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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-05 · 12 (5.5.1899) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
12 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Jüdisches Volksblatt 6. Mai 1893 Wicnt Freitag Seite 3 hier wiedergeben. Es ist geradezu vernichtend! Aber ich muss annehmen, dass alle diese Dinge und noch andere Herrn Hofrath Zechner wohlbekannt sind. Trotzdem verbot er bei seiner Anwesenheit am 14. April d. I. den bei ihm vorgesprochenen Deputationen, über die neuen Vorschriften auch nur ein Wort zu sprechen, mit der Erklärung, er werde nicht ein I-Tüpfelchen davon Massen. Ich bin über das, was Herr Oberbcrgrath H o l u b e k bei dieser Commission zu Protokoll nahm, nicht unterrichtet. Doch wenn ich den Aussagen der christlichen und jüdischen Arbeiter-Deputationen, die nach ihrer Einvernahme durch Herrn Hofrath Zechner bei mir, der ich gleichzeitig in Boryslaw war, vorsprachen, glauben darf, so m u s s der Herr Hofrath den Eindruck gewonnen haben, dass er den Bogen denn doch zu straff gespannt habe. Und trotzdem diese scharfe Abweisung! Hat Herr Hofrath Zechner die Konsequenzen dieses Vorgehens für seine Person überdacht? Ist es doch nun so erklärlich, dass sich in Drohobycz und Boryslaw die u n g e Heu erlich st e n Gerüchte über seine Person verbreiteten, Gerüchte, die ich nicht auszudenken wage und die ja gewiss vollständig unwahr sind! I st e s doch nur so erklärlich, dass eseiner der P r o d u c e n t e n gewagt haben soll, Herrn Hofrath Zechner eines dieser Gerüchte, das sich auf eine Verbindung m i t der Länderbank bezieht, direct insGesicht zu schien der n!Muss das sein? Ist es nothwendig, dass ein österreichischer Beamter sich der Oeffentlichkeit gegenüber in ein solch schiefes Licht setzen lassen muss, doch nur wegen einer jedenfalls übertriebenen Autoritätshascherei? Auch Herr Hofrath Zechner ist nicht unfehlbar! Und menschlicher wäre es jedenfalls, seinen Jrrthum im Stillen gutzumachen, als seine Autorität auf Kosten einer elenden hungernden Arbeitermasse durchzusetzen. Die Wiener Presse. Mit Ausnahme des „Jüdischen Volksblatt" haben sich bislang nur zwei Tagesblätter ganz kurz mit dieser hässlichen Affaire beschäftigt: Die „Arbeiter-Zeitung" und das „Deutsche Bvlksblatt". Ueber die Haltung der anderen Blätter, der mächtigen „jüdeuliberalen" Tagespresse sollen nun einige Worte verloren werden. Hätte diese Presse wenigstens den einen wunden Punkt, das Vorgehen der L ä n d e r b a n k, in gebotener Weise behandelt, es wäre sofort manches gut geworden. Die Länderbauk, dieses ohnehin so stark discreditierte Institut, wäre nicht imstande, einem Ansturm der Oeffentlichkeit die Stirne zu bieten. Allein das ist vergebene Hoffnung. Man weiß, dass diese Tagc spresse größteniheils für Geld zu haben ist, dass rU. feil ist für den Meistbi tenden wie jede Straßendirne. Allein die Arbeiterzeitung! Sie hat doch als das einzige unabhängige Tagesjournal als die berufene Vertreterin der Arbeiterinteressen einfach die Pflicht, sich mit der Sache zu beschäftigen. Es steht fest, dass die „Arbeiter-Zeitung" bislang nicht richtig mtb nicht erschöpfend informiert war. Die Quelle, aus der sie schöpft, ist allbekannt wirklich unmaßgebend. Doch jetzt! Die Arbeiter mit dem Hinweis auf den Zukunftsstaat zu trösten, wie das geschehen ist — fürwahr ein netter Trost für arbeitslose Arbeiter, für hungernde Weiber und Kinder! Oder sollte die „Arbeiter-Zeitung" die