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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-21 · 10 (21.4.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
10 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. April 1809 Nr. 1.0 Seite 6 anwachsenden. Tantiemen veranlassten, jeder Anregung behutsam aus dem Wege zu gehen. Des Räthsels Lösung ließ jedoch nicht allzulange auf sich warten. Das Eingehen in moderne Projecte '.md die Möglichkeit ihrer Financierung erfordert eben Zeit und vergleichendes.Studium, und hierzu gebricht es den, für, Titel- Verleihungen außerordentlich empfänglichen Herren, die an der Spitze manches Finanzinstitutes sieben, au Muße und Geduld. Viel einfacher und müheloser war es daher, den verheißungsvollen Pfad der Spekulation zu betreten. —■ Die Credit - a n st a l t, die spröde/ hochconservative Dame am Hof scheute sich nicht, an ihre/Vergangenheit zu vergessen und allen voran sich wohlgemuth ik? die Reihen abenteuernder Faiseure zu stellen, deren Machinationen leider noch immer die Tendenz und die Preisbildung rmfeke's Effectenmarktes beeinflussen. Klipp und klar konnte mmi r-as» lesen, dass die Anstalt, die sich stolz die „erste Bank" dev Monarchie titulieren lässt, den größten Theil des erzielten Gewinnes dem sattsam bekannten E n g a g e m e n t in A l p i n e n 'Mo n t a n - A c t i e n verdankt, welches dem brach darniederliegenden Markte mit den fragwürdigen Segnungen einer entfesselten Spielwuth beschenkte. Mochten sich auch die ernstesten Bedenken gegen die eigenthümliche Stellung geltend machen, welche die Creditanstalt in diesem Börsenmanöver einnimmt, wurden die geharnischesten Dementis in die Welt hinausposannt, Thatsache ist, dass das Institut noch über einen Besitzvon Alpinen verfügt, der mit s e ch z i g t a u s e n d Stück nicht zu hoch gegriffen erscheint. Zahlen sprechen bekanntlich, und das hallende Echo dieser Ziffer blieb nicht aus. Umfassende Verkaufe in Creditactien bewiesen, dass es noch Leute gibt,'welche die', Rentabilität ihres Besitzes nicht von den wilden Schwankungen des excessivsten Spielpapieres der Wiener Börse abhängig wissen wollen. Jobberthum und stabiles Erträgnis einer Actie sind eben Begriffe, deren diametraler Gegensatz sich nicht mit den schönsten rhetorischen Wendungen und den wirksamsten schriftstellerischen Rettungsapparaten verläugnen lässt. Ein würdiges Pendant zu diesen äußerlichen Erfolgen des abgelaufenen Finanzjahres ergibt die interne Beschaffenheit der Generalversammlungen, welche berufen sind, über das Wohl und Webe der Actionäre — meistens über das letztere — Beschluss zu fassen. Ueber die juristische Existenzberechtigung des unentbehrlich gewordenen Requisits der beliebten Strohmänner ist-schon viel gestritten worden. Tiefsinnige Rechtsgelehrte haben schwungvolle Essays und langathmige Abhandlungen zu Papier gebracht, um diesem Unfuge zu steuern; allein alle diese Reinigungsversuche hatten kaum mehr als eiu akademisches Interesse im Gefolge. Als eclatantes Beispiel hierfür diene die gewiss bemerkenswerte Begebenheit, dass in der kürzlich stattgehabten Generalversammlung eines vielgenannten industriellen Unternehmens nicht weniger als vierzig A c t i o n ä r e^ anwesend waren, von welchen nicht ein einziger die hinterlegten Stücke factisch in seinem Besitze hatte Die löblichen Directoren veranstalteten also nichts anderes, als eine Uebungssülnde wohldotierter Statisten, deren rührende Stimmeneinhelligkeit jeden Antrag, welcher den Fnnctionären beim grünen Tische unbequem zn werden drohte, im Keime erstickte. Nichtsdestoweniger blieb den eingeschüchterten, thatsächlichen Aetieninhabern die Erlaubnis, nach Bedarf zn murren, munificentest zugestanden, und schließlich wurde auch über diese Gefühlsregung in heiterster Laune zur Tagesordnung übergegangen. Der naive Frohsinn, welcher in den Berathnngssälen unserer Creditinstitnte