, dass er Jude ist. Den Juden verfolgten sie, den Juden verurtheilten sie, den Juden schickten sie auf die Teufelsinsel. Er ist ein Typus, darum ist seine Kindrrgefchichten. Den Großen erzählt von Salo Deutsch. I. Für Leos Vater hat es bis jetzt in der Stadt keinen Judenhass gegeben. In anderen Städten — meinetwegen! Aber hier? Man kennt hier Gottseidank noch keine Zurücksetzung eines Staatsbürgers wegen seiner Confession! Und der Bürgermeister? Der ist geradezu ein Judenfreund! Der erste Concipient in seiner Advocaturskanzlei ist ein Jude. Sein Compagnon freilich ist ein offener Judenhasser. Aber dafür gehört eben die israelitische Cultusgemeinde und eine Unzahl jüdischer Fabrikanten zu seine n Clienten, und von seinem Compagnon lässt sich das Domcapitel und das Kloster der Ursulinerinnen vertreten. Für Leos Vater gibt es keinen Judenhass. Er hat ja nicht nöthig, daran zu glauben. Ein „deutsches Blatt" erscheint auch hier. Und das kennt eigentlich für seine Berichte bloß zwei Spitzmarken. Entweder es steht über einer Notiz: „Czechische Roheit" — oder es steht darüber: „Jüdische Frechheit". — Das czechische Pfaffenblattl wiederum redet immer von „deutscher Roheit", aber die „jüdische Frechheit" hat es von seinem deutschen Gegner getreulich übernommen. Aber für Leos Vater gibt es trotzdem keinen Judenhass. Die beiden Blatteln liest man einfach nicht. Vor der letzten Wahl in die Handelskammer aber war der Bürgermeister selber bei ihm und bat um seine Stimme für den deutschen Candidaten. Der steht nun freilich im Geruch, die Juden nicht zu mögen — wenigstens hat er sie alle aus seiner Fabrik gewiesen, als er sie von seinem Vater erbte — aber man kann doch um Gotteswillen nicht einen Czechen wählen lassen! Leos Vater hält den Judenhass für eine unschädliche Spielerei von ein paar Studenten, die nichts Wien» 2. Juni 1899. „Affaire" eine gute Erzählung, wie geschaffen, von Großvätern den Kindern zur Belehrung vorgetragen zu werden. Er wird als unschuldig erklärt werden und rehabilitiert als französischer Ossicier — aber niemals als Jude. Dem Judenthum gegenüber bleibt er unschuldig. Er hat sein Volk verleugnet — um der Stellung willen, dem Judenthume sich entfremdet, um als „Fremder" in die Gesellschaft ausgenommen zu werden, seine Brüder gehasst, um von den anderen geliebt zu werden. Repräsentanten dieses Typus gibt es bei uns viele, sie können die Schändlichkeit — und die erfolglose dazu — ihres Vorgehens aus der „Affaire" lernen. Sie mögen sich durch den Process Dreyfus belehren lassen. „Der Antisemitismus ist nur eine ökonomische Frage" sagen sich manche und wiegen sich in der naiven Hoffnung, dass mit der Besserung der socialen Verhältnisse der Antisemitismus aufhört. „Der Antisemitismus ist der alte Religionshass in moderner Form" meinen die anderen und versprechen sich von der Volksbildung und Aufklärung eine Besserung der Verhältnisse. Aber weder das eine noch das andere ist richtig. Das können sie auch aus der „Affaire" lernen. Die Juden sind in Frankreich in verschwindender Minorität, das Volk seit jeher in seinem Wesen freidenkerisch, seine Führer und Hetzer konfessionslos. Weder ökonomische, noch religiöse Gründe waren da im Spiele. Der Antisemitismus der Franzosen ist eine wilde Pflanze auf nationalem Boden, er ist der Hass einer Nation gegen eine andere. Auch Satte, auch Gebildete schwören zu,seiner