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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-14 · 9 (14.4.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
9 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. April 1899 Seite 5 einfach nicht beantwortet. So sieht es bei uns in Böhmen aus! Auch die Genehmigung jüdischer Lehrtexte für den Religionsunterricht erfreuen sich desselben Wohlwollens. Doch darüber schreibe ich Ihnen nächstens mehr! Verilas. Ist die Politische Organisation derJnden von Nutzen oder nicht? Von JacgueS Bahar („Flambeau“).*) Die Juden sind eine mediatisierte Nation in Pension — eine Pension, die sie sehr theuer an die anderen Völker bezahlen müssen. Das nationale Bewnsstsein, das jetzt wieder erwacht, fordert logischerweise nebst Grund und Boden — die Organisation, welche eine Nation haben muss. Es muss also jeder Jude und jede jüdische Gemeiuschaft, indem oder trotzdem sie den Gesetzen gemäß, welche ihre jeweiligen Länder ihnen auferlegen, leben, zugleich auch ihre Nation gewissermaßen ans internationaler Grundlage wieder anfbaneu, geradeso wie die zerstreute englische Colvuialmacht ein einheitliches Ganzes auf der Erde bildet. Und mit dieser Organisation dürfen wir nicht so lange warten, bis wir wieder ein Land haben! Ohne von den christlichen Gesetzen und Einrichtungen etwas zu entlehnen, sondern im Gegeutheil, gestützt ans unsere jüdischen Gesetze, müssen wir uns von jetzt an als politischer Körper organisieren, und zwar auf eine Art, die uns ein Land entbehrlich macht. Diese jüdische Organisation muss natürlich ans der ganzen Erde gleichmäßig sein. Die natürliche, durch die verschiedenen, von Inden bewohnten Ländern gegebene Theilnng, wird sich weiter in jüdische Religionsgenossenschaften, . Bezirke, Städte und jüdische Gemeinden eintheilen. Die Repräsentanzen werden unseren Gesetzen gemäß gewählt, um die national-politische Verwaltung zu besorgen. Es wird Local-, Provinzial- und Nationalversammlungen in jedem Lande geben, und eine permanente politische Nationalrepräsentanz wird in einer europäischen Stadt, unserer Verbannungs-Hauptstadt, beständig ihren Sitz haben. Wir werden Abgeordnete, Minister haben und ein Staatsoberhaupt, welches die Würde eines Nassi Galouth führen wird. Wir werden Stenern haben, ein Budget des Innern, der Justiz, des Cnltns, des Aenßern, der Colonien, der schönen Künste, des Unterrichtes und der Finanzen. Natürlich werden wir eine Centralgewalt besitzen, Consnln und Gesandte, die *) Diesen Artikel entnehmen wir, trotzdem wir nicht vollständig mit demselben einverstanden sind, wegen seines interessanten Gedankenganges der von Jacques Bahar geleiteten Zeitschrift „Fs Flambeau“. man anerkennen wird, vielleicht auch nicht. Sie werden Titel und Würden ihrem Range gemäß führen und die Macht unserer Nation wird sie ihnen crtheilen. Wir werden k e i n V o lk, k e i n e R e li g i o n, k e i n e Negierung bedrohen, aber wir werden keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um unsere Nationalität zur Geltung zu bringen, wie unser Recht auf ein Gebiet, welches uns keine Verjährung entreißen kann. Wir werden ein bürgerliches und ein Strafgesetzbuch haben, welches wir sanctionieren und welches niks innerhalb der Gesetze unserer respectiven Wvhnländer bindet. Unsere provisorische nationale Thätigkeit hat znm Ziel: Einheit der Bildung, Bolkserziehung, Verbreitung und Entwicklung der hebräischen Sprache und Hebung unserer socialen Verhältnisse, Schutz des Volkes in allen Ländern und physische und moralische Kräftigung der Jugend. Wir erstreben die Anerkennung einer jeden Macht, von der kleinsten und unbedeutendsten bis zur größten, und wir werden mit jeder der Mächte, die uns anerkannt haben, Verträge schließeil, und werden ihnen unsere Kraft in der Form zur Verfügung stellen, in der wir über dieselbe verfügen. Kann dies alles irgendwelche Nachtheile im Gefolge haben? Nein! Wir werden uns in den Grenzen der bestehenden Gesetze bewegen. Wir w o l l e n feine politische oder sociale Gefahr c o n st r u i e r e n. Nur die Schlechtigkeit oder die Verleumdung könnten gegen uns Ansnahmsgesetze Hervorrufen. Gegen die Geschäftigkeit dieser letzteren müsste eine allgemeine internationale Maßnahme getroffen werden, wenn llicht das erste Land, das sich ihr verschließt, auch alle anderen Länder nach sich zieht. Denn was die Inden