Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 14 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt TO. Mai 1899 Nr. 14 sachen. Die Wiener Cultnsgemeinde geht ihrem Verfall entgegen, weil 1. Tempel gebaut werden müssen, 2. Tempelvereine und Bethäuser stetig anwachsen, 3. die Bevölkerung zunimmt, 4. die Auslagen für Unterrichtszwecke größer werden. — Mit verzweifelter Miene constatiert der Berichterstatter, dass im letzten Jahre sogar Leseübungsschuleu hätten errichtet werden muffen. Ja, wohin soll das führen, wenn die Juden ihre Kinder wollen hebräisch lernen lassen? Dieses, in seinen Aspirationen immer dringender werdende Volk wird am Ende gar noch auf die Idee verfallen, dass es für jüdische Kinder wünschenswert sei, die Bibel lesen zu können? Und die Religionslehrer müssen Ueberstunden geben! Ja, hätten am Ende wirklich die Leute recht, die da behaupten, der Ruhm des jüdischen Volkes und die Thaten seiner Großen ließen sich nicht in wöchentlich zweimal sechzig Minuten verkünden, wovon noch die Freiviertelstunden in Abzug zu bringen sind? Aus dem ausführlichen Rechnungsabschlüsse, der statutengemäß durch 14 Tage zur Einsicht der Gemeindemitglieder aufgelegt war, könne man „ein klares Bild" der Gemeindewirtschaft erhalten. Dieses klare Bild müsste sich jedoch, allen Gesetzen der Optik zum Trotz, die bekanntlich für die Einwirkung des gelesenen Gegenstandes auf die Netzhaut eine gewisse Dauer verlangt, jedes Gemeindemitglied in 221/2 Secunden verschaffen. Nämlich so: die Wiener Gemeinde hat 13.000 Mitglieder, und 14 Amtstage haben, da von 9 bis 3 Uhr amtiert wird, vierzehnmal sechs, das sind 84 Stunden, das sind 5040 Minuten, das sind 302.400 Secunden. Also! Man kann sich vorstelleu, was das für ein Ansturm auf die Localitäten der Cultnsgemeinde gewesen ist, da doch ein Gemeindemitglied dem andern die Thüre in die Hand geben musste, weil dieses doch schon darauf brannte, in einer Drittelminnte „ein klares Bild" u. s. w. zu gewinnen. Die Thüren und die Fenster hat man aushängen müssen — — oder, sagen wir lieber, hätte man aushängen müssen, wenn — nun, wenn eben nicht die Herren Wähler die Gescheidteren gewesen und zuhause geblieben wären. Zuhause geblieben mit noch größerer Consequenz, als bei einer Cultuswahl. Es ist also glücklicherweise zu diesem Sturm auf die Bastille, zu einem Volksanflauf der 13.000 Wähler nicht gekommen. Der Berichterstatter „kann nicht umhin, sein Bedauern darüber auszudrücken", dass von den zur Einsichtnahme berechtigten 13.000 Gemeindemitgliedern 12.999 weggeblieben sind, und der übriggebliebene Eine zu kommen vergessen hat. Es fand sich Niemand — schreibe und sage Niemand — ein, der ein Interesse daran bekundet hätte. Der Ansdruck des Bedauerns aber ist ganz unsererseits. Und die Bedauernswerten sind die obgenannten 13.000. — Und die Einsicht, welche die 13.000 hätten nehmen sollen, wem wäre die wohl zu wünschen? Brünn. (I s r a e l i t i s ch e r F r e i t i s ch - V e r e i n.) Herr Reichsrathsabgeordneter Dr. Otto Lecher besuchte am 9. d. M. den hiesigen Freitischverein in dessen Locale Franz- Josefstraße 4, besichtigte während eines fast einstündigen Verweilens alle Einrichtungen dieser wohlthätigen Institution und sprach viele von den nahezu 120 Kostnehmern, die sich fast alle aus hiesigen deutschen Lehranstalten recrutieren, an. Herr Dr. Lecher drückte den anwesenden Functionären des Vereines für die gleich humanitäre wie erziehliche Wirksamkeit des Vereines wiederholt seine Anerkennung aus. Graz. (E i n s p r u ch