Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 14 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Wien, Freitag Jüdisches Voiksblatt 19. Mai 1899 Seitd 5 ein Bild arger Verwüstung. Die Juden wagen es nicht, ihre Wohnungen zu verlassen und die Geschäfte zu öffnen. Auf den Straßen sieht man nur berittene Polizisten und Kosaken, die jede Ansammlung mit Waffengewalt auseinaudertreiben und für die Aufrechterhaltuug der Ruhe sorgen. Es wurde Mobiliar im Schätzungswerte von einer Million Rubel theils verbrannt, theils geraubt. Der durch die Plünderungen und die Zerstörungen verursachte Gesammtschadcu konnte bisher nicht constatiert werden. Nach einem Berichte des seit kurzem erscheinende» Tagblattes „Rossja“ sind von den 100.000 Bewohnern Nikolajews 30.000 Juden. Die Unruhestifter und Plünderer, deren Zahl etwa 5000 beträgt, waren ihrer Mehrzahl nach Maurer, Erdarbeiter und Straßenpflasterer, die meistens erst seit kurzem aus dem Gouvernement Orel nach Nikolajew gekommen sind. Wie die „Daily News“ melden, wurden 15 Persone n, darunter zwei Frauen g e t ö d t e t, desgleichen sechs oder sieben Infanteristen vom Prasgikischen Regimente, sowie fünf Kosaken. Vier Kosaken werden vermisst. Wahrscheinlich haben ihre Mörder die Leichen in aller Stille verscharrt. Die Zahl der mehr oder minder schwer Verletzten muss auf beiden Seiten nach Hunderten zählen. Die Hospitäler und Privatärzte haben den Befehl erhalten, keine Einzelheiten verlauten zu lassen. Alle Maßregeln haben jedoch, wie es scheint, nicht viel genützt, denn einem Telegramm zufolge haben wieder neue Krawalle stattgefnnden, wobei zahlreiche Häuser demoliert wurden. St. Petersburg. (Eine E n t s ch e i d u it g d e s Cassations-Departements des Senates.) Das Criminal-Cassations-Departement des Senates hat in diesen Tagen in einer Privatangelegenheit — es betraf das Ansuchen eines gewissen Abram Poljakow — eine allgemeine Frage entschieden, betreffend der Handelsrechte der jüdischen Handwerker außerhalb des den Inden angewiesenen Rayons. Der Senat hat erkannt, dass solche Inden, selbst wenn sie in irgend einer Stadt im Innern des Reiches unter den Kaufleuten zweiter Gilde eingetragen sind, nur eigene Erzeugnisse zum Verkaufe bringen dürfen; für den Handel mit anderen Artikeln werden sie laut § 171 des Strafeodex zur Verantwortung gezogen, d. h. die Waren werden confisciert und sie selbst werden sofort in den Wohnort, welcher ihnen als ständiger Rayon zngewiesen ist, abgeschoben. Petersburg. (Beschränkungen für Handwerker. — Eins ü h rung d e r r n s s i s ch e n Sprache in den jüdischen Schule n.) Auf V e rf ü g u n g des Gouvernements von Kurland ist allen Handwerkern, welche in den Städten Mitau, Libau, Tucknm, Tuffen, Goldingen, Friedrichstadt und Jakobstadt des genannten Gouvernements wohnen und mit Hilfe von Gesellen und Lehrlingen Handwerke betreiben, vorgeschrieben worden, falls sie ihr Ge-' werbe fortsetzen wollen, folgenden Bedingungen nachzukommen: sie müssen russische Unterthanen und christlichen Glaubens sein, ferner das Zeugnis eines Zunftmeisters besitzen. Viele Handwerker, natürlich alle jüdischen Bekenntnisses, sind dadurch in die ärgste Nothlage versetzt worden. — Im Ministerium fiir Bolksanfklärung wird gegenwärtig über die Einführung der russischen Sprache für den Unterricht in den israelitischen Religionsschnlen berathen. Zn diesem Zwecke sind vorher die gutachtlichen Meinungsäußerungen der Curatoren der Lehrbezirke respective der Volksschnl-Jnspectoren einverlangt worden. Bukarest. (A n t i s e m i t i s ch e B e r s a m mlnngen.) Eine antisemitische Vereinigung in Verlad hatte für den griechischen Ostermontag eine öffentliche Versammlung angesagt, all der auch Mitglieder des nationalen Stndentencomitss von der Universität Jassy theilnehmen sollten; die Einleitung zu dieser Versammlung war durch Flugschriften getroffen, in welchen zur Austreibung der Juden anfgefordert wurde. Da mit Recht eine Wiederholung der antisemitischen Excesse vom 5. December 1897 in Bukarest befürchtet wurde, so verließen viele Jlldeufamilien die Stadt. Der Ministerpräsident, von diesem Treiben verständigt, gab sofort strenge Befehle für den Fall, dass es zu antisemitischen Ausschreitungen käme. Die Versammlung aber fand statt und es wurde in derselben zur