Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 12 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 5. Mai 1899 Seite 5 zu Komödianten im Tempel zu erniedrigen; Ehrgeizlinge oder Juden, die iu den Tempel gehen, wie der Ochs in den Stall, müssen heraus aus der Vertretung, nöthigenfalls müssen Strafanzeigen erstattet werden, um Renitente zur Vernunft zu bringen. Dann wird ein neuer Geist in den Tempel einziehen, Anstand und religiöser Sinn wird sich manifestieren und kein Besucher wird sich mehr gedrängt fühlen zu fragen: Sind diese Leute meschugo? Theater, Kunst und Literatur. Dr. S. Bernfeld: Ueber die Entwicklung der neuhebräischen Sprache nnd Literatur (hebräisch) Warschau 1899. Verlag „Achiasaf. Selten bekommt man in der neuhebräischen Literatur ein vernünftiges Wort über sie zu hören. Bekanntlich gelangte die neuhebräische Literatur zur Bedeutung in den sechziger und siebziger Jahren, als zuerst das nationale jüdische Leben zu pulsieren begann. Smolenskyn, Mapu, Gordon, Brandes sind die Namen, die jedem, der sich nur ein wenig mit der neuhebräischen Literatur beschäftigt, geläufig sind. Da keine ähnlich bedeutende Talente auf diese folgten und ie nächstfolgende Schriftsteller-Generation, vom Standpunkte der natürlichen Entwicklung betrachtet, nicht an der Seite der obgenaunten Koryphäen eingereiht werden kann, so verlor man den rechten Maßstab, den Vor und Nach, und es entstand eine Verwirrung der Begriffe. Jeder schriftstellerische Jüngling glaubte Selbstherrscher zu sein, sprach meistens im Plural. Wichtigthuerei und Großsprecherei wurden zu nicht seltenen Erscheinungen. — Es entwickelte sich allmählich eine „Ueber"-Literatur. Schriftsteller, wie Klausner, Citron, die mit zehn toll gewordenen Seiten eines Conversations- Lcxikons identisch sind, wussten nichts besseres zu thun, als viel zu schreiben — lese schwatzen — und Prätensionen zu erheben, warum wir keinen hebräischen Ibsen, hebräischen Tolstoi u. s. wi besitzen. Selbstverständlich sind ähnliche Schriftsteller nur vorbeihuschende Schatten, Candidaten des Vergessen- Werdens in der Geschichte der neuhebräischen Literatur. Zwischen diesem Schriftsteller-Gedränge treten sehr oft auch Individualitäten, selbständig denkende Schriftsteller, wie U. Ginzburg (Achad-Haam) und Dr. M. I. Berdyczewsky hervor. In der letzten Zeit sind auch einige junge Künstlertalcnte bemerkbar worden. Dr. S. Bernfeld, der Autor der vorliegenden Broschüre, ist einer der productivsten jüdischen Pnblicisten, seine Aufgabe ist, jüdische Geschichte und jüdische Wissenschaft zu popularisieren. Man kann mit seinem eingenommenen historischen Standpunkte einverstanden sein oder nicht, aber jüdisches Wissen und geeignete Ausdrucksform kann hin nie abgesprochen werden. In der vorliegenden Broschüre Ist er bemüht, den „Woher" nnd „Wohin" zu zeigen, das Vorhandene zu resümieren und das Nothwendige zu beweisen. Im ersten Capitel bespricht er die Stellung der hebräischen Sprache in der Entwicklung der hebräischen Literatur und ihr Verhältnis zum jüdischen Volke. Die hebräische Sprache ist für ihn weder lebendig noch todt. Einerseits weist sie eine Aehnlichkeit mit der lateinischen Sprache auf, dass sie wie diese nicht gesprochen wird, andererseits kann die hebräische nicht wie die lateinische als todt betrachtet werden, da sie nicht bloß eine Sprache der Gelehrten, sondern jedem Juden üblich ist. Im Mittelalter war die lateinische Sprache das Verständigungsmittel der Gelehrten