Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 12 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Mai 1899 Nr. 12 sellschaft (Wien) seit drei Jahren Unterrichtscurse über Kindererziehung (im weitesten Sinne) abhält, die durchschnittlich von 200 Hörerinnen frequentiert wurden, was wohl als Erfolg zu bezeichnen ist. Das Büchlein hat uns — trotz mancher Meinungsdisferenz — viel Anregung geboten, und das nicht zum geringsten wegen des lebendigen, humorvollen Tones — insbesondere des heiteren „Anhanges" gedenkend — der es durchzieht und des Verfassers erwärmenden, aneifernden Idealismus, welcher das Aeeompagnement glänzend besorgt. Allen Eltern, Schulfreunden, selbst Lehrern sei „Die Geschichte einer 100jährigen Schulbank" zur Lectüre angelegentlichst empfohlen. Wien, April 1899. Max Benur. StatMches. Von Dr. E. H. Ohne die Bedeutung der Statistik für die Volkswirtschaft überschätzen zu wollen, kann man doch behaupten, dass die jedes rhetorischen Schmuckes und jeder subjectiven Färbung entkleidete Ziffernsprache ein getreues Bild der Zustände bietet, in welchen ein Volk lebt. Wir haben im Folgenden eine Reihe statistischer Daten zusanimengestellt, welche das jüdische Volk in Oesterreich betreffen und bei allen denjenigen, die auf das Wohl desselben bedacht sind, Interesse erwecken dürften. Denn diese Ziffern geben uns deutliche Winke für die Richtung der Socialpolitik, die wir Juden in Oesterreich einzuschlagen haben. Auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung des Jahres 18"0 entfielen auf eine Gesammtbevölkerung von 23,895.413 Seelen 1,141.615 Inden, also 4'8 Percent. Merkwürdigerweise gilt derselbe Percentsatz wie für die Gesammtheit der im Reichsrathe venre:enen Königreiche und Länder auch für das Land Mederöstecc ich allein, wo von 2,402.557 Einwohnern 128.784 Juden sind. Am zahlreichsten finden wir unsere Glaubensgenossen in Galizien vertreten, wo deren 776.468 in einer Bevölkerung von 6,578.835 Seelen leben, also 11*7 Percent derselben ausmachen. Nächst Galizien und Niederösterreich hat numerisch das Land Böhmen mit einer Bevölkerung von 5,804.065 die größte Zahl jüdischer Einwohner, nämlich 94.479, d. i. 1*6 Percent, während percentnell die Bukowina mit ihren 642.495 Bewohnern die meisten Juden besitzt, und zwar 82.717, d. i. 12*8 Pereent. Bon den übrigen Kronländern der cisleithanischen Reichshälfte leben nur noch in Mähren in größerer Zahl Juden und machen dort mit 45.324 Seelen 2 Percent der 2,261.296 Einwohner aus, ferner in Schlesien, wo 10.042 Glaubensgenossen in einer Bevölkerung von 589.542 Seelen wohnen, also wie in Böhmen 1'6 Percent desselben. Am wenigsten Juden befinden sich in Krain, nämlich 89, und in Kärnten (164); hierauf folgen Salzburg mit 157 (0'1 Percent), verhältnismäßig mehr als in Kärnten, Dalmatien mit 329 (O'l Percent), Tirol mit 737 (O'l Percent, Oberösterreich mit 1078 (O'l Percent), Steiermark mit 1979 (0'2 Percent) und endlich das Küstenland mit 5268 (08 Percent Juden. Wenden wir uns nun den jährlichen Eheschließungen zu, so finden wir, dass im Jahre 1892 in Oesterreich 5563 Trauungen nach mosaischem Ritus stattfanden, 67 gemischte Ehen zwischen Juden und Andersgläubigen geschlossen wurden, während die Gesammtzahl der Eheschließungen 189.625 betrug. Fast zwei Drittel sämmtlicher jüdischer Trauungen erfolgten