Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 9 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. <) Wien. Freitag Jü(Iisclie.s Volksblatt li. April ISO!) Seite l r Es ist nämlich die thcils eingestandene, theils nnein- ' gestandene Maxime der leitenden Kreise unseres Staates, die " auch durch eingreifende Personalverändernngen an den maßr gebenden Stellen kaum je verrückt wird: nur einen der t factischen Bevolkernngsziffer genau entsprechenden Percentsatz i’ jüdischer Beamten in den Staatsdienst znznlassen. Daraus ergibt sich aber ein schreiendes Missverhältnis zwischen der großen Zahl vorhandener, für den Staatsdienst ausgezeichnet l gnalificierter Bewerber mosaischer Confession und der kraft der erwähnten Maxime tbatsächlich acceptiertcn handvoll Juden, die glücklich den Weg ins Staatsamt finden. Dabei wird von fast sämmtlichen maßgebenden Factoren unumwunden zugegeben, dass sich gerade die jüdischen Mitglieder des Beamtenstaudes als besonders tüchtig erweisen. Doch kommt mau über den tobten Punkt nicht hinaus. Man lehnt es ganz entschieden ab, auf dem rüden Standpunkte des Rassenantisemitisinns zu stehen, aber — „man müsse der nun einmal bestehenden mächtigen Strömung Ncchnnng tragen". Das ist die allgemeine Meinung nicht nur reaetionär gesinnter, sondern selbst als freisinnig bekannter Staatsmänner und Beamten. Hat nun der eine und der andere Jude glücklich in den Staatsdienst Einlass gefunden, dann ist er noch immer nicht davor gesichert, dass ihm seine Confession nicht immer wieder als Hindernis in seiner Carriere fühlbar wird. Er ist — wir sprechen natürlich immer nur vom Durchschnitt — tüchtiger als sein arischer College, muss es aber gar oft erleben, wie derselbe ihm beim Avancement vvrgezogen, er dagegen präteriert wird. Hat man schon mit der einer besseren Sache werten Gewissenhaftigkeit nur den bewussten Percentsatz israelitischer Bewerber in den Staatsdienst anfgenommen, wozu dann diese Demüthigung mitten in der Carriere, da doch nach dem vorn Anbeginne sestgehaltenen Principe der arithmetisch genau geregelten Berücksichtigung der Confession bei der Besetzung der Beamteristellen eine Neberflntnng des höheren Beamtenstandes mit Inden als ausgeschlossen erscheint? Wie tief demüthigerid und deprimierend wirkt der von rvirklich rvohlwollenden Männern, welche die besprochenen Verhältnisse ans eigener Erfahrung kennen, jei och emweder die Macht oder die Energie nicht besitzen, denselben entgegenzntreten, oft und eindringlich ertheilte Rath, das „Hindernis der Religions-Verschiedenheit" durch einen entscheidenden Schritt zn beseitigen! Viele haben diesen Rath bereits befolgt, aber welcher Vernünftige wird denn auch nach der Ceremonie tu dem Convertiten nicht immer noch den Juden sehen? Von der öffentlichen Bekennung zum Glauben seiner Väter konnte er sich zwar lossagen, aber aus seiner Haut kann er nicht heraus. Seinem ganzen Wesen nach war er, ist er und bleibt er Jude, in welcher Matrikel immer sein Name auch verzeichnet stehen mag. So bleibt dem charakterfesten und selbstbewussten Juden trotz akademischer Bildung und anerkannt vorzüglicher Qualißcation. nichts übrig,- als'den Staatsdienst' zu meiden, Weil er sich sonst vor die peinliche Alternative gestellt sieht, die Religion seiner Väter und die Wertschätzung der Seinen preiszngeben, wofür er niemals — weder moralisch noch materiell — entsprechende Entschädigung findet, oder aber sich zur Seite gedrängt, in jeder Beziehung gedemüthigt und als Mensch zweiter oder dritter Güte