und nur Bücher philosophischen oder theologischen Inhalts wurden in derselben geschrieben, wogegen die hebräische Sprache eine Sprache der Majorität des jüdischen Volkes ist und eine Literatur in allen möglichen Verzweigungen besitzt. Er meint, dass die neuhebräische Literatur mehr Gewicht auf Kunst zu legen hat, wenn sie anlockend auf unsere Jugend, deren Beziehungen zur Religion und folglich zur hebräischen Sprache, locker sind, wirken soll. Auch kommt mehr die Individualität eines Volkes in Kunstwerken zum Vorschein. Die „Leiden des jungen Wertster" konnten nur deutsch, und „Schuld und Sühne" (Dostojewski) konnten nur russisch geschrieben werden. Die Eigenthümlichkeiten des nationalen jüdischen Lebens ist noch nie in einem Kunstwerke von wirklicher Bedeutung verkörpert worden. Wenn wir nicht mit allen seinen Ansichten ihrer Kunst einverstanden sind, so ist doch manch Wahres und Nichtiges darin. Wenigstens hat die Broschüre für das jüdische, hebräisch lesende Publicnm einen Wert. Ich begreife nicht, warum der Autor die Lyrik als eine wenig noththuende Art der Kunst auffasst. Anch kann ich mit ihm nicht übereinstimmen, dass in der nenhebräischen Literatur schon ein Ueberschuss lyrischer Werke spürbar ist. Wir besitzen wirklich einige bedeutende Lyriker wie Bjalik, Schapiro, aber durch den Besitz wird doch nicht das Bedürfnis aufgehoben. Was er über Gordon sagt, hat er Recht, dagegen nnterschägt er das künstlerische Talent, und wenn es auch uncultiviert ist, des Perez Smolenskyn. Das jüdische Volk muss noch mehr von seiner nationalen Idee durchdrungen werden, und solange wir keine sich organisch entwickelnde Knnstliteratur besitzen, sind Prätensionen überflüssig und unnütz. Das letzte Capitel ist „Entwicklung der Sprache" genannt. Das Beste was darüber gesagt worden ist, rührt von Achad-Haam ' her. Ich glaube das Philosophieren und Debattieren über die Entwicklung der hebräischen Sprache führt überhaupt zu nichts. Niemand, das Volk ebenso wie das Individuum, wird mit einer fertigen Sprache geboren. Wenn das Innere voll ist, findet's schon ein Ausdrucksmittel, ja, Worte genug, nach Außen. Wenn das jüdische Volk der Welt noch etwas zu sagen haben wird, wird es schon die Sprache dazu finden. Berlin. J. Melnik. Der Zionsgedanke in der jüdischen Geschichte seit dem Exil der Juden aus Spanien bis auf den heutigen Tag von Ben-Abraham (hebräisch). Warschau 1899. Verlag „Achiasaf". In dieser Broschüre wird mit historischen Daten und factischen Citaten das Streben hervorragender jüdischer Geister, während 4-00 Jahre, das jüdische Volk wieder ans Land zu bringen und ein neues cultnrelles Gemeinwesen zu construieren, bewiesen. Sie beginnt mit einer Charakterisierung der sympathischen Persönlichkeit, Don Joseph, Fürst Naxos und endet mit dem modernen Zionismus. Ich glaube, dass dieses historische Material noch nicht ganz erschöpft ist. So z. B. wird nicht einmal die äußerst interessante Broschüre „Neu-Judäa" (Berlin 1840) mit einem Worte erwähnt, auch der stolze Traum des berühmten jüdischen Gelehrten Prof. Steinschneider und einiger Genossen bleibt ganz unberührt. Broschüren solcher Art haben überhaupt nur einen historischen Wert, denn die Geschichte kann nicht in allen Beziehungen der Maßstab für das Leben sein. Ein gestriges Mißlingen kann uns nicht von einer morgigen That abschrecken. Der Verfasser der vorliegenden, zwanzig Seiten enthaltenden Broschüre, fürchtet, dass das jüdische Volk zuviel Handel und wenig Ackerbau