Behandlung dieser Frage genieren, weil es sich wesentlich um eine jüdische Angelegenheit handelt? Das wäre noch der einzige Grund. Denn das dumme Gewäsch galizischer Culturmenschen, dass die „Arbeiter-Zeitung" gleichfalls mit der Länderbank in materieller Verbindung stehe das ist doch selbstverständlich von der Hand abzuweisen. Also, wo steckt hier der Haken? Nachträgliches zur Länderbank-Moral. Es sind mir im Laufe dieser Woche eine Unmasse von Zuschriften zugekommen, die der schwersten Anklagen gegen die Länderbank und die Bergbehörden voll sind. Ich vermeide vorläufig die Veröffentlichung derselben, weil ich noch nicht Gelegenheit hatte, sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Nur ein Factum will ich erzählen, das einen ergötzlichen Beitrag zur Moral der Länderbank liefert. Wie noch erinnerlich sein dürfte, sandte auf die erste Kunde vorn Boryslawer Elend die „Oesterreichische Allianz" ihren Secretär mit einem größeren Unterstützungsbetrag hinauf. Selbstverständlich ist der Länderbank diese ganze nunmehr aufgedeckte Affaire höchst unangenehm. Um beit üblen Eindruck zu verwischen, sandte man den Boryslawer Bureauchef der Länderbank, einen Herrn Jokl, nach Wien. Herr I o k l sprach auf Grund „bester" Empfehlungen bei den Herren D. v. Guttmann, Präsidenten der „Alliance“, und Herrn Emil H onter, Procnristen der Firma Rothschild, vor und stellte die Aussagen des Secretärs der „Alliance" als einfache Lüge dar. Dabei soll sich Herr Jokl, der seit vielen Jahren getauft i st, als heißer Jude vorgeftellt und geberdet haben. Sapienti sat! Inland. Wien. (Z um Morde in Po ln a.) Die rechtsfreundliche Vertretung des unter durchaus erfundenen Details von dem „Deutschen Volksblatt" der Mordthat im Walde bei Polna beschuldigten Schächters Mvriz Kurzweil in Goltsch- Jenikau, hat Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Fialla in Wien übernommen und heute bei dem hiesigen Landesgerichte die Strafanzeige wegen Vergehens der Ehrenbeleidignng gegen Herrn August Schreiber, den verantwortlichen Redaeteur, und gegen Herrn Ernst Vergani, den Herausgeber des genannten Blattes, überreicht. Die Confiscation der betreffenden Nummer war schon früher infolge des incriminierten falschen Berichtes seitens der Staatsanwaltschaft von Amtswegen erfolgt, während die über klägerischen Antrag bewilligte Hausdurchsuchung nach dem Mannscripte heute erfolglos vorgenommen wurde. Es ist nicht ausgeschloffen, dass, falls die erfundene Beschuldigung zu einer gerichtlichen Nachforschung gegen den Beschuldigten führen sollte, die Ehrenbeleidigungsklage im Sinne des Strafgesetzes sich zn einer Verfolgung wegen Verbrechens der Verleumdung nmgestalten werde. Prerau. (Todesfall.) Der hiesige Bahnarzt Doctor Markus Rokotnitz ist vorige Woche hier im hohen Alter von 93 Jahren verschieden. Durch viele Jahre bekleidete er das Ehrenamt eines Bürgermeisters der Prerauer Judengemeinde. Ungemein schlicht in seinem Benehmen hatte er sein öffentliches Wirken ganz in den Dienst der Humanität gestellt und stets Wohlthaten geübt. Er lebte auch infolge seines humanen Wirkens in höchst bescheidenen Verhältnissen. Als Anerkennung seiner vielfachen Verdienste ehrte ihn der Kaiser im Jahre 1866 durch die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone. Ein Sohn des Verstorbenen ist als der einzige jüdische Notar in Mähren thälig. Ungarisch - Brod. (Für die Boryslawer Arbeitslosen.) Das große Elend in Boryslaw, worüber das „Jüdische Bvlksblatt" zu