behandelt zu sehen. Nach oben hin wird seine bewährte Arbeitskraft über dem „Makel der Geburt" übersehen; seiner Collegen Missgunst wird eben durch seine Tüchtigkeit im Amte, ihre Spottsucht etwa gar durch eine krumme Nase, mit der ihn Mutter Natur begabte, erregt, kurzum, die Laufbahn, die ihm als ersehntes Ziel sich erschloss, wird zum Martyrium. Ist doch unter normalen Umständen die Laufbahn des Staatsbeamten eine dornenvolle, wenn er nicht das Glück hatte, in einem Grafenschlosse geboren worden zn sein oder doch die Protection irgendeiner hervorragenden, einflussreichen Persönlichkeit zu erlangen, und es ist nur die angesehene sociale Stellung, die der Staatsdienst verleiht, was einen unwandelbaren Reiz auf die hierfür empfänglichen Seelen ausübt. Dem Inden vollends wird cs fast unmöglich gemacht, daran zu denken, sich dieser Carriere zu widmen, und es ist nur 311 bedauern, dass dadurch das ohnehin riesig anwachsende geistige Proletariat noch vermehrt und das einzelne Individuum gehindert wird, seine Kräfte in einer seinen Fähigkeiten entsprechenden Weise zu verwerten. Ob das gekennzeichnete Vorgehen der leitenden Kreise jedoch — von der Humanität gar nicht zu reden — auch nur staatsmänuisch klug genannt werden kann, ist eine andere Frage. Wir machen nur darauf aufmerksam, dass die systematisch betriebene Verdrängung der Juden aus dem Staatsdienste dieselben zwingt, sich auf die ihnen offenen Berufszweige zu werfen und hier ihren arischen Mitbewerbern eine Concurrenz zu machen, deren sich die letzteren bei der hohen Begabung der Juden gerade für die gelehrten Fächer nicht erwehren können. Gleichzeitig werden die gebildeten Elemente des Judeuthums durch die stete Brüskierung für jene extremen Bestrebungen gewonnen, die jeder couservativcu Regierung — und Regierungen sind ja immer conservativ — begründete Besorgnisse einflößen müssen und daher gewiss nicht indirect von ihr gefördert werden dürfen. Inland. II e ij n i e m. (Original-Bericht.) Mittwoch den 12. April um 0 Uhr abends veranstaltete der Vorstand der israelitffchen Cultnsgemeinde im Leopoldstadter Tempel eine Seelenandacht für die kürzlich Heimgegangene Frau Bar0nin Clara Hirsch de Gereuth. Es war dies eine Trauerkundgebung, wie sie nur selten zum Ausdrucke gelangt, aber auch eine würdige Feier, die den Veranstaltern, den religiösen Functionären, sowie unserem ganzen Volke zur Ehre gereicht. Lange vor Eröffnung des Tempels harrte eine dichtgedrängte Menge an allen Eingängen, und kaum waren diese geöffnet, füllten sich die weiten Räume des Gotteshauses bis auf den letzten Platz. Die schwarze Drapierung des Tabernakels und Umgebung sowie der ganzen Stirnseite, erhöhte die düstere Pracht der heiligen Halle und lies; gleich beim Eintritte erkennen, dass diese Trauerfeier dem Andenken einer außergewöhnlichen Persönlichkeit gilt. Der gesummte Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde mit dem Präsidiuin, die Curatorien der Baron Hirsch'- schen Stiftungen, die Fante Finance, mehrere Stabsofficiere, und, wie erwähnt, eine dichtgedrängte Masse von Trauergästen, füllten das Gotteshaus. Aufsehen erregte die unter Führung des Verwaltungsrathes Herrn H e y m a n n, in goldstrotzender Parade- Uniform erschienen Abordnung des Marine - Veteranenvereines „ Tegetthofs", dessen S t i f t e r i n und E h r e u d a m e die Verewigte war. Präeise 0 Uhr begann die Feier mit dem „Mincha"-Gebete, dann wurde vom Gesammtchore beider Tempel unter Prof. Sulzers Harmonium-Begleitung der Psalm 19 vorzüglich gesungen, wobei Obercantor Goldstein die Solo-Partien mit jugendlicher Kraft und bekannter Meisterschaft zum Vortrage brachte. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Schmiedl eine Predigt, welche auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Anknüpfend au das jüngst gefeierte Freiheitsfest, citierte er eine Stelle aus dem Midrasch, nach welchen; die Befreiung der Juden vom Sclavenjoche nur wegen der riyjpTC D'ttM erfolgte und erwähnte der Mutter von MO.OOO Kindern. Auch die Frau Baronin Hirsch war eine solche Mutter von vielen Tausenden, denen sie zu einem Erwerbszweige verhalf. Sehr treffend war der Vergleich mit Hiob, der den Besuch dreier Freunde erhielt, von denen jeder ihm einen anderen Arzt zur Heilung seines schweren Leidens empfahl. Der vom ersten empfohlene Arzt war „die Zeit", diesen lehnte Hiob ab, ebenso den vom zweiten empfohlenen „die Klugheit", und acceptiertc erst den dritten Arzt „die Wohlthätigkeit", welche ihm Linderung und Heilung brachte. Auch Frau Baronin Hirsch wählte diese Heilmethode für die Wunden, die ihr das Schicksal durch den Verlust des einzigen Sohnes und später des Lebensgefährten geschlagen, aber sie gewährte nicht bloß Unterstützungen, sondern sie war by Sie ersann die Mittel und Wege, wie ihren unglücklichen Glaubensgenossen zu einem Erwerbszweige dauernd geholfen werden karn. In geistreicher Weise definierte der Prediger, warum diese edle, vereinzelt in der Geschichte dastehende Frau trotz beispiellosen Wohlthuns von Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, und schloss mit der Erwähnung der „Milchstraße" — „dieser Lichtstreifen wird wohl von den Astronomenso benannt. Unsere Weisen erklären jedoch sein Entstehen wie folgt:" „Als Gott den Erzengel Rafael mit einer Mission bebetraute, blieb überall, wohin der Fuß des Sendboten trat, eine L i ch t. s p ur zurück, und diese Lichtspuren. sind es, welche — die Astronomen „Milchstraße" nennen. Auch die Dahingeschiedene ließ auf ihrem Lebenswege eine solche Lichtspur zurück, welche leuchten wird bis an das Ende der Tage. Möge ihr Andenken gesegnet sein!" Tief ergriffen war die ganze Menge. Auf der Frauengallerie sah man Thränen fließen und auch Schluchzen war vernehmbar. Selbst der greise Seelsorger konnte nur mühsam die Thränen zurückhalten, als er das nffiDÖ "ud das Kadischgebet sprach. Mit der Absingung des 10. Psalmes „U l e n u" und „K ad i s ch" durch Obercantor Goldstein schloss diese ewig unvergessliche Trauerfeier für Baronin Clara Hirsch de Gereuth. Wien, 13. April 1899. M. Fuchsgelb. Wien. (A usde m C u l t u s v 0 r st a n d.) Am 9. d. fand wieder eine Sitzung des Cultusvorstandes statt. Dieselbe verlief, wie gewöhnlich, vollständig interesselos und langweilig. Durchwegs administrative Angelegenheiten, die man so rasch als möglich erledigt, wahrscheinlich um den heiligen Sonntag nicht durch Arbeit zn entweihen — und damit fertig. Nachod wurde mit keinem Worte erwähnt, B 0 r y s l a w mit einer Spende von 500 fl. abgethan, die „Nachoder Bräuche" des Abg. Steiner ruhig liegen gelassen. Hervorzuheben wäre blos Folgendes: Herr Dr. Marcus Spitzer wurde zum Mitgliede des Wiener Bezirksschulrathes ernannt. Tie pikante Vorgeschichte dieser Ernennung verschweigt uns der Bericht. Diese Delicatesse ist wirklich nicht am rechten Platze. Es ist geradezu eine Sünde, der Wiener Judenschaft in einer so traurigen Zeit ein herzliches Lachen vorzuenthalten. Vielleicht trägt das der Vorstand noch nach. — In einer der nächsten Sitzungen soll die Frage