Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 10 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. April 1809 Nr. 10 christlich-socialen Zusammenstellung gegen liberale,dentschnationale und socialdemokratische Lehrer ungemein streng vorgeht, wie zahlreiche Fälle beweisen, gegen Rauscher mit einem Verweise verwenden und selbst gegen dessen Ertheilung sprachen sich einige Mitglieder dieser Behörde aus, ganz besonders der sonst nicht so zartfühlende und rücksichtsvolle Herr Gregorig. Der Landesschulrath gab sich jedoch mit diesem Disciplinar- Erkenntuisse nicht zufrieden, erkannte Rauscher auf Grund des erwähnten Vorfalles für unfähig, die Stellung eines Bürgerschullehrers zu bekleiden und degradierte denselben zum Lehrer. Eine Zierde des Gemeinderathes bildet dieser Jugenderzieher aber noch immer als eine hervorragende Acquisition der Majorität dieser Körperschaft. Budapest. (Iahres - Geuera lversammluttg der Repräsentanz der P e st e r israelitischen C u l t u s g e m e i n d e.) Unter Vorsitz ihres Präsidenten Sigmund Kohner hielt am 12. d. M. die Repräsentanz der israelitischen Pester Cultusgemeinde ihre diesjährige General- Versammlung ab. Der Vorsitzende gedachte in seiner, einen Rückblick auf das verflossene Jahr werfenden Eröffnungsrede in pietätvollen Worten des Ablebens zweier Wohlthäter der ungarischen und speciell der Bndapester Judenschaft: Der Baronin Moriz Hirsch und Alexander W a h r m a n u's, worauf die Generalversammlung ihrer schmerzlichen Trauer protokollarisch Ausdruck verlieh. Laut dem Berichte der Vorstehung sind die Ausgaben für das Jahr 1899 mit 500.996 fl. präliminiert; hiervon entfallen auf Tempelzwecke 60.000 fl., auf Unterrichtszwecke 90.000 fl., für Spitalzwecke 112.000 fl., für die Armenunterstützung 50.000 fl., für andere wohlthätige Ausgaben 20.000 fl. und für das Rabbinat 50.000 fl. Bei den Einnahmen figurieren die directen Cultnsbeiträge mit 108.000 fl. Die Zinsen der in der Verwaltung der Cultusgemeinde stehenden Stiftungen stellen sich auf 45.000 fl. Dr. Max Schächter stellte den Antrag, die Vorstehung möge in irgendeiner Art die Repräsentanz in ihre Wirksamkeit einbeziehen, weil nur auf diese Weise die in der Repräsentanz vertretene große Intelligenz zur Geltung gelangen könne. Nachdem Paul Tencer diesen Antrag befürwortet hatte, erklärte Präsident Sigmund K o h n e r, dass derselbe nur bei Aenderung der Statuten durchführbar sei. Die Vorstehung werde sich mit der Frage beschäftigen und der Generalversammlung einen concreten Vorschlag unterbreiten. Dr. Max Schächter zog hierauf seinen Antrag zurück und schließt sich dem Vorschläge des Präsidenten an. Hierauf erfolgte die Annahme des Berichtes in seiner Gänze. Nach Annahme des Berichtes der Rechnungs-Revisions-Commission wurde der Vorstehung das Absolutorium ertheilt. Der Antrag der Vorstehung betreffend die Errichtung einer Königin Elisabeth-Stiftung von 40.000 Kronen, deren jährliche Zinsen am Todestag weiland Ihrer Majestät unter die Armen vertheilt werden sollen, wurde angenommen und mit der Verwaltung der Stiftung die Wohlthätigkeits-Section betraut. Ebenso wurde der Antrag der Vorstehung zum Baue eines neuen Waisenhauses im Stadtwäldchen einen Grund zu kaufen, acceptiert. In den Ausschuss wurde an Stelle des verstorbenen Armin Brüll Jacob von Für st gewählt. Damit war die Generalversammlung zu Ende. Petschan. (Schönerer und die Lehrer.) Am 4. d. hielt der Petschaner Lehrerverein im Schulgebäude eine Versammlung ab. Hiebei kam eine Mittheilung zur allgemeinen