in Palästina treiben wird. Ja, Verfasser, darüber lässt sich nicht streiten. Dass Sie Ausdauer und Muth verlangen, sowie auch mehr Gewicht auf die geistige Lösung der Judenfrage durch den Zionismus legen, und das Eintreten des Volkes selber verlangen, ist sehr schön. h M. Die Geschichte einer Ivvjährigeu Schulbank. (Von Oberlehrer Josef Friedl, Selbstverlag, I1./3, Leopoldsgasse 3, Preis- 6tt kr.) Ein kleines Büchlern — und welch reiche Fülle fachmännischer Sachkenntnis und didaktischer Gediegenheit! Eine Schulbank erzählt ihre Erlebnisse während des absterbenden Jahrhundertes, launisch-episch. In den Rahmen ihrer internen Angelegenheiten streut der Verfasser Sentenzen seiner langjährigen Erfahrung, Rathschläge und liebevolle Winke des bewährten Schulmannes, als welcher Oberlehrer Friedl überall geachtet ist. - Wenn wir seinen aus der Herbart'schen Schule fußenden Anschauungen auch nicht beizupflichten vermögen, obwohl alle derzeitigen pädagogischen Bestrebungen noch aus diesem Quell schöpfen, weil wir der wissenschaftlich unterstützten Ansicht sind, dass Psychologie und Phsiyologie Hand in Hand gehen und das Erziehungssystem auf rein socialethischer Grundlage aufgebaut werden muss und wird, so erkennen wir doch nicht im leisesten das unbedingte Verdienst, den großen Fleiß und liebevollen Willen des Verfassers, ein Buch zu Nutz und Frommen junger Mädchen, Mütter, Väter und Erziehungskünstler geschrieben zu haben. In der Behandlung des Genesis unseres Schulwesens — vom josephinischen bis zum francisco-josephinischen Zeitalter — macht Oberlehrer Friedl schöne Ansätze, sachliche Kritik üben und Reformvorschläge erstatten zu wollen. Doch bleiben sie vereinsamt st e h e n! — Wenn wir unserem Erstaunen über die umfassende Belesenheit des Verfassers Ausdruck verleihen, können wir nicht umhin, gleichzeitig der schwachen Betonung des socialpolitischen Momentes in der Schulpolitik Erwähnung zu thun. Mit echt schulmännischer Eindringlichkeit spricht Friedl von der Nothwendigkeit, junge Mädchen mit den Erziehungsproblemen bekanntzumachen, in der Psychologie zu unterweisen. Wir erlauben uns, nur nebenher zu bemerken, dass die „Ethische Ge- — 48 — Die Thatsache kenn' ich — erwiderte Samuel — aber ich finde dafür keine Erklärung. Sind Sie ein Weiberfeind? — fragte Aron — Sie entschuldigen, dass ich mir die Frage erlaube. Im Gegentheile — sagte Samuel — ich liebe das weibliche -Geschlecht; allein dieses Sichcapricieren auf eine bestimmte, auf eine Einzige, als ob diese allein auf der Welt wäre- Darin besteht ja doch die Liebe — unterbrach ihn Aron. Mir — sagte Samnel — scheint eine solche Liebe eine große Täuschung zu sein. Täuschung? — fragte Aron. Ja wohl — sagte Samuel — der in diesem Sinne Liebende ist in einem Wahne befangen. Er meint, für die Geliebte alles, selbst sein Leben opfern zu können. Was heißt das? Dies heißt, er hat in dem Gedanken an die Geliebte aufgehört, ein Individuum zu sein. Sein ganzes Sein hängt nur noch an ihr; er hat ihr gegenüber jede Selbständigkeit verloren. Ist aber glücklich dabei — sagte Aron. Ja wohl, so lange, bis er aus dem Traum erwacht und die Täuschung als Täuschung erkennt. Erreicht der Liebende sein Ziel nicht, so kann ihn, lute bei Ihrem Onkel, die Täuschung in den Tod führen, erreicht er aber sein Ziel, dann entsteht in ihm gar bald wieder das Bedürfnis nach Individualität, und je mehr er in dem Gegenstand seiner Liebe anfgegangen, desto größer wird dann der Drang, sich wieder