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Jüdisches Volksblatt · 1899-04-14 · 9 (14.4.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
9 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seile 0 v Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. Ajuil 1899 Nr. » worden. Sobnmt betonte Herr Dr. Kahn in glänzender, oft von reichem Beifall unterbrochener Rede die Wichtigkeit dieser Frage für die jüdische Bevölkerung, die heute kein anderes Recht als das Bersammlnngsrecht besitze, aber von diesem Rechte so oft wie möglich Gebrauch machen müsse, um das geschehene Unrecht zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Herr R e u st a d t l betonte, dass der Standpunkt der Lehrer nicht durch confessionelle Momente, sondern durch den Anschluss an die übrige Cvllegenschaft bestimmt weiden möge. Im gleichen Sinne sprach Herr Dr. L i f s ch i tz, welchem Redner Herr P i l p e l in trefflicher Weise entgegnete. Sodann beantragte Herr Chefredactcnr H o l l i t s ch e r die Wahl eines Comites ans Mitgliedern des Indischen Volks- Vereins und der jüdischen Lehrerschaft zur Berathnng und Beschlussfassung in Angelegenheit der Präterierungen. Weiters beantragte der Redner die Annahme folgender Resolution: „Die heute im „Hotel Continenlal" tagende Versammlung erblickt in der Ausschlienung jüdischer Lehrkräfte vom Avancement ein schreiendes Unrecht. Ta die öffentlichen Schulen ans den Steuergeldern aller Gemeiudemitglieder erhalten werden, haben die Unterlehrer und Unterlehrerinnen jüdischer Konfession, die ihre Pflicht stets erfüllten, die eine langjährige, oft belobte Dienstzeit aufweisen können, ein begründendes Recht darauf, dass ihnen der verdiente Lohn ihrer Arbeit nicht länger vorenthalten werde. Tie Versammlung fordert, dass sowohl bei 'Anstellung von Lehrpersonen, wie bei Vorrückungen einzig und allein die Dienstzeit und die Thätigkeit der Bewerber maßgebend sei, und drückt ihre Entrüstung darüber aus, wenn, aller Gerechtigkeit und Menschlichkeit Hohn sprechend, arme Unterlehrer ihrer Konfession wegen verfolgt werden und sie oft hungern und darben müssen." Zu derselben nahm Ortsschulrath Herr Strauß Stellung und warnte vor Betonung der politischen Interessen, sowie Herr Hof- und Gerichts - Advocat Dr. Stöger, der trotz körperlicher Leiden erschienen. Der Redner verwies auf die Autonomie der Gemeinde, die auch in der Frage der Präterierung jüdischer Lehrkräfte allein entscheidend sei. Nachdem noch Lehrer Schulhof in zündenden Worten die Jndeit zur Einigkeit in allen sie betreffenden Angelegenheiten anffvrderte, wurde die glänzend verlaufene Versammlung nach e i nstimmiger Annahme der Resolution geschlossen. (Verein „Kosmos".) Anlässlich des 71. Geburtstages Ibsens sprach Dr. Birnbaum vor einem zahlreichen, gewählten Auditorium über „das dritte Reich" in Ibsens Werken. Ibsen schildert in seinen, nach dem Leben gezeichneten realistischen Stücken: die Conflicte zwischen dem sittlichen Sollen und Wollen — welche Kämpfe in der späteren j Periode des Dichters durch die höhere Einheit des K ö n n e n s j ausgeglichen erscheinen, aber nicht im Sinne Nietzsches, der den! „Uebermenschen" als frei von den Schrecken der Moral und! des Rechtes darstellt — sondern wie wir uns das messianische! Zeitalter vorstellen, wo jeder gleichsam instinctiv das Gute und Rechte thnn und treffen wird. — Georg Brandes charakterisiert den Dichter als iveltbernhmten Mann, der alle Nebenbuhler überflügelt und trotz seines Alters im Vorposten steht, angefeindet und zugleich verehrt. Dr. Birnbaum lieferte ein Meisterstück in der Erlassung der Jbsen'schen Grundgedanken und die allgemeine Anerkenmmg bildet zugleich eine Huldigung für den gefeierten Poeten. Unter dem mächtigen Eindrücke, den der Vortrag hervorrief, unterblieb ans Antrag des Obmannes H. Jonas jede Discussiion. Wien. Am 10. April findet im literarischen Vereine jüdischer Mädchen „Moria", L Schottenring LN, ein literarischer Nachmittag statt, an welchem Herr Dr. Hugo Benedikt über „Völkerassimilation sprechen wird.'Nach Schluss der sich an dieses Thema knüpfendenDiscussion folgt Recitation des Schauspielers Hrn. Josef Halpern, welcher Gedichte von L. A. Frankl re. zmn 'Vortrage bringt. Beginn präcise viertel 4 Uhr. Gäste (Damen) herzlich willkommen. (Jüdischer Bolksverein.) Jnl „Jüdischen Volksverein" hielt Dr. I. Bergmann Donnerstag abends vor einem zahlreichen Anditoriumeinen tiefdurchdachten Vortrag über „Die Schattenseiten des Ghetto", die psychologisch zu erklären Redner sich zur Aufgabe machte — zugleich die Mittel angebend, wie bnvct) die moderne Bildung die Ecken und Kanten abzuschleifen möglich wäre. Herr Richard Rappaport dankte dem Vortragenden im Namen aller Erschienenen für den geistigen Genuss, den der Abend bot.' Die an den Verein herantretenden Forderungen sind aber so groß, dass wir nicht hoffen können, dass die „Jüdische akademische Lesehalle" imstande sein werde, auch weiterhin ihrer hohen Ausgabe gerecht zu werden. 