Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1899-04-07 · 8 (7.4.1899) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
8 (7.4.1899)
Date
1899-04-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432764-2432772--0073-2433579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Seite f> Wien, Freibier Das galizische Jndenelend. Von Dr. D. Ne,»mark. (Schluss.) Dies wäre die Aufgabe einer der drei Sektionen in die die Vereinigung zu zerfallen hätte: der Colonis ations - C o m m i s s iv n. Die z w e i t e, die I n d u st r i c- Cvmission, stellt sich dieselbe Aufgabe, nmlatis mulandis, nach denselben Principien wie die Colvnisations-Commission, in der Durchführung von H a n s i n d n st r i e n für solche, denen man mittelst entsprechender Darlehen noch zu einer selbständigen Existenz verhelfen kann, und größeren industriellen Etablissements, in denen eine andere, tvirtschastlich den Land- Lohnarbeitern entsprechende Schichte als Lohnarbeiter verwendet werden. In den mit genannten Aktionen gleichzeitig zn gründenden A ck e r b a n - und Gewerbes ch n l e n müssten auch E n r s e für E r w a ch s e n e (jeden noch arbeitsfähigen Alters) errichtet werden. Die dritte S e e t i o n soll den Berwaltungskörper einer „Credit- und Unterstütznngs-?lbtheilnng für Getverbe und Handel" darstellen, deren Aufgabe es sein wird, dem Kleinhandel und -Gewerbe billigen Credit zu verschaffen. Dieser Sektion könnte der Entwurf der „Jüdischen Volkspartei" für einen „Credit- und Unterstütznngsverein für Kleingewerbetreibende" für Wien als Muster dienen. Hand in Hand mit der Unterstützung der Kleinkrämer und des kleinen Zwischenhandels rnüssewUiberall, wv die Bedingungen hierfür günstig sind, Stationen einer zn gründenden Jüdischen Handelsals E x P o r t g e s e l l s ch a f t errichtet werden, durch die der Kleinhandel der galizischen Juden der Bort heile des Weltmarktes theilhaftig werden tvird. — Bei diesem Unternehmen aber muss noch mehr als bei allen anderen das Princip befolgt werden: Alle bei dieser: Unternehmungen z u v e rw e n d e n d e n Kräfte sind ausschließlich den n n t e r st ü tz n n g s b e d ü r f i i g e n Volksschichten der galizischen Inden zu entnehmen. Da wird keine Kraft fehlen; besonders, wenn man nebst den arbeitslosen Händen der Massen auch an die arbeitslosen Köpfe des galizisch-jndischen intelligenten Proletariats denkt. — Auch für Cliquen- und I rr t e r e s s e n w i r t s ch a f t kann eine solche Handelsgesellschaft mehr als jedes andere Uttternehinen Raurn bieten. Dagegen kanrr nur noch einmal darauf hingewiesen werden: Wir brauchen Männer von reinem Gewissen n n d reinen Hände n. Es wäre traurig, vielleicht noch trarrriger als das galizische Jnderrelend, rv e n n d a s I u d e n t h n m keine solche n M ä n n e r mehr b e s ä ß e! Atan hat auch oft organisierte Massene rn i g r a t i o n vorgeschlagen. Massenemigration ist, politisch g e n o rn irr e rr, ein sehr bedenkliches Ausknnftsmittel. Die Jüdisches Volksblatt, Hebung der galizischen Inden gerade in den Bezirken, w o sie in e o irr p a c t e n M a s s e n z n s a rn in e n rv o h n e n, zn einem wirksame rr, politischen F a e t o r rnnss ein Hauptziel aller Hilfsactionen sein, die über die Bedeutung von Palliativmittcln hinauskornrnen wollen. Und diesem Ziele, anch abgesehen von dem großerr K o st e n a n f w a n d e und der noch größeren Verantwortlichkeit (man müsste sich doch bei einer organisierten Emigration füglich erst nach verbürgten E x i st e n z b e d i n g n n g e rr der Emigranten in ihrer neuen Heimat umsehen!), ist durch Massenemigration wohl sehr schlecht gedient. Statt dessen wäre wohl eher au so eine Art Vor sacrum zu denken: Man hebe durch 10 bis 15 Jahre ans der galizischerr Jndenheit jährlich 100 bis 200 Knaben und Jünglinge ans, verhelfe ihnen, je nach ihrer Befähigung und Eignrrng, zrr selbständigen Existenzen in affen europäischen und außereuropäischen Städten, und man wird dann sehen, wie diese jungen polnischen Juden, gleichgiltig. ob sie dann in ihre Heimat znrückkehren oder nicht, ihre Familien materiell und moralisch mit sich heben werden! Daser st e, was ein „po lisch Jüng el", so er sich selbst arrs eigener Kraft emp o r g ea r b e it et hat, zu thrrn pflegt, i st d i e U n t e r st