Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 11 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. AprU 1800 Seite 5 genommen wird, auszustellen. In Berücksichtigung des von einem jüdischen Vater bei bestimmtem Anlasse deshalb an mich gerichteten Gesuches habe ich es für angezcigt gehalten, eine Abweichung von der letzterwähnten Bestimmung iusoferne zuzulassen, als die Aufnahme eines besonderen Hinweises auk das besondere Zeugnis des jüdischen Religionslehrers in das Reifezeugnis von mir gestattet werden kann. Um die Gleichmäßigkeit des Verfahrens in dieser Hinsicht zu sichern, veranlasse ich das königliche Provincial-Schulcolleginm, die Dircctoren der höheren Lehranstalten seines Bezirkes dahin anzuweisen, dass einem Schüler, der bei seinem Abgänge von der Schule an dem bei dieser eingerichteten jüdischen Religionsunterrichte ordnungsgemäß theilgenommen hat und ein ihm über seine Gesammtleistung in der jüdischen Religionslehre von dem jüdischen Religionslehrer ausgestelltes Zeugnis vorlegt, auf Wunsch ein kurzer Hinweis auf dieses Zeugnis in das Reifezeugnis eiuzutragen ist. Dementsprechend ist auch bei der Ausfertigung von Abgangszeugnissen jüdischer Schüler zu verfahren." Berlin. (Debatte über den S ch ä ch t Verbot- Antrag im deutschen R e i ch s t a g.) Im deutschen Reichstag gelangte am 26. d. der von den kleinen Gruppen der Antisemiten eingebrachte Antrag gegen das rituelle Schächten in erster Lesung zur Verhandlung. Obzwar die Antisemiten und ein großer Theil der mit ihnen verbündeten Conservativen die Sache nicht als eine rein antisemische Frage hinstellen wollten, fanden sie bei den übrigen Parteien keinen Glauben und ganz besonders Abgeordneter L i e b k n e ch t sagte, dass der Antrag keinen anderen Zweck habe, als die schon gesunkene Popularität der Antisemiten ein wenig aufznfrischen. Gegen den Antrag sprachen sich das katholische Centrum, die Freisinnigen, die Nationalliberalen, die Reichspartei und die Soeialdemvkraten aus. Die Redner dieser Parteien betonten zumeist, dass das Schächten keineswegs als eine Thierquälerei erwiesen, vielmehr von verschiedenen Autoritäten als die beste Tödtnngsart erklärt worden sei. Das Verbot des S chächt e ns würde in die r i t u e l l e n G e b r ä u ch e d e r I n d e n e i n g r e i f e n, was nicht geschehen dürfe. Für den Antrag sprachen außer den Antragstellern noch der sächsische Abgeordnete O e r k e l, der im Namen eines großen Theiles der Conservativen die Frage lediglich von Seite des Thierschutzes betrachtete. Indem er betonte, dass Gutachten gegen Gutachten stehe, beantragte er die Annahme des Gesetzentwurfes, nachdem er das Schächten als eine entsetzliche Thierquälerei betrachtete. Emphatisch rief der Redner aus, dass Sachsen durch sein Schächtverbot an der Spitze der menschlichen Civilisation marschiere und keine Religion habe das Recht, Institutionen beizubehalten, welche der Humanität widersprechen. Die zweite Lesung war leider nicht auf die Tagesordnung gestellt worden, sonst wäre t er ‘ Antrag gleich in den Papierkorb geflogen, so wird dies erst in der zweiten Lesung besorgt werden. Die Bemerkung eines antisemitischen Redners, die Juden bezahlen die ihnen günstigen -Gutachten, rief stürmische Heiterkeit hervor. — Eine Schächtdebatte gab es auch jüngst im badischen Landtag. Bei dieser Gelegenheit hielt der Antisemit Pfisterer eine Jungfernrede, die einen stürmischen Heiterkeitserfolg hatte. Am Schlüsse nahm er das Wort zu folgender persönlichen Bemerkung : Er habe nicht das ganze Hans beleidigen wollen, sondern nur einen großen Theil. — Diese unglückliche Jungfernrede wurde vom Gelächter geradezu erdrückt. Warschau. Ein interessantes Stückchen russischer Rechtspflege wird uns ans Warschau berichtet: Der sehr reiche Banqniec Wilhelm Landau starb und testierte sein Vermögen seinen gesetzlichen Erben, nämlich seinen Kindern. Die russische Behörde verweigert jedoch die Ansfolgnng des Vermögens unter dem Vorwände, dass der Erblasser nicht Wilhelm, sondern Wolf geheißen haben soll. Die Erben sind daher verpflichtet nachzuweisen, dass der verstorbene Wilhelm mit dem Wolf Landau identisch war. Bei der Promptheit, mit der die russischen Behörden bekanntlich arbeiten, ist es