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Jüdisches Volksblatt · 1899-03-31 · 7 (31.3.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
7 (31.3.1899)
Date
1899-03-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 31. Marz 1809 Seite 5 Musealobjecte bereits auf circa 1100 angewachseu. Nicht inbegriffeu ist die von einem Wiener Maler, David Kohn, gespendete Bibliothek, die circa 800 Bände zählt, darunter auch viele seltene Werke. An dieser Stelle möchten wir an die Gesellschaft die Bitte richten, das jüdische Museum soll nicht Bibliotheken anlegeu. Bücher, auch seltene, oder gerade diese, gehören in die Bibliothek der Israelitisch-theologischen Lehranstalt oder der Israelitischen Cultusgemeinde, wo sie zu wissenschaftlicheu Zwecken gelesen oder benützt werden können. Sollte aber gar die Gesellschaft eine selbständige Bibliothek und eine Lesehalle errichten wollen, so würde sie ihre Kraft aus etwas Ueberflüssiges vergeuden. Die jüdischen Bibliotheken in Wien bedürfen eher einer Concentrativn. Dem Jahresberichte schließt sich eiir im Museum gehaltener Vortrag: „Das Jndenthum und die bildenden Künste" von Dr. M. Güdemann an, in dem der Verfasser — wenn auch nur flüchtig — die Kunstentfremdung des Judenthums zu erklären versucht. Die Phantasie der Griechen hat sich an den mythologischen Gestalten genährt und entzündet. Durch seinen geläuterten Monotheismus, durch seine spiritualistische Auffassung des göttlichen Wesens entbehrte das Judenthum des wirksamsten Antriebes zitr bildenden Kunst. Die Göttermythen an sich übten — wie Döllinger und andere gezeigt habe» — einen entsittlichenden Einfluss, durch die bildliche Darstellung derselben wurde dieser Einfluss noch verstärkt. Darum wies das Jndenthum mit seiner durch und durch sittlichen Weltanschauung die bildliche Darstellung des göttlichen Wesens ab. Nächst der Gottesverehrung war es die Feier der Verstorbenen, die die Kunst gefördert hat. Aber auch auf diesem Gebiete wurde die Kunst verpönt. Die Pietät war so stark, dass sie keiner Auffrischung durch imposante Denkmäler bedurfte. Dennoch verachtete das JudLuthum die Kunst nie, indem es diese abweist, bekundet es zugleich die richtige Erkenn tnis von ihred Bedeutung und ihrer Wirkung. Die Fähigkeiten der au der Ausstattung des ersten Heiligthums betheiligten Kunsthandwerker werden in der Bibel schon als „Weisheit", „Einsicht", „Erkenntnis" bezeichnet. Zum Schlüsse erwähnt der Vortragende einige Vorwürfe für bildende Künstler. Für die jüdischen Architekten wäre es eine dankbare Aufgabe, einen eigenen Stil für den Tempelbau zil finden, der das dnrchgeistigende Emporheben in die Unendlichkeit des Himmels ausdrücken sollte, für die Maler und Bildhauer, Gestalten, tute Moses, nach jüdischer, geläuterter, richtiger Auffassung darzustellcn. j. b. (Lebensgeschichte Spinozas.) Es gibt wohl kaum einen Philosophen, dessen Leben uns so viel Interesse abgewinnen könnte, wie das des Spinoza. Ist doch sein Leben, sein ethisches System, ins Praktische umgesetzt, „Quell und! Spiegel seiner Lehre zugleich". In der Lebensgeschichte Spinozas ist aber noch bis heute vieles nicht aufgeklärt, fo | feine Beziehungen zu der ihn umgebenden Welt, die Motive j vieler seiner Handlungen, die Entstehung seiner Schriften.! Viele Actenstücke dieses Inhaltes sind, weil über einen Ketzer handelnd, vernichtet worden. Aus Furcht vor Verdächtigung hielten sich seine Freunde von einer Schilderung seines Lebens zurück. Für alle Biographen Spinozas bildeten noch immer die Lebensschilderungen von Colerus und Lncus die einzige Quelle und auch diese waren ihnen nur