anbelangt, gibt es keine z>vei Nationen, lvelche das gleiche Interesse an ihnen hätten. Wir werden also eine geistige Macht sein, welche sich überall fühlbar macht und die mall nirgends fassen kann. Und unsere Stärke wird gerade darin bestehen, dass wir keine Armeen haben werden, die man vernichten kann, keine Festungen, die man stürmen und bombardieren köilnte oder die sich ergeben würden, nicht einmal eine Marine, die man versenken könnte — kurz nichts, was den bestehenden Mächten irgendwie Verlegenheiten bereiten könnte. Im Gegeutheil, ihre ganzen civilisatorischen und socialen Mittel stehen it n s zur Verfügung. Gerade ihre motorischen Kräfte sind es, die nns unseren Zielen näher bringen können. Schritt für Schritt werden lvir uns zu einer thatsächlichen Macht heransbilden, zuerst zu einer geistigen, mit oer die Regierungen tverden rechnen müssen, wie mit der römischen Curie — nicht mit unserer numerischen Kraft, sondern mit unserer unverkennbaren socialen Stärke. Unsere Gelvalt wird tief in unseren Principien begründet sein uild tu der Bewunderung, welche diese bei den anderen Völkern Hervorrufen werden: und durch diese werden wir unverletzbar und heilig sein. Es steht nicht ein Wort in all dem, was ich da geschrieben habe, das uns mit unseren Gesetzen, mit unseren Ueberliefernngen oder unseren Zielen in Widerspruch bringen könnte. Aus den jüdischen Organisationen. Wien. (Prote st-V e r s a m m l u n g des Indischen V o l k s v e r e i n e s.) Im Festsaale des Hotel Continental fand am Mittwoch den 12. d. M. die vom „Jüdischen Volksvereiu" einbernfene Versammlung statt, nur gegen die Avancements-Sperre der jüdischen Lehrer und Lehrerinnen Stellung zu nehmen. Aach Begrüßung der überaus zahlreich Erschienenen ertheilte der Vorsitzende Herr Hermann Ellbogen einem Lehrer znm Referate das Wort. Der Redner entwarf in präciser, streng sachlicher Forrn ein Bild der traurigen Lage der jüdischen Lehrkräfte in Wiei», welche stets treu ihre Pflicht erfüllt, oft belobt, von ihren Collegen geachtet und von den Kindern geliebt, trotzdem von jedem Avancement ausgeschlossen sind und oft mit ihrer Familie hungern müssen. Der Redner schloss mit einem warmen Appell an die Versammlung, den Glaubensgenossen im Lehrfache im Kampfe um ihr gutes Recht hilfreich zur Seite zu stehen. (Stürmischer Beifall.) Als zweiter Referent besprach Herr Dr. Arnold Ascher alle jene Daten, welche die missliche Situation der Lehrerschaft im allgemeinen illustrierten, und führte an der Hand von Thatsachen die crassen Fälle an, unter welchen speciell die jüdischen Lehrkräfte in Wien zu leiden haben, welche, in vollkommen gesetzloser und brutaler Form vom Avancement ausgeschlossen, anfangs mit 480 Gulden, nach der Lehrbefähigung mit 600 Gulden jahrelang als provisorische Unterlehrer Weib und Kinder erhalten müssen. Unter Hinweis auf das statistische Jahrbuch der Stadt Wien gab der Redner an, dass jährlich 8,400.000 fl. ans Steuergeldern von der Commune für Schnlzwecke verausgabt werden, von welchen — wenn es thatsächlich, wie die Antiscmiten stets behaupten, so viele jüdische Millionäre gibt —■ ein wesentlicher Theil von jüdischen Steuerträgern beigetragen wird. Demnach hat auch das jüdische Volk das Recht zu fordern, dass jüdische Lehrer nicht präteriert tverden. Auch hier zeigt es sich, dass der Antisemitismus die reichen Inden allenfalls nur beunruhige, die armen Juden aber zugrunde richte. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) In der nun folgenden Debatte ergriff vorerst der Unterlehrer Herr Aufm erber das Wort und erklärte, dass gleichwie die Antisemiten, auch die liberale Partei das Verschulden an der Präterierung treffe, denn es sind Collegen mit 1A>, 18, 17 und 14 Dienstjahren, oft belobt und ausgezeichnet, präteriert — 36 — namentlich Aron konnte seiner tiefen Bewegung nicht Meister tverden, aber die Eltern vermieden es bei aller Trauer, von der sie erfüllt waren, des Verstorbenen zu erwähnen, und dies um so mehr, je weniger sie die frische Wunde nu Herzen des Sohnes zu berühren wagten, und so herrschte eine Stille im Hanse, die nur selten durch ein lautes Wort unterbrocheil wurde, lmd es war, als ob ein dulikler Schleier über alles, was im Hause vorgieng. ansgebreitet wäre. Aber auch hier stand die Zeit nicht still. Jahre waren über das Ereignis hintveggegangen und der Knabe war zu einem blühenden