vorauszusehen, dass die Enkel der jetzigen Erben einen kleinen Theil des Vermögens vielleicht bekommen werden. Algier. Nachdem D r u m o n t vorige Woche unter stürmischer Begeisterung seiner Anhänger in Algier angekommen, kam es im Laufe dieser Woche zu schweren Excessen antisemitischer Natur. Bei einer Spazierfahrt, welche D r n m o n t unternahm, bewarfen die ihn begleitenden Gesinnungsgenossen die Fenster eines Cafe's mit Steinen und verübten sonstige Ausschreitungen, worauf die Polizei Verhaftungen vornahm. Daraufhin zogen Antisemiten vor das Gefängnis Sidv Ferrach, in welchem Max Negis derzeit interniert ist. Auf dem Rückwege demonstrierten sie vor der Residenz des Gouverneurs, wobei D r u m o n t, ferner der Maire von Algier, Boinot, der Redacteur der „Libre Parole“ und der Municipalrath Lione verhaftet wurden. Der Gouverneur gab unter Zusicherung der Einstellung von Demonstrationen aber seine Zustimmung zur Freilassung der Verhafteten. Am Abende desselben Tages kam es aber wiederum zu Demonstrationen und antisemitischen Kundgebungen, worauf die Polizei neuerlich 22 Verhaftungen vornahm, wobei auf Seite der Polizei mehrere ihrer Personen erheblech verwundet wurden. Infolge dieses energischen Vorgehens wurde die Ruhe wieder hergestellt. Theater, Kunst und Literatur. Chesjonoth Umanginoth von 8. Czernichowsky. (Gedichte, hebräisch.) Verlag „Tuschijah", W a r s ch a u 1899. Dies kleine, 64 Seiten enthaltende Büchlein ist ohne Zweifel ein Ereignis in der Poesie der neuhebräischen Literatur. Seit dem Tode des großen Dichters I. L. Gordon hat die neuhebräische Dichtung keine bedeutenden dichterischen Talente aufzuweisen. Es gaben einzelne gute Gedichte, aber durchaus keine Dichter. Es ist ganz eigenartig, aber es ist eine Thalsache. Die hebräische Poesie ist überhaupt eine Friedhofpoesie und hat mit der Natur nichts zn thnn. Vom Mittelalter bis auf unsere Zeit her ist bloß ein immerwährendes, nie aufhörendes Stöhnen und Seufzen zn vernehmen. Selten ließen sich die jüdischen Dichter, die dem Ghetto entsprossen, von der Natur begeistern, um sie in ihren Pcoductionen zu besingen. Sogar die einzelnen jüdischen Dichter des Mittelalters, die von Lebensfreude zn erzählen wussten, der Philosoph Salomon Jbn-Gabirol und Jmanuel, der Römer seufzten gar zn oft und wenn vielleicht ihrer Liebeshymnen quantitativ mehr als die Jndenschmerz-Gedichte sind, so bleibt noch immer übrig, ihre Dichtung qualitativ zu beleuchten. Die Dichter unseres Jahrhunderts, die bedeutendsten, wie Gordvn. Mane, Lebenssohn wehklagten, stöhnten, ergossen sich in Thränen, wussten nie aber von Einer zn erzählen, die wie eine Blume so hold, so schön und rein wäre. Auch die Natur blieb ihnen fremd. Aber da, wo es den Leiden Israels, dem Heimweh Ausdruck zn verleihen galt, da waren sie groß. Darum sind sie auch unsere nationalen Dichter im engsten Sinne dieses Wortes. — Es trat mm aber eine neue Wendung auch im inneren Leben unseres Volkes ein, ein Wachens zu neuem Leben, neue Hoffnungen beleben uns, Frühlingslüfte umweben uns, und nun schreit das alles nach Ausdruck, nach Form. Czernichowsky, der, wie anznnehmeu, auch jung ist, ist einer jener Dichter, auf deren Erscheinen wir auch warteten. Und nun kam der eine. — Seine Gedichte sind neu, frisch, zeugen von dichterischer Individualität und auch ihre Form ist neu. Sein Stil ist an manchen Stellen ein wenig unreif, nncultiviert, aber im großen ganzen stolz, mächtig und eigenartig. Er hat, wie es scheint, tüchtig Heine studiert, aber es war nicht uachtheilig für seine Dichtung. Gedichte, wie „Awib Holaminr1, „Cliajim Calascliirrr, „lügtoi Philat“, „Baawiw“ u. a. wären auch in der allgemeinen Dichtung nicht ohne Bedeutung. In vielen Gedichten ist die Gluth des Orients nicht zn verkennen. Einige Uebersetznngen von Shelly aus dem Tatarischen: und Czumina sind glänzend. Czernichowsky ist ein Neuling in der hebräischen Literatur, man kennt ihn erst seit zwei Jahren, aber er hat sich schon einen Ehrenplatz in der ueuhebräischen Literatur gesichert. Am Anfänge des Büchleins ist, in der Form eines Briefes an den Verleger, eine Charakteristik über den jungen Dichter von R. Brainin abgedruckt. Ein wenig pathetisch. J. M. Gallerija jewreiskich deijatelei. (Gallerie