dürftig, in Auszügen und in einer Uebersetznng bekannt. In den letzten Jahrzehnten ist der Stoff ziemlich bereichert worden. Professor I. Frendenthal, ein auf dem Gebiete der jüdisch-alexandrinischen, scholastischen und auch neueren Philosophie rühmlichst bekannter Forscher, veröffentlicht nun mit Unterstützung der preußischen Akademie der Wissenschaften eine „Lebensgeschichte Spinozas in Quellenschriften, Urkunden und nichtamtlichen Nachrichten. Leipzig 1899". Durch die Sammlung des zum Theile veröffentlichten, zum Theile noch nicht gedruckten Materials beabsichtigt Frendenthal, „eine feste Grundlage für die noch unsicher schwankendeLebensgeschichte Spinozas zu geben." Von welcher Wichtigkeit diese Arbeit ist, beweist vor allem der Umstand, dass auch der bedeutendste Biograph Spinozas, K. O. Meinoma, in seinem „Spinoza en zijn kring“ eine große Zahl von wichtigen Actenstücken noch nicht kennt und auch das Verhältnis der Quellenschriften zu einander noch nicht klar erkannt hat. Das Werk Frendenthals bietet auch eine große Zahl neuer Daten. Die Grabdenkmäler des jüdischen Friedhofes zu Onderkerk, das große Gemeindebuch, klären uns über die Familie Spinozas vorzüglich auf. Sein Großvater Abraham Espinoza war aus Nantes nach Amsterdam cingewandert. Sowohl er wie sein Sohn Michael, der Vater unseres Philosophen, waren Vorsteher sn der Gemeinde, und die Familie Espinozas erfreute sich daielbst eines großen Ansehens. Nur eine Schwester, Rebekka, überlebte unseren Philosophen. Interessant ist auch eine Notiz ans dem Buche der Opfergaben: „Barnch Espinoza schuldet am 5. December, Sabbath der Tempelweihe, sechs Goldstückchen." Diese Notiz stammt aus dem Jahre 1655. Sieben Monate später (am 27. Juli 1656) wurde über Spinoza der Bann verhängt. Der Abfall war also gar nicht vorbereitet, eher jäh und überraschend. Von Interesse sind auch die Beschlüsse der holländischen Synoden gegen den „Tractat", der zugleich mit dem Leviathan des Hobbes und der Bibi. fVatrum Polonomm, dem Hauptwerke der Svcinianer, als ketzerisch und höchst gefährlich bezeichnet wird. In diesem Sinne gibt anch der Hof von Holland sein Gutachten ab, indem er den Behörden die schärfsten Maßregeln gegen die Verbreitung des ketzerischen Tractates empfiehlt. Man beschuldigte bis nun die jüdische Gemeinde in Amsterdam, dass sie Spinoza bei der Negierung verleumdet hätte. Nach den von Frendenthal veröffentlichten Actenstücken erscheint die jüdische Gemeinde gegenüber den! Kibchenräthen und „freisinnigen" Synoden geradezu als im höchsten Maße tolerant: Und doch hatte ihr eigener Sohn ihr j heiligstes Gut, für das die Väter vor kurzer Zeit erst geblutet, j wie eine Seifenblase durch den Sturm seines Denkens zer-! stören wollen und es später noch oft herabgesetzt und erniedrigt. Ein Actenstück enthält auch eine Schilderung der Schule, die Spinoza in seiner Jugend besuchte. Ein Inventar über Spinozas Nachlass schildert uns seine ärmliche Wohnung, und ein Bücherverzeichnis führt uns in seine kleine Bibliothek, die von den jüdischen Büchern biblische und talmudische Lexica, Grammatiken, Philosophisches und Historisches enthält. Das Buch Frendenthals bietet noch eilte Menge interessanter, neuer Daten. Solche Bücher, wie das Freudenthal'sche, entbehren nicht eines gewissen Reizes für den Leser, denn sie regen zu selbständigem Urtheilen und Bauen an. j. b. Körsen-Uevue. Die Wiener Börse krankt seit mehreren Monaten an einer empfindlichen Geldknappheit, die umso auffallender ist, als keine zureichenden, wirtschaftlichen Gründe für diese Erscheinung gefunden werden können. Doppelt befremdend wirkt die