wiederholtenmalen berichtete, veranlasse die Herren Jacob B r a m m e r und Leopold Reiß, hier eine Collecte zugunsten der Armen in Boryslaw vorzunehmeu. Das Ergebnis derselben waren 65 fl., welche der Alliance Israelite nach Wien zur Weiterbeförderung nach Boryslaw überschickt wurden. Prag. (Activierungen einerBezirkshanpt- Mannschaft. — Drohungen gegen Jude n. — Zum Morde in Poln a.) Sicherem Vernehmen nach wird in Nachod eine Bezirkshauptmannschaft errichtet werden. Dieselbe soll den Dienst vom 1. October a. c. ab aufnehmen. — Bei dem Strike der Bergarbeiter in H o r z i c kam es zu mehrfachen Ausschreitungen, wobei auch Drohungen gegen die Juden ausgebracht wurden. Die Aufregung unter den Inden ist deshalb nicht gering. — Die hiesigen „Kath. Ruchy" bringen heute ans Polna eine Reihe von Berichten und redactionellen Bemerkungen über den rvegen des bekannten Mordes inhaftierten H ü l s n e r in solcher Art, wie sie nur in Verganis Wiener Hetzblatt vorzukommen pflegen. Es sei hervorgehoben, dass dieses Prager Blatt unter, dem Protectorate von Kirchenfürsten steht, welche zur Zeit der Coalitionsregierung eine Reise nach Rom zum Pabste unternahmen, um ihn zu bewegen, gegen die Brutalität des Antisemitismus seine Stimme zu erheben. Königgrätz. (Zu den Nachoder Excessen.) Vor dem hiesigen Kreisgerichte haben seit 17. v. M. bisher jeden zweiten Tag Verhandlungen gegen die nach den Nachoder Excessen verhafteten Personen stattgefunden. Es wurden bis zum heutigen Tage verurtheilt: Ein Angeklagter namens Arnold V l i e k, der von einem Zeugen unter den Plünderern im Laden des Confectionärs Landes agnosciert wurde, zu zwei Jahren schweren Kerkers; ein anderer ebenfalls zu zwei Jahren schweren Kerkers, drei zu 13, einer zu 12, je zwei zu 10 und zu 6, fünf zu je 4, zwei zu je 3 und einer zu 2 Monaten schweren Kerkers. Außerdem erhielten sechs Personen Arreststrafen von 6 Wochen bis 10 Tagen. Sechs Angeklagte wurden freigesprochen. Unter den Verurtheilten befinden sich sechs Weiber. Von ganz besonderem Interesse war die am 29. April stattgehabte Verhandlung gegen den Häusler Wenzel K l u g.a r, einem Nachoder Bürger. Der Anklage zufolge hatte Klugar bei den Plünderungen, als die Gensdarmen sich bemühten, die Massen auseinanderzutreiben, den Excedenten die aufmunternden Worte zugerufen: „Fürchtet Euch nicht. Sie dürfen nicht schießen!' Schlagt und prügelt die Juden!" Klugar wurde zu zehn Monaten schweren Kerkers, verschärft mit einem Fasttage in jedem Monate, verurtheilt. — Die Verhandlungen werden fortgesetzt und dürften auch den Monat Mai zum großen Theile in Anspruch nehmen. Nachod. Die Aufregung weicht noch immer nicht von der hiesigen Bevölkerung. Gewissenlose Hetzer bewirken es, dass über die jiidischen Kaufleute ein Boycott verhängt wurde. Am meisten geschädigt durch denselben sind die am 5. April Ausgeplünderteu, denen so der Erwerb unmöglich gemacht wird. Das hiesige Bezirksgericht, der Bürgermeister, sowie einzelne Fabrikanten erhielten Drohbriefe, worin mit Mord, Todtschlag, Plünderung und Brandschatzung gedroht wird, wenn die Verurthcilten nicht sofort freigelassen werden sollten. Nenbidschow. („Revanche für Eg er".) Die Juden unseres Ortes müssen die nationalen Streitigkeiten zwischen Czechen und Deutschen nun zu wiederholtenmalen büßen. Seit dem 1. December 1897, an welchem Tage in sämmtlichen Judenhäuseru die Fenster eingeschlagen und schwere Verwüstungen angerichtet wurden, haben sich solche Vorfälle hier schon öfters