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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-21 · 10 (21.4.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
10 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. April 1899 Seite 5 scheinlich, dass der Jude durch die Taufe mit einem Schlage aus der Knechtschaft zur Freiheit gelangt! Was hält also diese Massen, deren Intelligenz doch von keiner Seite abgesprochen wird, auf diesem exponierten Platze fest, wo sie allen Pfeilen schutzlos ansgesetzt sind? Hierauf gibt es nur eine Antwort: Die Einen werden durch die Religion, die ihr ganzes Wesen bestrickt und beglückt, die anderen durch die Nation, durch die zartesten und doch stärksten Familienbande festgehalten. Und es muss in der That so sein. Unmöglich könnte das mechanische Gesetz der Trägheit, des Beharrens in einem überkommenen Zustande, das zähe Festhalten der jüdischen Volksmenge bewirken. Religion und Nation trotzen allen widrigen äußeren Verhältnissen, allen verheerenden Stürmen im Innern. Geschieht doch unausgesetzt von allen Seiten alles mögliche, nm „Los von Zion" erklärlich erscheinen zu lassen, und doch hören wir in unserer Zeit gerade den entgegengesetzten Ruf: Hin nach Zion und dies von einer Seite, die nichts weniger als fromm im Sinne der Strenggläubigen genannt werden muss. Von allen Seiten alles Mögliche! „Von außen reibt aus das Schwert und von innen die Furcht" — die Furcht, Schäden und Gebrechen öffentlich zu zeigen und vor den Augen aller Welt bloßzulegen. Als Freunde der Wahrheit und geleitet von dem Bestreben, durch Aufdecken der wunden Stellen eine Heilung zu ermöglichen, müssen wir offen und ehrlich unsere Fehler und Schwächen eingestehen, selbst ans die Gefahr hin, unseren boshaften Feinden dadurch Gelegenheit zu geben, uns angreifen zu können. Die Angriffe unserer Feinde schaden uns beiweitem nicht so sehr, als die verdeckten eiternden Wunden, die, wenn eine Heilung unmöglich ist, langsam aber sicher unserem Körper den Tod bringen müssen. Wir kommen aus der Großstadt in eine alte Judengemeinde, die das jüdische Gepräge noch in allen Zügen deutlich und weithin sichtbar trägt. Es ist Sabbath. Das merken wir sofort in den Straßen, denn sämmtliche jüdische Verkaufsläden sind geschlossen. Leute promenieren in den Straßen, debattieren ziemlich laut nnd ungeniert bald in deutscher Sprache, bald im jüdischen Jargon. Wir gewähren Männer und Frauen in Festgewändern, mit Gebetbüchern versehen, die sich einem hübschen, mit Bäumen bewachsenen Platze zu bewegen. Das ist offenbar der Tempelplatz, hier steht auch schon der Tempel in größeren Dimensionen, nicht aufdringlich, prunkvoll, aber -sicherlich geräumig und ansehnlich. Es ist gegen 10 Uhr. Schon stehen Gruppen von Herren und Damen — der Kleidung und Haltung nach zu urtheilen, kann nur von Herren und Damen gesprochen werden — vor der noch geschlossenen Thüre des Gotteshauses. Unweit von dem bezeichneten Platze sehen wir ebenfalls eine Gruppe von Herren vor einem netten, bescheidenen Hänschen, und es wird uns die Auskunft ertheilt, das seien Orthodoxe, das nette Häusckien an der Ecke ist das orthodoxe Bethaus. Es sind also hier zwei jüdische Parteien: Orthodoxe und.. . Nichtorthodoxe. Wir konnten auf unser eindringliches Fragen, worin die zwei Parteien sich unterscheiden, keine rechte Antwort erhalten. Am deutlichsten noch klang uns