anhaltende Immobilität der Geldmittel, als ja in den vergangenen Jahren um dieselbe Zeitperiode stets eine Verwohlfeilung des Zinssatzes zu constatieren war, die Heuer vergebens auf sich warten lässt. Beinahe scheint es, als ob man einer ungewöhnlichen Cvnstellativn der Marktverhältnisse gegenüberstehcu würde, die Ansprüche der heimischen Industrie sind vollauf befriedigt, vor neuen Unternehmungen, die größere Capitalien binden könnten, sind wir sorgfältigst bewahrt, das geringe Erfordernis des April-Coupons kann wohl kaum in die Wagschale fallen, nnd doch verfolgt der Geldpreis eine steigende Tendenz, die sich speciell in beit letzten Tagen wesentlich verschärfte. Die Situation der auswärtigen Börsen kann hierbei kaum in Betracht gezogen werden. Aus den maßgebenden internationalen Plätzen wie Berlin, Paris und London ist eher eine sinkende Richtung der Discontraten zu verzeichnen, und nur der Wiener Platz, im Bewusstsein stolzer Unabhängigkeit, behauptet anch hierin eine Sonderstellung. Betrachtet man etwas genauer die Lage der Wiener Börse, so zeigen sich deutlich die Symptome einer ins Maßlose gesteigerten U e b e r s p e c n l a t i o n, und lediglich in diesem Momente sind die Ursachen der constanten Geldthenerung enthalten. Man braucht nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückzugreifen, um Parallelen zu ziehen, welche die gegenwärtige Gestaltung des Effectenmarktes zu charakterisieren vermögen. Vor kurzer Zeit reichlicües Geldangebot, heute schroffe Zurückhaltung nnd ängstlich thuende Reserve, verbrämt mit den absurdesten Ausflüchten. War damals die Abundanz eine unnatürliche Configuration der Marktlage, so ist es heute ebenso die Frontverändernng, die sich seither vollzogen hat. Der sogenannten Platzspeculation waren damals Thür nnd Thor für ihre abenteuerlichen Bermnthnngen geöffnet, die Mittel, um ein Engagement einzngehen, lagen sozusagen auf der Straße, man brauchte — '28 — Inneres erfüllte; er brannte vor Neugierde, diese Vorstellung als Thatsache leibhaft vor Augen zu sehen, und als dann das große Ereignis sich ers nllte, als er dabei war, wie die blumenbekränzte Locomotive. einen ganzen Zng von Wagen hinter sich herziehend, pustend und dampfend daherbrauste, da erschien ihm diese wie ein rauch- und feuerspeiendes, aihmendes, lebendes Wesen, ein Wnnderthier von Riesenkraft, nnd er konnte sich vor Staunen nnd Verwunderung nicht fassen. Er war damals acht Jahre alt, aber tief prägten sich seinem Herzen die Worte ein, welche der „Vetter" Wolf bei dieser Gelegenheit ausgesprochen halt'. Von heute an — sagte der „Vetter" Wolf — leben wir in einer anderen Welt. III. Dieser „Vetter" Wolf war kein gewöhnlicher Mensch. Er war Theilhaber an dem Geschäfte seines Bruders, betheiligte sich aber nicht an demselben; er war „stiller Compagnon", aber das Geschäft interessierte ihn nicht; er hatte ganz andere Interessen. In der „Gasse" nannte man ihn den „Philosoph" Er hatte in der That sehr viel gelesen; seine Lieblings- Schriftsteller waren Voltaire und Diderot, nnd seine ganz besondere Neigung batte Montaigne. Bei diesen dreien fand er jene Freiheit von Borurtheilen, die seinem Verstände keinen Zwang anthat nnd sein GemüthsbedürfniS so vollauf befriedigte. Er stand im Gerüche eines Freigeistes. Dabei verhielt er sich völlig neutral gegen jeden anderen und suchte niemandem seine Meinungen anfzndringen; er begnügte sich damit, seine llcberzengnng zu - haben, und gab sich zufrieden, wenn man ihn in seinem Thun und Lassen nicht störte. Schon in den Dreißigerjahreu hatte er täglich die „Augsburger Allgemeine Zeitung" gelesen, und