der Steuerherabsetzung auf ö fl. zur Verhandlung gelangen. Wenn wir gut informiert sind, steht der Beschluss über diese „Frage" im Anschlüsse an die bereits fertiggestellten Referate heute schon fest. Allein wir wollen nicht vvrgreisen. Es wird sich zur Zeit schon Gelegenheit bieten, diesen Punkt etwas eingehender zu beleuchten. Gödirig. (Zum Cap ite l: I nd enbeh andlu ng.) Man schreibt uns: Die Wiener jüdischen Zahnärzte Dr. Rose n und Dr. I. Steiner, welche gegenwärtig zu kurzem Aufenthalte in unserer Stadt weilen, sandten am 1. April einen Mann mit gedruckten Anempfehlungskarten nach dem nahen I a r 0 n 0 w i tz. Dieser Mann sprach unter anderen auch bei Herrn G ö p f e r t, Beamter der Firma I. Schreibers Neffe n, vor, wo ihm die Karte von einem Dienstmädchen abgenonimen wurde. Nach einer Weile brachte das Dienstmädchen die Karte wieder heraus. Alls der Rückseite standen die Worte: „Bin Antisemit, brauche nichts von Jude n." — Tableau! Graz. (Aus d e mG em einderathe.) Nach einem Gemeinderathsbeschlnsse vom 11. März d. I. ist den hiesigen Geschäftsleuten das Anshängen der Waren verboten worden und leiden ganz besonders die kleinen Geschäftsleute unter den großen Härten der betreffenden Berbotsbestimmungen. Infolge dessen beschloss eine Versammlung von Geschäftsleuten, an den Gemeinderath um Abänderung dieser Bestimmungen hcranzntreten. Als mm diese Angelegenheit bei der Gemeinderatbssitznng am 10. April erörtert wurde, that sich besonders der sattsam bekannte F e i ch t i n g e r hervor, um die endliche Beseitigung der „Jndenconcnrrenz" unter wüstem Geschimpfe zu verlangen. Als ihm in maßvoller Weise ein Gemeinderath seine rüde Tonart und die Haltlosigkeit seiner Anschannngen vorhielt,' sowie betonte, dass die Gesetze für Juden und Christen gleich seien, erregte dies den ganz besonderen Widerspruch des Grazer Steiner, der durch Zwischenrufe unverhohlen seiner Anschauung auf Abschaffung der Gleichberechtigung zu uirgimsten der Juden Ausdruck gab. Pilsen. (Na ch vd e r Ge br ä n ch e.) Die Excesse in Nachod haben die hiesige jüdische Bevölkerung in begreifliche Aufregung versetzt, und dieses Gefühl allgemeiner Beunruhigung wurde noch vermehrt, als in der Frühe des 10. April auf den Bänken im hiesigen Stadtparke Aufschriften gesunden wurden, welche die Aufforderung enthielten, wie in Nachod auf die hiesigen Juden loszugehen. Die Zettel wurden wohl von Wachleuten entfernt, doch hat mau sich weiter um jene Leute, welche die Bevölkerung zu Raub und Plünderung anfforden, nicht gekümmert. Budapest.. (Ab gewiesene Stiftung.) Tie ungarische Regierung hat die von der Baronin H i r s ch letztwillig verfügte Stiftung zurückgewieseu, weil dieselbe nicht iu ungarischen Wertpapieren vermacht wurde. Arad. (Ein j ü bischer St n h l r i ch t e r.) Man schreibt uns: Dre Araber Comitatscvngregation hat unseren Stanmresgenvsseu Bela H i r s ch zu der hohen Macht und Würde eines Comitats-Stuhlrichters erwählt. Berlin. (Z u m R ü ck g a n g e des A n t i s e m i t i sm ns.) Die antisemitischen Parteien wollen trotz aller Anstrengungen in Deutschland nicht vorwärts kommen und selbst das Organ der dentschsocialen Reformpartei sieht sich zur Klage bewogen, der es in den bewegten Worten Ansdruck verleiht: „Verlust an Mandaten und Wahlstimmen statt des gehofften Zuwachses für unsere Parteien, das ist das wenig erfreuliche Ergebnis der diesmaligen Reichstagswahlen. Das eine kann heute schon gesagt werden: nur haben unsere Kräfte weit überschätzt, wir haben uns nicht als Meister