Kenntnis, die sehr interessant ist und auch nicht eines pikanten Reizes entbehrt. Der Obmann des Vereines erwähnte nämlich, dass der „Bund der deutschen Landwirte in der Ostmark" — eine Schöpfung Schönerers — am 29. Jänner im benachbarten Neudorf eine Wanderversammlung abgehalten hatte, bei welcher auch der Abgeordnete Schönerer eine Rede hielt, die nichts anderes enthielt als die bereits schon zur Genüge bekannten bramabasierenden Redensarten und Beschuldigungen der deutschliberalen Abgeordneten, Beschimpfungen der Juden und Socialdemokraten und die bis zum Ekel gediehenen Lobhudelungen seiner von ihm so hochgeschätzten Person; nach Beendigung seiner Rede verließ er schleunigst den Saal, so dass es nicht möglich war, Anfragen an ihn zu stellen. Als nun mit einer solchen Anfrage sich der Obmann des Lehrervereines, Herr K ü ch l e r, an den Leiter der Versammlung, Herrn Schambauer, wandte, verwies dieser Herr den Frager an den Abgeordneten Schönerer. Der Interpellant wollte sich aber nicht beruhigen, suchte den Volksvertreter überall und fand ihn endlich —■ im Schankzimmer und bat ihn, sich doch noch ein wenig der Versammlung zu zeigen und seinen Standpunkt in der Gehaltsfrage bekanntzugeben. Doch Held Schönerer blieb sich consequent — und kam nicht! Auf ein recommandiertes Schreiben an ihn nach Rosenau mit genau derselben Anfrage kam aber doch Antwort in Begleitung eines ganzen Pakets der bekannten Drucksorten; allerdings enthielt die Antwort absolut keine Erklärung oder präcise Stellungnahme in der beregten Angelegenheit, sondern neuerdings heilloses Geschimpfe über Juden. Das ist aber auch das Um und Aus dieses vom Alkohol ganz umfangenen Menschen — wie eilte andere Frage zur Beurtheilnng kommt, zeigen sich er und seine Partei in ihrer wahren Hohlheit. Mähr.-Schönberg. (Eine Stiftung.) In der am 12. d. stattgefundenen Sitzung des Gemeinderathes theilte Bürgermeister Friedrich Ritter v. T e r s ch mit, dass die hiesige Seidenfabriksfirma Trebitsch und Sohn für das projectierte Siechenhaus den Betrag von 1000 Gulden in der Voraussetzung gespendet habe, dass die Aufnahme in dasselbe seinerzeit nicht von der Confession der Bedürftigen und Bresthaften abhäugen werde, sondern jedermann die ärztliche Hilfe zur Verfügung steht. Es ist natürlich nicht nothwendig, zu betonen, dass die Spender Juden sind, allerdings wirft die ganz ausdrückliche Bestimmung ein eigenthümliches Streiflicht auf die hiesigen Verhältnisse, die nicht einmal dem Kranken und Bedürftigen Hilfe bietet, wenn er Jude ist. Ausland Berlin. Wegen Wiedergabe der Reden des Grafen Pückler-Klein Tschirne ist nunmehr gegen drei antisemitische Organe, gegen die ..Staatsbürgerzeitung" und „Deutschen Generalanzeiger" in Berlin, und gegen die „Sachsenschau" in Magdeburg Anklage erhoben worden. Dagegen hat die sächsische Staatsanwaltschaft ein Einschreiten gegen die in Dresden erscheinende „Deutsche Wacht", deren Herausgeber der gewesene Abgeordnete Zimmermann ist, abgelehnt. — „Christen links, Inden rechts" hatte ein Schaffner eines Breslauer Zuges beim Einsteigen den Passagieren zugerufen. Ein jüdischer Passagier wandte sich dieserhalb mit einer Beschwerde an die Breslauer Betriebsdirection und erhielt binnen wenigen Tagen den nachstehenden Bescheid: „In Erledigung Ihres Schreibens danken wir Ihnen für Ihre Mittheilung über das ungehörige Benehmen unseres Schaffners, den wir dafür in eine Ordnungsstrafe genommen. Derartige Uebelstände, die uns nur zu selten bekannt werden, verurtheilen wir auf das entschiedenste