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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-19 · 14 (19.5.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
14 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite (> Wien, Freitag Jüdische» Volksblatt 10. Mai 1890 Nr. 14 Würzbnrg. (W n 1) l c n.) Die Ergänzungswahlen in die Handelska m m e r ergaben eine starke Majorität für die Liste des Handelsvereines und des Detaillistenverbandes gegen eine antiseinitische Liste. Düsseldorf. Die Meldung, dass der hiesige Regierungspräsident eine Verordnung erlassen hat, wonach das Schlachten sämmtlichen Viehes mit Ausnahme des Federviehes nur nach vorhergegangener Betäubung durch Kvpfschlag erfolgen darf, bedarf der Ergänzung. Dieselbe war dahin verstanden worden, dass der Regierungspräsident das Schächten verboten habe. Dieses ist jedoch nicht d e r F a l l. Die Verordnung bildete nur eine Aendernng einer Polizeiverordnnng von 1889, welch letztere folgenden Satz enthält: „Auf das Schlachten nach jüdischem Ritus, Schächten, finden diese Bestimmungen keine Anwendung." Dieser Satz ist in der neuen Verordnung nun nicht angezogen worden, bleibt also bestehen; allerdings konnte infolgedessen das Missverständnis leicht platzgreifen: Die Aendernng bezieht sich darauf, dass — immer mit der genannten Einschränkung — Schafe jetzt auch erst nach vorhergegangenem Kopfschlag geschlachtet werden dürfen und dass bei Rindvieh die Tödtung durch Genickstich nicht mehr gestattet ist. Paris. (Der h u n d e r t st e G e b u r t s t a g H a l ev ys.) Am 27. Mai ist der hundertste Geburtstag des berühmten Componisten Halevy und dieser Tag wird durch eine Festfeier, welche die Vaterstadt Paris dem Andenken des berühniten Musikers bereitet, geehrt werden. Die Gesellschaft der Cvmpositeure und Autoren hat eine Commission eingesetzt, die das Programm dieser Festfeier ausarbeitet. Es sollen bekannte und eventuell unvollendete Werke des Meisters zur Aufführung gelangen und der bekannte Musikgelehrte und Biograph P o n g i n wird die Festrede halten. Der Mittelpunkt der Feier wird der Saal der Großen Oper sein, jenes Institut, an welchem Halevy durch 16 Jahre Gesangsdirector gewesen, die seine „Jüdin" im Jahre 1835 — allerdings im alten Hause — zum erstenmale zur Aufführung brachte, welche Oper auch bei dieser Feier in bester Besetzung und Ausstattung aufgeführt wird. Auch die Akademie der schönen Künste, deren Secretär Halevy bis zu seinem Tode war, wird die Feier würdevoll begehen; gleichwie Nizza, woselbst Halevy am 17. März 1862 gestorben ist. Theater, Kunst und Literatur. (Bin neuhebräischer Salyritrer. (Jsa ak Erter, geb. 1792, gest. 1851.) In seinem elften Bande der „Geschichte der Juden", S. 488' (ich citiere die erste Auflage, Leipzig 1870), schreibt Professor H. Gr ätz: „In diesem Kreise bildete sich ein junger Mann zu einem bewunderten Künstler aus, der in den Gedenkbüchern der jüdischen Literatur ein goldenes Blatt verdient, Isaak Erter." ... . Bekanntlich ist der elfte Band von Grätz nicht so maßgebend wie die zehn ersten. Wenn er das Mittelalter und andere Epochen mit Liebe, nationalem Stolz und Bewusstsein behandelte, ja, wollen wir es direct heranssagen, sogar „snbjectiv" wqr, indem er nicht kriecherisch, sclavisch und manschelhaft die Thatsachen trocken anfzählte, sondern seinem Leiden Luft machte und an manchen, sogar sehr vielen Stellen, seinen Schmerz aufschreien ließ, so änderte er doch ein wenig den Ton, als er zur Geschichtsschreibung unseres Jahrhunderts sich näherte und bei der M e n d e l s s o h n'schen Epoche kniend stehen blieb. Hier war er ein Sohn seiner Zeit und machte