Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 12 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Mai 1399 Seite 7 feter ihres zehnten Semesters. Als Herr cand. jur. Löw, der derzeitige Erstchargierte dieser Verbindung, den Abend eröffnete, konnte er mit Genugthuung constatieren, dass, wie alljährlich, auch diesmal ein großes Publicum aus den besten Gesellschaftsclassen Wiens durch ein überaus zahlreiches Erscheinen seinen Sympathien für die Bestrebungen der jüdisch-nationalen Studentenschaft im allgemeinen und seiner Anerkennung für die schönen Erfolge der „Unitas" im besonderen Ausdruck gegeben habe. Nach ihm ergriff Herr cand. jur. Sander das Wort zur Festrede. In schneidigen, von jugendlicher Begeisterung getragenen Worten legte er den Standpunkt der jüdischen Studentenschaft dar und seinen von echter Hingebung an die Sache und strammem Selbstbewusstsein durchglühten Ausführungen gelang es leicht, die Versammlung zu aufrichtiger Begeisterung mit sich fortzureißeu. Im übrigen verlief der Abend in gewohnter Weise. Den ernsten Reden folgten heitere Vorträge und schließlich ein Tanzkränzchen, das die Gesellschaft bis in die Morgenstunden in froher Festesstimmung beisammenhielt. (Der „Politische Volksverein") hielt am 26. April 1899 in Khuners Nestaurationssaal seine diesjährige Generalversammlung ab. Präsident Dr. Fialla eröffnete die Versammlung mit dem Ausdrucke des tiefen Bedauerns über den schwachen Besuch und die laxe Theilnahme der Wiener Juden air der Erörterung jüdisch-politischer Angelegenheiten. (Leider!) Sadann erstattete der Vorsitzende Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Vereinsjahr. In durchaus sachlicher zutreffender W.ise übte der Redner an der „Thätigkeit" der Wiener Enttusgemeinde und der „Enquete" der „Oesterr.-israel.Union" Kritik. Während eines kurzen Streifzuges des Dr. Fialla auf das Gebiet des Zionismus, leistete sich der Bezirksausschuss W. ldstein den geistvollen Zwischenruf: „Das ist ein Schwindel!" Unter dem aufrichtigen Beifalle der Anwesenden schloss Dr. Fialla. seine Ausführungen mit einem kurzen Hinweis auf die Colonisations-Bestrebungen des „Politischen Volksvereines", die in einem demnächst erscheinenden Programme statutenmäßig festgestellt werden sollen. An der hierauf folgenden, lebhaft geführten Debatte, betheiligten sich die Herren Gottlieb Bettelheim, der den Cultnsvorstand, die „Union" und die jüdischen Studentenverbindungen — diese mit der echtesten Berechtigung — in Schutz nahm, Religionslehrer Buxbaum, der über Zionismus sprach und dabei „Confession" für „Nation" sich zu substituieren gestattete, welchen Einfall Dr. Marcell Hoffmaun in einer späteren Replik glänzend ad absurdum führte. Herr Waldstein schimpfte in wenig anregender Weise über „das berüchtigte Individuum" Dr. Nordau und „diese Kerle", die Zionisten, „die man prügeln soll", Herrn Buxbaum aber begründete er seine Hochachtung und nannte seine Rede „goldene Worte". Dr. Marcell Hoffmann widerlegte die Ausfälle des Herrn Waldstein. Nachdem noch Dr. Kadisch in kurzer, drastischer Form die Verhältnisse in Oesterreich in politischer und ökonomischer Hinsicht beleuchtet hatte, wurde die Debatte geschlossen und die Tagesordnung in ruhigem, raschem Verlaufe ihrem Ende zugeführt. Um Mitternacht schloss die anregende General - Versammlung des „Politischen Volksvereines". Al. II—d. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) Am 23. d. M. fand in Herrenfelds Gasthaus, 1. Bez., Marc- Aurelstraße 32, die IX. ordentliche Generalversammlung statt. Der Besuch war ein sehr zahlreicher. Unter den Ehrengästen sah man den Gemeinderath, Baurath S t i a ß n y, den Präsidenten des Jüdischen Volksvereines Herrn E l t b o g e n rc. Nachdem der Vorsitzende Herr S. B r o d die Anwesenden begrüßt, erstattete er den Jahresbericht, dem zu entnehmen ist, dass der Verein von kleinen Anfängen durch stetes Wachsen heute als ein großer achtungsgebietender Verein dasteht, dem es gelungen ist, für das jüdische Handwerk unter der jüdischen Bevölkerung jene Achtung zu erlangen, die unbedingt nothwendig ist, um auch die Arbeit aus diesen Kreisen zu erlangen. Auch habe der Verein es zuwege gebracht, dass die Wiener israelitische Cultusgemeinde bei Vergebung von Arbeiten sich meistentheils an das vom Vereine herausgegebene Handwerkerverzeichnis hält. Dieser Bericht wird mit lebhaftem Beifalle zur Kenntnis genommen, und nach erstattetem Cassabericht wird der Bereinsleitung einstimmig das Absolutorium ertheilt. Bei der hierauf vorgenommenen Neuwahl des Vorstandes wurde die gesammte alte Vereinsleitung fast einstimmig wiedergewählt. Dann folgten Remonstrationen und zwar führte Schlossermeister Herr L ö w y, 2. Bez., Circnsgasse, eine von ihm selbst erfundene, neuartige Dampfmaschine vor, die sich des ungetheilten Beifalls der anwesenden Fachmänner erfreute. Ebensolchen Beifall fand Herr Glasermeister K o h n mii seinen und Herr Kolben mit einem neuerfundenen Ventil. Zum Schluffe stellte Herr Pilpel den Antrag, es sei vom Vereine ein Comite einzusetzen, behufs Durchberathung der Mittel, um ein auf rein gewerblicher Basis fußendes Vereinsorgan herauszugeben. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen, worauf der Vorsitzende mit einigen Daukesworten an die Anwesenden die Versammlung schloss. (Dichrrrrng und Wahrheit.) Die „Oesterreichischisraelitische Union" ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: „Vor einigen Tagen gieug durch die antisemitische Presse Deutschlands und Oesterreichs die Nachricht, dass in Mainz ein Dienstmädchen, das von seinem jüdischen Dienstherrn unsittlich belästigt wurde, in der Nacht vom 10. auf den 11. diesen Monates vom vierten Stocke eines Hauses auf die Straße sprang und sich tödtlich verletzte. Nach genauen Erhebungen der Mainzer Polizeibehörde hat der jetzt in Haft befindliche Besitzer der Wirtschaft „zur Lndwigbahn", Mathias Ruß, in da- Zimmer der fünfzehnjährigen Helene Rühl eindringen wollen und sich auch nach dem Selbstmorde des Mädchens äußerst roh benommen. Er ist aber nicht Jude, sondern Kätholik. —- Am 13. d. M. brachte ein hiesiges antisemitisches Blatt die Meldung, dass sich vor etlichen Nächten eine Gesellschaft jüdischer Studenten vor der Pfarrkirche „zum heil. Johann von Nepomuk"' anstößig benommen und derartiges öffentliches Aergernis erregt habe, dass die Wache sie zum Polizei-Commissariate abführte. Nach den eingeleiteten Erhebungen ist weder auf dem Polizei- Commissariate Leopoldstadt, noch bei der Polizei-Direction über eineu derartigen Vorfall eine Meldung eingelangt. Eingesendet. Wir werden aus Leserkreisen um Aufnahme nachstehender Zeilen ersucht: Anfrage an Herrn Dr. Gustav Kohn, Vertreter der Wiener Cultusgemeinde im Landesschulrath e. Wie erklärt es sich, dass trotz des Protestes bezüglich der Ausschreibung der Leiterstelle an der Volksschule, II., Czerninplatz Nr. 3, sich in Lehrerkreisen des II. Bezirkes das Gerücht von der sicheren Designierung einer katholischen Lehrkraft, die nebstdem in Wien musikalischen Ruf genießt,, mit zäher Intensität aufrecht erhält? U. F. 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