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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-05 · 12 (5.5.1899) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
12 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Mai 1899 Nr. 12 einem bescheidenen S t i l l e b e n, in der Commission ist aber mit Phrasen nichts zu machen, sondern nur mit Kenntnis und da man an diesem Artikel Mangel hat, so hält man lieber den Mund und richtet sich bei den Abstimmungen einfach nach den konservativen Freunden." Sehr scharf, aber auch sehr richtig! Paris. (Process gegen die Patrioten- L i g a.) Unter geringer Betheiligung des Publicums fand diese Woche vor dem Zncht-Polizeigerichte die Verhandlung gegen den Generalsecretär der Patrioten-Liga Le Me n u e t statt. Derselbe wurde zu einer Geldstrafe in der Höhe von 10 Francs unter Anwendung der lex Beranger verurtheilt. Tie im Berhandlungssaale anwesenden Mitglieder der Patriotenliga brachen in die Rufe: „Hoch die Liga! Es lebe Deroulede! Nieder mit den Juden! aus. Beim Verlassen des Saales ereignete sich kein weiterer Zwischenfall. London. (Ein jüdischer Diaconissen- O rd e n. Die „Christian Worlcl“ berichtet über die Gründung eines jüdischen Diaconissen-Ordens in Jerusalem. Er besteht aus jüdischen Frauen und Mädchen, die sich der Pflege der Kranken und der Jugend widmen wollen. Die Schwestern verpflichten sich, das jüdische Gesetz treu zu halten und den Armen und Unglücklichen jeder Nation und jeden Bekenntnisses auch außerhalb Palästinas zu helfen. Warschau. Der Warschauer Cultusrath hat einen Aufruf zum Bau einer Anstalt für Idioten jüdischer Confessio» erlassen. Bereits in kürzester Zeit waren die Geldspenden so reichlich eingeflossen, dass man sicher hoffen kann, noch im heurigen Jahre zur Ausführung des Baues schreiten zu können. Minsk. Die jüdische Cultusgemeinde beschäftigt sich nun ernstlich mit der Errichtung einer jüdischen Ackerbauschule. Eine größere Summe hat ein reicher Jude zu diesem Zwecke der Cultusgemeinde anonym übermitteln lassen, und durch weitere Spenden und Sammlungen ist man in die Lage gesetzt, diese Anstalt zweckmäßig einzurichten. Zöglinge werden im Alter von 14 bis 17 Jahren ausgenommen. Unterrichtszeit ist für drei Jahre projektiert und das vierte Jahr ist für praktische Uebungen bei einem Gutsbesitzer in Aussicht genominen. Kiew. Laut officiellen statistischen Daten befinden sich im ganzen Gouvernement 3,576.125 Menschen und sind darunter 475,030 Juden, von welchen 7120 Männer sich nur I Ackerbau beschäftigen. Orel. Eine besondere Entscheidung in einer administrativen Angelegenheit hat der Senat gefüllt. Die Verwaltung des Departements Orel hatte geglaubt, ermächtigt zu sein, den Juden für die Benützung von Weideplätzen besondere Lasten aufzuerlegen, als Ersatz für ihre Betheiligung an den Wvhlthaten des öffentlichen Lebens. Der Senat hob diese Entscheidung mit der Begründung auf, dass diese gewaltsame Maßregel nicht gerechtfertigt erscheine, nachdem die Gemeindeverwaltung allen Einwohnern gewisse Vortheile zugestehe und es nicht dem Gesetze entspreche, eine gewisse Clasfe von Einwohnern wegen Religions- und Rassenunterschiedes von der Antheilnahme an diesen Vortheilen auszuschließen. Cultmzustände in frommen Gemeinden. Äon L. Riesenfeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. II. Das Moderne dieser Gemeinde zeigt sich auch in den separaten Plätzen, die der Schuljugend zugewiesen sind. Bei Orthodoxen fällt niemandem ein, die Jugend zu separieren und unter die Aufsicht der Lehrer zu stellen. Auffallend ist nur, dass im Lehrkörper keine einheitliche Auffassung über die Behandlung der Schuljugend im Gotteshause zu sein