eine Aeußerung: Die Orthodoxen sind — meschnge. Die Pforten des Tempels haben sich mittlerweile geöffnet, Rabbiner und Cantor erscheinen im Ornate und begeben sich in den Tempel. Ein Theil der Versammelten folgt denselben, aber der größere Theil verbleibt am Platze und macht durchaus keine Miene, den Beginn des Gottesdienstes nicht zu versäumen. Wir begeben uns ebenfalls ins Gotteshaus und sind wirklich überrascht von der Größe und einfachen Schönheit dieses Tempels. Alles ist ganz modern: das Allerheiligste, der Almemor, die Sitze für Männer, die Gallerten der Frauen, alles sehr bequem und angenehm, so dass man hier Gott in aller Bebaglichkeit verehren kann; modern aber auch in einem anderen Sinne: der feierliche Gottesdienst hat schon begonnen und sehr wenig Leute sind noch im Tempel. Die draußen vor dem Tempel stehenden und sich lebhaft unterhaltenden Gläubigen sind mindestens zehnmal so viel als die im Tempel befindlichen. Die Thora wird bereits verlesen. Ziemlich rasch nach einander werden Kohen, Löwi und der Rabbiner als dritte gerufen und absolviert: man hört nur je ein Mischeberach, sind wahrscheinlich lauter arme Leute. Beim Vierten beginnt ein langsameres Tempo. Das ist ein achtbarer Mann, der in der Gemeinde eine größere Verwandtschaft hat, der niemanden verletzen und nicht als schmutzig erscheinen will. Er lässt daher der Reihe nach jedem seiner Verwandten und bessere» Bekannten je einen Mischeberach machen, und obwohl er nur 18 Kreuzer bei jedem schnodert, so ergibt sich doch ein hübsches Sümmchen. Was soll man thun? Man darf sich nicht spotten lassen. Mittlerweile hat sich der Tempel etwas gefüllt, auch die Frauengallerie ist schon hübsch besetzt. Würde man dies nicht sehen, so könnte man es jedenfalls hören. Nun erscheint eine Schar Herren verschiedenen Alters, und man belehrt uns, dies seien Casinomitglieder, die eben vom Gabelfrühstück kommen, ganz gewiss feine Herren, das erkennt man schon an den Spazierstöcken. Es wird bereits lauter im Tempel. Der Fünfte ist schon bei der Thora. Es wird ihm ungefähr drei Minuten vorgelesen, aber die obligaten Mischeberach dauern schier endlos und geben dem Publicum hinlänglich Muße, in eine Conversation einzutreten. Die Frauengallerie ist fast gänzlich besetzt. Man ist in einer frommen Gemeinde, das muss man sagen, alles will am Sabbath vor Gott erscheinen. Interessante Damen, sie stecken die Köpfe zusanimen und geben dadurch Gelegenheit, Vergleiche anzustellen. Ein freundliches Lächeln zeigt sich fast bei allen, es scheint, dass ein amüsanter Stoff zwischen ihnen verhandelt wird. Auch die Herren gruppieren sich; man sieht ihnen die Leutseligkeit aus den glücklich strahlenden Gesichtern, in einer so frommen Gemeinde ist auch der Auneg schabboth zuhause. Man kann getrost wetten, dass die Herzen all dieser Leute von Wohlwollen gegen ihre Mitmenschen erfüllt sind. Zu bedauern ist nur, dass das Wohlwollen derart die Herzen füllt, dass der Mund davon übergeht und ztvar ziemlich laut, so dass man bereits das Wort des Thoralesenden nicht mehr versteht. Thnt nichts, der liebe Gott hört und das ist die Hauptsache. Eine fromme und doch moderne Gemeinde. Zu beiden Seiten der heiligen Lade sind zwei Tempelvorsteher, der Rabbiner und der Cantor placiert, selbstverständlich mit dem Gesichte dem Publicum zngekehrt. Der Rabbiner scheint sich nicht behaglich zu fühlen, sein Gesicht