in Galizien, nämlich 3440, d. i. mehr als 6 Percent den Gesammtzahl im genannten Jahre dort geschlossener Ehen. Die nächstgrößte Zahl von Heiraten giengen die niederösterreichischer Inden ein (690); in Salzburg, Kärnten, Krain, Tirol und Dalmatien heirateten 1892 gar keine Juden, in Böhmen fanden 673, in Mähren 312, in der Bukowina 356 (fast 7 Percent), in Schlesien 56, Küstenland 20, Steiermark 7 und Oberösterreich 9 jüdische Hochzeiten statt. — Interessant ist folgende tabellarische Zusammenstellung der in den Jahren 1883—1891 vollzogenen Ehescheidungen und Ehetrennungen, soweit sie unsere Glaubensgenossen betreffen: Jahr Ehescheidungen einverständl. prozessual Ehetrennungen 1883 8 12 67 1884 12 8 51 1885 5 15 70 1886 17 11 73 1887 9 4 94 1888 14 2 63 1889 13 12 90 1890 9 8 85 1891 8 8 91 Die Summe aller in den angeführten Jahren erfolgten Ehescheidungen in Oesterreich erhellt aus folgender Tabelle: Ehescheidungen (einverständlich): 1883 1881 1885 1886 1887 1888 1889 1890 1891 363 312 282 498 522 488 499 511 551 Ehescheidungen (processual): 1883 1884 1885 1886 1887 1888 1889 1890 1891 253 344 372 172 149 193 203 191 216 Ehetrennungen: 1883 1884 1885 1886 1887 1888 1889 1890 1891 81 65 91 90 111 86 108 106 116 Gerade die zuletzt ziffermäßig festgestellten Thatsachen der Eingehung und Auflösung von Ehen lässt uns einen tiefen Blick in die Familienverhältnisse der Juden einerseits und der übrigen Bevölkerung andererseits werfen und sprechen sehr zugunsten unserer Glaubensbrüder. Eine andere Reihe statistischer Daten mag das Streben des jüdischen Volkes nach Wissen und Bildung beleuchten und uns über manche wirtschaftliche und sociale Erscheinungen aufklären. Greifen wir zuerst die höchsten Bildungsanstalten des Staates, die Universitäten und technischen Hochschulen, heraus, ergibt sich bezüglich der Frequenz derselben folgendes Resultat: l Winter¬ Sommersemester semester 1891/92 1892 n w x> « «L |b 8 j» « fl » 1« g ,er W Wien Universität 1897 6029 1553 491» Wien Techn. Hochschule 223 862 204 789 Graz Universität 50 1512 38 1323 Graz Techn. Hochschule 12 189 13 178 Prag (deutsch) Universität 528 1460 440 1248 Prag (deutsch) Techn. Hochschule 50 208 44 189 Prag (czechisch) Universität 57 2670 42 2354 Prag (czechisch) Techn. Hochschule 4 413 3 380 Le mberg Universität 217 1283 217 1193 Lemberg Techn. Hochschule 20 186 21 177 Krakau Universität 189 1283 191 1196 Ezer nowitz Universität 82 310 86 301 Innsbruck Universität 2 960 2 810 Brünn Techn. Hochschule 40 197 40 198 Sämmtliche Handelslehranstalten unserer Reichshälfte wurden im Jahre 1892 von 14.888 Schülern besucht; davon, waren 3100 Juden! Die Gewerbeschulen Oesterreichs wiesen eine Gesammtfrequenz von 95.994 Schülern auf; darunter befanden sich 3912 Juden. Von den 53.109 Gymnasiasten des Jahres 1892 bekannten sich 7640, von den 20.296 Realschülern 2840 zum Judenthum. Ziffern, die sprechen! Die Judenschaft Oesterreichs hatte im Jahre 1890 im ganzen 595 Seelsorger; die katholische Kirche hatte deren 16.468. Von den am Ende des Jahres 1892 erschienenen periodischen Druckschriften in einer Gesammtzahl von 1952: Blättern waren 17 in hebräischer Sprache geschrieben. In den österreichischen Staatsverband wurden im Jahre 1892 insgesammt 787 Personen mosaischer Confession ausgenommen, während 237 Juden die österreichische