scheint. Der eine Theil lässt sich vermuthlich von boshaften Motiven leiten; er hofmeistert und commandiert beständig unter der Schnljugend, will dieselbe nicht in Gruppen stehen, nicht unterhalten, nicht so ungezwungen benehmen lassen wie die Erwachsenen. Fast scheint es, als wollte er die Eltern vor den Kindern blamieren, als wollte er durch die Kinder zeigen, wie man sich im Gotteshause zu betrugen habe. Der andere Theil des Lehrkörpers ist gemüthlicher, lässt der Jugend auch ihre Freuden und denkt, wemi das Seelenheil der Erwachsenen trotz vielleicht nicht ganz correcter Haltung während des Gottesdienstes keinen Schaden bisher gelitten hat, so wird es auch der Jugend nicht schädlich bekommen, wenn sie das thut, was sie von den Eltern und Wegweisern sieht. Die Neugierde plagt uns, wir möchten gerne sehen, wie es bei den Orthodoxen — hier kurz bezeichnet: meschugv — aussieht. Wir begeben uns rasch zu denselben und erwischen noch den 8., der eben zur Thora gerufen wurde. Ueber Damenunterhaltung kann man sich hier gar nicht beklagen, vielleicht nur deshalb nicht, weil Damen dieses Bethaus überhaupt nicht besuchen. Die Männer — hier muss man nicht Herren sagen — verfolgen in ihren Bibeln die Thoralesung; ein Mischeberach und der Maphtir wird gerufen: Vorlesung, wieder ein Mifcheberach, Schluss, „Ikum. purkon min schrnajo“ wird nun allseitig gesungen, bedächtig, selbstverständlich unter Beuteln und Schütteln des Körpers, jedoch andächtig. Man erhält den Eindruck, die Leute wissen, sie stehen vor Gott. Wir müssen falsch gehört haben: die sind nicht meschugv; sie sind nicht modern, und wollen es gewiss auch nicht sein. , Wenn deren Thun und Lassen, deren Gebaren im Handel und - Wandel, deren Denken und Wollen in Harmonie mit ihrem Leben und Benehmen vor Gott steht, so muss ihnen Hochachtung gezollt werden. So wenig das Kleid den Mann macht, so wenig macht die orthodoxe Form den vernünftigen oder unvernünftigen Menschen. Wir kehren zurück zu den .... Nichtorthodoxen. Wir hören noch ein Stück der Hafthora und zu unserer Ueberraschung von dem Vorgerufenen selbst nach deni allen Tropp. Das klingt ja orthohox? Der Kore verlässt seinen Platz und der Cantor tritt an seine Stelle. „Ikum purkon min schmajo“ ist sein erstes Wort. Das ist ja wieder orthodox! Gewiss, bemerkt unser Nachbar, hier wird nichts aus dem Gebetbuche und an den Feiertagen auch nichts aus dem Machsor weggelassen. Aber das ist ja orthodox! Warum sagt mau dann, hier seien Nichtorthodoxe? „Nun, weil die Damengallerien keine Gitter haben." — Ja, warum haben sie denn keine Gitter? Die Damen würden sich doch viel gemüthlicher unter den Gittern amüsieren können; es ist ihnen doch gewiss peinlich, wenn die Herren zu ihnen anfblicken und bemerken, dass es hier denn doch etwas zu weltlich zugehe? „Gitter wollen weder die Herren, noch die Damen, in Fortschrittsgemeinden kann mau heute keine Gitter anbringen." — Aber um Himmelswillen, wo ist denn hier der Fortschritt zu merken? Doch nicht etwa in dem Mangel einiger Stäbe auf der Gallerte? Der Fortschritt muss in der Intelligenz der Tempelbesucher, in den veredelten Formen, in den großartigen Humanitätsanstalten allerlei Art, in der ganzen Haltung des Publicums liegen. Der Fortschritt wird doch nicht dulden, dass der größere Theil der Gemeinde während des Gottesdienstes vor dem Tempel steht und nur die Minorität sich i m Tempel befindet; allerdings ist es wieder Fortschritt zu nennen, wenn die Unterhaltung draußen und nicht drinnen vor sich geht. Der Fortschritt kann nicht dulden, dass Damen, die man nur per „küss die Hand" begrüßen kann, die Augen der Männer im Gotteshause durch eine ganz ungenierte, laute Conversation