s v e r h a n d l u n g.) Vor dem hiesigen Landesals Pressgericht fand unter dem Vorsitze des Herrn Landesgerichtsrathes K e r s ch b a u m die Einspruchsverhandlung der Druckerei „Styria" gegen die Beschlagnahme der vom Verlage der „Styria" erschienenen Broschüre „Der Jude im 19. Jahrhundert" von I. Seidl, statt. Namens der Einspruchswerber führte Herr Dr. Adalbert Neu mayer aus, dass der Verfasser in der Broschüre die Judenfrage vom Standpunkte der christlich-socialen Politik behandelt hat. Die Angelegenheit sei aber auch bereits verjährt, weil die Broschüre schon vor acht Monaten erschienen und deren Inhalt in einem Blatte schon ganz abgedruckt worden ist. Staatsanwalt Amsch l machte dagegen geltend, dass die Tendenz der Broschüre aufreizend sei, und dass es eine Verjährung bei dem objectiven Verfahren gar nicht geben. Der Gerichtshof verwarf auch im Sinne der Ausführungen des Staatsanwalts den Einspruch und bestätigte die Beschlagnahme. Nachod. (Zu den Excessen.) Vor dem Königgrätzer Kreisgerichte nimmt die Verhandlung gegen die Nachoder Plünderer ihren ungestörten Fortgang. Bis' zum 10. d. M. wurden von 83 Angeklagten achtundsiebzig veru r t h e i l t und 5 freigesprochen. Das höchste Strafausmaß erhielt bis jetzt der Arbeiter P o s p i s ch i l, welcher mit einer Eisenstange den Laden bei Lederer und S t r a n s k y ergänzen Stimme — war Kezappichis bidwasch! Nun endlich werdet ihr wissen was ist Kezappichis bidwasch!" „Nein", antwortet verzweifelt der Junge! „Epikaures“, schreit der Rebbe wüthend, „willst Du vielleicht wissen, was vor bereschis gewesen ist!?" Von derartigen Episoden abgesehen, geht es im Cheder ziemlich ruhig her und der Rebbe wird mit seinen Schülern gut fertig. Diese ihrerseits schicken sich darein, die gewohnten 3 Stunden am Abend und eine Stunde mittags als ein unabänderliches „Muss" zu ertragen, in Hinsicht auf den Tag der Befreiung. Passiert es einmal in der öffentlichen Schule, dass ein Schüler dem Lehrer im Jargon antwortet, dann ergreift dieser meistens die Gelegenheit, dem Rebbe durch den Schüler ein saftiges Compliment zu sagen, der dasselbe seinerseits mit der Bemerkung entgegennimmt, dass der goische Lehrer das nicht besser versteht, indem er gleichzeitig nicht unterlässt den Schülern nachzuweisen, dass man als guter Jude nur so sprechen dürfe wie sie es gewohnt sind von ihm zu hören, von ihm — dem Rebbe. brach und bei Müller die Cassa z« sprengen versuchte: er erhielt 3 Jahre schweren Kerker znerkannt. Bei der am 5. Juni beginnenden Schwnrgerichtsperiode wird noch eine Reihe der am meisten belasteten Verhafteten wegen der Excesse in Nachvd zur Verantwortung gezogen werden. — Die Strikes dauern noch an und die Stimmung ist wiederum eine erregt. Leitmeritz. (Begräbnis.) Am 14. Mai wurde der am 11. d. verstorbene Rabbiner und Religionslehrer der hiesigen israelitischen Cultnsgemeinde, Herr Joachim Wittenberg, beerdigt. Die würdige Trauerfeier fand auf dem hiesigen Coinmunal-Friedhofe ihren Abschluss, wo am offenen Grabe Herr Dr. Julius Reich, Rabbiner aus Randnitz, eine tiefempfundene Grabrede hielt und der hiesige Cultnsgemeiude- Vorsteher, Herr Sigmund Engl, warme und rührende Worte des Abschiedes und des Dankes namens der Gemeinde sprach; zuvor hatten im Tranerhause der Obercantor und Religiouslehrer Herr Harry E r z b e r g in Leitmeritz und Herr S. Glaser, Cantor in Theresienstadt, namens der College« und Schüler der Verdienste des Verstorbenen gedacht. Die Betheiligung an der Trauerfeier war eine außerordentlich starke; mau