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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-26 · 15 (26.5.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
15 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite G Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. Mai 1809 Nr. 15 Verwaltung der Schiffsynagoge mit dem Ersuchen herantrat, es möchten seitens der von ihr abhängigen Fleischbank-Inhaber und Selcher mit Errichtung von Filialen in jener Stadtgegend vorgegangen werden. Der C u l t u s v o r st a n d, von dieser in Aussicht stehenden Eventualität unterrichtet, erklärte deren Ausführung für eine C o m p e t e n z ü b e r s ch re i t n n g der Schiffsynagoge und legte gegen das Vorhaben Verwahrung e i n! (Ein zweiter Artikel folgt.) Literatur. (Die Rassenreinheit der Inden.) lieber die R a s s e n r e i n h e i t der Juden hat der amerikanische Anthropologe R i p l e y neuerdings im Anschlüsse an seine „Racial Geography of Europe,‘ eine Arbeit veröffentlicht, welche diese vielnmstrittene Frage nun wohl zum Abschluss bringt. Er hat die Schädelmessungen von etwa 2500 Individuen vergleichen können, die so ziemlich allen von Inden bewohnten Ländern angehören. Nur die nordafrikanischen Inden zeigten den charakteristischen Langschädel der echten Semiten, luie die Araber, unter denen sie wohnen. Schon die übrigen Sephardiin (südliche Juden mit spanischer Muttersprache) haben erheblich kürzere Schädel und die deutschredenden Inden sind weder in Deutschland noch in Polen oder in Rußland in der Schädelb'sdung voll den übrigen Bewohnern dieser Länder zu unterscheiden. Entweder waren also die Juden schon in Palästina nur zum geringen Theil Semiten oder ihre Nact kommen haben sich im Verlaufe der seit der Zerstörung dis Tnuvels verflossenen Jahrhunderte durch Prosilptci wach-,n und frische Heiraten so ausgiebig mit anderen Stämn en gemischt, dass der ursprüngliche Schädelcharakter verloren gegangen ist. Ripley entscheidet sich für die letztere Ansicht, die Juden sind ihm keine Rasse, sondern eine Nation, eiri Volk; es ist ihnen gelungen, sich als Nationalität zir erhalten, obgleich ihnen die Hanptgrundlagen für eine solche, eine eigentliche Heimat und eine gemeinsame Sprache seit fast achtzehnhnndert Jahren fehlen, aber von einem Rassengegensatz gegen die Arier kann keine Rede sein. Die für charakteristisch angesehenen Körpereigeuthümlichkeiten sind theils nicht constant, theils Folgen der langjährigen Einwirkung ungünstiger Lebensverhältnisse. Ter wohlhabende Jude des Londoner Westends unterscheidet sich von den englischen Mitbürgern auch körperlich in keiner Weise. (Die Verbreitung der Inden in Mitteleuropa am Ende des 19. Jahrhunderts.) Unter dieser Bezeichnung erschien vor kurzem ein Kärtchen, entworfen und gezeichnet von Dr. Winterstein in Kassel, im eigenen Verlag. Dieser Karte entnehmen wir folgende Taten: Auf der ganzen Erde leben gegenwärtig sieben Millionen Juden, d. i. 04 Perc. der Gesammtbevölkernng, in Europa allein 6 Millionen, gleich t°6 Percent; im deutschen Reiche 570*000 115 Percent, in Oesterreich ü,140.000 4'8 Percent, in Ungarn 750.000 — 6*25 Perccnt, in Russland Millionen 4*1 Percent, (hiervon im Königreich Polen allein 1.07 Perceut), in Griechenland 6000'== 0 20 Percent, in Aegypten 21.000 02 Perccnt. Die geringste Anzahl Juden wohnt in Norwegen mit Ol Percent der Bevölkerung. Eingesendet. A u s r u s für die iiolhlkidtii-rn jüdischen