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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-26 · 15 (26.5.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
15 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 26. Mai 1809 Seite 5 die Budgetverhältnisse ansieht, der muss denn doch sagen, dass alles beim Alten geblieben und dass Schweigen unsererseits jetzt nicht mehr am Platze i st. Und wir werden reden, laut und vernehmlich, dass es den hochmögenden Herren in der Seitenstettengasse in den Ohren gellen soll! Wo nun aber an fangen? „ Wer die Wahl hat — hat die Qual", und so ergeht es auch uns. Doch nein. Wir wollen mit einer Angelegenheit beginnen, die allerdings nur in einem hiesigen orthodoxen Blatte seit einigen Monaten recht viel Staub aufgewirbett und nicht in die weitere Oeffentlichkeit gedrungen ist. Der Fall, um welchen es sich handelt, ist derart bezeichnend für die Auffassung der Pflichten seitens des Gemeindevorstandes wie für das, was nach seiner Ansicht die Ge mein de Mitglieder zu beanspruchen ein Recht haben, dass wir gerade damit beginnen wollen. Und dass wir nicht anders als völlig objectiv den Fall darstellen und unser Urtheil abgeben werden — darauf dürfen sich unsere Leser auch ohne weitere formelle Versicherung verlassen. Die anlässlich der letzten Wahlen zum Cnltusvorstande von Seiten der Vertreter der Tempelvereine in Gemeinschaft mit dem Ausschüsse des „Jüdischen Volksvereines" aufgestellten Postulate waren folgende: 1. Erweiterung des Censns (Wahlrecht); 2. Bezirksvertretungen im Gemeindevorstand; 3. Autonome Bezirksgemeinden; 4. Vermehrung der Vorstandsmitglieder; 5. Verbesserungen im hebräischen Religions- und Geschichtsunterricht; 6. Reform des Armenwesens; 7. Errichtung von Arbeitsnachweis-Bureaux; 8. Gleichstellung der Tempelprediger mit den Rabbinern der Cultnsgemeinde bei allen culturrellen Handlungen (Trauungen und Beerdigungen); 9. Energische Wahrnehmung der bedrohten Interessen der Wiener Juden nach außen. Zu diesen 9 Punkten gesellte sich noch ein zehnter, von dern, wie gesagt, weniger in die weitere Oeffentlichkeit hinausdrang, der aber nicht weniger wichtig genannt zu werden verdient, weil gerade er es ist, dessen Regelung schon seit langer Zeit nicht nur die Gemüther der zunächst interessierten Kreise beschäftigt, sondern weil bei ihm die Nothwendigkeit einerR egelun g seitens desCultusvorstandes a n e r k a n n t war: Wir meinen die Regelung der Koscherfleisch-Frage. In seinem Berichte über die Gemeindeverhältnisse in den Jahren 1896 und 1897 sagt der Vorstand mit Bezug auf dieses Postulat, dass betreffs Organisation der Koscherfleisckbank gründliche Vorarbeiten geliefert wurden, dass zwei Vorstandsmitglieder diesfalls in Berlin und Hamburg persönliche Informationen eingeholt haben und d e m n ä ch st eine Regulierung des Koscherfleischwesens durchgeführt werden dürfte. Es nmss nun in der That einen eigenthümlichen Eindruck machen, wenn eine Cultnsgemeinde nicht umhin kann, sich ein derartiges Armutszeugnis auszustellen. Mit diesem kurzen aber inhaltsschweren Passus des Berichtes war nichts mehr und nichts weniger gesagt, dass derjenige, welcher auf Koscherfleisch Wert legt, in seinem berechtigten Verlangen von Seiten der Cultnsgemeinde nicht befriedigt wird, und es ist in der That die Frage erlaubt, wie es denn überhaupt dahin kommen konnte!? Man braucht nicht einmal auf dem Standpunkte des traditionellen Judenthums zu stehen, um einzusehen, dass hier eine Unterlassungssünde zutage tritt, wie sie — namentlich unter den heutigen Verhältniflen — kaum größer gedacht werden kann. Wir wollen einmal den Fall annehmen, es käme zu einem Ansturm gegen das Schächten und es würde sich die Nothwendigkeit heransstellen, im Wiener Schlachthause die Schächtmethode ad ocnIos zu demonstrieren: Wo wäre dann die Vertretung der Cultnsgemeinde? Wo der von ihrem Oberrabbinate beglaubigte, den Ritus ausübende Beamte? Es liegt uns absolut fern, gegen die im Wiener Schlachthause amtierenden Schächter den allergeringsten Vorwurf zu erheben oder gegen sie Misstrauen zu säen mit Bezug auf Tüchtigkeit und Pflichterfüllung. Aber gerade so, wie die Cultusgemeinde statuarisch verpflichtet ist, für die nothwendigen rituellen Institutionen zu sorgen, ist sie in gleichem Maße verantwortlich für die