sah unter den Trauergästen viele Rabbiner und Cultusgemeinden-Vorsteher ans den benachbarten Städten, Vertreter der k. k. Behörden, k. k. Professoren der hiesigen Realschulen nebst Schülern der Volks- und Bürgerschulen u. v. a. Kttttenberg (Spende zum T e m p e l b a u.) Die Prager Firma M. B. Teller, welche bereits des Oefteren ihren Wohlthätigkeitssinn bewiesen, hat neuerdings durch eine namhafte Spende Zeugnis hiefür abgelegt. Das hiesige Tempelbaucomitö wandte sich nämlich an die genannte Firma um eine Unterstützung und erhielt sofort den bedeutenden Betrag von tausend Gulden, sowie auch die Zusicherung, durch unentgeltliche Lieferung von Baumaterialien das Unternehmen nach Kräften zu fördern. Möge dieses Beispiel Nachahmung finden. Stanislau. sOrigiual-Bericht.j (Jü discheColonie n n d B a n k in st i t u t i o n e n i n G a l i z i e n. — Geburtsfest eines Schulinspectors. — Tempelba n.) Sicherem Vernehmen nach ist von der J.-0-F..-Gesellschast das unweit Kolomea gelegene Gut „Slob o dk a" behufs Gründung einer jüdischen Colvnie angekauft worden. Dieselbe Gesellschaft beabsichtigt auch in Galizien B a n k i n st i t n t i o u e n zu creieren, deren Zweck es sein wird, Kleinhandel- und Kleingewerbetreibenden fast zinsenlose Darlehen mit wöchentlichen oder monatlichen Ratenzahllmgen zu gewähren. Die ersten drei Städte, wo solche Bankiiistittttionen schon in einigen Tagen ins Leben treten werden, sind Stanislau, Kolomea und Tarnow. — Am 5. Mai wurde dem Juspector und Leiter der hierortigen Baron Hirsch'schen Stiftungsschule, Herr N. S p e r b e r, gelegentlich seines Geburtsfestes eine herzliche Ovation bereitet. Der in corpore versammelte Lehrkörper dieser Anstalt überreichte demselben ein wertvolles Geschenk, wobei in einer schwungvollen Ansprache seine Verdienste um die Entwicklung dieser Schule — welche nach einer Aeußerung des Bezirks- Schulinspectors als Musterschule bezeichnet werden kann — und seine taktvolle, äußerst freundliche Handlungsweise der gesammten ihm unterstehenden Lehrerschaft gegenüber gefeiert wurden. — Die Arbeiten beim Tempelbau, welche vor zwei Jahren aus finanziellen Gründen eingestellt werden mussten, wurden Frühjahr wieder ausgenommen und soll der Tempel noch für die hohen Feiertage seiner Bestimmung übergeben werden. Czerriowitz. (Ehrung.) In der Generalversammlung des israelitischen Gewerbe- und Handwerkerveieines vom 7.Mai dieses Jahres wurde Herr Alexander Salomon Schreiber wegen seines humanitären Wirkens einstimmig als Ehrenmitglied des Vereines ernannt. Nach der Generalversammlung begab sich eine Deputation des Vereines zu Herrn Schreiber und überreichte ihm ein kostbar ausgestattetes Diplom. Der Führer der Deputation hielt eine Ansprache an den Gefeierten, der, über die Ehrung aufrichtig gerührt, dem Vereine dankte und versprach, ganz im Interesse desselben auch fernerhin zu wirken, sowie der leidenden Menschheit in seinem Kreise nach Kräften stets beizuspringen. Budapest. (Versammlung des Pester israelitischen Frauenvereines.) Unter überaus reger Theilnahme der Mitglieder wurde am 17. d. im Sitzungssaale der Pesier israelitischen Cultusgemeinde die Generalversammlung des' Pester' israelitischen Frauenvereines unter Vorsitz der Vicepräsidentin Frau Marie H e r z l abgehalten. Hauptgegenstand der Versammlung war die Präsidentinwahl nach dem Tode der Frau Johanna v. B i s ch i tz. Das allgemeine Vertrauen für die Präsidentinstelle wendete sich der bisherigen verdienstvollen Vicepräsidentin Frau Marie Herzl zu, welche