'Noch steht sie fest, noch hat der jugendliche Mnth ihre Begründer nicht verlassen, aber ihre! Kraft droht zu versagen, wenn nicht bald Hilfe ivird. Es ist I ja nur ein Geringes, >vas sie fordert, im Verhältnisse zn dem, ' was sie leistet. Ein jeder, der das wnthige Ringen zn würdigen j weiß, zn dem unsere Studentenschaft vcrnrthcilt ist, wird das! kleine Scherslein beitragen, welches der „Indischen akademischen j Lesehalle" die uvthwendigsten materiellen Mittel bringen soll, j um aus dem Kampfplätze ansharren zu können, j Mitbürger und Gesinnungsgenossen! Treten Sie zahlreich j als Förderer") der „Jüdischen akademischen Lesehalle" bei, oder bethciligen Sie sich mit einem Scherflein zn ihrer Unterstützung! D e r A n s ffch u s s. , ... . . . fei fe '“) Förderer ist jeder, der einen Jahresbeitrag von ö fl. zu leisten sich verpflichtet. Eingeseudet. An unsere Glaubensgenossen! Die „Jüdische akademische Lesehalle" in Wien tritt in ihr X. Semester. Mit Stolz und Genugthuung kann der Verein auf diese Zeit znrückblicken, denn schlvierig, aber nicht erfolglos war seine Thätigkeit. Getreu ihrem Programme, fern von jeder politischen Tendenz, ist die „Jüdische akademische Lesehalle" das geistige Centrum der jüdischen Studenten sämmtlicher Hochschulen Wiens ohne Rücksicht auf die sonstige Parteianschannng, eine Stätte, an welcher der Gedanke der Zusammengehörigkeit seinen kräftigsten Ausdruck findet, wo von geistig hochstehenden Männern den jüdischen Studenten geistige Anregung und Belehrung zutheil wird. WM TORTe; Prämiiert mit <1. höchst. Preisen. Alois Moses Ccndilor WIEN, ZSm I!., Glockengasse 10 empfiehlt, einem geehrten P Publicum sein wohin.'.' n liiert es Linker Irischer Tafelu. Thaebäckerei, feinster Jjoniions eigener Erzeugung, sowie Liqueurs, Säfte und Gompots. — Bestellungen uuf Hochzeiten, Soudes und nndeie Festlichkeiten wenien übernommen und nuf das Solideste Ijilliusto ausgeführt'. ss^-r*. erzeug0' >-Tol^ev- Gegründet 1836 Tel. N9 3986 — 3-i — „Lewit" darf eine „Jeruscheh" nehmen, ein „Kohen" nicht. Warum? War Moses nicht mehr als Aron? Beim „Dnchenen" muss der „Kohen" die Finger der beiden Hände in eine eigenthümliche Gruppierung bringen; dies erfordert eine Uebung und Geschicklichkeit, welche man sich, wenn man keinen Krampf in den Fingern hat, leicht aneignet. Ich weiß nicht, ob das auch ein Privilegium ist! Man scheint es für ein solches zu halten; wenn ein „Kohen" stirbt, so werden die „Koenimhände" in die „Mezeweh" gegraben. Das ist ein Privilegium. Aber, dass ich gebunden bin, da, wo ein anderer frei ist, soll das auch ein Privilegium sein? Solcher Art peinigte sich der Mann mit quälenden Betrachtungen, die zu keinem Resultate führten. Da er in dem Kampfe gegen die Satzung der Unterlegene war. brach er zusammen. In der „Gasse" sagten die Leute, Wolf Kohn isst sich das Herz ab. Er verkehrte immer weniger mit der Außenwelt und beschränkte nach und nach seinen Umgang fast ausschließlich auf seinen Neffen Aron, dem er die ganze Liebe seines reichen und warmen Herzens schenkte. Arons Eltern suchten sorgfältig ihm jeden geheimsten Wunsch von der Stirne zu lesen und ihm die Tage seines bitteren Daseins nach Möglichkeit zu versüßen. Vergebliches Bemühen! Er hatte keine Wünsche. Alle diese Hingebung nahm er mit dem Gefühle reiner Dankbarkeit auf; es war ihm aber alles gleichgiltig; er erkannte den guten Willen dieser braven Menschen, die sich sichtlich bestrebten, ihm Freude zu bereiten, allein sein Herz war der Freude verschlossen und den Gefühlen der Fröhlichkeit unzugänglich. Sein ganzes Dasein bestand in einem dumpfen Dahinbrüten; seine große und edle Seele schien wie aus dem Gleichgewichte gebracht. Sein Neffe