Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 8 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.-'miir 0 V icn, Fi'oit;!^ . i'i.■ •:;c’:; /./'i'ii'ivüafitiitiu iUu'v iuviboit zu haben, luic jolä/e Die n'.iecg'yiudlicye >GcschiihO' D?r Nlenscliheit nickst in jedem Säc'ulimi bervorbringt. Die GcsichGznge milde und doch ernst, fast derb, die Lippen mm einem Hauche schmerzlicher t'fii'juairon umspielt, der halbverschleierte Blick, gleichsam den Reflex eines graiuerfüllten Innenlebens wiederjpiegelnd, je präsentierte sich eine Frau, welche die Vorsehung mit enormen Reichthi'iinern, mit schier unermesslichen materiellen Gütern bedachte, ohne ihr das Kleinod ungetrübten Familiengliickes, den Schatz innigster Herzensfreude darznreichen. Gin unerbittliches Geschick raffte ihren einzigen Sohn Lneien im blühenden Jünglingsalter dahin, vor drei Jahren verlor sie ihren Gemahl, deni sie durch mehr als drei Jahrzehnte als getreue Beratherin im Dienste selbstlosester Humanität zur Seite stand — es klingt daher durchaus nicht paradox, sondern ist psychologisch wohl erklärlich, wenn sie, ihres thenersten Besitzes beraubt, die Absicht äußerte, ihr g c s a m m t e s V e r m v g e u bedrängten Glaubensgenossen zuzuwenden; ihr vorzeitiger Tod brachte diesen Plan nicht zur Reife. Baronin Hirsch war eine vornehin veranlagte, jedem hohlen Standesdünkel abgeneigte Natur, bestinnnt und eonsequent im Denken, allem Schonen und Guten mit offenen Armen zugänglich. Etwas reserviert in ihrem Gehaben, liebte sie es nie, in das geräuschvolle Milieu des modernen Gesellschaftslebens hinanszutreteu, ungeachtet der weitreichenden verwandtschaftlichen Beziehungen, die sie besaß, fand sie ihre einzige Befriedigung im kleinsten Kreise ihrer nächsten Angehörigen, im unablässigen Erforschen der Stätten drückender Armut, allwo sie als Retterin und Helferin init nimmermüder Energie ihres schwierigen Amtes waltete. Es war keine leichte Aufgabe, das in grandiosestem Stile angelegte Wohlthütigkeitswerk, welches Baron M 0 r i z H i r s ch ins Leben gerufen hatte, iveiter zil organisieren, zu überwachen und zu leiten. Doch die Verblichene wusste nicht nur mit seltenem Eifer und rastlosem Fleiße das Gebot der Nächstenliebe zu üben, sie dehnte die Grenzen des bisher Geschaffenen in einer Weise aus, dass die Kunde ihrer Thütigkeit bis in die entferntesten Welttheile drang. War Varvn Hirsch sowohl in seinen geschäftlichen Unternehnmngen, als auch in seinen Wohlthätigkeitsacten der kühne Unternehmer, dem der Begriff der Menschenfreundlichkeit mit jenem der Culturverbreitnng gleichwertig schien, so gewahrte seine Witwe in der Förderung zeitgemäßer Erziehung und in der Heranbildung tüchtiger, arbeitsfähiger Menschen die schönste Mission, welche .lück>5cckicm Yolkr.bhiM sie fick, auferlegen konnte. Der Heranwachsenden jüdischen Jugend schenkte sie in aller Herreil Ländern außer den mnnisicentesten Barmitteln durch Errichtung von Schulen, durch Erlveckmrg von Pflanzstätten geistigen Wissens ein unschätzbares Capital, welches die dauernde Basis tausender von Existenzen begründete. Das Vermächtnis ihres Galten, nute r st n tz e u d und a n f k l ä r e n d zu lvirken, konnte Baronin Hirsch nicht erfolgreicher ansgestaltcn. Frei von kleinlicher Eitelkeit, ohne Wvrtschlvall, ohne Pose erkünstelten Samariterthnms, folgte