auch ohne Gegencandidatin nahezu einstimmig mit der obersten Leitung des Vereines betraut wurde. Nicht so glatt verlief die Wahl einer Vicepräsidentin, um welche Ehrenstelle mehrere Damen bereits durch längere Zeit ambitionierten. Doch erhielt vorläufig keine der Candidatiunen die absolute Stimmenmehrheit und muss demgemäß eine Stichwahl zwischen Frau Friedrich v. Neumann (die 137 Stimmen erhielt) und Frau Moriz Heidlberg (105 Stimmen) stattfinden. Vor Eingehen in die Tagesordnung wurde des Ablebens der Königin gedacht, ferner des unermesslichen Verlustes, welchen der Verein durch den Tod seiner größten Wohlthäterin, der Baronin Clara von Hirsch-Gereuth erlitten hat. Nach dem zur Verlesung gebrachten Jahresberichte wurden 34.463 fl. als Unterstützungen vertheilt, 54 gänzlich verwaiste Kinder im Mädchenwaisenhanse, 50 Kinder im Baronin Hirsch-Halbwaisenasyle erzogen, und betrugen die Ausgaben für beide Anstalten, sowie für 51 extern erhaltene Waisenmädchen 35.428 fl. 14 kr. In der Volksküche wurden vom 1. April v. I. bis 1. April d. I. 174.047 Personen, darunter 21.243 vollkommen gratis gespeist; die Gesammtausgaben des Vereines betragen 94.984 fl. 35 kr. Es wurden sodann jene zahlreichen Stiftungen, Legate und Spenden aufgezählt, welche im Vorjahre eingeflossen sind, besonders der von Baronin Hirsch gestifteten 350.000 fl., deren Erträgnis für Zwecke des Halbwaisenhauses bestimmt ist, sowie der Spende von 115.000 fl.§znm Baue eines Mädchen- Waisenhanses. Nach Wahl von Ehrenmitgliedern, darunter des Unterrichtsministers Dr. W l a s s i c s, wurde die Wahl der Vereinsfunctionäre mit dem eingangs erwähnten Resultat vorgenommen. Budapest. (Die Pester Chevra Kadischa) hielt unter dem Präsidium Moses Ehrlich' s und bei lebhafter Betheiligung seitens der Mitglieder ihre Generalversammlung ab. Ans dem vom Bereinssecretär Dr. Franz M e z e y vorgelegten Jahresberichte gelangte auf Antrag eines Mitgliedes nur der Nachruf über weiland Königin Elisabeth zur Verlesung. Die Bildung einer Stiftung von 25*000 Kronen zum Andenken an die verstorbene Königin, welche Stiftung mit allerhöchster Erlaubnis den Namen der Königin tragen wird, wurde genehmigt. Dem Vorstande wurde das Absolutorinm ertheilt. Iluiversitäts-Docenz Dr. Max Schächter gab seiner Anerkennung über das umfassende und humane Wirken der „Chevra Kadischa" Ausdruck und wünschte, der Vorstand solle die Institution des Krattkenpflegerinnenwesens regeln. Paul Ten c er stellt den Antrag, diese Angelegenheit, welche die Vereinsleitung bereits wiederholt beschäftigt habe, der Spitalscommission zuzuweisen. Nach einigen Bemerkungen Ludwig Strauß's wurde der Budgetvoranschlag für 1899, welcher die Ausgaben mit 205.789 fl., die Einnahmen aber mit 198.880 fl. beziffert, acceptiert. Ans dem vorgelegten Jahresberichte heben wir folgende Daten hervor: Das von einer unter der Leitung Baron Sigmund Schoßbergers stehenden Commission verwaltete Siechenhaus hat im Vorjahre 17.442 fl. beansprucht. Zur Erhaltung des israelitischen Spitales hat der Verein 20.000 fl. beigetragen, außeroem ließ der Verein viele Kranke in ihren Wohnungen behandeln. An Unterstützungen wurden 30.028 fl. vertheilt. Im Vorjahre wurden 2529 Todte beerdigt; für die Beerdigung von mittellosen Verstorbenen wurden 29.160 fl. verausgabt. Zu Rechnungs-Revisoren für das Jahr 1899 wurden gewählt: Jakob Fürst, B. Herzmann, August Kohner, Paul Sandor, Armin Schwarz de Zimony, M. I. Weiß und Josef Wolfner. Ausland Die antisemitischen Unrnhen in Uikotajem. Am griechischen