Staatsbürgerschaft verloren. Wegen Verbrechen und Vergehen wurden im Jahre 1891 im ganzen fast 35.000 Personen bestraft;, darunter befanden sich 1958 Juden. Wenn wir uns daran erinnern, dass die jüdische Bevölkerung Oesterreichs fast fünf Percent der Gesammtbewohner unseres Staates ansmacht, so ist der geringe Percentsatz bestrafter Juden gewiss ein günstiges Moment für die Beurtheilung des züdischen Volkes. Angefeindet und verfolgt, zurückgesetzt und gedemüthigt, erhebt es sich dochdurch seine moralische Stärke über seine Bedrücker! Aus den jüdischen Orglmisationen. (Jüdische aeademische Verbindung „Urritas".) Am 20. April beging die Jüdisch aeademische Verbindung „Unitas" im Festsaale des Hotel Continental die Eröffnungs- - 46 — durfte Bohrmaier nichts erfahren. Es war das erste Geheimnis, das er ihm gegenüber zu bewahren hatte, und dies beunruhigte ihn. Noch mehr aber beunruhigte ihn Me völlige Unkenntnis, in der er sich in Beziehung auf die beiden Mädchen befand. Wo ist Fanny? Das war die Frage, die seine Seele erfüllte, und er sah kein Mittel, sie jemals wieder zu finden. Er fragte nicht, wer sie ist,, er fragte nicht, was sie ist, das alles war in diesem Augenblicke Nebensache; nur, wo sie ist, das wenn er hätte wissen können, er hätte aste Weisheit der Welt dafür gegeben; denn das fühlte er, dass er ohne Fanny verurtheilt wäre, sein Dasein inhaltsleer und freudenlos hinzubringen, wie der Vetter Wolf ohne Emma. Er betrachtete seine Lage und fand sie noch trauriger, als die des Vetter Wolf. Dieser wusste doch wenigstens, wo Emma ist, und er konnte sich noch die letzten Stunden seines Daseins durch ihren Anblick versüßen lassen. Er schalt sich ungeschickt und tölpelhaft, dass er die Mädchen von der Bank, wo sie mit ihm gesessen, habe fortgehen und in dem Menschenstrom sich habe verlieren lassen, ohne auch nur den leisesten Anknüpfungspunkt für die Möglichkeit eines Wiedersehens zu suchen. Und die eine war ihm doch so sehr entgegengekommen, sie hatte ihn so freundlich ins Gespräch gezogen, und es wäre ja, wie er jetzt nachträglich meinte, gar nicht so schwierig gewesen, durch irgend ein Wort zu verrathen, wie glücklich ein Wiedersehen ihn machen würde; aber diese nachträgliche Besinnung war ganz wertlos, der richtige Augenblick war versäumt und die herrlichste Erscheinung, die sein Auge je gesehen, war für ihn verloren, unwidertrüglich verloren, verloren für alle Zeit und Ewigkeit. Nur ein Wunder könnte sie ihm wiederbringen, aber es gibt kein Wunder, das hatte er vom Vetter Wolf gehört. Der Zufall könnte ihm zustatten kommen! Allein wäre ein solcher Zufall weniger als ein Wunder? Er fühlte sich ganz niedergeschmettert und tief unglücklich. Wenn er sich nur Jemandem mittheilen, einer theilnehmenden Seele sein Herz, das übervolle, ausschütten könnte, das hätte ihm vielleicht einige Erleichlerung verschafft, aber wem? Seinem Freunde Bohrmeter? Der war nicht der Mann, sich solchen Phantastereien zugänglich zu zeigen. Jonas Bohrmeier war ein Mann des geraden Weges. Oder — vielleicht dem neugewonnenen Freunde, dem philosophischen Müßiggänger, der die Kunst versteht, sich in die Lage eines Anderen zu versetzen! Er muss sich auch in Arons Lage, in die Lage eines Liebenden versetzen können. Des anderen Tages verrichtete Aron im Geschäfte alles, was er zu thun