auch die Fehler derselben mit. Er war ein Zeitgenosse Holdh e i nl's, der die Theorie aufstellte, dass die Millionen jüdischer Märtyrer Staatsverbrecher, die sich gegen die ihnen zugegangenen Befehle aufgelehnt halten, waren. G r ä tz selbst bezeichnet diese Theorie als hohl, unwürdig ausgeklügelt, aber er war doch H o l d h e i m besser als der ganzen russischen, nenhebräischen Schriftstellerschule gesinnt. Es wurde die feine Bemerkung gemacht, dass Gr ätz eine „Geschichte der Juden" schrieb, während I o st und andere eine „Geschichte des I u d e n t h u m s" schrieben. Aber der elfte Band ist mehr eine Geschichte des Judenthums als der Inden; denn er ist parteiisch und aus einem engen Gesichtspunkte abgefasst. — Denken wir uns folgendes: G r ä tz ist mit seinem neunten Bande fertig. Da erfährt er zufällig von einigen spanischen Mannscripten jüdischer Autoren, die sich in Bologna befinden. Würde er nicht alle möglichen Anstrengungen gebrachtt haben, uni genaue Kenntnis von dem Inhalte derselben zu erhalten? Es ist nicht eine individuelle Ahnung, sondern eine A-B-C- Wahrheit. So muss und soll ein Geschichtsschreiber verfahren und so würde, ohne Zweifel, auch der gewissenhafte G r ä tz gethan haben. Wenden wir uns aber zu dem elften Bande. Ich bin nicht naiv genug, zu glauben, dass G r ä tz von der Existenz der russischen Juden und der Entwicklung der neuhebräischen Literatur in Russland nichts wusste, und doch sah er sich nicht veranlasst, dieselben zu erwähnen, geschweige denn geschichtlich zu erörtern. Es ist nicht unsere Absicht, zu zeigen, dass Prof. G r ä tz unehrlich war. Im Gegentheil. Es zeugt von Consequenz und Charakter. Er war ehrlich wie die übrigen großen Geister, die das deutsche Jndenthum hervorbrachte. In ihrem Streben, den Schutt der tausendjährigen Tradition wegzuräumen, hatten sie schon ihr gutes Recht, bloß trafen sie nicht das Richtige. Sie standen am Scheidewege und irrten sich in der Wahl. Uns, den jetzt Lebenden, die sozusagen die Götzenhaftigkeit ihrer Götter durchschaut haben, ist es leicht, von ihren Fehlgriffen zu sprechen. So lange aber man einem Gotte aufrichtig dient, macht es dem Menschen bloß Ehre. Wäre G r ä tz im Leben geblieben, er hätte ohne Zweifel den falsch eingeschlagenen Weg eingesehen, er lieferte sogar schon Anzeichen dafür, denn G r ä tz war ein national gesinnter Jude, dem die leidensvolle jüdische Geschichte guten geschichtsphilosophischen Unterricht ertheilte, und kein großstädtischer Protestrabbiner. Er könnte nicht einen solchen Schiffbrnch wie Berthold Auerbach erleiden, denn er hatte nicht solche illusorische Phantasiegebilde von der Assimilation der Inden, wie er. G r ä tz widmete mehrere Seiten einem jüdischen Poeten, der sang: Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du, Du duldest, dass ich athme, Dass Du rasest, dulde ich .... Er wusste, dass die Deutschen es niemals Heine verzeihen werden, dass er die Frechheit hatte, als Jude geboren zu werden.... Kehren wir nun aber zu unserem Thema zurück. Wer ist der Isaak Erter, ein nenhebräischer Dichter, von dem G r ä tz — der sonst die neuhebräische Literatur verschwiegt — sagen konnte, dass er „in den Gedenkbüchern der jüdischen Literatur ein goldenes Blatt verdient?" Isaak Erter wurde in einem Dorfe bei Przemysl im Jahre 1792 geboren, und starb in Brody im Jahre 1851. Die Zeit, in der es Erter zu leben und thätig zu sein, bescheert war, ist eine sehr traurige. Die Lage der galizischen Juden, in materieller und geistiger Beziehung, war eine erschreckende. Zu der äußerlichen Verkommenheit und Armuth gesellte sich noch eine innere Uncultur. „Die Jndengasse in Polen" — schreibt