wiederholt. Am 30. April wurden gegen 2 Uhr nachts die Fensterscheiben der im israelitischen Gemeindehause untergebrachten Schule durch faustgroße Schottersteine zertrümmert. Unterhalb der zerbrochenen Fensterscheiben gewahrte man die mit schwarzem Kohlenstifte in kalligraphischschönen Schristzügen, ausgeführt die Worte: Odveta za Cheb (Vergeltung für Eger). Es ist demnach, wenn man Ausdrucksweise und Schrift in Betracht zieht, die Vermuthung vollauf gerechtfertigt, dass man es hier mit intelligenten Thätern zu thun hat, welche auf diese Weise ihren nicht mehr ungewöhnlichen Beitrag zur nationalen Thätigkeit entrichten. Trotz der nun so oft tviederholteu Excesse ist es weder den kommunalen noch den politischen Behörden gelungen, auch nur eines Thäters habhaft zu werden. Allein es ist hier ziemlich allgemein bekannt, dass an den damaligen Excessen Leute aus den besten Kreisen der Stadt die Schuld trugen und sich sogar daran betheiligten. Durch die Passivität und Unthtttigkeit der berufenen Kreise ist natürlich der Muth der Herren Excedenten gestiegen. Die beschädigten Parteien stehen nun im Processe mit der Stadtverwaltung bezüglich der Entschädigung. Dieser Process, dessen Acten derzeit in der Statthalterei liegen, ist trotz des langen Zeitraumes noch immer nicht zur Entscheidung gekommen, nachdem ein Präzedenzfall, nämlich Saaz, vorliegt. Durch die geschilderten Vorfälle sind die hiesigen Juden stark beunruhigt. Budapest. (Gedächtnisfeier für Baronin Hirsch de Gereuth. — Rechenschaftsbericht.) Zum Gedächtnisse an die verstorbene Baronin Clara Hirsch de Gereuth fand diese Woche eine von der Pe st er israelitischen Religionsgemeinde veranstaltete Trauerfeier statt, welcher ein zahlreiches Publikum beiwohnte, darunter der Gesammtvorstand unter Führung des Präsidenten Sigmund Kohner, der israelitische Frauenverein, sowie viele Vertreter der hiesigen israelitischen Wohlthätigkeitsinstitute. Nach Absinzung eines Psalmes durch den Obercantor Adolf Lazarus, unter Begleitung des Tempelchores, hielt Rabbiner Doctor Samuel K o h n die Gedächtnisrede, in welcher er die hervorragenden Verdienste der Verblichenen, sowie ihres seligen Gatten in bewegten Worten hervorhob. Die würdige Trauerfeier endete mit einem Choral und dem Kadisch-Gebete der Waisenknaben. — Der Jahresbericht des «Zion" Wohlthätigkeitsvereines pro 1898 weist einen Verwaltungs-Ueberschuss von 17.931 fl. 59 kr. aus. Die Einnahmen beziffern sich mit 225.251 fl. 37 kr. Die Ausgaben mit 207.319 fl. 78 kr. Der Reservefond beträgt 305.729 fl. 41 kr. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder betrug 11.799, diejenigen der Dienstboten-Abtheilung 5967. Das ärztliche Corps bestand aus 33 ordinierenden und 12 Specialärzten. Die Generalversammlung nahm den Jahresbericht und die Bilanz zur Kenntnis und ertheilte der Direction das Absolutorium. Sodann wurden mittels geheimer Abstimmung drei vacante Functionärstellen besetzt u. zw. wurde zum Vereinspräsidenten Ignaz Schlesinger, zum Directionsmitgliede Josef Vesti, zum Ausschnssmitgliede Bernhard Eckstein gewählt. Budapest. (Ein Pfarrer als Präsident eines isr a e l it i s ch e n S ch u l stu h l e s. — Eine gewerbliche U Übertretung) In der Gemeinde Gurog (Bacs? Bodroger Comitat) wählte die israelitische Cnltusgemeinde den römisch-katholischen Pfarrer Mathias Nagy zum Präsidenten des jüdischen Schulstuhles. Der Gewählte nahm die Wahl an und übt das Ehrenamt auch thatsächlich ans. — Die Pester israelitische Cnltusgemeinde trat