hatte, wie gewöhnlich; die Stürme, die in seinem Innern tobten, vermochterl nicht, ihn äußerlich von der Erfüllung seiner Pflichten abzuhalten; mit keiner Miene verrieth er äußerlich die innere Erregung. Was ihn bei der Arbeit aufrecht hielt, war außer dem Pflichtgefühl die Hoffnung, den Freund, den er so rasch und so tief in sein Herz geschlossen, am Abend wieder zu sehen. Nicht, dass er sich der Einbildung hingab, der Freund iverde imstande sein, ihn auf die Spur seiner Geliebten zu führen, wie sollte er so etwas auch für möglich halten! Aber schon der Gedanke, mit einem Manne, wie Samuel Feigengold, über die Sache auch nur — 47 — sprechen zu können, verlieh ihm Kraft, des Tages iiber auszuharreu, und so sah er dem Abend mit Sehnsucht entgegen. Der Abend kam und die beiden Freunde saßen wieder beisammen. Sie sprachen über mancherlei, denn Aron wollte nicht gleich mit der Thür ins Haus fallen. Aron brauchte aber den Anknüpfungspunkt für seine Herzenssache nicht erst zu suchen; dieser ergab sich von selbst, als Samuel die Bemerkung machte: Lieber Freund Sie wissen gar nicht, wie sehr uiich die Geschäfte Ihres verstorbenen Onkels heute den Tag über beschäftigt haben. Und auf Arons Frage, welche Meinung er sich darüber gebildet habe, sagte Samuel: Die Geschichte, die Sie mir erzählt haben, ist eine Thatsache und eine Thatsache muss man nehnien, wie sie ist. Sie erklärt sich aber theils aus dem Charakter der Personen, die dabei im Spiele sind, theils aber auch durch den Schauplatz, auf dem die Handlung sich äbspielt. Ich habe nachgedacht über das Wesen der Liebe. Sie machen mich im höchsten Grade neugierig — sagte Aron. Nehmen wir an, die Geschichte hätte sich in Wien zugetragen. Nun, und was wäre gewesen? Zunächst hätte sie in keinem Falle die gesummte jüdische Bevölkerung, die hier lebt, in eine solche Aufregung versetzt, wie daheim bei Ihnen auf dem eng begrenzten Boden einer mährischen Judengemeinde. Die wenigsten in Wien lebenden Juden hätten sich darum gekümmert, dass Ihr Vetter- Wolf ein „Kohen" ist, die wenigsten hätten etwas davon gewusst, dass seine geliebte Emma eine Geschiedene sei; die Beiden hätten einander geheiratet und wären wahrscheinlich ein glückliches Ehepaar gepiorden. Wenn es aber doch an den Tag gekommen wäre ■— wendete Aron ein. Wenn es doch an den Tag gekommen wäre — sagte Samuel — nun, Ihr Vetter Wolf war doch ein Freigeist, wie Sie mir sagten, und was hätte ihn hindern sollen, mit dem geliebten Weibe in gemeinschaftlichem Haushalt zu leben und sie auch ohne die äußerliche Anerkennung der Synagoge vor Gott und seinem Gewissen als seine Gattin zu betrachten? Glauben Sie? — fragte Aron — wie aus den Wolken gefallen. Warum nicht? — fragte Samuel. Ich glaube nicht — erwiderte Aron, dass er es über sich gebracht hätte, in einer so heiklen Sache Verstecken zu spielen. Gut — sagte Samuel — Sie müssen das besser wissen, Sie haben ihn gekannt, ich nicht. Lassen wir aber den einzelnen Fall beiseite und erheben uns in das Allgemeine. Er hat den Tod gefunden, weil er das Weib, das er liebte, nicht bekommen konnte. Das ist eine der größten Merkwiirdigkeiten, die es geben kann. Wieso? — fragte Aron. Den Tod eines Weibes wegen — fuhr Samuel fort — ich habe es nie begreifen können! Es kommt doch aber vor — sagte Aron — wie oft liest man davon in den Zeitungen!