und werden sie jederzeit auf das strengste rügen. Berlin. Dem nennten Jahresberichte der hier bestehenden Schule zur Ausbildung armer jüdischer Dienstmädchen entnehmen wir: Unterrichtsgegenstände sind Hcnshaltungslehre, Backen, Kochen und zur Wirtschaftsführung nöthigen Kenntnisse. Dauer per Lehrzeit zwei Jahre; der Unterricht ist gratis. Im letztabgelaufenen Jahre waren 17 Mädchen im Alter von 14—17 Jahren in der Anstalt. Dem Vereine, welcher 458 Mitglieder zählt, fließen als jährliche Beiträge 5183 Mark zu. Breslau. (Ein S ch ä ch t v e r b o t.) Der Regierungspräsident von Breslau hat, wie die hiesigen und Berliner Blätter melden, folgende Polizeiverordnung erlassen: „Es ist verboten, das Blut von solchen Thieren, denen beim Schlachten der Schlund durchgeschnitten wurde (der nach israelitischem Gebrauch durch Halsschnitt geschlachteten, d. i. geschächteten Thiere) zur Herstellung menschlicher Nahrungsmittel zu verwenden. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden mit Geldstrafen bis zu 00 Mark geahndet." Die antisemitischen Blätter, allen voran die „Staatsbürgerzeitung", sind ganz entzückt über diesen Erlass und fordern dringend zur Nachahmung auf. Königsberg. Der Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde „Adath Israel", Dr. E. Munk, hat hier eine, unter seiner Leitung stehende hebräische Schule ins Leben gerufen, in welcher in den Nachmittagsstunden hebräische Sprache nebst Grammatik, das Verständnis der hebräischen Gebete, und den reiferen Schülern auch Misclinijoth vorgetragen werden. Schon jetzt werden die wohlthätigen Folgen dieser Schule fühlbar, indem das jüdisch-nationale Bewusstsein im Herzen der Kinder, so wie das Sittlichkeitsgefühl bedeutend gehoben wurde. Podersam. (Zur jüdisch en Leh rerfr ag e.) Am Osterdienstag fand hier eiue äußerst zahlreich besuchte Lehrerversammlung, an welcher sich die Bezirkslehrervereine Podersam, Saaz, Luditz und Kralowitz betheiligten, statt. Zu derselben haben sich auch die Reichsrathsabgeordneten Dr. Schücker, Anton Steiner und der Landtagsabgeordnete Fr. Albl eingefunden, während viele andere theils brieflich, theils telegraphisch ihr Nichterscheinen entschuldigten und ihre warme Sympathie für den Lehrerstand an den Tag legten. Da drängt sich denn die Nothwendigkeit, Vergleiche anzustellen, gebieterisch auf. Die Lehrer vom Staate angestellt, definitiv angestellt, mit dem Bewusstsein steigender Einnahmen, suchen, und zwar mit vollem Rechte, ihre Stellung zu verbessern. Wie sieht es dagegen mit den jüdischen Cultusbeamten aus? Deren Lage zu schildern und auch nur zum geringsten Theile annähernd beschreiben zu können, müsste man mit dem liturgischen Dichter ausrufen: „Und wären alle Wasser Tinte und alles Schilf Federn und alle Menschen Schreiber — es genügte nicht!" An eine solche Schilderung zu gehen, ist ja schon aus dem Grunde unmöglich, weil es an einem geeigneten O r g a n e fehlt, denn die monatlich einmal erscheinenden „Mittheilungen" des isr. Lehrervereines in Böhmen werden eben zum überwiegend größten Theile von denjenigen gelesen, denen man in dieser Beziehung nichts neues sagen kann. Es bedarf einer Zeitschrift, die in den breiten Schichten des Volkes Eingang gefunden und darum geeignet ist, ein Dolmetsch der,.bescheidenen Wünsche der Cultusbeamten zu werden. So poche ich denn heute zuvörderst an die Pforte des „Jüdischen Volksblattes" und bitte um Einlass. Ich frage, ob es in Hinkunft seine Spalten öffnen will den Bedrückten und Bedrängten. Ich erbitte mir Auskunft darüber, ob