Kerglirhriler in Smislim dcö Vereines für Colonisation Palästinas „Ahawath-Zion" in Tarnow. Stammes- \u Glattbensgertollerr! In der Generalversammlung vorn 25. u. 20. April l. I. haben die Mitglieder des gefertigten Vereines den Be-, schluss gefasst, die unglücklichen jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw nach Maßgabe der zu diesem Zwecke aufzubringenden Fonds nach Palästina zu übersiedeln. Mit fünfzig Familien sott der Anfang gemacht werden. Wem ,von uns ist .die traurige Lage dieser Enterbtesten aller Enterbten nicht bekannt? Durch unmenschliche Bestimmungen wurden Tausende jüdischer Arbeiter, die bisher ehrlich und fleißig ihrer Arbeit nachgegangen sind, derselben beraubt. Bei Juden können sie keine Beschäftigung finden, weil die den Kleinunternehmern gehörigen Schächte gesperrt worden sind, die christlichen Großbetriebe wollen ihnen keine gewähren und haben sie succsesive entlassen. So sind denn Hunderte jüdischer Arbeiterfamilien seit Monaten ohne Brot. Mit jedem Tage wächst die Zahl der Brotlosen, denn immer weitere Schächte werden noch gesperrt. Und die Noth wird immer entsetzlicher. Die Arbeitslosen haben bereits alles verpfändet oder verkauft und es beginnt unter ihnen der Hungertyphus zu herrschen. Was ist aber bis jetzt für diese nothleidenden Brüder von jüdischer Seite geschehen? Einige Wohlthäter oder Vereine haben sie mit Almosen unterstützt, das bereits verzehrt ist. Nun hungern sie weiter. Mit Almosen ist eben den Nothleidenden von Boryslaw nicht zu helfen. Sie selbst erklären, dass ihnen kann einzig und allein damit'geholfen werden, dass man ihnen eine neue Existenzmöglichkeit, d. h. neue Arbeitsgelegenheit verschafft. Das ist jedoch an Ort und Stelle nicht mehr möglich. Die jüdischen Arbeiter müssen auswanderu. Und sie sollen dorthin auswandern, wo man sie braucht, wo sie Arbeitsgelegenheit und Erwerb finden. Das ist der Fall in den jüdischen Colonien Palästinas und Syriens. Dort könnten die Arbeiter von Boryslaw einen Verdienst finden. Dort auf dem historischen Boden ihres Volkes werden sie ein für allemal antisemitischer Willkür entzogen sein; dort winkt ihnen eine neue gesicherte Existenz. Vorläufig sollen die kräftigsten und rüstigsten fünfzig Familienväter hingehen. Fünfzig Familien sollen dem Hungertode entrissen werden. Sie werden dann weiteren Platz schassen unb ebenso galizische Bahnbrecher jüdischer Colonisationsthätigkeit in Palästina sein, wie ihre Landsleute auf der von uns begründeten Colonie Machnajim es geworden sind. Um jedoch die zur Beförderung der fünfzig Arbeiterfamilien von Boryslaw nach Palästina nothwendigen Geldfonds aufzubringen, wenden sich die Unterfertigten , au die jüdische Oeffentlichkeit aller Länder. Welchen Juden könnte diese schreckliche Katastrophe, die plötzlich über die Voryslamer Arbeiter hereingebrochen ist, lediglich deshalb, weil sie Inden, weil sie unsere. Euere Stammesbrüder sind, nicht aufs tiefste erschüttern und dazu bewegen, auch nur durch eine geringe Gabe zu helfen, soweit man helfen kann, so lange noch zu helfen ist! Nicht wir fordern die Boryslawer Arbeiter zur Auswanderung auf. Die schreiende Nothlage bat ihnen bereits den Wanderstab in die Hände gedrückt. Die Emigration hat schon von selbst begonnen, aber nach dem Westen, wo sie die Zahl der Hausirer und Brodlosen vermehrt und die ohnedies schon geschwächte wirtschaftliche Lage unserer Brüder im Westen noch bedeutend verschlimmert. Wir