Vernichtung der Juden in Rumänien anfgefordert. Berlin. (Ungiltigkeits- Erklärung der Wahl eilies antisemitischenReichstags-Abgeordnete n.) Die Wahlprüfungs-Commission des deutschen Reichstages hat die Wahl des Antisemiten Lotze (8. Wahlkreis Pirna-Sebnitz) für nngiltig erklärt. Als Grirnd für die Ungiltigkeit wurde der Umstand angenomnlen, dass der Bürgermeister von Hohnstein dem socialistischen Gegencandidaten Früßdorf nicht gestattete, eine Versammlung abznhalten, während er dem Abgeordneten Lotze die Abhaltung einer Versammlung in Hohnstein anstandslos gewährte. Berlin. (Graf P ü ck l e r.) Das Glogauer Landgericht hat den Grafen Pückler zu Klein-Tschirne von der Anklage der öffentlichen Aufreizung zur Gewaltthätigkeit f r e i g e s p r o ch e n. Diejenige Stelle eines öffentlichen Schreibens, die vorzugsweise incriminiert war, lautete: „Fasse und haue ihm die Jacke voll, dass die Knochen im Leibe krachen. Der Staatsanwalt hatte J 00 Mark Geldbuße beantragt, das L.andgerccht aber kam zu einer Freisprechung mit einer B e g r ü n d u n g, über die folgende Angaben bekannt geworden sind. Objectiv genommen liege zwar unzweifelhaft eine Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten vor, bei der Beurtheilung der Sache müsse jedoch die Persönlichkeit des Grafen Pückler in Betracht gezogen werden. Er habe allerdings in der Verhandlung unvorsichtigerweise gesagt, es könne nichts schaden, wenn einmal ein jüdischer Wucherer verhauen würde, der Gerichtshof habe aber lediglich die Thatumstände zu prüfen, die zur Erhebung der Anklage geführt haben. Nun fei es dem Gerichtshöfe bekannt, dass der Angeklagte sich leicht von seinen Gefühlen Hinreißen lasse und in der Wahl seiner Ausdrücke durchaus nicht wählerisch sei, dass er andererseits aber ideale Zwecke verfolge und das Gute wolle. Der Gerichtshof hat also Brandreden gegen Juden, Aufforderungen zu Plünderungen und Gewaltthätigkeiten „ideal" genannt und es ist daher nur selbstverständlich, zu nennen, wenn die „Staatsbürgerzeitung" das Urtheil und die wesentlichsten Punkte der Begründung in fetten Lettern triumphierend seinen Lesern meldet. Die Entscheidung wird gewiss die Freunde der Einführung der Berufung gegen Urtheile der Strafkammer vermehren. Die Bedenklichkeiten gegen das Urtheil sind umso gerechtfertigter, als die angeführte Begründung zn Missdeutungen stark Anlass bietet. Frankfurt. (Pan ique in einer Synagoge.) An einem der jüdischen Pfingstfeiertage ereignete sich während des Abendgottesdienstes ein noch unaufgeklärter Vorfall. Drei Männer erschienen auf der Franengallerie und schlugen den Portier, der sic hinausweiseu wollte, nieder. Zwei von ihnen konnten erst nach heftiger Gegenwehr auf der Straße festgenommen werden, dem Dritten gelang es zu entkommen. Auf der Polizei gaben die Verhafteten falsche Namen an und behaupteten, erst zugereist zu sein. Man fand in ihren Taschen Stücke von Marmorst einen und es ist daher die Bermuthung gerechtfertigt, dass die Leute die Absicht hatten, die Steine in den B et sa a l zu werfen, eine Panik hervorzurufen und während derselben B e r a u b u n g e n v orz u n e h m e u. Der Portier soll schwer verletzt sein. Köln. Dem in diesen Tagen verstorbenen Kölner Erzbischof Dr. Philipp Kreme ntz gebiirt das Verdienst, auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Confessionen der Kölner Bürgerschaft hingewirkt zu haben, wie er denn überhaupt ein Gegner aller religiösen Intoleranz war. Hervorgehoben zu werden verdient, dass er, als sich zu Beginn der neunziger Jahre, wie in anderen größeren Städten Deutschlands, so auch in Köln, ein Comite für die Beförderung russischer Juden nach England und Amerika bildete, Erzbischof Dr. Krementz in einem Briefe an den Rabbiner Dr. Frank in Köln diesem Comite, welches „den aus ihrer russischen Heimat indirect Vertriebenen ein anderweitiges Unterkommen zu beschaffen sich bemühte," den besten Erfolg wünschte und seine herzliche Theilnahme an dem Lose der Verfolgten aussprach. In ähnlicher Weise erwiderte Dr. Krementz auch die Ansprache der jüdischen Deputation, die ihm zu seiner Erhebung in die Cardinalswürde Glück wünschte, indem er sagte, er werde stets ein Prediger der Bruderliebe zwischen den verschiedenen Confessionen bleiben und stets ans das friedliche Zusammenleben aller Bürger hinwirken. — 56 — Was?