es Raum geben will denjenigen, die durch ihre Thätigkeit das Volksbewusstseiu iu der Jugend Brust wachrnfen und wach erhalten. Und wenn diese Worte nicht „eine Stimme, rufend in der Wüste" bleiben werden, soll in einer kleinen Artikelserie das Leben und Weben der Cultusbeamten der mittleren und kleinen Gemeinden ohne jede Uebertreibnng, frei von aller Ueberschwenglichkeit, dargestellt werden. Wenn dieser Schritt auch nur einen einzigen der unzähligen Uebelstände beseitigen sollte, tväre es schon mit Freuden und mit Genngthuung zu begrüßen. Rychnovski. Lodz. Wie der „Hazesirah" meldet, hat Lodz bei der letzten Volkszählung eine Bevölkerung von ungefähr 315.000 Seelen, darunter 100.000 Juden, also circa 32 Percent. Vergleichen wir diese Daten mit den Ergebnissen früherer Zählungen, so finden wir, dass im Jahre 1800 die Stadt nur 32.639 Einwohner, darunter 4579 Juden, also nur ungefähr 14 Percent hatte. Das bedeutende Wachsthum der jüdischen Bevölkerung lässt sich nicht nur durch den natürlichen Zuwachs erklären, sondern hat seine Ursachen hauptsächlich in der inzwischen erfolgten Ausweisung der Juden ans dem Innern Russlands. Im allgemeinen kann behauptet werden, dass die Zahl der Juden in Lodz mit jedem Tage wächst und sie alle in ihren Unternehmungen vom Glücke begünstigt sind und Erfolg haben. Der größte Theil der kleinen Werkstätten sind in jüdischen Händen und auch die Wohnhäuser gehören meistentheils Inden. So sind z. B. in einer der Hauptstraßen der Stadt von 70 Steinhäusern nur 12 im Besitze der Christen, die übrigen 58 gehören Juden, während es noch nicht lange her ist, dass alle 70 Häuser Christen augehörten. Algier. (Beleidigung des Gouverneurs.) Das Zuchtpolizeigericht verurtheilte den bekanuten Antisemitenführer Max Negis wegen Beleidigung des Gouverneurs von Algerien zu Gefängnis in der Dauer von vier Monaten. Perficu. Aus Mesched, einem Orte an der russischen Grenze, jenseits des kaspischen Meeres gelegen, meldet man uns : Hier besteht eine circa aus 3000 Köpfen nach dem Muster der spanischen Marannen bestehende Gemeinde. Es sind dies Nachkommen jener Juden, welche vor 180 Jahren mittelst Zwang zum Islam übertreten mussten. Diese Anusim üben noch heute geheim die religiösen Gebräuche der Juden. An den Neugeborenen wird am zweiten Tage nach der Geburt der Act der Circumsation vollzogen. An Samstagen und sonstigen Festtagen versammeln sie sich in vier geheimen Synagogen, wo sie ihrem Gottesdienste nach jüdischem Brauche obliegen. Jeder führt zwei Namen, den einen für Haus, Familie und Gemeinde, den anderen officielleu für den Staat. An Samstagen müssen sie zwar die Geschäfte geöffnet halten, hüten sich jedoch überhaupt, irgendeinen Handel zu vollziehen, sie wohnen sämmtlich in einem gesonderten Stadtviertel, lassen ihren Kindern das Lesen und Schreiben des Hebräischen erlernen, da sie ihre Correspondenz unter sich in dieser Sprache führen. Selbstverständlich schließen sie ihre Ehen ausschließlich unter sich. Es sind dies demnach eine Art „Mohamedanischer Marannen." Cultmzustände in frommen Gemeinden. Von L. Niesenfeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. I. „Los von Rom" hört man jetzt überall: in Zeitungen, Vereinen, Bertretungeu, Versammlungen. Die hohen Kirchenfürsten nehmen in geistvollen, flammenden Worten Stellung gegen diese neueste Bewegung, und in den Tagesjournalen wird die Zahl der bereits von Rom Abgefallenen oder im Abfallen Begriffenen sorgfältig verzeichnet. Die Leiter der Bewegung machen gar kein Hehl daraus, dass