feste Wurzeln schlug, scheint auch in dem Palaste der communalen Weisen unserer Stadt seinen Einzug gehalten zn haben. Wenigstens war es der echt groteske Einfall einiger sauierungsbedürftiger Stadtväter, behufs Entwirrung ihrer verwickelten pecuniären Lage ein Wiener Brauhaus ins Leben zu rufen. Die Proponenten sind wahrhaftig bescheidene Menschen. Vorläufig verlangen sie „nur" eineinhalb Millionen Gulden für ihr Unternehmen, welches, wie der Prospect in seiner erfrischenden Unverfrorenheit behauptet, alle Bedingungen einer gedeihlichen Entwicklung in sich birgt. Treffliches Brauwasser, herrliche Lage, günstigstes Absatzterrain — alles ist vorhanden, nur wird der Bevölkerung sorgfältigst verschwiegen, w o denn eigentlich dieses Prachtgebäude erstehen soll. Die feuchtfröhlichen Großstadtpolitiker, die nicht nur im Weine, sondern auch im Rathhauskeller die Wahrheit und unverfälschte Echtheit ihrer Luegerei erproben wollen, fahnden eben nach einem Object, an welchem sie abermals den Glanz ihrer fiuanciellen Unwissenheit darthnn können. Voraussichtlich werden die wackeren Parteigänger des jetzigen hauptstädtischen Regimes wieder beweisen wollen, dass bei ihnen in wirtschaftlichen Fragen, mögen sich dieselben auch nur auf ein überflüssiges Brauhaus beschränken, Hopfen und Malz für alle,Zukunft verloren ist. .Boreas. Die jüdische; Volkspartei. Die in Petersburg erscheinende, jüdische Zeitschrift „Ghronika wo sch o da“ widmet den Ausführungen unseres Blattes und der Meinungsäußerung Dr. Kronawetters über die Frage der Jüdischen Volkspartei eine längere Betrachtung, welche wir hier in wortgetreuer Uebersetzung wiedergeben. Nachdem das genannte Blatt die in unserem Blatte unter der Spitzmarke: „Die jüdische Volkspartei und Minoritätenschutz" enthaltene Grundidee mittheilt, knüpft es daran die Bemerkung: „Die Idee der jüdischen Volksbewegung ist eine harmlose und dürfte der Sympathie aller intelligenten Glaubensgenossen begegnen, aber auch auf Gegner stoßen. Die Bewegung erscheint zu kleinlich in den Augen derjenigen, die in die dunkle, weite Zukunft schauen — doch die Massen unseres armen Volkes beschäftigen sich nicht mit der entfernten Zukunft, denn die Drangsale der Gegenwart beschäftigeu sie vollauf, und der Volksparteimann steht vor der schweren Aufgabe, mit seinen geringen Kräften zu helfen, ^soweit er helfen kann, ohne sich um-den poetischen Schwung cher Dichter zu kümmern, die alles. Edle llnd Schöne in der fernen Zukunft sehen. Die Namen aller Gegner der Partei aufzuzählen, wäre überflüssig, da diese genügend bekannt sind. — Interessant ist das Verhalten der dem Volke nahestehenden Demokraten. — Es scheint, dass beiden die Lösung einer und derselben Aufgabe zufällt, denn ,,Demos“ heißt ebenfalls „Volk". — Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, dass ihn dasjenige am meisten ärgert, was ihm am ähnlichsten ist. Solchem begegneter unsympathisch. Von allen Thieren ärgert ihn am meisten der ihm am meisten ähnliche Affe, weil dieser nach der Anschauung des Menschen ihm unästhetisch erscheint." — In demselben „Jüdischen Vvlksblatt", in welchem die obenerwähnten Artikel über die Jüdische Volkspartei veröffentlicht sind, erschien ein Aufsatz von Dr. Kronawetter, der doch bis in das innerste Mark Demokrat und Führer der demokratischen Partei ist, in welchem behauptet wird, dass das „Volksthum" eine unrichtige Bewegung ist. —■ Dr. Kronawettcr beginnt seine Argumentation mit der Frage: Wer ist ein Jude? — Sonderbare Frage! — Haben diejenigen, die gegen die Inden Excesse vollführen, sich schon einmal in der Person geirrt und einen Andersgläubigen anstatt den Inden geschlagen? Ferner meint Herr Kronawetter bezüglich des Judenthums: „Ist dieses eine Confession oder eine Nationalität?" — Er legt viel Gewicht auf den Wortlaut der üblichen Phrase : „Die nationalen Gefühle" und fragt weiter: „Wenn Judenthum eine