ein neuhebräischer Schriftsteller — ist das Symbol unseres großen Verfalles, ein Symbol der Diaspora mit all' ihren bitteren Folgen. Suchen Sie nicht darin einen blühenden Baum, grünes Gras, Nachtigallengesang, Vogelgezwitscher, frische Luft, frohlockende Gesichter, Jngendfrische — Suchen Sie nicht, denn umsonst ist ihre Mühe, Sie finden es nie. In dieser „Gasse", von Anfang bis zu Ende, ist alles leer, wüst und öde; wohin Sie sich wenden, worauf Sie nur Ihren Blick richten, auf die Menschengesichter und Häuser, überall finden Sie Müdigkeit, Schlaffheit, Demuth, Kriecherei, Niedrigkeit, Verkommenheit, Armuth und Geschmacklosigkeit". Es ist ein treues Bild des damaligen Zustandes. Die polnischen Adeligen und jüdischen Rabbiner trugen viel dazu bei. Die Rabbiner fühlten sich in ihrem Chinesenthum gut und sorgten nie für das Volk. Sie waren auch keine Kenner ihres Faches, des Talmudes. Sie verdrehten und entstellten ihn in nichtswürdiger Weise. Ihr Lieblingsspruch war, wie Erter uns in seinem Buche erzählt: „Es möge das Volk, aber nie die Lehre zugrunde gehen". So die guten Freunde von innen. Es gab auch Freunde von außen: die polnischen Adeligen. Sie haben die Juden auf eine solche Stufe der Menschenwürde herabgesetzt, dass Heine sich veranlasst sah, als er in Polen war, einen Schwanz bei diesen zweifüßigen Thieren zu suchen. Mit der ganzen erhaltenen jahrhundertealten rabbinistischen Tradition der Unterdrücknng aller freien Geister, verbannten sie denjenigen, der es wagte, ein Wort zur geistigen Hebung des gerichtet, Samuel hatte sich im Geiste eine solche Auserwählte vorphantasiert, es war eine Laune ds Dichter-Philosophen. Rosa aber, unfähig, dies auch nur zu ahnen, hielt sich für diese Auserwählte, und weil sie dieses Glück nicht im Stillen zu tragen vermochte, und das Bedürfnis, sich mitzutheilen, nicht unterdrücken konnte, anderseits aber auch sich dagegen sträubte, mit der heimlichen Liebe des Dichters geneckt zu werden, las alle die Gedichte ihrer Freundin Fanny mit innerster Beseligung vor, suchte ihr aber einzureden, dass sie gemeint, dass sie die Auserwählte seines Herzens sei. Auf Fanny machte dies aber keinen Eindruck, und je mehr ihr Rosa einzureden suchte, der Zimmerherr sei in sie schrecklich verliebt, desto zurückhaltender benahm sie sich gegen denselben. Der Verkehr des Zimmerherrn mit der Familie, bei der er wohnte, und den beiden Mädchen, die hier beschäftigt waren, war ein freundlicher. Gar manchmal kam er aus dem Cabinet herein in die Nähstube, wurde von Fräulein Mali eingeladen, Platz zu nehmen, und unterhielt sich mit den Frauenzimmern über allerlei Vorfälle, wie der Tag sie brachte, und an 1 alles, was aufs Tapet kam, wusste er allerlei Gedanken und Betrachtungen zu knüpfen, welche mit der ihm eigenen Ruhe und Gelassenheit-vorgetragen, nicht verfehlten, einen großen Eindruck zu machen. Eines Tages saß er wieder bei ihnen in der Nähstube und erzählte von der neuen Bekanntschaft, die er gemacht. Ich habe, sagte er, in den letzten Tagen einen jungen Mann kennen gelernt, wie man ihn nicht alle Tage findet, und habe ihn rasch sehr liebgewonnen. Ich muss sagen, er bedeutet für mich eine Auffrischung meines Geistes, denn ich fühle mich wahrhaft erquickt, wenn ich ihn sehe und ihn sprechen höre. Alles, was er sagt, ist so verständig, und aus -seinen Augen spricht eine solche Güte, ich glaube, er würde, wenn er die Macht dazu hätte, die Erde in ein Meer von Wonne verwandeln. Und doch ist der junge Mann tief unglücklich. Da hat er vor kurzem zwei Frauenzimmer gesehen, ganz von ungefähr, und in eine derselben hat er sich rasend verliebt. Zu schüchtern, von seinen