in der Beschränkung auf Erreichbares gezeigt." Und die „Krenzzeitung" stellt die Frage: „Was ist von der antisemitischen Bewegung, an dem Maßstabe des Anfanges der Achtzigerjahre gemessen, noch übrig geblieben? Namentlich von den wohlhabenden und e i nflussreichen Schichten wird versichert, dass sie sich immer mehr und mehr von der antisemitischen Agitation abwenden." — Wenn dies schon die antisemitischen Häupter beklagen, kann die Thatsache wohl nicht überraschen, dass bei der am 10. April stattgefundenen Reichstagswahl im zweiten Berliner Wahlkreise von den abgegebenen 47.300 Stimmen der antisemitische Candidat, der in letzter Zeit so oft genannte Kampfhahn Gras Pückler, nur wohlgezählte — 120 Stimmen erhielt. Es ist dies ein deutliches Zeichen, wie sehr sich die denkende Wählerschaft von den antisemitischen Radaupolitikern abwendet, die immer mehr isoliert erscheinen. Barmen. In den hiesigen höheren Schulen war die Schülerzahl nach den Religionen wie folgt: Gymnasium: katholisch: 86, evangelisch 334, israelitisch 12; Realgymnasium: katholisch 34, evangelisch 358, israelitisch 9; Oberrealschule: katholisch 31, evangelisch 319, israelitisch 3; Realschule: katholisch 20, evangelisch 126, israelitisch 3. Es leben in unserer Stadt im ganzen 105.461 Evangelische, 21.031 Katholiken und 500 Juden. Petersburg. Der Czar hat eine sehr wichtige Entscheidung getroffen, welche den Inden vielleicht einen Weg zur Verbesserung ihrer Lage eröffnen kann. In Elisabethgrad befinden sich zwei Gruppen von jüdischen Familien, welche, da es ihnen sehr schlecht geht, sich an den Czar mit einer Petition wandten, um die Erlaubnis ansznwirken, eine Ackerbaucolonie einzurichten. Die eine Gruppe besteht ans 71 Familien, die andere aus 40. Vor einigen Tagen wurde nun den Wortführern beider Gruppen von den Behörden eröffnet, dass der Czar ihre Bitte genehmigt und die Verfügung erlassen *habe, dass im Gouvernement Jekaterinoslaw eine jüdische Ackerbaucolonie für 160 Familien eingerichtet werden darf. Da die sämmtlichen jüdischen Familien, die dafür in Frage kommen, außerordentlich arm sind, so haben dieselben einen gewiffen Leviski als ihren Bevollmächtigten nach Petersburg geschickt, um dort mit oder ohne Hilfe der Jewish Colonisation Association die nothigen Mittel aufzutreiben. — Der Senat hat die Entscheidung getroffen, dass die Frauen von Juden, welche nach Sibirien deportiert sind, ihre Männer begleiten dürfen. Dieses Recht war ihnen bestritten worden, und es bedurfte es der Entscheidung des Senates, um diese Angelegenheit günstig zn erledigen. — In Taganrog sollten drei Aerzte ein gemeinschaftliches Gutachten als Sachverständige abgeben. Einer davon war Jude und zwei Christen, einer davon aber enragierter Antisemit, und weigerte sich derselbe mit einem Juden zusammen als Gutachter zn fungieren. Das Gericht lehnte aber diese Beschwerde ab und entsetzte den Antisemiten seines Amtes als gerichtlicher Gutachter. — Im Gouvernement Kjletz, (Russisch-Polen) wohnen 120.049 Juden, von denen 5972 Knaben und 5780 Mädchen schulpflichtig sind. Um alle diese Kinder zu unterrichten, besteht aber nur eine jüdische Elementarschule und 180 Chedarim, in denen 3505 Knaben und 40 Mädchen ihre Erziehung finden. Außerdem befinden sich noch in christlichen Schulen 306 Kinder, während der ganze übrige Rest ohne Schulunterricht anfwächst. Welch ein weites Feld ist hier noch für die Anlegung neuer Schulen. — Die jüdische Gemeinde in Mitan feierte am 26. März das hundertjährige Jubiläum des Gesetzes.