Nation bedeutet, wo ist sein Territorium?" — Dieser Gegenstand ist in jüdischen Kreisen zwar zur Genüge besprochen worden, aber Herr Dr. Kronawetter srägt nicht die „I ü d i s ch n a t i o n a l e u", sondern die „Jüdische V o l k s p a r t e i" und weist nach, dass die demokratische Partei (wie jede andere) „Volk" und „Nation" als Sinouymen bezeichnet. Das ist jedoch ein großer Jrrthum. Wenn wir es recht verstehen, muss „Nationalität" unbedingt den Begriff der politischen Unabhängigkeit in sich enthalten. Die nationalen Zionisten haben Recht, wenn sie behaupten: „Wir haben wohl gegenwärtig kein Territorium, sind aber bestrebt, ein solches zu bekommen und müssen es bekommen, denn wir sind eine Nation und wollen es vollständig sein." Sv eine nationale Bewegung ist logisch. — In Wien, wie in ganz Westeuropa wird unter dem Worte „Nationalismus" dieses System verstanden. — Die Förderung eines Volkes, welches ein Territorium bereits besitzt oder ein solches zu erwerben sich bestrebt. Ein „Volk" kann aber auch ohne den Besitz eines Territoriums und ohne Bestrebllttg zur Erreichung politischer Unabhängigkeit, als solches betrachtet werden. „Volksthum" ist blos eine culturelle und ökonomische Bewegung, die keinesfalls eine territoriale Unabhängigkeit erstrebt. „Nationalismus" hingegen ist eine territoriale politische Bewegung, obwohl dieselbe von manchem als eine geistige Bewegung bezeichnet wird. Im Sinne der politisch Nationalen ist die Seelenbewegung, welche „Natioualgefühl" genannt wird, als: die Achtung vor der großen Vergangenheit eines Volkes, seiner culturellen Errungenschaften, welche nothwendig jeder — 38 — dagegen überall da, wo es sich um wohlthätige Zwecke handelte, seine Hand weit geöffnet hielt. Aron nahm auf des Freundes Rath in den Abendstunden, nach Schluss des Geschäftes, Unterricht in verschiedenen auf den Handel bezüglichen "Gegenständen, so in der einfachen und doppelten Buchhaltung, im kaufmännischen Rechnen, in der Correspondenz, in Geographie, Warenkunde, in der Zoll- und Monopols-Ordnung und in fremden Sprachen, besonders im Italienischen, Französischen und Englischen. Er war sehr geizig mit der Zeit, er musste auch sehr fleißig sein, um alle Disciplinen zu bewältigen und auch dies gefiel dem älteren Freunde sehr, dass der junge Mann hierzu keines äußeren Anspornes bedurfte, dass ec vielmehr den Trieb und Ansporn zur Bewältigung seiner mannigfachen Aufgaben in sich selber hatte. Auch fand es Jonas Bohnmeier sehr lobenswert au dem jungen Manne, dass er sich in einer Stadt wie Wien, wo so mannigfache Gelegenheit sich bietet, dem Vergnügen nachzugehen, sich durch nichts von seinen ernsteren Zwecken ablenken ließ. Bohnmaier hatte den jungen Mann ganz in sein Herz geschlossen und sah mit Freude, wie er sich von Tag zu Tag zusehends entwickelte. Nach ungefähr vier Jahren hatte sich Aron alle die Disciplinen, mit denen er sich beschäftigte, vollkommen zu eigen gemacht und auch in den Sprachen, die er lernte, eine ziemliche Fertigkeit erworben. Da er nunmehr auch im Geschäfte zu jeder beliebigen Art von Thätigkeit verwendet werden konnte und in der Erfüllung seiner Obliegenheiten einen Eifer an den Tag legte, als ob er nicht zum Vortheile eines fremden, sondern in seinem eigenen Interesse bei der Arbeit gewesen wäre, so erlaubte sich Jonas Bohnmeier, dem Chef der Firma es nahe zu legen, dass es eigentlich recht und billig wäre, dem jungen Manne, den er mit bestem Wiffen und Gewissen als einen treuen und redlichen Diener des Hauses bezeichnen durfte, von nun au nicht weiter in der Stellung eines unbesoldeten Volontärs zu belassen, sondern nach Gebür und Verdienst in die Reihe der Angestellten aufzunehmen, ein Vorschlag, der von dem Chef ohne jede Einwendung angenommen wurde. Diese Anerkennung seiner Leistungen war für den jungen Kohu eine tzroßki Genugthuung. Nicht der Umstand, dass er von jetzt ab monatlich