Fahne. „Fremde" nennen sie uns, eine fremde Nation, eine fremde Rasse. Wie die „Geusen" in Holland, lernen wir von unseren Spöttern. In gutem Sinne. Die Geusen nennt man mit Schimpf „Bettler" und sie schrieben diesen Namen stolz auf ihr Banner. Man verspottet uns als eine jüdische Nation, nun wir sind es anch, wir waren es und wir wollen es auch sein. Offen und ehrlich bekennen wir unser Judenthum, vor aller Welt tragen mir es begeistert zur Schau. Das senkt Eisen in unser Blut, das wird uns stärken. Von der „Affaire" wird Frankreich viel lernen, thun wir es auch. Sie hat ja zwei Seiten, eine französische und eine jüdische; also geht von ihr eine zweifache Mahnung aus — an die Franzosen und an die Juden. Nach dieser Rückkehr — zum Judenthume können sich die Dreyfus erst rehabilitieren. Erst dann können sie sagen: Auch dem Judenthume gegenüber sind wir unschuldig, wir sind rehabilitiert! Sind einige Jahre verflossen, so gleicht die Dreyfus- Affaire einer Fabel und sie bekommt eine Moral. Die Besseres zu thun haben. O — hier — hier! Wir leben ja Gottseidank noch nicht in Wien! Diese Studenten allerdings — sie hatten ihn letzthin zu grüßen aufbehört. Da erhöhte er feinen Jahresbeitrag an ihren Verein. Da grüßte ihn der Vorstand wieder. Aber nur acht Tage lang. Ja, aber man kann doch nicht alle acht Tage seinen Beitrag erhöhen! Blaue Kornblumen tragen die Studenten. Sie sprechen die Blumensprache des Haffes. Und von den Studenten haben es die Mädchen gesehen. Auf dem Corso, beim Militärconcert: soviel Kornblumen fast wie Menschen. Und jetzt hat es auch die Gouvernante seiner Kinder gelernt. Soll er sie fragen, was das bedeuten soll? Ach — denkt er — sie weiß es vielleicht selber nicht. .. Da einmal kommt ihm vom Militärconcert sein Bub' nachhause — und an der Thüre grüßt der Junge: Heil! Und wie das Kerlchen dem Vater in die Nähe kommt — sieh' da! — da trägt er wahrhaftig im Knopfloch eine Kornblume. Und mit rothen Backen schaut er glücklich den Vater an. „Aber Leo, was ist denn das? Warum trägst Du denn eine Kornblume?" Der Knabe sieht erstaunt den Vater an. „Ja, weil's halt alle tragen!!" „Und weißt Du denn auch, was das bedeutet?" — „O ja", erwidert fröhlich das Kind. „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst —" Da kommt mit Geheul seine jüngere Schwester gelaufen. „Papa — die Marie vom Doctor daneben — hat mir — meine — Kornblumen zerissen" — „Aber warum denn um Gotteswillen?" — „Sie hat gesagt — das gehört nicht für mich — hat sie gesagt — und ich bin eine Jüdin — hat sie gesagt — und wir sind eine Bande — hat sie gesagt — und wir sollen nach Palästina gehen — hat sie gesagt —". I. Jahrgang. Moral, die sich jetzt für uns aus ihr ergibt, femp&jjj schon. Sie wird uns wirklich läutern und veredelMH auch nützen. Judenlhum und Judenpresse. Vor einer Woche spielte sich vor den Schranken des Wiener Bezirksgerichtes für Strafsachen, Josefstadt, eine hässliche Scene ab. Im Mittelpunkt der Affaire standen zwei Leute, die sich beide, gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht, zum literarischen Wien rechnen. Der eine von ihnen hat ein Stück geschrieben, über das sachkundige Kritiker im Stillen mitleidig, vernünftige Zuschauer aber überhaupt nicht urtheilen; der andere, der Herausgeber eines erst seit kurzer Zeit erscheinenden Blattes, hat dieses Stück, beziehungsweise den Verfasser in persönlich beleidigender