auf sich lenken. Wie es den Anschein hat, beliebt man hier einige Allüren des Fortschrittes anzunehmen und sich einzubilden, das wäre der wahre Fortschritt. Die Bezeichnung „Nichtorthodoxe" dürfte glücklich gewählt sein, die guten Seiten der Orthodoxen: Andacht, gläubiger Sinn, Gottvertrauen rc. mögen hier schwach vertreten sein; die Schattenseiten derselben: Schreien, Lärmen, Schütteln, Unterhalten rc. zeigen sich in aufdringlicher Weise. Doch halt, wo ist denn das Präsidium? Da schleicht ein etwas kurzbeinig ausgefallenes Individuum in den Gängen herum. Ist dies vielleicht der Cultusvorsteher? Nein, das ist ein ehrlicher, braver Diener, der sich bemüht, ein wenig Ordnung zu machen. Der Cultusvorsteher ist ein Doctor juris, ein charaktervoller, hochachtbarer Mann, der aber sehr beschäftigt ist, so dass er nur bei außerordentlichen Gelegenheiten im Tempel erscheinen kann. — Bei außerordentlichen Gelegenheiten? Und die wären? — Zum Beispiel beim Geburtstage des Kaisers, da erscheinen alle Beamten, die Feuerwehr, die Veteranen, und da macht er die Honneurs in sehr würdiger Weise. — Also nur bei solchen Gelegenheiten erscheint der hochachtbare, charaktervolle, akademisch gebildete Cultusvorsteher? Der Mann ist vielleicht ein Leisetreter, eine weichherzige Natur, die niemandem ein unfreundliches Wort sagen kann? O nein, er kann zu Zeiten erzgrob werden, ja es ist ihm ein Leichtes, Leuten, die ihm nicht zu Gesichte stehen, die Thüre zu weiseu. — Er besitzt also die edle Gabe der göttlichen Grobheit im hohen Grade und duldet doch unter seinem Regime in antisemitischer Zeit ein solches Tohuwabohu während des Gottesdienstes? Haben wir nicht falsch verstanden? Wir dachten, man habe uns die Orthodoxen als meschugv bezeichnet. War es nicht vielleicht umgekehrt gemeint? Hat sich das meschugv nicht vielleicht auf die mit fortschrittlichen Allüren drapierten ... Nichtorthodoxen bezogen?Wir wollen indessen nicht alles glauben, was man uns einreden will. Bezüglich des Vorstehers werden wir sicher zum Besten gehalten. Ein hochachtbarer, charaktervoller, akadennsch gebildeter Manu muss wissen, was von einem jüdischen Cultusvorsteher verlangt wird. Die Bibel hat es in lapidaren Zügen seit Jahrtausenden verzeichnet: „Wühle Dir aus deni ganzen Volke muthige Männer (Ans-che cliajil)- gottesfürchtig, Männer der Wahrheit, Feinde des Eigennutzes." Man beachte die Reihenfolge der Attribute; die Gottesfurcht wird erst in zweiter Linie genannt. Zuerst wird vom Vorsteher Weltliches, Mut h verlangt (Chajil heißt nöthigeufalls Kampf), also Mnlh nach oben und unten. Muth, dem Wahren, Guten und Schönen die Bahn zu ebnen, Muth, alle Hindernisse, wenn nöthig, mit Feuer und Schwert zu beseitigen; also sicher ein bisschen Muth, Rohheit, Ungezogenheit, Ungebürlichkeit im Gotteshause zu beseitigen. Wer diesen Math nicht besitzt und sich doch zum Vorsteher wählen lässt, handelt aus Egoismus, aus kleinlichem Ehrgeiz, will Herr Vorsteher tituliert werden, prunken oder ähnliches, und ist ein Usurpator, der aus kleinlichen Motiven ein hohes Amt mit Beschlag belegt. Es gibt auch hier Pflichten des Besitzes; die Würde eines Cultusvorstehers ist heute eine große Bürde, sie lastet eine ungeheure Verantwortung auf, ein charaktervoller, akademisch gebildeter Mann muss sich dessen vollbewusst sein und darf nicht dulden, dass der die Religion mordende Schlendrian auch unter ihm, wie unter der Herrschaft eines ehrgeizigen Ignoranten, aufrecht erhalten werde. Sonst müsste ein Jesaias kommen und ihm zeigen, >vv der Zimmermann das Loch gemacht hat. Oder soll die versammelte Gemeinde sich nur in Gegenwart der Beamten und der Feuerwehr sich anständig verhalten, in deren