aus der Cassa ein Gehalt bezog, mit dem er bei seinen geringen Bedürfnissen die für den Lebensunterhalt nöthigen Ausgaben bestreiten konnte, war. es, was ihn dabei erfreute; er hatte ja auch bisher an nichts Mangel gehabt: und vom elterlichen Hanse reichlich alles erhalten, was er gebraucht. Aheö, dass er nun ein Mensch sei, von dem man die Meinung hegen konnte, seine Thätigkeit sei ihres Lohnes wert, dass er auf seine eigenen Füße gestellt wurde und sich, auch wenn er nicht das Glück hätte, der Sohn eines reichen Mannes zu sein, sich selbst sein Brot zn verdiellen imstande war, dieser Gedanke Hub mächtig sein Selbstgefühl. Bei aller Selbständigkeit aber, die er erlangt hatte, blieb er bescheiden uub zuvorkommend wie bisher und niemand konnte sagen, dass seine Erhebung ihn auch im Mindesten zu einer Ueberhebung verleitet hätte. Namentlich aber sein Verhälbtis" zu Jonas Bohnmaier gestaltete sich womöglich noch inniger — 39 — und vertranter. In jeder Kleinigkeit fragte er den Freund, dessen größere Erfahrung er zu schätzen wusste, um Rath und that nichts ohne dessen Wissen und Willen. Er legte seine Seele dem Freunde hin, offen wie ein anfgeschlagenes Buch, in welcher dieser nur zu blättern brauchte, um die ganze Schönheit und den Adel seines Herzens zu erkennen. vm. In den freien Stunden, die, nachdem seine Lehr- und Lernzeit vorüber war, dem jungen Manne zur Verfügung standen, Pfl-gte er sich nun in den herrlichen Praterauen oder auf dem Glacis zu ergehen, und wenn da irgendwo eine Civil- oder Militärkapelle spielte, so blieb er stehen, oder er setzte sich, falls ein Plätzchen zu erhaschen war, wohl auch nieder, um zuzuhören. Er fand ein großes Vergnügen an der Musik und verwunderte sich oft im Stillen darüber, wie es möglich sei, dass die verschiedenen Töne der mannigfachen Instrumente so zn einem Ganzen gefügt und geordnet werden können, dass der Hörer den Eindruck hat, als hätte man einen körperlichen Gegenstand vor sich, der in sich so abgeschlossen sei, als hätte ihn die Natur so hervorgebracht, wie sie einen Baum hervorbringt oder ein /Pferd; und wie doch wieder, wenn das Musikstück zu Ende ist, nichts übrig bleibt von allem, lute alles das in Luft zerflossen ist und aufgelöst, während der Baum dasteht zur Anschauung und ich ihn immer wieder und wieder sehe, so oft ich will, ebenso das Pferd und die vielen anderen Dinge. In solcher Stimmung saß er einmal auf einer Bank im Prater, als zwei Mädchen, die des Weges kamen, herzu traten uub sich auf dieselbe Bank setzten. Bescheiden rückte er ein wenig zur Seite, um ihnen etwas mehr Raum zu gewähren, wofür sie nicht mit Worten, wohl aber mit freundlichem Kopfnicken dankten. Er blickte sie verstohlen von der Seite an, wendete das Auge aber rasch wieder weg, da von Seite der beiden Mädchen in Beziehung auf ihn dasselbe geschah und sein Blick ihren Blicken begegnet war. Er senkte das Auge zur Erde und wagte nicht mehr es zu erheben; ja er wagte kaum zu athmen und hatte ein Gefühl, als ob er eill Verbrechen begangen hätte. Das eine der Mädchen, welches Aron zunächst saß, schien im Alter von etlua viernndzwanzig Jahren zu stehen, sie war eine reizende Briiilette mit schwarzen Augen und schwarzem Haare, schlank von Figur wie Arons Mutter. Die andere, eine himmlische Schönheit, eine Blondine von hohem Wüchse und üppiger Körperfülle, sie konnte höchstens ztvanzig Jahre alt sein, Und ihre blauen Augen eriuuerteu Aron, obwohl er sie nur flüchtig mit einen» einzigen Blicke gestreift hatte, au die blauen Augen Emmas, welche das Glück und das Unglück seines verstorbenen Vetters Wolf gewesen waren. Lange saßen sie alle drei schweigend da. Endlich brach die Brünette das Schweigen: Fanny! Weißt Du, dass der Zimmerherr schon wieder ein neues Gedicht gemacht hat? Nein — erwiderte die Gefragte und Aron sagte sich im Stillen:

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