ü tz u n g n n d H e b u rr g s e i n e r Familie. Endlich bilden, rrm mit dem Wichtigsten, dem Cult ur e l l e u, zn schließen, Deprrtierte ans allen drei Sectivnen eine C n l t nr co m m is si on. Nur müssten solche entschieden mehr leisten, als Cultnreommissionen für gewöhnlich zn leisten pflegen. Ihre Aufgaben wären in erster Reihe: Gründung von jüdischen Volks- und Bürgerschulen dort, Ivo die Bedingungen hierfür gegeben sind (d. h. wo die Inden m großen Massen beieinander wohnen); hierin wäre ein gemeirrsames Vorgehen mit der Hirsch'schen Schnlstiftung rathsam; und stricte Durchführung des Schulzwanges, wo die Bedingungen für eigene Schulen fehlen. Dazu werden die genannten Deputierten, von ihrer Bethätigung in den einzelnen Seetionen her, sorvohl die nöthige Kenntnis der Verhältnisse, als anch den w i r k s a m st e n Einfluss arrf die in Betracht kornnrende Bevölkerung besitzen. Dann aber anch die politische Erziehung des Volkes, die ja zum Theile schon durch die bloße Organisierung znm Zwecke der Hilfsaction selbst energisch eingeleitet und gefördert rvird. Das alles ist in wenigen Worten und leicht gesagt, ist es aber auch nur durchführbar? — Ohne Herz und Energie gewiss nicht! Das ist aber auch das einzige, was hier fehlt. An das eigene Interesse der Westjnden zn appellieren, mit einer 11 e b e r s ch w e in nr u n g Wiens und Prags von galizischen Juden zu drohen, wie es in letzter Zeit zu geschehen pflegt, ist entschieden verfehlt. Gewiss, etwas Wahres ist an der Sache, aber der Einzelne kann sein „eigenes Interesse" noch immer intakt halten, selbst wenn die ganzen 500.000 bis 600.000 galizischen Bettler sammt und 7. April 1800 sonders in Wien einrückten. Solange nicht das j ü d i s ch e Herz erwacht, jenes jüdische Herz, das anch noch von anderen Impulsen als deni wohlverstandenen eigenen Interesse in Schwingungen und in thatkräftige, Energie entwickelnde Bewegung versetzt wird, solange rvird eben nichts geschehen. Und sollten wir es wirklich noch erleben, die schönen Reden in Thaten umgesetzt zn sehen, so ist nur von einer in genannter Art tiefgehenden und umfassende n Hilfsaction wirkliche Hilfe zn erwarten. Abgeordneter Dr. Lervicki empfiehlt die inne r e C o l o n i s at i o n, Prof. Pilat verspricht sich von solcher keinen Erfolg und empfiehlt G r o ß i n d u st r i e; Herzberg-Fränkel empfiehlt Hausindustrie und hält die Gründung von Schulen minder wichtig, Prof. Pilat dagegen verspricht sich nichts von der Kleinindnstrie und redet den Schulen das Wort. Bedenkt man aber, dass die sicherste Hilfe in der Beseitigung der n a t ü r l i ch e n 11 r s-a ch e n des Elends liegt, so kommt man bald zur Uebcrzcngnng, dass eine solche nur in der gleichzeitigen Inangriffnahme aller oben skizzierten Hilfsaetiouen erzielt werden kann. Wohl würde eine solch umfassende und radikale Aktion große Opfer und die ausdauernde und unermüdliche Arbeit zumindest eines ganzen Men sch enalt er s erfordern. — Aber wann sind denn große Ziele anders erreicht worden? Oder ist es kein großes Ziel, des Schweißes unserer Eaelsten und Besten wert, die ganze galizische Jndenschaft vor materieller und moralischer Degeneration zu bewahren? Clara Baronin Hirsch. Mit Clara Baronin Hirsch-Gereuth ist eine der edelsten Frauengestalten des Judentlrnms ans dem Leben geschieden, eine Erscheinung, so prägnant und festgefügt in der Zeiten Flucht, dass der Name, den sie trug, künftigen Geschlechtern ein bleibendes Monument bedenken wird. Nicht allein die weltumspannende, philanthropische Wirksamkeit, rvelche diese seltene Frau im Geiste ihres Gatten entfaltete, nicht die zahllosen Millionen, die sie mit segensreichen Händen ansstrcnte, um unnennbares Leid und zehrenden Kummer zu lindern, sichern ihr ein unauslöschliches Angedenken; die Eigenschaften ihres Charakters, ihres Intellekts, ihres Wesens vereinen sich zn einem Gemälde hoheitsvoller Weiblichkeit, dem ein zweites kaum gleichgestellt werden kann. Wer Gelegenheit hatte, die Baronin Hirsch anlässlich ihrer letzten, im verflossenen Jahre stattgehabten Anwesenheit in Wien zu sehen, wem es gegönnt rvar, sich in ihr Antlitz zn vertiefen, der musste sich vor Augen halten, einer jener beste gesagt, man hätte nicht gewusst, dass er ein „Koin" sei, er selbst aber habe nichts