Form kritisiert. Dafür wurde er von dem „Dichter" ganz einfach geprügelt, worauf die ganze, an sich mehr erheiternde als würdige Sache vor dem Strafrichter ausgetragen wurde, und mit der Verurtheilung des offenbar mehr prügellustigen als literarisch veranlagten Jünglings und einiger seiner Genossen endete. So weit die Thatsachen. Ein Urtheil darüber abzugeben ist unnöthig. Angriff und Abwehr sind moralisch gleichwertig, sie sind einander würdig. Damit ist die Sache selbst für uns abgethan. Wenn sie trotzdem erwähnt wurde, so geschah es lediglich, weil sie einen willkommenen Anlass bietet, uns über ein Thema zu äußern, das endlich berührt werden musste: Es ist das Verhältnis des Jude nt h u m s zur I u d e n p r e s s e. Wir sagen Judenpresse und meinen die sogenannte freisinnige Wiener Tagespresse. Wir sagen Judenpresse, weil alle diese Tagesblätter mit jüdischem Gelde gegründet, von Juden geschrieben und von Juden redigiert sind. Wir sagen Judenpreffe, weil alle diese Zeitungen noch heute den Juden eine Weisheit vorsetzen, die schon vor zwanzig Jahren alt und wurmstichig war, weil alle diese Journale leider noch immer einen großen Theil der Judenschaft in höchst verderblichem Maße beeinflussen. Doch soll mit dem Ausdruck Judenpresse nicht gesagt sein, dass die Wiener freisinnige Tagespreise thatsächlich das Judenthum vertrete, vielmehr soll in folgendem gezeigt werden, dass sie, die angeblich jüdische Presse, mit dem Judenthume gar nichts zu thun hat, demselben nur thatsächlich politisch und moralisch bedeutenden Schaden zufügt und es nach außen hin auf Schritt und Tritt compromittiert. In dem eingangs erwähnten Processe waren die beiden Hauptbetheiligten Juden. Um sie herum marschierte das „So? — Warum denn? —" „Weil dort keine Kornblumen wachsen — hat sie gesagt — die Marie vom Doctor daneben — II. Die Söhne des Herrn Kreisarztes in Chlodoroff, des Herrn Doctor Leidener, hießen Nikolaus und Boris. Und was hätte er selber darum gegeben, wenn er seinen Namen Abraham hätte zunichte machen können. Er wäre schon mit „Alexander" hoch zufrieden gewesen. Aber natürlich! Sein Vater war ein alter Gutsbesitzer im Innern des Landes irgendwo und hatte es als ein Glück betrachtet, unter seinen Kindern alle Namen der Stammväter und der Stammmütter vertreten zu sehen. Zuletzt hatte er sogar scho beginnen müssen, unter den Namen der zwölf Söhne Jakobs zu wählen. Und als sein jüngster Sohn gleichzeitig mit seinem ältesten Enkel geboren ward, wurde der eine Naftali genannt und der andere Nikolaus. So hatte sich der Sinn des Sohnes entfernt von dem des Vaters. Der Sohn aber führte die Tochter eines Advocaten heim. Die Frau konnte sich mit dem Gedankenkreis der Schwiegereltern niemals befreunden, und sie verstanden einander nicht. Ihr erster Besuch bei den Eltern ihres Mannes blieb auch der letzte. Allerdings dauerte die Hinreise allein drei Tage. Die Enkel kannten ihre Großeltern nicht und hörten fast nie von ihnen reden. Der Großvater kam auch nie zu Besuch, weil er bei seiner Frömmigkeit im Hause des Sohnes nicht hätte essen dürfen — ja nicht einmal wohnen; denn der Doctor hatte keine Mesusah an der Thür. Seine Frau hatte ihn ausgelacht, als er eine hatte anbringen wollen. Im Hause des Doctors verkehrte kein Jude. Wenn er eine seiner vielbesuchten Abendunterhaltungen gab, wurde die Hausfrau von einigen Officieren umschwärmt MM