jüdischer Männer, russisch.) Band II. P. M. S m olenskyn, sein Leben und seine literarische Thätigkeit von Dr. M. Gottlieb, St. Petersburg, 1899. Verlag von I. I. H e s s e n. __ 41- — um materielle Interessen und sie werden sich verständigen, wenn jeder von beiden seinen Vortheil gewahrt sicht. Nehmen Sie den Advocaten und seinen Clienten. Der Advocat führt den Process, sagen wir, mit allem Aufwande seines juristischen Scharfsinnes. Der Advocat des Gegners steht ihm gegenüber, am Ende wird der Process gewonnen oder verloren und der Advocat stellt die Ausfertigung der Expens-Note auf die Tagesordnung. Oder nehmen Sie gar den Verkehr des Arztes mit seinem Patienten, wo es sich nicht mehr bloß um materielle Interessen, sondern um Leben und Gesundheit handelt. Der Patient hat entweder Vertrauen zu dem Arzte oder nicht. Im letzteren Falle verabschiedet er ihn, im ersteren Falle verordnet der Arzt, schreibt seine Recepte und der Kranke tvird gesund oder er stirbt. Da ist der Verkehr überall derart hergestellt, dass die Menschen Ungeheuer sein müssten, wenn sie sich miteinander nicht sollten verständigen können. Aber ich rede ja nicht vom Verkehre. Ich rede vom Gespräche, ich meine eine Unterredung zweier oder mehrerer Menschen, uwrin es sich um nichts handelt, als über eine bestimmte Frage seine Meinung 51t sagen, oder wie man zu sagen Pflegt, die Gedanken auszntauschen. Und da, Herr Kohn, tauscht man mailches etwas Sauberes ein. Gestatten Sie mir die Frage, Herr Feigengold — sagte Aron — was haben S i e für eine Beschäftigung? Ich? — sagte Samuel — es ist eigentlich schwer zu sagen; ich will es Ihnen aber doch sagen: ich bin ein Müßiggänger. Hierbei schaute er den Fragenden mit lächelnd überlegener Miene ins Gesicht, als ob er sagen wollte: Sie glauben das wohl nicht? Aron aber eutgegnete: Sie wollen sagen, Sie haben keine von den -gewöhnlichen, bürgerlichen Beschäftigungen. Genau das wollte ich sagen — gab ihm Samuel zu. Gestatten Sie mir noch eine Frage — fuhr Aron fort. Ich bitte, fragen Sie — sagte Samuel — Sie fragen sehr gut. Sind Sie ein Menschenfeind? Durchaus nicht! Im Gegeutheil! Ich suche den Verkehr mit Menschen allerlei Art. Und zu welchem Zwecke? Ich lerne von ihnen. Sie lernen von ihnen, mit denen mau kein Gespräch führen kann? Sv ist es. Und dass ich dieses lveiß, das kann ich nur von ihnen gelernt haben. Ich erfahre von jedem manches, was ich nicht weiß und worüber er nur, weil es sein speeielles Fach betrifft, Aufschluss geben kann; nur im allgemeinen mich einzulasseu, das vermeide ich sv viel als möglich. (Fortsetzung folgt.) *++ + + * irir.+ irir -fr-fr-*-fr fr^fr-fr^frfr^-frfr ji fr" "fr" n frr £ fr‘^"/£'fr £ &K. Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Aha, — sagte Rosa — Du bist also doch ein bischen neugierig, was er Dir zu sagen hat. So höre. Sie nahm ein Blatt Papier aus der Handtasche, entfaltete es und las: A u die A u s e r w ä h l t e meines Herzens! Wie erwacht es und wie schwindet's? Wer verliert es und wer findet's? Wie erhält sich's, wie besteht es? Woher kommt's und wie vergeht es? Wer ersinnt und wer macht es? Wer beweint, tvcr belacht es? Wer ergrübelt's, wer ergründet's? Wer erschaut es, wer verkündet's? Das ist ja ein Räthsel — sagte Fanny. Und was für eines? — erwiderte Rosa. Und was ist die Auflösung? — fragte Fanny weiter. Ja — meinte Rosa — wer die geben könnte, wäre mehr als der Dichter, der es gemacht hat. Der Dichter — wendete Fanny ein — wird doch gewusst haben was er sagen will. Man sollte meinen — sagte Rosa und lachte. Nun in dem Gedichte — sagte Fanny — kommt ja gar nichts von Liebe vor. Man muss zwischen den Zeilen lesen — sagte Rosa. Es ist ja auch gar nicht an mich gerichtet — bemerkte Fanny. Es ist gerichtet — sagte Rosa — an die Auserwählte meines Herzens. Wer diese ist, das wissen wir. — Und mit einer plötzlichen Wendung des Kopfes gegen den jungen Mann, der neben ihr saß, fuhr sie fort: Mein Herr, ich muss Sie um Entschuldigung bitten, dass wir da in jenem so lebhaften Diseurs geratheu sind über Dinge, die Ihnen gewiss im höchsten Grade langweilig sind. Auch werden Sie sich über uns vermuthlich ganz eigene Gedanken machen, dass wir uns hier in Gegenwart eines Herrn, der uns ganz fremd