Aron, der viel Zeit bei dem Vetter Wvlf zubrachte, schaute ihn oft fragend an. Der Knabe wusste ja von allem, was vorgegangen, freilich nur so viel, als sich äußerlich vor aller Augen abgespielt; von den inneren Seelenkämpfen des unglücklichen, verdüsterten Mannes konnte er nichts wissen; wohl aber mochte er eine Ahnung davon haben. Der Vetter Wolf vermied es, ihm einen Einblick in sein Inneres zu gewähren, er erachtete ihn zu jung für das Verständnis solcher Seelenpein; er wollte das kindliche Gemüth des Neffen nicht verbittern durch vorzeitige Aufschlüsse über seinen Seelenzustand, sie konnten für den Knabe» nur verderblich sein. Der Knabe aber, phantasievoll wie er war, hatte sich doch nichtsdestoweniger die Sachen in seiner Weise zurechtgelegt. So viel war ihm klar: der Vetter Wolf ist nicht mehr so, wie er früher gewesen, und warum? Weil er Emma nicht heiraten kann. Zwar, meinte er bei sich im Stillen, muss es denn gerade die Emma sein? .Ich an seiner Stelle möcht' mir eine andere nehmen! Aber der Vetter Wolf nahm eben keine andere, und der Knabe sah, dass er nicht glücklich sei und hatte großes Mitleid mit ihm. Eines Tages saß der Vetter Wolf an seinem Schreibtische mit der Feder in der Hand und schrieb; er machte sein Testament. Nachdem er es geschrieben hatte, legte er sich zn Bette. Aron weinte bittere Thränen. Wolf ließ seinen Bruder rufen; er hatte noch einen dringenden. Herzenswunsch: die geliebte, angebetete Unerreichbare wollte er vor seinem Tode noch einmal sehen. Man bat ihn, man beschwor ibn, doch nicht von seinem Tode zu reden; man bat ihn, sich zn schonen, man beschwor ilm, sich nicht auszuregen; man bat ihn, man beschwor ihn, sich doch ja nicht den Erschütterungen auszusetzcn, die beim Anblick des geliebten Weibes unvermeidlich eiutreten würden. Es nützte nichts, er bestand ans seinem Willen, man konnte ihm den letzten Wunsch nicht versagen. Sie kam und wurde in sein Zimmer gewiesen. Lauge, lange blceb sie bei ihm und spät, spät in der sinkenden Nacht verließ sie ihn und entfernte sich schweigend, wie sie gekommen war. Was in diesen letzten Stunden, zwischen den beiden vorgegangen, was sie mit einander gesprochen, was sie einander gegenseitig zn enthüllen hatten, alles das ist bis auf diesen Tag ein Geheimnis geblieben. Nur ein wenig wurde der Schleier gelüftet und nur so viel konnte man erfahren, so weit das Testament davon verrieth. Nach dem Tode des Vetters Wolf, als das Testament eröffnet wurde, fand man, dass er die Geliebte seiner Seele zur Universalerbiu seines ganzen Vermögens cingesctzt habe, während der geliebte Neffe Aron nur mit einem kostbaren Andenken bedacht war. Einen Zettel fand man in der Schreiblade, auf welchem folgendes zu lesen: „Das Unglück meines Lebens besteht in einem Privilegium meiner Geburt." Diesen Zettel nahm Aron zu sich; er wünschte ihn als Andenken an den Verstorbenen zu behalten. Die Geschichte vom Vetter Wolf war für Aron die zweite große Erinnerung aus der Knabenzeit. VI. Nach dem Tode Wolfs war es im Kohn'schen Hause ziemlich stille geworden. Obwohl es eine höhere Macht war, durch welche sein vorzeitiges Ende herbeigeführt wurde und niemand sich persönlich in diesem Falle ein Unrecht vorzuwerfen hatte, so machte sich doch, und nicht nur im Kohn'schen Hause, sondern in der ganzen „Gasse" das Gefühl herrschend, als ob man dem Verstorbenen ein Unrecht abznbitteu hätte; namentlich trug die Thatsache, dass er die Geliebte zur Erbin seines Vermögens gemacht und selbst über das Grab hinaus seine segnende Hand über sie gehalten, dazu, bei, einer solchen Stimmung Nahrung zn geben. Das allgemeine Urtheil gieng dahin, dass sie gleichsam vom Himmel für einander bestimmt waren, und man beklagte die Grausamkeit des Geschickes, welches zwischen den beiden Liebenden eine solche Scheidewand aufgerichtet, welche niederznreißen keine menschliche Gewalt imstande war. Wie es aber im menschlichen Leben geht, man kann bei einem Punkte nicht stehen bleiben, man muss weiter, ob man will oder nicht. Anfänglich sprach man von nichts anderem, nach und nach kehrte jeder zn seinem Geschäfte und seinen besonderen Jntereffen zurück und die Sache verlor sich ans dem Gerede der Leute. Im Kohn'schen Hause gab es, für den Unglücksfall freilich keinen Vergessenheitstrank,

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