es gewährte ihm eine Genngthnnng. dass 'der neue Rabbiner, der gegen Ende der Dreißiger in die Gemeinde berufen wurde, sie auch zn lesen wünschte und dass er ihm sie täglich znsenden durfte. Mit diesen! Rabbiner stand er trotz der grundsätzlichen Verschiedenheit der religiösen Ansichten ans bestem Fuße, er unterhielt sich mit ihm gerne über Politik, das Gebiet der Religion ließen sie unberührt. Er war unverheiratet, ein schon etwas ältlicher Junggeselle, ein Hagestolz. -An Anträgen, die man ihm gemacht, hat es nicht gefehlt; er hat sich aber nicht entschließen können, in eine solche durch Bermittlnng zustande gekommene Verbindung einzugehen, woher es kam, dass er alle Partien, die man ihn! an:rng. ohne Prüfung ablehnte. Die eine nnd einzige, nach der sein Herz begehrte, war ihm versagt. Emma war die Tochter eines Dvrfgehers, nnd Wolfs Eltern sträubten sich mit Hand und Fuß gegen die Verbindung des Sohnes mit dem armen Mädchen. Wolf war ein guter Sohn. Um die Eltern nicht zn kränken, that er seinem Herzen Gewalt an nnd verzichtete ans ein Wesen, das er abgöttisch verehrte. (Fortsetzung folgt.) L L . .. __ __ . _ 7t jtT jJC V^Vjjt f\ Ein negatives Privilegium. Erzählung von Eduard Kulte. I. Aron Kohu hatte zwei Freunde. Der eine hieß Jonas Bohnmeier, der andere Samuel Feigengold. Er war beiden sehr zngethan, und man sollte meinen, dass die beiden Freunde Arons miteinander ebenfalls befreundet waren. Nichts wäre natürlicher gewesen. Warum sollte Aron es verabsäumt haben, Jsak und Samuel mit einander bekannt zu machen? Es war aber so; Aron hatte es unterlassen'. Jsak und Samuel blieben einander fremd; sie wussten nichts voneinander. Nie hatte Aron, wenn er mit Samuel beisammen war, den Namen seines Freundes Jsak genannt, ebensowenig hatte er im Verkehr mit Jsak seines Freundes Samuel auch nur die leiseste Erwähnung gethan. Und das hatte guten Grund. Aron hatte instinctiv die Empfindung, dass er, wenn er die beiden zusammenbrächte, nothwendigerweise einen von ihnen verlieren würde. Ihre Anschauungen von Welt und Leven waren so verschieden, dass sie einander gegenseitig abstoßen mussten. Zwischen beiden den müßigen und gleichgilligeu Zuschauer zu spielen wäre von beiden als Mangel au Theilnahme angesehen worden; den versöhnenden und ansgleichenden Vermittler zu machen traute er sich die Kraft nicht zu. Partei nehmen für den einen hieß, es mit dem anderen verderben; er wollte aber ans keinen von beiden verzichten. Daraus ergab sich für ihu eine ganz absonderliche Lage, die etwas Beklemmendes hatte. Er musste dem einen wie dem anderen gegenüber beständig fort ans der Hut sein; er hatte jedem der beiden gegenüber ein Geheimnis auf dem Herzen nnd nlnsste mit größter Sorgfalt darauf bedacht sein, es mit keinem Worte zu verrathen. Das war schwierig. Der Verkehr mit dem einen erschien ihm tute eine Untreue au dem anderen; er kam sich vor, wie eine untreue Geliebte, die ihre Gunst zn gleicher Zeit an zwei Liebhaber verschenkt, die voneinander nichts wissen dürfen. Ans die Länge der Zeit war diese Situation freilich nicht haltbar; cs ist im Gegentheil merkwürdig genug, dass Aron diese schwierige Rolle zwei Jahre lang ohne Störung zu spielen vermochte. Aber alles hat sein Ende. Was diesem komischen Versteckenspielen ein Ende gemacht, das war jene elementare Gewalt, die mächtig ist wie der Tod. *) Lic^ bislang uugedruckte Erzählung wurde uns ans dem Nachlasse des nach Kompert bedeutendsten österreichisch-jüdische» Lichter-) durch die bstebenewnrdigkeit des Lr. Fried. 2- K raus zur Berfstzung gestellt.

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