davon gewusst, dass er als „Koin" sie nicht hätte heiraten dürfen. Der „Chet" ist „beschoigeg", sagte der Rabbi. Das mussten die „Dajorrim" zugeben. Doch aber, setzte der Rabbi fort, bleibt es immer ein „Chet", und von diesem Augenblicke an, wo Aufklärung in die Sach' gekommen ist, wär' der „Chet", rvenn man ihn fortbesteh'n lässt, nicht mehr „beschoigeg", sondern „bamesid". Die Ehe zwischen Reb Salme Katz und dieser seiner vermeintlichen Frau ist keirre giltige. Einstimmig lautete das Urtheil, die Ehe sei ungiltig, und die vermeintlichen Eheleute müssen sich „getten". Mit diesem harten Urtheil wurde das Weib entlassen. Weißt Du, was Neues ist, sagte das Weib zu ihrem Manne, als sie nachhause kam. Was soll Neues sein? fragte Reb Salme. „Getten" werden rvir uns, gab sie zur Antwort. Bist Du „meschügge", rief er, bist Du „metvref"? Was heißt, wir werden uns „getten"? Weil Du ein „Koin" bist, sagte sie, urrd hättest rnich nicht nehmen sollen. — Können wir denn zirrücktanschen? fragte er, heut, wo wir Kinder und Kindeskinder haben? Kann denn das alles ungeschehen gemacht werden? Was willst Du von mir haben, erwiderte sie, der „Landrvw" sagt, es muss sein. Und da es muss sein, muss es sein. Und es war so. Nach mehr als sechzigjähriger glücklicher Ehe musste sich Reb Salme im Alter von nahezu neunzig Jahren von seinem beinahe achtzigjährigen Weibe scheiden lassen. Ja, sie durften nicht einmal weiter beisammen bleiben und nicht unter einem Dache in gemeinschaftlichem Haushalte leben. Der Vater zog zn einer Tochter, die Mutter zu einem Sohne. In dieser Weise wurde die Sache, die ihrerzeit ungeheures Aufsehen gemacht hatte, erledigt. Auf Wolf Kvhn hatte diese Geschichte einen tiefen Eindruck gemacht. Er erkannte daraus, dass er in seiner Sache nichts zn hoffen habe, und in der That kehrte er unverrichteter Dinge von Nikvlsbnrg in seine Heimat zurück. (Fortsetzung folgt.) enschatz Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortschuug.) Nach Verlauf einiger Jahre waren Vater und Mutter todt, und mrn hätte er seiner Neigung folgen dürfen, allein das geliebte Mädchen war das Weib eines anderen; man hatte sie inzrvischen verheiratet. Die Ehe zwischen Emma und Beroch Zungenkneter, rveil er beim Sprechen die Zunge im Munde hin- und herwarf, als ob er sie kneten wollte, rvar keine glückliche. Sie fühlte keine Neigung zrr ihm; man hatte ihn ihr aufgezwungen, weil man der Meinung war, dass er sie ernähren werde. Dies war nun allerdings der Fall, aber die beiden passten nicht für einander. Ans anfänglich kleinen Misshelligkeiten und geringfügigen Missverständniffen ergaben sich immer größere Zwistigkeiten rmd Meinungszwiespälte, bis endlich der häusliche Zwist und Hader einen Punkt erreichte, auf welchem ein weiteres Zusammenleben nicht mehr möglich rvar, dergestalt, dass beide Theile zn der Einsicht gelangten, es bleibe für sie nichts übrig, als anseinanderzngehen. Und das geschah, es kam zur Scheidung. Dieses Ereignis hakte in der „Gasse" viel von sich reden gemacht. Das allgemeine Urtheil war, es hätte so weit nicht kommen müssen, wenn beide Theile gegeneinander nur etrvas nachgiebiger gervesen wären; es gab aber anch Leute in der „Gasse", die der Meinung waren, Emma habe die Verdrießlichkeiten absichtlich herbeigeführt; sie habe nur einen Borrvand fiir die Scheidung gesucht und sich von ihrem Manne nur darum scheiden lassen, rrm dem stillen Verehrer von früher jetzt, da seine Eltern todt sind, die Hand zu reichen. Und in der That, Wolf hatte ihr seine Liebe bewahrt bis auf diesen Tag, rrnd nichts hätte ihn gehindert, die Jngendgeliebte nun als Gattin heimzuführen, wenn er einzig seiner Neigung hätte folgen können. Der Widerstand der Eltern war mit deren Tode beseitigt; aber ein anderes, noch weit mächtigeres Hindernis thürmte sich irr dem Augenblicke, da er am Ziele seiner Wünsche augelangt schien, vor ihm ans. Dieses Hindernis rvar eine rabbinische Satzung. Nach dem rabbinischen Gesetze darf ein „Koin" eine „Gernscheh" nicht znm Weibe nehmen. Wolf Kvhn wäre allerdings Freigeist genug gewesen, sich für seine Person über die rabbinische Satzung hinwegznsetzen. wenn es sich einzig und allein nm seine Person gehandelt hätte; allein, rver Inder „Gasse"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.