Ablvesenheit aber sich als zügellose Horde präsentieren dürfen? Was soll aus der Jugend werden, der man eine Caricatnr; ein Zerrbild als Gottesdienst vorführt? Muss sie nicht total religionslos aufwachsen? Bei Wahlen wird alles mögliche aufgeboten, eine große Agitation entfaltet, die Behörden bis hinauf zum Ministerium in Bewegung gesetzt, um den aufgestellten Candidaten zum Siege zu verhelfen. Wozu dies alles? Doch nicht, um der Feuerwehr die Honneurs machen zu können! Nein, viele lassen sich wählen, um die Cultussteuer herabzudrückeu, für den Gottesdienst wie für das gesammte Judenthuni haben sie gar keinen Sinn. So, wir haben also wirklich falsch verstanden, die sind m e s ch u g g e, nicht die Orthodoxen. Wenn sie fürs Judenthum kein Gefühl haben, warum taufen sie sich nicht? Wozu zahlen sie Cultussteuer? Warum wählen sie nicht eine billige Religion? Wozu legen sie sich und ihren Kindern die große Last auf, die jedem Inden von der Welt aufgehalst wird. Auch die Herren, die aus dem Casino und aus diversen Gast- und Kaffeehäusern nach dem Gabelfrühstück im Tempel erscheinen und die früher begonnenen Unterhaltungen daselbst fortsetzen, lassen unwillkürlich die Frage auftauchen: Sind die nicht meschugge? Warum gehen sie denn nicht lieber in Gottes freier Natur um zu verdauen? Was thun denn Andersgläubige nach eingeuommenem Gabelfrühstück? Geht man vielleicht in die Kirche der Verdauung halber? Und falls Leute in die Kirche gehen würden, könnten sie dort die früher begonnene Unterhaltung fortsetzen? Gebildete Christen, die nicht rechtgläubig sind, besuchen überhaupt die Kirche nur bei seltenen Anlässen, z. B. Hochzeiten, Taufen, Leichenbegängnissen u. dgl. Warum machen es feine Juden, die nur mechanisch in den Tempel kommen, nicht ebenso? Und noch etwas. Jüdische Casinomitglieder sind aufs tiefste beleidigt, wenn sie im Casino von den christlichen Mitgliedern nicht als ganz gleichwertig behandelt werden. Nehmen wir nun den Fall an, Christen begleiten ihre jüdischen College« in den Tempel und sehen, wie dieselben sich noch immer als im Casino befindlich betrachten; welchen Eindruck muss dies auf Christen machen? Ganz einfach, aber unerbittlich: das sind uncultivierte Leute, die nur moderne Kleider tragen, das ist Pöbel in Seidenhüten, das sind Zigeuner in Frack und Lackschuhen; man kann denselben geschäftliche Routine, einseitige Verstandesbildung nicht absprechen, aber Cultur, Intelligenz besitzen solche Leute entschieden nicht. Wir werden in unseren Betrachtungen unterbrochen, der Cantor hat sich erhoben, nimmt die reichgeschmückte Thora in die Hand und macht mit derselben den Rundgang um den Almemor. Die ganze Gemeinde hat sich ebenfalls erhoben und singt einen feierlichen Hymnus als Huldigung der Thora. Sonderbar, solange aus der Thora verlesen wurde, hat sich der größte Theil der Gemeinde um dieselbe nicht gekümmert, ja die Vorlesung sogar in ungeziemender Weise gestört; jetzt, wo dieselbe in die heilige Lade gebracht wird, wird ihr allseitig gehuldigt. Oder drückt die Huldigung vielleicht Freude aus, weil die Thora bereits Abschied nimmt? Es muss wohl so sein, sonst müsste man wirklich glauben, die Leute seien .... .... meschugv? Das Judenvolk ist nicht meschugv, weder im Ganzen, noch in seinen einzelnen Theilen oder Theilchen, weder in orthodoxer, noch in fortschrittlicher oder confuser Form. Ee ist nur unglücklich, weil es in einer Welt voll Lug und Trug von Glauben und Treue, die höchsten Güter der Menschheit, iu einer für die nichtjüdische Welt geradezu unfasslichen Weise, trotz allem und allem, beseelt ist. Führerlos ist die Masse, Kindern gleich, die, ohne Aufsicht gelassen, selbst an deu heiligsten