ist etwas schmerzhaft bewegt, oder stört ihn die etwas bewegte Menge? Kinder gehen ab und zu: recht herzige, liebe Kinderchen sind von den Eltern mitgebracht worden, manche darunter, die vielleicht zwei Jahre alt sind. Man kann eben die Bekanntschaft des lieben Gottes nicht frühzeitig genug machen. Die Kleinen blicken anfangs neugierig das ihnen fremde Thun nnd Treiben an, bald aber fühlen sie sich heimisch und lachen und singen im Gotteshanse wie im Elternhause, die lieben herzigen Kinder! Wie glücklich fühlen sich die Eltern in diesem Momente. (Fortsetzung folgt.) Wirtschaftliche Rundschau. Finanzielle Streiflichter. Die letzten zwei Wochen standen unter dem Z'ichen der Bilanzen, welche die verschiedenen, auf Actien gegründeten Unternehmungen zur Veröffentlichung brachten. Der E «druck, den diese Publicationen hervorriefen, war durchaus nicht der der ungemischten Freude, nnd die Auffassungen, welche das geschickt gruppierte Ziffernmateriale begegnete, fanden in der Stimmung der Börse ihr prägnantes Spiegelbild. Zunächst musste es befremden, dass nirgends ein Ansatz zu der seit undenklichen Zeiten sehnlichst erwarteten, ökonomischen Besserung zu erkennen war; hatte sich bisher die Gewohnheit herausgebildet, mit dem Erwachen des Frühlings auch eine Periode neuer Transactionen zu begrüßen, so wurden diesmal alte Voraussetzungen nach dieser Richtung gründlich enttäuscht. Ein Jahr ödester Geschäftsstille nnd steriler Unthätigkeit war verstrichen, und auf der dürftigen Summe von drei Tönen basierte die Melodie, welche zu den Rechenschaftsberichten gesungen werden sollte. Die schon legendenhaften Schwierigkeiten im Ausgleiche mit Ungarn, die erhöhten Steuerleistungen der auf Gewinn abzielenden, gesellschaftlichen Associationen, und die Eindämmung jeder neuen, commerciellen Idee vereinigten sich zu dem willkommenen Vorwand, hinter welchem der Mangel legitimer, fruchtbringender Schaffenslust sichere Zuflucht suchte. Es war daher nicht zu verwundern, wenn in den Kreisen objectiv denkender jeder volltönenden Phrase abholder Actienbesitzer eine sichtliche Verstimmung platzgriff, die umso unbegründeter erschien, als man sich die Motive nicht zu erklären vermochte, welche die führenden Geister im Bereiche der lieblich — 40 — Fanny heißt sie! und war glücklich, den Namen der Göttlichen so ganz zufällig, ohne sein Hinzuthun erfahren zu haben. Fanny! — sagte die Brünette — willst Du es anhören? Wieso? — fragte Fanny, Ich habe es mir abgeschrieben — entgegnete die Brünette. So? — sagte Fanny etwas gleichgiltig. Ja Fanny — antwortete die Brünette — ich habe ihn darum gebeten und er hat es mir erlaubt. , Ich hätte das nicht gewagt — sagte die Blondine. Du bist auch gar zu schüchtern Fanny! — sagte die Brünette, und Aron fühlte jedesmal, so oft sie den Namen Fanny über die Lippen brachte, fein Herz pochen, als ob in dem bloßen Klange dieses Wortes eine besondere Kraft gelegen wäre, die imstande war, an sein Herz zu rühren. Wenn ich mm einmal so bin — sagte die Blondine. Nein Fanny — entgegnete die Brünette — Du bist gar zu gleichgiltig. Deine Gleichgiltigkeit ist geradezu beleidigend. Auch jetzt, in diesem Augenblicke, beleidigst Du ihn. Ich? — fragte die Blondine — wieso? Du bist ja — sagte die Brünette — nicht im mindesten neugierig, sein Gedicht anzuhören! Du kannst es mir meinetwegen ja vorlesen — sagte Fanny. Meinetwegen ja vorlesen — machte ihr die Freundin nach — was ist das für eine Allsdrucksweise? Ja, lvas soll ich' denn machen? — fragte Fanny. Du könntest ihm doch auch einmal ein freundliches Gesicht zeigen. Bin ich denn nicht höflich genug? Höflich! — sagte die Brünette — wer spricht von Höflichkeit? Was will er denn von mir? Ja, wenn Du so fragst; wenn Dll es nicht weißt, nicht verstehst, es Dir nicht deuten kannst. — Ich mag nichts wissen nnd will nichts deuten — sagte Fanny — Nuh' will ich haben. Du bist unverbesserlich! — sagte die Brünette. —■ Wenn er seine Gedichte nicht an Fanny richteil würde, sondern an eine andere Adresse- Sagen wir, an Rosa — unterbrach sie die Freundin. Sagen wir, an Rosa — sagte Rosa, so hieß die Brünette — so würde er mit derselben eine gnädigere Aufnahme finden, als bei der spröden Blondine, die er sich in den Kopf gesetzt! Du weißt nicht, was Du sprichst — entgegnete Fanny — ich kann mich nicht anders machen, als ich bin, und nicht anders verhalten, als ich thue. Lässt sich fo etwas denn vorschreiben? Was geht es mich an, wenn er mich schön findet? Uebrigens — setzte sie nach kurzer Pause fort — kann ich sein Gedicht ja anhören. (Fortsetzung folgt.) Novellenschatz. Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Vor seinem Abgänge ans dem Elternhause hatte sich in seinem Heimatsorte noch etwas sehr Traririges ereignet. Der alte Lehrer, der die Kinder im „Aleph-Beth" unterrichtete, hatte eine Tochter, ein bildschönes Mädchen von 18 Jahren. Dieses Mädchen hatte sich ins Wasser gestürzt. Sie wurde aber frühzeitig genug herausgezogen und zum Bewusstsein gebracht. Das Motiv für beit beabsichtigten Selbstmord wollte sie nicht angeben; es enthüllte sich aber alles von selbst, denn der Arzt erkannte, dass sie ein Lebendes unter dem Herzen trage. Sie hatte sich durch den Tod der Schande entziehen wollen; aber es hatte ihr nichts genützt, die Schande war ans Licht gekommen, und der alte Mann, ihr Vater, hat darüber den Verstand verloren und musste nach Brünn ins Irrenhaus gebracht werden. Mit dem Eindrücke dieses erschütternden Ereignisses verließ Aron den Heimatsort. VI l. Der Vater hatte ihn in Wien in einem größeren Geschäftshause als Volontär untergebracht. In diesem Hause war seit mehreren Jahren Jonas Bohnmeier bedienstet, an diesen schloss sich Aron mit aller Hingebung, der er fähig war, an. Jonas Bohnmeier war um etwa zehn Jahre älter als Aron, ein Mann von der strengsten Pünktlichkeit. Die anderen Bediensteten nannten ihn einen Pedanten, der Chef aber hielt große Stücke auf ihn und ermahnte den Neuling sich an Bohnmeier zu halten und ihm in allen Stücken zu folgen. Aron stand also gleichsam unter dessen Leitung; aber aus dem anfänglichen Verhältnisse des Lehrlings zum Führer, entwickelte sich nach und nach ein Verhältnis der Freundschaft, welches auf völliger Gegenseitigkeit beruhte, und dies umsomehr, je mehr der ältere von beiden erkannte, dass er dem jüngeren Manne nicht nur zu geben, sondern von ihm auch zu empfangen habe. Und was der Jüngere zu bieten ver mochte, war allerdings etwas Seltenes, es war der Reichthum eines großen nnd edlen Herzens. Es gefiel Bohnmeier sehr, dass Aron Kohn bei den reichen Mitteln, die ihm vom väterlichen Hause her zur Verfügung standen, mit seinem Gelde sparsam umzugehen verstand und gar nicht verschwenderisch war,

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