Gefühlen anch nur das leiseste zu verrathen, hat er stillgeschwiegen, als die beiden sich entfernten, o.ine dass er es gewagt hätte, ihnen auch nur in einiger Entfernung zu folgen. So sind sie nun seinen Blicken entschwunden, und nun sucht er sie, öie er für ewig, wie er sagt, in sein Herz geschlossen, und kann sie nicht finden. Das ist ein unpraktischer Mensch — sagte Fräulein Mali. In diesem Augenblicke wurde die Thürglocke gezogen. Der Zimmerherr, in der Meinung, es sei eine Kundschaft, zog sich in sein Cabinet zurück. Wohnt hier der Herr Samuel Feigengold? — lautete die Frage des Unbekannten. Zu dienen, mein Herr — antwortete Mali, welche gegangen war, die Thüre zu öffnen — der Herr von Feigengold wohnt hier, und bitte nur weiter zn spazieren, durch dieses Zimmer in sein Cabinet. Der Fremde schritt durch das Zimmer, ohue den Anwesenden auch nur einen Blick zu^göuneu, und klopfte an die Thüre des Cabinets. Nachdem er in dasselbe eiugetreten war, sagte Rosa: Fanny! Hast Du Dir dem Herrn angesehen? Ja, sagte Fanny, und zitterte am ganzen Leibe. Fanny!. um Gotteswillen, .was hast Du? fragte Rosa. Nichts, nichts — sagte Fanny — es wird vorübergehen; es ist schon vorüber! Die Thüre des Cabinets öffnete sich und der Zimmerherr, auf der Thürschwelle stehen bleibend, sagte: Fräulein Fanny, wenn ich Sie bitten darf, auf einen Augenblick. Wenn Sie befehlen — sagte Fanny und wankte zur Thüre hin. Der Zimmerherr schloss die Thüre, ergriff sie bei der Hand, und führte sie seinem Freunde zu mit den Worten: Hier haben Sie Ihre Fanny — worauf er rasch das Cab inet verließ. Ist es möglich! — rief Aron, und zog sie an sich. Willenlos fiel sie ihm um den Hals und die beiden hielten sich innig und fest umschlungen. XII. Die beiden Liebenden, deren Herzen mit so großer Sehnsucht und, wie es schien, ganz hoffnungslos einander entgegenschlugen, hatten sich gefunden. Fanny lag an seiner Brust, an dem Herzen des Mannes, der sie beim ersten Blicke, den sie auf ihn gerichtet, wie mit Zaubermacht an sich gefesselt, und in einem langen Kusse hatten sie ihre Liebe besiegelt. Sie hatten einander soviel zu Zagen, allein das übepschwMstzchp>.!,.fo,.;,ftMchpfkt- Glück, schloss ihnen den Mund, sie konnten vor innerer Herzensseligkeit nicht sprechen. Sie sprachen mit den Augen und mit dem Druck der Hände. Immer wieder aufs neue umarmte er sie und suchte ihre,» Mund mit seinen Lippen, und sie erwiderte diese stumme, feurige Beredsamkeit mit glühenden Küssen. Meine theuere Fanny — so flüsterte er endlich mit schmachtender Zä rtlichkeit. Wie heißen Sie? — fragte sie leise, ganz leise, mit verhaltener Glut.. Wie glücklich machst Du mich — flüsterte er. O nein — sagte sie — ich bin Ihrer nicht würdig. Rede nicht so, Du Engel ans dem Paradiese — Vertrieben — unterbrach sie ihn. Nein, mein Herz — sagte er — es wird mein einziges Bestreben sein, es Dir auf Erden zu bereiten. Und wieder ein langer Kuss und wieder tiefe Stille. Was werden Sie mit mir thnn — fcagie Fanny endlich in flehendem Tone. Kind — sagte er — was ist das für eine Frage? Bedenken Sie — fuhr sie fort — wer sind Sie und wer bin ich? Sie sind ein vornehmer Herr und ich bin ein armes Mädchen — Das zu sein hast Du aufgehört — unterbrach er sie. Das von der Handarbeit lebt — setzte sie fort. Das tvirst Du von diesem Augenblicke an ausgeben — sagte Aron. Ich will ja alles thnn, was Sie mir befehlen. Sprich nicht so unvernünftig, Geliebte meiner Seele. Sie sind ja ein Herr. Ich bin kein vornehmer Herr, ich bin ein einfacher Mensch, der glücklich ist, Dich gefunden zn haben, und Du bist meine lieve Braut.

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