als ein Selbst zu fühlen nnd von den Schlangenketten, in denen man so gerne gefesselt lag, sich wieder loszmnachen. Ich für meine Person bin von vornherein gegen die Gefahr einer solchen Täuschung geschützt. Mir stehen meine Gedanken höher als jedes weibliche Wesen, mtb wenn ich ein solches auch liebe, was ich nicht leugnen will, so hat die Geliebte, auch wenn sie mir noch so theuer ist, die gefährlichste Nebenbnhlerin, die sie nur haben kann, meine innere Gedankenwelt. Lieber Samuel, Sie gestatten nur diese Vertraulichkeit — sagte Aron — ich bewundere den hohen Flug Ihres Geistes, aber es fehlen mir die Schwingen, mich mit Ihnen zu solcher Höhe zu erheben. Ich staune über die Kraft Ihrer Ausführungen, aber ich habe nicht die Kraft, sie zu theilen. Einem Philosophen, dem seine innere Gedankenwelt das Höchste ist, mögen solche Empfindungen ja angemessen sein, für uns andere Sterbliche, für ein gewöhnliches Menschenkind wie ich, hat der Gedanke, sich ganz an den Gegenstand seiner Liebe hinzngeben, nichts Abschreckendes. Und sollte es anch wirklich eine Täuschung sein, sollte es auch nur ein Traum sein, ans dem man endlich erwacht. es gibt ja auch schöne nnd glückliche Träume. Es gibt aber etwas viel Traurigeres als das Zerfließen eines dichterischen Traumes in die Alltagswirklichkeit. (Fortsetzung folgt.) $ * jX jjtjjcjjc4-4-4-•‘f--r-4-4-44-4^4-4-H444444-44444444444^. Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Sie sind also ein stiller Beobachter. Das bin ich. Diejenigen, die mich kennen, halten mich für einen Sonderling. Einige thun mir sogar die Ehre an, mich für einen Philosophen zu halten, mit dem man Nachsicht haben muss. Es gienge mir schlecht in der Welt, wenn ich darauf angewiesen wäre, mir mein Brot zu verdienen; denn ich verstehe mich schlecht auf den Gelderwerb. Glücklicherweise bin ich so situiert, dass ich von jedermann unabhängig bin. Große Bedürfnisse habe ich nicht, nnd für die Deckung des Nöthigsten ist gesorgt durch den Zinsengennss eines mäßigen Capitals, welches mir ein Onkel, der mich sehr liebte, hinterlassen hat. Auch ich hatte einen Onkel, der mich sehr liebte — sagte Aron — nachdem Samuel ihm diese Mittheilungen gemacht hatte — und Aron machte eine Panse. Samuel aber fragte: Nun? nnd? warum hielten Sie inne? Und — sagte Aron — er war ein Müßigänger, wie Sie. Dann ist es mir erklärlich — sagte Samuel — dass Sie imstande waren, sich so mühelos in meine Situation hineiuzufinden. Es gehört dazu, sehr viel, und ich glaube, die höchste Menschenkenntnis besteht in der Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen zu versetzen, ja sogar sich selbst momentan als diesen anderen zu fühlen. Sprechen Sie mir von diesem Onkel! Das Interesse an seinem Schüler, der Sie doch unzweifelhaft sind, erweckt anch mein Interesse für den Lehrer. Aron gieng darauf ein und erzählte die rührende Geschichte vom Vetter Wolf und seiner unglücklichen Liebe. X. Es war spät um Mitternacht, als die Beiden von einander Abschied nahmen. Aron verbrachte die Nacht unruhig auf seinem Lager. Er hatte einen neuen Freund gewonnen; aber er' fühlte, dass dieser kein Man» wäre für Jonas Bvhrmaie.r. Der Mann der Pünktlichkeit, der nach der Schnurre lebte und der Philosoph, der seinem Dasein selber Gesetz und Regel gab, kurz, der Pedant und der Müßiggänger, sie würden aneinander kein Wohlgefallen finden. Aron hatte einen neuen Freund gewonnen, er wollte aber den alten Freund nicht verlieren. Bon dieser Bekanntschaft