ausübenden Beamten. Das die äußere Seite. Was nun die Erfüllung dieser Verpflichtung nach innen, d. h. den Gemeindemitgliedern gegenüber betrifft, so ergibt sie sich von selbst. Derjenige, welcher auf Koscherfleisch Wert legt, hat ein Recht, zu verlangen, dass die Cultusgemeinde ihm voll und ganz entspricht. Er kann und wird verlangen, dass nicht der Erstbeste von einem beliebigen Metzger als Schächter engagiert wird, und — weil in dessen Brot stehend und aus Furcht entlassen zu werden — hie und da „drei gerade" sein lässt, sondern er wird von der Cultusgemeinde fordern, dass sie die Schächter engagiert; dass sie ferner nur solche Beamte engagiert, bei denen die religionsgesetzlich verlangten Garantien auch vorhanden sind, und dass sie diejenigen Metzger öffentlich bezeichnet, welche sich unter die Aufsicht der Cultusgemeinde und ihrer Organe gestellt haben. Und — merkwürdig! Wie so oft das scheinbar nebensächliche den ersten Anstoß zu einem Conflict gibt, so auch hier. Bei keiner der zahlreichen Wahlversammlungen wurde diese Frage und ihre Consequenzen auch nur mit einem Worte gestreift — es wäre vielleicht geschehen, hätte man den Vorstandsbericht früher in Händen gehabt — und gerade dieser so nebensächlich behandelte Punkt sollte der erste werden, wo die Geister aufeinanderplatzeu; er sollte der erste sein, bei dem es zu einer thatsächlichen und ernsten Meimmgsverschiedenheit der betheiligten Factoren gekommen. Damit unsere Leser die Angelegenheit, welche — wir wollen das vorgreifend schon hier bemerken —zur Gründung einer „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthnms" auf dem Wiener Platze führte, analog jener in Frankfurt a. Main — wir sagen, damit unsere Leser die Frage, um welche es sich handelt, bester zu verstehen in der Lage sind, müssen wir mit wenigen Worten zurückgreifen in der Geschichte der Wiener Cultusgemeinde. Verhältnisse wie in Ungarn mit seinen orthodoxen, Reform- und Status ciuo-Gemeinden existieren in Oesterreich bekanntlich nicht. Auch das Bedürfnis wäre dazu — von Wien abgesehen — kaum vorhanden. Bei Ordnung der rechtlichen Verhältnisse der österreichischen Cultusgemeinde» im Jahre 1890 fanden wohl diesbezügliche Erörterungen statt, aber der Einfluss der Mitglieder des Wiener Cultusvorstandes war zu groß und weitragend, als dass eine derartige Trennung, wie sie in Ungarn besteht, von Vorneherein als ausgeschlossen betrachtet werden musste. Lediglich die türkische Gemeinde behielt ihre volle Selbständigkeit. Auch war bis zum Jahre 1871 für die von der Wiener Orthodoxie beanspruchten Institutionen hinreichend gesorgt. Der Rabbiner der orthodoxen Schiffsynagoge, Salomon Spitzer sel. war Gemeinderabbiner und sorgte als solcher dafür, dass dasjenige, was in ritueller Beziehung nothwendig war, auch geschah. In diesem Verhältnis trat im Jahre 1871 eine Aenderung ein. Damals wurden dnrchden sel. Dr. I o l l i n e k Reformen in den Gebeten eingeführt, die namentlich darin bestanden, dass Hinweise auf die Rückkehr nach Jerusalem nicht mehr laut gebetet werden durften, „nachdem es dem Bewusstsein u n s e r e r G e n e r a t i o n nicht mehr entspricht", wie die vom damaligen Gemeindevorstand ausgesprochene Motivierung lautete. Diese eben angedeuteten und andere Umstände wurden die Veranlassung, dass Salomon Spitzer seine Stellung als Gemeinderabbiner quittierte. Damals also trat die erste Spannung zwischen dem reformierenden Vorstande und den orthodoxen Mitgliedern der Cultusgemeinde ein und die nächste Consequenz war, dass das Rabbinat der Schiffsynagoge eine Metzgerei etablierte, deren Schächter und Aufseher unter seiner directen Aufsicht standen, ein Verhältnis, das sich auch auf den Verkauf von Selchereiwaren und Geflügel erstreckte. Indes blieb dieses Verhältnis durch lange Zeit auf einen relativ engen Kreis beschränkt. Erst in den letzten 5—10 Jahren trat eine Aenderung insoferne ein, als nicht nur durch den Zuzug zahlreicher russischer, galizischer und ungarischer Juden, die bekanntlich zumeist der orthodoxen Richtung huldigen, der Geschäftskreis dieser Metzgereien sich vergrößerte, sondern auch dadurch, dass viele sich in O t t a kr i n g und anderen Außenbezirken ansiedelten. Dieses führte schließlich dahin, dass man wiederholt an die — GO — äußerlich nicht bemerkbar machte, ihm aber innerlich