sie, stblicht und bescheiden, dem universelle!! Zuge ihrer Seele; sie gab und spendete schrankenlos, im erhebenden Bewusstsein, nicht für das Bedürfnis des Tages, sondern über ihr Leben hinaus für Anne und Gebeugte vvrgesorgt zu haben. Von dem Augenblicke an, da sie das Hans ihres Vaters, des Bangniers B i sch 0 f fs h e i m in Brüssel, verli-ß, um im Alter von kaum Jahren dem Baron Hirsch die Hand zum Ehebande zu reichen, bis zur Stunde, tvelche sie von qualvollen körperlichen Schmerzen und schtvercr Gemüthsdepressiou erlöste, erfreute sie sich der hingebungspollsten Sympathie aller, die das Glück hatten, mit ihr in Berührung zu kolunren. Noch in der letzten Woche ihres Lebens unterließ sie es nicht, eine wahre Märtyrerin, den täglichen, immensen Einlauf von Gesuchen und Briefschaften persönlich zu erledigen, bis eine innere, nicht zn bannende Krankheit, verbunden mit einer Herzaffeetion, sie ztvang, ihrem Berufe zu entsagen. Mit besonderer Hingebung tvidmete sie ihre Aufmerksamkeit dem in Wien fungierendenWohtthätigkeits-Bureau, welches gegründet wurde, um den in Oesterreich lebenden hilfsbedürftigen Juden, insbesondere kleinen Getverbetreibenden und nvthleidenden Kaufleuten, hilfreich zur Seite zu stehen. In einem ersten hiesigen Bank-Jnsiltnte hatte Baronin Hirsch den Betrag von s e ch z e h n Millionen G u l d e n hinterlegt, dessen Zinsen dem gedachten Zwecke allmonatlich zugeführt werden. Von hieraus erfolgt auch die Dotation der Wohlthätigkeits-Bureanx in Lemberg und Budapest, sowie der Stiftungen zur Errichtung von Volksschulen in Galizien, von Arbeitsschulen für Mädchen und für Handwerker, die ihre Ausbildung im Auslande anznstreben bemüht sind. Diese letzteren Institutionen sind mit Separatfonds von zusammen drei Millionen Gulden ansgestattet. Fast unübersehbar sind die anderweitigen humanitären Anstalten, welche unter der Aegide der Baronin Hirsch constitniert wurden und deren Bestand für immer gesichert erscheint. Die testamentarischen Bestimmungen sind nach dieser Richtung 7. April J890 Nr. 8 genauest präristiert, ebenso die Ansprüche der Erben, als welche der Bruder der Verstorbenen, Ferdinand B i s ch o f f s h e i m, sowie ihre beiden Schtvestern, Frau Leopold Gold schm i dt in Paris und Iran Georges Nt v n t e s i v r e - L 6 v y in Brüssel, snugicren. Nach dem im Jahre 1887 erfolgten Ableben ihres einzigen Sohnes adoptierte die Baronin die beiden im Knabenalter stehenden Brüder Arnold und Naimond de F o r e st, Verwandte ihres Mannes, von welche» der jüngere seit Monaten an einem bedenklichen Nervenleiden darniederliegt. Trotzdem Baronin Hirsch seit dem Tode ihres Galten ungefähr 200 Millionen Francs für ihre wohlthätigen Bestrebungen verausgabte, lvird das h i n t e r l a s s e n e Vermögen noch auf annähernd 300 Millionen Francs taxiert. Die letztwilligen Verfügungen der Verewigten, welche ein Alter von l>0 Jahren erreicht hatte, dürften noch viele, von Entbehrungen heimgesnchte Familien anfrichten und selbe einer besseren, sorgenfreien Zukunft entgegenführen. —s. Gut pariert. Aaron Gvldsteiu erholt sich nach des Tages Mühen in einem Restaurant bei einem Glase Bier. Er denkt an nichts Schlimmes, als sich vier unverfälschte Vollblntarier an seinen Tisch setzen und, da er ans seiner nichtarischen Abstammung infolge seines Aussehens nicht gut ein Hehl machen