wollen den Strom der Emigration nach Palästina und Syrien lenken, wo sie als productive Mitglieder der Gesellschaft von ihrer Händearbeit leben und dem jüdischen Namen Ehre machen werden. Brüder! Ein jeder von Euch, vor allem aber die jüdischen Cultusgemeinden und Körperschaften, mögen ihr Scherflein dazu beitragen, um diesen ärmsten und unglücklichsten aller Arbeiterproletarier von ihrer schrecklichen Noth zu helfen. Je mehr und je schneller die nöthigen Mittel aufgebracht werden, desto mehreren Familien kann abgeholfen werden. Das Vertrauen, welches die bisherige praktische Thätigkeit unseres Vereines überall unter unseren Brüdern erweckt hat und die keinen Aufschub leidende Nothlage unserer Brüder, berechtigen uns zur Hoffnung, dass wir nicht vergeblich an das Gemeingefühl und den Wohl- — 58 — Thüre und ries ins Zimmer hinaus: Meine Damen, kommen Sie her! Hier gibts eine Gratulation. Tie Freundin Rosa, das Fräulein Mali und ihre Mutter, die Hausiererin, die mittlerweile auch schon nachhause gekommen war und eben in die Küche gehen wollte, um etwas fürs Nachtessen zu bereiten, sie alle kamen herbei und der Zimmerherr sagte: Meine Damen! Herr Aron Kohn und Fräulein Fanny Waldknecht empfehlen sich als Verlobte. Gratuliere! Gratuliere! erscholl es, nur Esterl Drahtzieher sagte „Masel tow" und fragte, ob sie eine Schale zerbrechen soll. Warten Sie noch mit dem Zerbrechen — sagte der Zimmerherr — die Verlobung mus^ ja ordnungsgemäß bei Essen und Trinken gefeiert werden. Rasch lief die Hansiererin, die für das Verlobungsfest nöthigen Einkäufe zu machen, und nicht lange darauf saß die kleine Gesellschaft bei Tische und feierte bei funkelndem Weine, wobei es an geistreichen Toasten in Versen und in Prosa nicht fehlte. Sanmel Feigengold war unerschöpflich an feinhörigen Anspielungen und endlich wurde auch die Schale zerbrochen, zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems. . Man pries Fanny Waldkuecht glücklich. Esterl Drahtzieher sagte in ihrer Einfalt: Kinderleben! ich kann mir nicht helfen, Ihr mögt sagen, was Ihr wollt! Ich kann bei einem „Tnoimschreiben" nicht recht fröhlich sein; fröhlich bin ich erst bei der „Chasseneh". Von dem „Tnoimschreiben" bis zur „Chasseneh" ist ein weiter Weg, und so lange nicht zwei Paar Schuhe beim Bett steh'n, ist „Choßen" und „Kalle" noch kein „Paar Volk". NM. Wie lange soll er denn noch drinnen bleiben? — fragte Arons Mutter — ich meine, er kann in diesen Jahren die Welt und das Leben schon genug kennen gelernt haben. Das hängt jetzt ganz von ihm allein ab — erwiderte der Vater — ich überlasse es ihm ganz und gar. Will er heranskommen, kann er kommen, will er darin bleiben, sott er bleiben. Die „Schidnchem", die man ihm hier anträgt, werden ihm nicht verloren gehen. Diese Worte hatten Arons Eltern gewechselt, als die Post einen Brief aus Wien brachte, womit der Sohn den Eltern anzeigte, wie glücklich er sich fühle, er habe ein Mädchen gefunden, mit welchem er sich schon halb und halb versprochen und er erwarte nur noch ihre Einwilligung, um es ganz zu thnn. Das Mädchen, hieß es in dem Briese, ist zwar arm, aber sie ist dazu geschaffen, mich glücklich zu machen. Ter Vater oder die Mutter, oder, wenn Sie wollen, beide mögen nach Wien kommen, um das Mädchen kennen zu (enteit. und er hoffe ihre Zustimmung ganz gewiss zu erhalten, und noch viele dergleichen Lvbsprüche, wie sie einem Liebenden ans der Feder fließen. Aufrichtig gestanden — sagte die Mutter — Hab' ich an dem Briese keine Freude; es wäre mir lieber, er wäre daheim bei uns wld hätte eine genommen, die man kennt. Eine fremde Person, es kennt sie keiner, man weiß nicht, wer sie ist, man weiß nicht luie und wo. Sie wird ihm wahrscheinlich den Kopf verdreht haben. Ein junger Mensch, ich bitt' dich, was kann man wissen. Du hast „e wadde" Recht — sagte der Vater — indessen kann man voraus nicht urtheilen. Willst Du mitfahren, fahr' mit, willst Du nicht, fahr' ich allein; auf jeden Fall muss man sehen und hören. Dass sie arm ist, ist gewiss kein Vorzug, indessen, wenn sie keinen andern Fehler hat, über diesen können wir uns hinwegsetzen; ich erinnere Dich nur an meine Mutter und meinen Bruder Wolf. Wann die Mutter, im „Geweden" soll sie ruhen, sich gegen Eva, wie sie noch ein lediges Mädchen war, nicht so gewehrt hätt', Wolf hält' mit Eva können das glücklichste Leben führen. So ist er „uebboch" gestorben vor der Zeit und sie? Was hat sie von die paar Gulden? Sie vertrauert ihr Leben. Man kann also nicht gleich von allem Anfang ohne Prüfung dagegen sein. Also wurde die Reise nach Wien beschlossen. Anfänglich hatte Aron die Absicht, gleich am Tage nach der improvisierten Verlobung an seine Eltern zu schreiben. Diese Absicht hat er jedoch anfgegeben und den Schritt um einige Monate verzögert. An jenem glücklichen Abend hatte er seine Fanny und ihre Freundin nachhause begleitet. Die beiden Mädchen wohnten in aller Sauberkeit sehr ärinlich. Es war in dem Zimmerchen nur ein Bett; sie schliefen also miteinander in einem Bette. Die Mädchen bemerkten wohl den mitleidsvollen Blick, mit dem er sich in dem armselig beschränkten Raume nmsah und waren froh, dass er sich, ohne viel zu fragen, rasch lvieder entfernte. Fanny weinte die ganze Nacht. Rosa konnte das uidjt begreifen. Was hast Dn nur? — fragte sie — bist Du denn nicht glücklich? Ach — sagte Fanny — es ist zu viel, ich werde so viel Glück nicht ertragen. Die Freimdin suchte sie zu beschwichtigen und ermahnte sie, nicht kindisch zu sein, aber es wollte nicht viel helfen. Am anderen Morgen gieng Fanny mit Rosa wie gewöhnlich in die Arbeit, als ob sich gar nichts ereignet. Mali war ganz verwundert darüber, dass Fanny in die Arbeit kam, da sie doch jetzt die große Dame spielen könne; Fanny aber wollte davon nichts wissen, sie sei keine große Dame und wolle nichts anderes sein, als was sie bis gestern gewesen. Sie bat die Arbeitsgeberiu, sie da zu lassen, sie könnte es sonst vor Langeweile nicht aushalteu nnd so blieb sie und arbeitete fleißig wie an jedem anderen Tage. Auch Aron war des Morgens ins Geschäft gegangen und hatte den ganzen Tag über nichts von sich hören lassen. Den Brief an die Eltern, den zu schreiben er am verflossenen Abend sich vorgeiiommen hatte, schrieb er nicht; er wusste sich selber nicht genau Rechenschaft zu geben darüber, was ihn zurückhielt; genug, er schrieb nicht, er fühlte sich dazu nicht aufgelegt. Seinem Freunde Jonas Bvhrmeier theilte er von dem Ereignisse des gestrigen Abends nichts mit; er hatte die Empfindmig, dass die Sache den Beifall seines Freundes nicht finden würde. So hielt er sie bei sich als Geheimnis; aber dieses Gefühl, dem treuen und aufrichtigen Freunde etwas verheimlichen zu müsseu, tvas das höchste Glück seines Lebens ansmachte, verlieh ihm etwas Gedrücktes, was bei seinem sonst stillen Wesen sich zwar m

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