nicht wohl that. Am Abend gieng er zu Samuel, wo er seine Fanny wieder zu sehen sich sehnte. Er kam nicht überrascht; man hatte ihn erwartet. Es war heute alles schon viel ungezwungener als gestern, er konnte über die Sachen, die ihm am Herzen lachen, in Gegenwart aller Anwesenden sprechen. Zunächst besprach man das Verhältnis Fannys zu ihrer Arbeitgeberin. Aron wollte sie von der das Auge anstkengenden Arbeit des Weißnähens befreien und Fräulein Mali stimmte ihm zu und war ganz seiner Meinung. Er stieß aber bei Fanny auf den heftigsten Widerstand. Sie bat und beschwor ihn, sie da zu lassen, sie wüsste sonst nicht, was sie mit der Zeit anfangen solle und könnte das leichte müssiggängerische Leben nicht aushalten. Aron musste sich fügen. Dann kam die Wohnungsfrage an die Reihe. So wie bisher dürfe sie nicht wohnen, das sei kein Aufenthalt. Er werde ihr eine Wohnung nehmen, geräumig und bequem und mit allem ansgestattet, dessen sie bedürfe. Sie aber meinte, er solle das sein lassen, sie brauche es nicht besser, die Wohnung sei zwar klein, aber für ihre Bedürfnisse gut genug, und sie wolle sich von Rosa nicht trennen. Bon einem Vorschläge Samuels, dass ja Rosa mit ihr ziehen könnte, wollte sie nichts wissen, sie möchte überhaupt keine Veränderung in ihrer Lebensweise. Sie sei ganz glücklich unter den Umständen, in denen sie sich befinde, und es wäre ihr am liebsten, wenn alles so bliebe, wie es ist. Auf Malis Einwendung, dass es für die Länge der Zeit doch nicht so bleiben könne und dass sich, wenn sie heiraten werde, die Sache doch ändern müsse, warf sie sich Rosa an die Brust und sagte: Mein Glück ist übergroß. Es beängstigt mich! An Deinem Herzen lass mich von meinem Glücke erholen. Das war eine sehr sonderbare Situation, und es konnte sie keiner verstehen. Man konnte nichts thun, man musste ihr ihren Willen lassen. Und so gewöhnte sich Aron daran, jeden Abend hieher zu kommen zu der armen Hansiererin und hier in dem kleinen Kreise sein Nachtmahl zu nehmen und dann die beiden Mädchen nachhause zu führen. Er berieth sich mit Samuel, was in der Sache zu thun wäre. Samuel meinte, Fanny sei zu sehr von dem Glücke überrascht worden, sie könne sich in dasselbe noch nicht hineinfinden, man muss ihr Zeit lassen, es werde sich nach und nach schon machen, und was das Heiraten anbelangt, so sei ja keine Eile und man könne das Weitere ruhig abwarten. So geschah's, so verstrich Woche auf Woche und Monat auf Monat. Das war die Zeit, als Aron zwischen seinen beiden Freunden in der Mitte stand, ohne dass er es gewagt hätte, sie miteinander bekannt zu machen. Endlich nach längerer Zeit des Abwartens und Beobachtens hatte sich Aron entschlossen, jenen Brief zu schreiben, der zur Folge hatte, dass seine Eltern nach Wien kamen, um das Mädchen seiner Wahl zu sehen und kennen zu lerne». (Fortsetzung folgt.) Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Sage Du zu mir — Ich trau' mich nicht. Warum denn nicht, mein holdes Herz? Ich wag' es nicht. So sprich mir es nach. Ich sag' es Dir vor, und Du sagst es mir Wort für Wort nach. Ja — sagte sie und lachte, und Thränen flössen ihr dabei über die Wangen herab. Und da kamst Du Und da kamst- Du — Du — Siehst Du mein Herz, wie Du's kannst. Noch einmal: Du — Du — Du, Du, Du, Du, Du, sag's nach. Du, Du, Du, Du — Weiter Du, Du, Du, Du, Du So ists recht! Du musst Dich üben, dass Du es nicht vergeffen sollst, und wenn Du mir noch einmal Sie sagst, so musst Du Strafe zahlen... Ach — sagte sie — das kann ich ja nicht; ich habe ja nichts. O doch! Du hast ja Küsse! Ach wenn Sie damit- Schon wieder! Ach wenn Du damit, so sag's! Ach, wenn Du damit zufrieden bist, so will ich Ihnen — Rückfällige Verbrecherin! Dir, Dir, Dir — So will ich Dir zehntausend auf einmal geben. So gib, Du holdes, herziges Kind, Du hast ja auf der ganzen Erde Deinesgleichen nicht. Und sie hieng an seinem Munde und küsste ihn fort und fort unter Lachen und Weinen. Nun — sagte Samuel, der die Thüre geöffnet hatte und eingetreten war — was treibt Ihr denn so lange? Ist die Liebe noch nicht genug erklärt? Ihr wollt doch nicht schon heute Hochzeit halten! Dieser Spass brachte die nöthige Ernüchterung über die Beiden. Aron stellte dem Freunde das Mädchen als seine Braut vor. Samuel öffnete die

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