— sagte sie — Sie wollen mich heiraten? Was hätte ich denn anderes wollen? Sie wollen 'sich zu mir herablassen? Hör doch auf, Dich zu erniedrigen, Du weißt nicht, wie web Du mir damit thust. Ach, Sie sind so gut, so überaus gut. Ich verdiene nicht diese Güte. Er hielt ihr den Mund zu, dass sie nicht weitersprechen konnte, und wieder folgten Umarmungen und Küsse mit solcher Heftigkeit, als ob sis sich gegenseitig hätten zerknirschen wollen. Du wirst mein liebes, gutes Weib werden — sagte Aron, nachdem er sie wieder für eine Weile losgelassen — und Du wirst bei mir goldene Tage haben. Ach nein, ach nein — flüsterte sie — ich will ja gerne bei Ihnen sein, bei Ihnen wohnen, und alles thun, was sie wollen, wenn Sie mich nur bei sich dulden. Ich will Ihre Sclavin sein! Ich bin ja schon genug belohnt und überglücklich, wenn ich Sie nur jeden Tag sehen kann. Ich geb mich Ihnen hin mit Leib und Seele! Sie sind mein Herr und mein Gebieter; ich habe keinen anderen Willen als den Ihrigen. Wenn Sie es mir befehlen, so werf' ich mich..ip hie.Donau. Wenn Sie,es von mir wollen, so steche ich mir'die Padek ms ^>erz. Ich lebe nur noch in Ihnen und gar nicht mehr in mir. Mir ist, als ob ich bisher gar nicht gelebt hätte, als ob ich jetzt erst geboren würde und zu leben anfange. Aber ich bitte, erheben Sie mich nicht zu sehr, der Fall, der darauf folgen könnte, möchte ein gar zu tiefer sein. Mein närrisches Mädchen — sagte Aron, indem er sie wieder an sich zog und ihren Kopf zwischen die beiden Hände nahm, um ihr Augen und Stirn zu küssen — mit was für sonderbaren Einfällen quält sich Dein Hirnchen? Du thust ja, als ob ich ein Märchenprinz wäre und Du ein Aschenbrödel. Mach doch keine Dunnnheiten. Vorläufig verloben wir uns hier vor Gott allein und in aller Stille. Morgen schreibe ich an meine Eltern — Sie haben Eltern — unterbrach ihn Fanny — ach, ich hatte auch Eltern; ich habe keine mehr. — Ich bin eine arme Waise und habe Niemanden — Du hast mich — sagte Aron. Ja sagte sie — solange Sie mich nicht von sich stoßen. Das wird nie geschehen, kann nie geschehen, meine Gute, meine Theure. Und Ihre Eltern, die werden mich nicht mögen, weil ich ein armes Mädchen bin. Mein Vater braucht Dich nur zu sehen und meine Mutter braucht nur ein Wort von Dir zu hören, so werden sie beide Dich liebgewinnen und mit Freuden werden sie Dich aufnehmen als Tochter in unser Haus. Ach — sagte Fanny — ich habe soviel Angst und Furcht. Wenn es an der Thüre läutet, so fahre ich zusammen und meine, jetzt kommt das Unglück. Als Sie vorhin an der Glocke gezogen haben, bin ich auch so zusammengefahren. Und da kamen Sie... (Fortsetzung folgt.) wellenschatz Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Wirklich, Fräulein Rosa, es gefällt Ihnen? — fragte der Zimmerherr. Haben Sie das gemacht, Herr von Feigengold — fragte das Mädchen. Es ist ja nur eine Kleinigkeit — sagte er. Ich schätze mich glücklich, dass Sie es haben hier liegen lassen,—- sagte Rosa. ‘ ‘‘! ,; - Wenn Sie das 'glücklich macht — sagte der Zimmerherr — dieses Glück können Sie öfter haben. Darf ich mir es abschreiben? — fragte Rosa. Ich schenk' Ihnen das Blatt — sagte er. Haben Sie schon etwas drucken lassen? — fragte Rosa. Nein — erwiderte er. Warum nicht, Herr von Feigengold? — fragte sie. Ich habe keinen Ehrgeiz — sagte er — und will in der Oeffentlichkeit keine Rolle spielen. Aber was die anderen dadurch verlieren — sagte sie — dass Sie sich so zurückziehen, daran denken Sie nicht? Nein — sagte er — daran denk' ich wirklich nicht. Ich lege keinen so großen Wert darauf. Herr von Feigengold! — sagte Rosa. Was wünschen Sie? — fragte er. Versprechen Sie mir etwas! Was denn? Theilen Sie mir alles mit, was Sie schreiben. Wenn es Ihnen Freude macht, recht gern. Es macht mich glücklich. Einbildung! — sagte er. Lassen Sie mir diese Einbildung! — sagte sie und verschwand aus dem Cabinet. Seit diesem Tage trugen alle diese kleinen Gedichte, wie er sie aufs Papier zu werfen pflegte, die Aufschrift: „An die Auserwählte meines Herzens." Wer war diese Auserwählte? Ein Name war nicht genannt. Aus dem Inhalt der Gedichte war auf keine bestimmte Person zu schließen; denn der (£(>axatttv derselben war durchaus unpersönlich. In der That waren sie an keine bestimmte Adresse am,