Ostermontag fanden in N i k o la j e w Plünderungen jüdischer Läden und Wohnungen statt, eine Judenverfolgung in vollem Sinne des Wortes, deren schreckliche Einzelnheiten, dank der russischen Censur, erst nach und nach bekannt werden. Ein ausführlicher Bericht in der Petersburger „Wjedomosti“ lässt erkennen, dass diese Verfolgungen jene des Jahres 1882 an Wildheit bei weitem übertrafen. Das genannte Blatt gibt als Ursache der Entstehung der Ausschreitungen an, dass ein jüdischer Sodawasserverkäufer von einem Haufen halbwüchsiger Buben überfallen und misshandelt wurde. Dies gab den um die benachbarten Schankhäuser herumlungernden Arbeitern das Signal, sich den Burschen anzuschließen, um die jüdischen Kaufläden und Geschäfte zu plündern. Unter den Rufen: „Haut die Juden nieder!" stürzte die Menge in die Läden der Juden, und im Nu begann das Zerstörungswerk. Esswaren, Pfaidlerzugehör — alles wurde auf die Straße geworfen und vernichtet. Es ist erwiesen, dass die Excesse von langer Hand vorbereitet wurden. Trupps beutelustigen Gesindels durchzogen die Straßen. Die von Juden bewohnten Häuser waren mittelst Zeichen an den Thürpfosteu kenntlich gemacht worden. Ueberdies hat man auch die Bemerkung gemacht, dass einzelne Gruppen von Excedenten von Leuten geführt wurden, die sich vor den gekennzeichneten Häusern aufhielten und ihnen das Signal zur Plünderung gaben. Ein förmliches Bombardement von Ziegel- und Pflastersteinen wurde auf diese Häuser eröffnet. Schließlich wurden die. Thore erbrochen und die Geschäftslocale geplündert. Vor allem wurden die Branntweinläden gestürmt, und der Inhalt der Schnapsfässer von den Excedenten theils getrunken, theils vergossen und angezüudet. Die Menge, welche von zahlreichen Agitatoren zu immer neuen Gewaltthaten aufgestachelt wurde, bewarf die fliehenden Juden mit Pflastersteinen und misshandelte die Flüchtigen; einem Juden wurde die S ch ä d e l d e ck e zertrümmert. Die L 'a n h e i t d e r ' P ö l izei ermnthigte , die Plünderer,, .ystn , auch in die Wohnungen der Juden zu dringen und diese zu verwüsten. Claviere wurden vom zweiten Stock auf die Straße geworfen, Polster anfgeschnitten rc. Da mit Gewalt gegen die Plünderer nichts ansgerichtet werden konnte, öffneten die reichen jüdischen Bewohner freiwillig die Thore ihrer Häuser und bewirtheten die Excedenten in der freigebigsten Weise. Dadurch entgiengen sie dem Schicksal der Plünderung. An anderen Stellen der Stadt wnrde"-*jedoch die Plünderung in großem Maßstabe ansgeführt. Erst als dem wilden Aufruhr eine Frau und zwei Männer, die von der Horde getödtet, zum Opfer gefallen waren, ergriff der Militärgonverneur von Nikolajew, Admiral Zedorow, Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen. Ec alarmierte die Garnison, Kosaken, Matrosen und das ganze Pragaer Regiment, und ertheilte die Ordre, die Ruhe unter jeder Bedingung wiederherzustellen. Aber die Menge leistete dem Militär hartnäckigen Widerstand und griff sogar die Kosaken und Soldaten thätlich an. Sie bewarf die Kosaken mit Steinen und flüchtete dann in die Seitengassen, um dort die Plünderung der jüdischen Geschäfte wieder aufzunehmen. Mit großer Mühe gelang es den Kosaken, die Verhaftung der Plünderer, 800 an der Zahl, vorzunehmen, wobei viele Kosaken verwundet wurden. Die Genossen der Verhafteten machten noch in der Nacht den Versuch, die Gesa ngenhänser zu demolieren und die Arrestanten zu befreien, wurden jedoch auseinandergetrieben. Die antisemitischen Unruhen dauerten drei Tage. Die Stadt bietet, jetzt '■■fr'