gegen einen der beiden Marktchallen-Factenre klagbar auf, weil er ohne Erlaubnis der Gemeinde „Koscherfleisch" verkaufte, was nach einem Erlasse des Ministeriums unstatthaft sei. Obzwar der Inhalt der Anklage vom Geklagten vollinhaltlich zugegeben wurde, sprachen sowohl die Bezirksvorstehung als auch im Appellationswege der Magistrat den beschuldigten Facteur frei und zwar mit der Begründung^ dass der Geklagte im Sinne des Markthallenstatutes verpflichte; ist, die ihm zum Verkauf gesandten Waren zu veräußern, umsomehr, als er dieses Fleisch mit dem anderen vermengt^ ihm keine besondere Behandlung zutheil werden ließ und auch auf seiner Verkaufsstelle keine Aufschrift „Koscher" anbrachte. Allerdings war das verkaufte Fleisch mit der Stampiglie „koscher" versehen. Die Pester israelitische Cnltusgemeinde hat nun gegen diese' Entscheidung den Recurs an das Ministerium des Innern ergriffen. Oedenburg. (Einbruch in die Synagoge n.) In der vergangenen Woche wurde ein Einbruch in die beiden hiesigen Synagogen verübt und ist es den Thätern gelungen, beide Opferstöcke auszurauben. Die Polizei pflegt nach den unbekannten Räubern eifrige Nachforschungen, die aber bis nun ohne Erfolg geblieben sind. Wahrscheinlich dürften die Einbrecher mit jenen identisch sein, welche jüngst auch die Opferstöcke der hiesigen Domkirche gesprengt und ihres Inhaltes beraubt haben. Gran. (Temp el d i eb e.) In der Nacht des 2. Mai sind in den hiesigen Tempel Diebe eingedrungen, erbrachen die dort aufgestellten Sammelbüchsen und entnahmen denselben ihren Inhalt. Die Thäter konnten nicht eruiert werden. Ausland Berlin. In Betreff der differentiellen Behandlung jüdischer K a u f l e u t e auf den Reisen nach Russland wird dem „Berliner Tagblatt" aus betheiligten Kreisen geschrieben, dass nach den Bestimmungen des neuen Gesetzes ausländische Kaufleute jüdischer Confessio» die Genehmigung des Finanzministers einholen müssen, und ist diese der russischen Steuerbehörde, bei der der Gewerbschein gelöst werden soll — nämlich ein Schein erster Gilde für 500 Rubel — vorzulegen. Ausländische Kaufleute anderer Confessiouen können unter Nachweis ihrer Religionszugehörigkeit das Document ohneweiters erhalten. Um die ministerielle Genehmigung zn erhalten, ist ein diesbezügliches Gesuch unter Beifügung eines Zeugnisses des Börsencomites über den Geschäftsumfang und den Ruf des Petenten entweder direct oder durch Vermittlung der Botschaft an den Finanzminister zu richten. Das citierte Blatt bemerkt hierzu, dass Herr von B ü l o w gewiss nicht der Mann sei, dies zu dulden-', wonach in Russland Einrichtungen getroffen werden, nach denen es in Deutschland Staatsbürger erster und zweiter Classe gäbe. Berlin. Das bisher mit den Antisemiten verbündete Centrum lässt durch eines seiner Organe den Antisemiten dis. Reichstages eine Belehrung zutheil werden, die ob ihrer Schärfe einer weiteren Veröffentlichung würdig ist. Die Centrumscorrespondenz schreibt nämlich: Einen riesig großen Mund haben die antisemitischen Volksvertreter, wenn es sich uni den Vortrag von wohlpräparierteu phrasenhaften Reden handelt, aber wenn es in der Commission arbeiten heißt, die geschwollenen Redensarten in passende Anträge sachlich oer* theidigt und die Gegenanträge mit Sachkenntnis kritisiert werden müssen, dann sind diese Herren nicht zu haben. Müssen sie anstandshalber einmal am Commissionstische sitzen, so ergibt sich die sonst so üppige Zunge

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