kann, die Kopfe znsamnlenfteckeu, uni zu berathen, was in diesem heikeln Falle zu thnn sei. Plötzlich erhebt sich einer, dem Aenßeren nach entschieden der „Leistungsfähigste" von ihnen. „Mein Herr!" schreit er den Juden an, „ich erkläre Ihnen, dass wir Deutschnationale sind!" „O, das macht ja nichts," antlvortete dieser gelassen, „wenn Sie sich anständig anfsühren, haben Sie von mir nichts zn fürchten." re heutige Unmmer umfasst 10 Seiten. Die heutige Uummer des „Jüdischen Ualks- Natt" enthält im Jnseratentheile den Uraspect der The Jemish Colonial Trust (Jüdische Colonial-Kanlr) Limited. - :;ü — lebt, muss auf die „Gasse" Rücksicht nehmen, und muss der in ihr herrschenden Stimmung Rechnung tragen. Seine Sache war keine Privatangelegenheit, es war eine Angelegenheit der Gemeinde, sie betraf das Jndenthnm. Der Rabbiner, mit dem Wolf die Sache besprach, in der Meinung, es ließe sich zu seinen Gunsten vielleicht eine andere Satzung ausfindig machen, konnte ihnr keine andere als eine abschlägige Antwort ertheileu. Bei aller Achtung, die er vor ihm hatte, erklärte ihru der Rabbiner unmir wunden, dass er in Rücksicht auf ein so ausgesprochenes Ehehindernis die Tranung nicht vornehmen konnte, und ein in dieser Angelegenheit unternommener Schritt beim Ober-Landesrabbiner in Nikolsbnrg, dem Rabbi Trebitsch, hatte keinen besseren Erfolg. IV. Bei seiner Anwesenheit in Nikolsbnrg erzählte man ihm eine ans seinen Fall bezügliche merkwürdige Geschichte, die sich daselbst unter dem Vorgänger des Rabbi Nehemias, nämlich unter dem Rabbi Markus Benedikt zngetragen hatte, und die ihrn die Aussichtslosigkeit seines Bestrebens mit erschrecklicher Klarheit beleuchtete. Es existierte hier in Nikolsbnrg, die Sache ist schon lange her, ein gewisser Reb Salme Katz, ein steinalter Mann, hoch in die achtzig, und sein Weib Eheile war etwa zehn Jahre jünger als er. Die beiden waren keine N kvlsbiirger, sie waren noch unter dem Vorgänger des Rabbi Markus Benedikt als junges Ehepaar ans der Fremd' hierhergekonunen, und man u-nsste nicht, auf welche Art es möglich gewesen ist, dass sie die Bewilligung bekommen habe», sich hier niederznlassen; genug, sie lebten hier unangefochten', haben eia schönes Hans geführt, still und ruhig gelebt, keinem etwas in den Weg gelegt, haben Kinder bekommen, eines nach dem anderen, haben sie sronun und in der Jüdischkeit erzogen, haben sie alle, die Söhne so gut u>ie die Töchter, glücklich verheiratet, haben nicht nur Enkel, sondern sogar auch Urenkel erlebt und hatten eine zahlreiche und ansgebreitete Nachkommenschaft, bei der sie hoch in Ehren standen. Eines Tages geht die Urgroßmutter Eheide über die „Gasse", dort, wo inan ins „Kleingässel" hineingeht, kommt ihr ein junges Weib in großer Anfregniig entgegen gelaufen. Was läufst du, Küle? fragte die alte Frau. Z"in Schuster lauf' ich, antwortete die Gefragte, wegen dem „Ehalizeh- Schuh". Ich weiß aber nicht, ob mir ihn der Schuster wird machen können, denn mein Schuster ist keiner von der „Gass", er wohnt drinnen in der Stadt, lvo man ans die Wiener Straß' hinansgeht, und ich kann ihm nicht sagen, wie er den Schuh machen soll und die Riemen und was weiß ich. Du brauchst nicht zu lausen, sagte die Alte, und brauchst nit zum Schuster zu geh'n, ich Hab' daheim unter dem alten Kram noch den „Ehalizeh-Schuh" seit der Zeit, wie ich „Ehalizeh" genommen Hab. Komm mit mir, werd' ich dir den Schuh geben. Also giengen die beiden miteinander, und das junge Weib, den, der Mann gestorben war, und das nun vor de», Bruder des — — verstorbenen Mannes die „Ehalizeh" nehmen ninsste, erhielt von der alten Frau den Schuh. Mit diesem Geschenke, das sie dem jungen Weibe gab, hatte die alte Frau in harmloser Weise und ganz unwillkürlich ein Geheimnis verrathe», von dem niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte und dessen Enthüllung für sie von schweren Folgen begleitet war. Sie hatte „Ehalizeh" genommen. Es musste ihr also der Mann gestorben sein. Salme Katz ist denmach nicht ihr erster Mann. Sie ist also Witwe gewiesen, da er sie heiratete. Das alles sieht sehr harmlos aus; aber an diese Kette von unbedeutenden Thatsachen knüpfte sich eine für das alte Ehepaar fürchterliche Frage. Wie konnte Saline Katz sie heiraten? Er ist doch ein „Kvin"! Wie konnte er eine, die „Ehalizeh" bekommen hat, znn, Weibe nehmen? Derjenige, der diese Frage that, war Zodek Leb „Mesnsehküscher", so genannt, weil er, zn thnn hatte er nichts, den ganzen Tag damit verbrachte, in seiner Wohnung von einer Stube in die andere zn gehe», weil er so beim jedesmaligen Neberschreiten der Thürschwclle die „Mesnseh" küssen konnte. Als er mm von seiner Tochter die Neuigkeit von dem geschenkten „Ehalizeh-Schnh", welche sich mit großer R'aschheit durch die „Gasse", im „Kleingässel" bis hinunter in das „Gartel" verbreitet hatte, erfuhr, schrie er: „Schein jischnierrene"! wie kann das sein? Reb Saline Katz ist doch ein „Koin"! Wie hat er „getoort" ein Weib nehmen, die „Ehalizeh" bekommen hat? „Bewoineßene rabbim"! Er „versünd't" doch die ganze „Khille"! Gleich muss ich hingehen zun, „Landrow"! Und so that er. Er war ein großer Fanatiker und konnte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Er gierig hin zum Rabbi Markus Benedikt und brachte sie vor, nicht als „Problem", sondern als „Faetnm", wie der ihm geistesverwandte Patriarch in Lessings „Nathan" gesagt haben würde. Rabbi Markus Benedikt war nicht voreilig und hielt nicht gleich alles für richtig, was inan ihm sagte; er kaiinte sehr wohl den dennnciatorischen Uebereifer mancher Menschen. Hatte er aber die Wahrheit und Nichtigkeit einer Thatsache erforscht, dann war er allerdings der Mann, ver keinen Spass versteht. Zunächst schickte er den „Scharnes" zu der alten Frau und ließ sie holen. Sie kam, und er befragte sie über die Angelegenheit. Sie gab alles zn und verschwieg nicht das Geringste. Ans die Frage des Rabbi, wie Reb Salme als „Kvin" sie habe heiraten können, wusste sie keine Ansknnft zn geben; vielleicht, meinte sie, hat inan gar nicht gewusst, dass er ein „.Koiii" ist, sie selbst habe es, weil er nicht Kvhn heißt, auch nicht genmsst. Der Rabbi berief das „Besdin". Die „Dajvnim" kamen; es wurde Sitzung gehalten und über beu Fall verhandelt. Man schickte um Reb Salme, der Aufschluss darüber geben sollte, wie es möglich gewesen sei, dass er als „Koin" eine, die „Ehalizeh" bekommen hat, zum Weibe nehmen konnte. Reb Saline war aber seines hohen Alters tvegen nicht imstande, der an ihn ergangenen Vorladung Folge zn leisten. Das Weib übernahm es, die verlangte Ansknnft zu überbringen. Sie wurde nachhause geschickt und kan« »ach einer Weile zurück mit der Antwort, es sei so, lute