Jüngling herangewachsen. Das Jahr Achtundvierzig mit seinen Stürmen war vorübergezogen. Aron war 17 Jahre alt und bethätigte sich bereits seit vier Jahren im Geschäfte seinee Vaters. Die geschäftlichen Beziehungen des Hauses wurden immer ausgebreiteter. Es kamen Fremde in die Gegend, tvas früher kaum je der Fall gewesen rvar. Das hatte die Eisenbahn bewirkt. Man konnte zweimal täglich Briese bekommen; früher musste eilt eigens hierzu bestellter Bote die Briefe zweimal in der Woche von dem eine Meile weit gelegenen Postamte holen. Das hatte auch die Eisenbahn gemacht. Arons Vater erinnerte sich oft an die Worte des verstorbenen Bruders, welche dieser bei Eröffnung der Eisenbahn gesprochen hatte. Man lebte jetzt in der That in einer anderen Welt, insvferne man unter sehr veränderten Zuständen und Verhältnissen lebte. Und so legte er sich eines Tages die Frage vor, ob es bei diesen Zeitläuften für die Zukunft des Sohnes nicht vortheilhaft erschiene, ihn auf einige Jahre nach Wien zu schicken, damit er das geschäftliche Leben im größeren Stile kennen lerne und Gelegenheit habe, sich in mannigfacher Richtung auszubilden. Er besprach die Sache mit seiner Frau. Diese setzte dem Plane ihres Mannes, als sie das erstemal davon hörte, heftigen Widerstand entgegen. Sie wollte nichts davon wissen, dass der Sohn vom Elternhause weggehe, sie wollte, wie sie sich ansdrückte, ihr Kind nicht verlieren; den verständigen Anseinandersetzttngen des Mannes gelang es aber, ihren Widerstand zu brechen und sie nach und nach seinen Plänen günstig zu stimmen. Das einzige, was sie sich ausbednngen hatte, war, dass die Sache nicht augenblicklich ins Werk gesetzt werde: es ist Zeit dazu, meinte sie, Wien wird ihm nicht davon laufen, und Aron wird, wenn er auch erst nach einigen Monaten kommt, immer noch früh genug kommen. Dieser Aufschub wurde vom Vater zugestanden; im übrigen war es beschlossene Sache, ..den Sohn nach Wien zu schicken. - (Fortsetzung folgt.) -£ £ W- £ — __ _ _ _ .. K- Jjv. (jt. IJL vellenschatzi Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsehuug.) V. Er nahm sich die Sache sehr zu Herzen. Als die Eltern noch lebten, hatte er als guter Sohn entsagt. Das Opfer war groß und er brachte es mit schwerem Herzen, aber es lag Verstand in der Sache. Im Kampfe zwischen Liebe und Kindespflicht hatte letztere gesiegt; es war ein Conflict von Gefühlen, in welchem das eine über das andere die Oberhand gewann. Er selbst war es, der sich entschieden und das Urtheil gesprochen, er war Richter in eigener Sache und bewährte sich als ein strenger Richter gegen sich selbst. Aber jetzt, was ist das für eine Kluft, die sich ihm da plötzlich aufgethan? Was ist das für ein Hindernis, das ihn abhielt, seiner Neigung zu folgen? Wie sollte er es verstehen? Wie sollte es dem Voltaireauer einlenchten, dass er, weil er ein „Kvhen" ist, verurtheilt sei, auf das Theuerste zu verzichten, was die Erde ihm zu bieten hatte? Das war kein Conflict von Gefühlen, in dem er sich für eines von beiden entscheiden musste; das war ein Kampf feines ganzen inneren Seelenlebens gegen eine ihm unverständliche Thntsache, die ihm gegenüber dastand wie eine Mauer, unbeweglich und unübersteigbar. Ein „Kohen"! Was ist das? so fragte er sich. Ist ein „Kohen" ein anderer als jeder andere? Wenn ich ein anderer war, so hätte ich der Erquickung meines Herzens nichts in den Weg gestellt; aber weil ich dieser bin und nicht der andere, bin ich verurtheilt, die Tage meines Daseins in innerer Seeleneinsamkeit zu vertrauern. Ein „Kohen" leitet seinen Ursprung durch Jahrtausende bis auf den Hohenpriester Aron zurück. Das wäre so etwa ein Vorrecht der Geburt. Worin bestehen seine Vorrechte? Die „Kohanim" sprechen an den hohen Feiertagen in der Synagoge den Segen über das Volk. Beim „Dnchenen" darf niemand aus sie Hinsehen; man sagt, wer auf sie hiusieht, wird blind. Sie stehen also im Gerüche einer angeborenen Helligkeit und das ist ein Privilegium. Noch mehr! Die Lewsten, die doch ihre Abstammung bis auf Moses zurückführen, müssen sie bedienen und ihnen vor dem „Dnchenen" die Hände waschen. Die Abkömmlinge von „Mosche Navbeuu" müssen uns solche Dienste leisten. Das ist doch sicher ein Privilegium! Mir ist dies immer höchst befremdlich gewesen. Woher datiert diese Umkehrung des Ranges und der Würde? Ein ä

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