nicht religiöse Motive es sind, welche „Los von Rom" dringend erheischen. Die Kirche — das wird von denselben behauptet — bedient sich ihrer Machtmittel zu politischen Zwecken, stellt sich insbesondere in Oesterreich den Bestrebungen der Deutschen entgegen, weil sie ihre Zwecke durch die anderen minder entwickelten Nationen und Natiönchen besser zu erreichen glaubt. Es muss daher der Kirche der Beweis erbracht werden, welche gefährliche Wege sie wandelt, wenn sie meint, der Zweck heilige die Mittel, und wenn sie aus der Religion ein politisches Kampfinstrument schmiedet. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Schlagwort „Los von Rom" eine große Wirkung erzielen werde. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass sehr viele Katholiken (insbesondere in Dörfern und kleinen Städten) sich thatsächlich von Rom abwenden werden; wir leben nicht in einer Zeit, wo die Religion eine so gewaltige Triebfeder, namentlich bei gebildeteren Leuten, bieten würde wie etwa zur Zeit der Hussitenkriege oder der Reformation; heute bleiben Katholiken und Protestanten ihrem angestammten Glauben hübsch treu, wenigstens äußerlich; heute wird in Religion gemacht, speculiert, wie der kaufmännische Ausdruck hierfür lautet. Was sich z. B. in Wien christlich-social nennt, ist von Religion soweit entfernt, wie Barbarei von Humanität. Es kann aber mit Sicherheit angenommen werden, dass die klugen Männer, welche die Kirche regieren, falls die „Los von Rom"-Beweguug ernste Fortschritte machen sollte, recht bald politisch andere Saiten aufziehen, den deutschen Beschwerden ihre Aufmerksamkeit zuweudeu und den berechtigten Klagen den Boden entziehen werden. Hat sich die Kirche mit der französischen Republik abgefnndeu, so wird sie sich auch mit dem gebildeten Deutschthum in Oesterreich vernünftig auseinander zu setzen verstehen. Immerhin ist es für eine seit Jahrhunderten verfolgte Minorität interessant zu sehen, wie schnell viele gebildete Leute geneigt sind, den Glauben zu wechseln und die Religion der Väter zu verlassen. Warum ist dies bei Juden nicht zu beobachten? Es treten allerdings alljährlich auch Juden zum Christenthume über, aber dies geschieht nicht mit Pauken und Trompeten, iu der Regel nicht leichten Herzens oder aus frivolen Ursachen. Hie und da ist es die Allgewalt der Liebe, bisweilen ein unbezähmbarer Ehrtrieb, in den allermeisten Fällen sind es Existenzfragen, oft Fragen bitterer Noth, welche zur Taufe drängen. Heimlich und verstohlen schleichen sich die Cvnvertiten ans beit Reihen ihrer bisherigen Volks- und Glaubensgenossen; sie haben das Gefühl, eine Art Trenbruch begangen zu haben und trösten sich mit dem Gedanken, der Abfall sei nur formell vollzogen, im Innern seien sie nicht abtrünnig geworden. Die neu angenommene Glaubensformel hindern sie nicht, den bisherigen Glauben oder Unglauben iveiter zu behalten. Die Eisenmenger, Brieman, Löw re. haben zu allen Zeiten eine Ausnahme gebildet und den ihnen gebärenden Platz am Pranger erhalten. Von einem Abfalle en masse kann bei Juden absolut nicht gesprochen werden. Und doch könnte es nicht überraschen, wenn solches wirklich der Fall wäre. Was bedeutet das bisschen politische Ungemach der deutschen „Gemeinbürgschaft" seit 20 Jahren ungefähr gegenüber der colossalen Noth, welche Juden seit Jahrhunderten, täglich und stündlich, zu erdulde u haben? Woher kommt es, dass das Verlassen des Judenthums, bei dem nichts als Stöße und Püffe zu erwarten sind, nicht schon längst allgemein praktieiert wird? Ist es doch äugen-