Stätten Allotria treibt. Man besuche nur einmal selbst mustergiltige Schulen während der Unterrichtspausen bei Abwesenheit der Lehrer. Was man da sieht und hört, ist nichts anderes als das Benehmen und Treiben der erlvachsenen männlichen und weiblichen Rangen während des Thora-Lesens. Die Kirche hat das vorzüglich verstanden. Sie hat die Masse stets als unmündig, als große Kinder betrachtet und behandelt. Beweis dessen das Anschauliche des ganzen Cultus: Bilder, Fahnen, Prunkgewänder, Musik rc. Sie versteht auch Disciplin zu halten, nöthigeufalls mit unerbittlicher Strenge, und darum hat sie so großartige Erziehungsresultate. „Ohne Oberhaupt giengen Rom und Sparta zugrunde." Man versuche einmal, jüdische Institutionen ins Christliche zu übertragen, katholische Cultusgenieindeu zu constituieren, eine Cultussteuer analog wie bei Juden aufzuerlegen, oder gar der Bevölkerung zuzumuthen, die jüdische Noth auch nur kurze Zeit zu ertragen. Die hohen Kirchenfürsten würden sich dann sehr bald überzeugen, dass ihre flammendsten Hirtenbriefe nur Druckerschwärze bleiben, dass die „Los von Rom"-Bewegung sich in einer Weise fühlbar machen würde, die den päpstlichen Stuhl in seinen Grundfesten erbeben machen und die kühnsten Erwartungen Schönerers und Wolfs übertroffen würden. Nicht umsonst sträuben sich die Clericalen gegen die Errichtung katholischer Cultusgemeiuden, sie sind fest überzeugt, dass ihre Getreuen solche Belastungsproben nicht vertragen. Der Bauer küsst die Hand des Herrn Pfarrers, das ist schön aber billig. Wäre der Herr Pfarrer jedoch ein Gegenstand, der sich im bäuerlichen Budget fühlbar machen würde, so wäre es mit dem Handküssen bald vorüber. Eine zielbewusste Leitung fehlt in den Gemeinden. Beweis dessen: Ein Wachmann in Uniform reicht vollständig aus. diese theils naiven, theils nicht ganz salonfähigen großen Kinder zur Ordnung zu bringen und die Uebelstände zu beseitigen. Allerdings muss auch in anderer Weise eingegriffeu werden. Sind die Mischeberachs eine Quelle der Demoralisation während des Thoralesens, dann fort mit denselben. Tie Mischeberachs wurden eingeführt, um den Hnmanitätsanstalten materielle Zuflüsse zu bringen. Diesen Zweck erfüllen sie auch heute noch, aber um welchen Preis? Wenn die Zuspeise thenrer wird als das Fleisch, dann fort mit der Zuspeise. Für die Humanitätsanstalten muss daun in irgendeiner anderen Weise gesorgt werden. Genügt das Wegfällen der Mischeberachs noch nicht, um Würde und Austaud herzustellen, so würde dies beweisen, dass das Mußaph-Pnblicnm kein Verständnis für den Originaltext der Tlwra hat — bei Damen eine selbstverständliche Sache — und es ist in solchen Gemeinden dringend nöthig, die Thvralesuug auf den separierten Schachrith-Gottesdieust zu verlegen. Dort findet sich sicher das empfängliche Auditorium ein. Zn Mnßaph könnte dann seitens des Rabbiners eine kurze Exhorte an Stelle des Wvchenabschnittes treten. l0—15 Minuten genügen reichlich für diesen Zweck; jedes Plus ist total schädlich. Die Entweihung der Thora und des Gotteshauses zu verhindern, muss als Hauptziel ins Auge gefasst werden. Der Weg hierzu führt aber nicht durch endlose Predigten. Das Publicum lässt den Rabbiner einfach reden in der Hoffnung, dass der Rabbiner endlich müde werden und das Publicum auch reden lassen würde. Thaten regieren die Welt, nicht Worte. Es muss eine Reform an Haupt und Gliedern eintreten. In die Cnltnsvertretnng müssen Männer gewählt werden, die sich persönlich einsetzen für ein solches Programm, die sich nicht durch Kameraderie oder übel angebrachter Bonhommie verleiten lassen, die Augen zuzudrücken und die ganze Geineinde

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