Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 7 (31.3.1899)
- Date
- 1899-03-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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it-u. Tioitirj \'m*k.*blat-t 31 M;.iz 18«)» Nr. 7 Nr. ( » sie mir vom Erdboden aufzulesen, um dann als Jntereffent der einen oder anderen erzgewinnenden Gesellschaft auf den Plan zu treten. D e Folgen konnten nicht anSbleiben. Unbekümmert um muthmaßliche Erträgnisse schnellten die Course einzelner Favorit-Papiere rapid in die Höhe, allenthalben unbezähmbare Kauflust, ein toller Faschingswirbel veränderte binnen weniger Wochen die gesammte Physiognomie des Mvntan-Marktes. Amtliche Warnungen, wohlmeinende Kassandra-Nnfe, nüchterne Beschwichtigungsversuche, Alles blieb unbeachtet, die Hausse-Strömung überflutete die Schutzdämme kühler Berechnung und sachlicher Erwägung, rasch war der Ciilminationspunkt erreicht. Jetzt kam die ganz unvermutbete Stagnation. Das Eilzugstempo in der Coursbewegung verlangsamte sich, die Schichte weiterer, ungeduldig herbeigesehnter Käufer wollte sich nicht einstellen, die optimistisch gefärbten Zukunftsbilder blieben ohne das erforderliche, gläubige Auditorium, kurzum, es galt nunmehr geduldig zu warten. Dieses resignierte Ausharren kostet aber an der Börse Geld, und da zeigte sich ganz plötzlich, dass die einst ergiebigen Quellen zu versiegen drohten. Der erforderliche Ausweg ans diesem Dilemma wurde ober bald gefunden. Es stellten sich die vielgefürchteten Realisierungen der genugsam bekannten „kleinen Leute" ein, die blindlings einem gerade modernen Leithammel über Stock und Stein Nachtraben, der Abbröckelnngsprocess trat in seine Rechte — die Erntezeit für die Großmogule der Coursireiberei, die nunmehr ibre Functionen begannen, war glücklich erreicht. Waren diese raffiniert genug, der Aufwärtsbeweguug zu präludieren und unauffällig alles Materiale zu erwerben, so bot sich ihnen jetzt willkommene Gelegenheit, loszuschlagen und noch im letzten Momente tausende von Actien der harmlos mitlaufenden Cohorte von Tagesspeculanten „anznhängen". In dieser Beziehung erfreut sich ein Matador, dessen Name mit der Benennung eines ziemlich bekannten Geldzeichens der neuen Währung übereinstimmt, einer geradezu berüchtigten Routine. Wenn cs diesem Herrn beliebt, seinen Profit einzustreichen, können Existenzen zugrunde gerichtet werden, einerlei, der Starke, in diesem Falle der an Vermögen und Actionscredit Reiche, bleibt der Sieger. Dieses betrübende Schauspiel zeigte sich in der verflossenen Woche im Rahmen mehrer Scenerien. Es beliebte dem Gebieter, wie der technische Ausdruck lautet, „herauszugehen", und im Nu sanken die Preise der im Vordergründe des Verkehres stehenden Spielpapiere um namhafte Summen; vorgestern war der Führer der entgegensetzten Meinung, und allsogleich ecablierte sich eine fröhliche, mitunter stürmische Wertsteigerung, welche in einzelnen Actien die höchsten Notierungen zutage förderte, die jemals wahczuuehmen waren. Sv sind der robusten Willkür einzelner Faiseure ganze Gebiete des Effectenmarktes wehrlos ausgeliesert, so müssen Hunderte von Menschen auf die Launen gewissenloser Jobber horchen, die sich gerne und würdevoll das volltönende Epitheton „Großspecnlanten" gefallen lassen. Hier wäre der Angelpunkt, um eine nachdrückliche Remedur ins Werk zu setzen; nichts kann beschämender und erniedrigender für eine Börse von dem Range und der Bedeutung' der unserigen sein, als die Thatsache, dass nicht das legitime Verhältnis von Angebot und Nachfrage die Entwicklung der Preise und des Geldmarktes regelt, sondern die pure Spielwnth einiger Parvenüs, die nach ihrem Geschmacke und ihren zufälligen Bedürfnissen das Conrsniveau beherrschen. Vielleicht blüht doch im Stillen das Talent eines weisen Mitgliedes der hohen Börsekammer, welches sich ans träumerischer Behaglichkeit anfrafst und eine Reinignugsaction unternimmt, die gar vielen Spreu von dem gesunden Weizen sondern würde. Es thut dringend noth, eine energische Säuberung am Schottenriug zu veranlassen. Üoroas. Eingesendet. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Die Ueberfüllimg der Wiener Bethänser zeigte sich wieder während der ersten beiden Peßachtage. Wir befanden uns im Tempel au der Leopoldsgasse, wo am Samstag abends ein derartiges Gedränge herrschte, dass man nur bitten musste, es möge keine Panik eintreten. Die Gänge sogar waren derart dicht besetzt, dass im wahren Sinne des Wortes kein Apfel zur Erde fallen konnte und die äußeren Thüren geschlossen werden mussten. Am Sonntag mußte Sicherheitswache requiriert werden und schon um eine halbe Stunde nach Beginn des zweiten Mvrgengottesdienstes wurde der Einlass für über eine Stunde inhibiert, bis nach dem Ausheben der Thorarollen ein wenig Abzug kam. Mit Beginn des Mussaph war der Tempel wieder gedrängt voll. Sonntag abends das gleiche, drinnen wie draußen. Und in den übrigen Gotteshäusern wars nicht anders. Und nun eine Frage: Wie lange noch soll diese G o t t e s h a n s - C a l a m i tä t in Wien a n h a l t e n? Die Zustände, namentlich im zweiten Bezirke, sind einfach unhallbar. Da gibt's kein „Wenn" und kein „Aber" mehr. D-e Cultnsgemeinde muss auf Mittel sinnen, Abhilfe zu treffen. Dazu ist sie nach ihren Statuten verpflichtet. Die L a st den T e m p e l v e r e i n e n n o ch l ä n g e r a u f z u b ü r d e u, geht nicht mehr a n. Der zweite Bezirk muss zum allermindesten noch ein großesGotteshaus erhalten, abgesehen von dem in der Brigittenau. Ein weiteres Hinausschieben dieser Frage geht nicht mehr an. Heute verkrümelt sich das Geld in vielen kleinen Bctstätten. Rechnet man die Kosten zusammen, so ließen sich dafür drei große Tempel bauen und der Gottesdienst wäre überall ein geregelter und würdiger. Genehmigen Sie, geehrter Herr Redacteur, den Ausdruck rc. (ja.. Ans den jüdischen Organisationen. (Der allgemeine hebräische Sprachverein) wurde in feierlichster Weise am Dienstag-Abend in Guths Restaurant unter großer Theilnahme von Zionisten und anderen national gesinnten Glaubensgenossen ins Leben gerufen. Herr Lector Friedmann begrüßte aufs Herzlichste die erschienenen Damen und Herren, mit dem kurzen Wunsche seine Ansprache schließend, lass diese Gründung „von kleinen Anfängen zu großen Folgen und Erfolgen sich durchdringe und emporschwinge. Referent Dr. L. Kahn erhielt hierauf das Wort, um die Principien auseinanderzuseheu, welche den neuzugründeuden Verein in seinen, sowohl Ins religiöse — als auch das Natioualgefühl fördernden Bestrebungen bieten werden und wie derselbe bestimmt ist, ein einigendes Band um die zerstreuten Glieder der gesammten Diaspora unter Gottes Beistand dereinst zu bilden. — Zugleich empfahl er in den Vorstand die Herren Lector Friedmann, Chacham Papo, sich selbst, Dr. Leon Kellner und Rabbi Dr. Ehrenpreis v. Diakovür. Wegen des letzteren entwickelte sich eine längere, lebhafte Discussivn, weil derselbe nicht in Wien anwesend, ist doch gelang es dem Referenten durch seine aufklärenden Worte seinem Anträge einstimmige Annahme zu erwirken, indem er versicherte, dass laut Statut später tüchtige Pädagogen und sonstige geeignete Personen durch Covptierung zugezvgen werden. Doctor Engländer und Schriftsteller Brandes (in hebräischer Sprache) begrüßten die Bildung des Vereines als Zeichen des wiedererwachteu Judenthums. In ähnlichem Sinne sprach auch Rabbiner Schvr — auf die passende Stelle (Ezech. 37) hinweisend, die ja am Passafeste gewöhnlich verlesen wird, noch mehr aber im Hinblicke darauf, dass die Heranwachsende Jugend durch denselben befähigt werden soll, nach dem Satze in den „Sprüchen der Väter" zu handeln. D”np‘£xb yViW HÖ JH Lector Jriedmann dankte für die Wahl in geistreichen, zu Herzen gehenden Worten, nicht minder Herr Dr. K a h n, nach dessen Aufforderung zum Beitritt sofort alle Anwesenden Folge leisteten. Aufrufe zur energischen Propaganda wurden schließlich vertheilt. Mazmiach Jeschuah. (H i l f e und Hei l.) Dem 32. Jahresberichte des israelitischen Wohlthätigkritsuns Kranken-Unterstützungsvereines pro 1898 entnehmen wir, dass die Einnahmen fl. 2094, die Ausgaben fl. 2430 betrugen, das Bereiusvermögen belief sich Ende 1898 auf fl. 13.526, außer der Caution von fl. 1000 beim Syuagogeu-Berein „Belh- Jsrael". In der jüngsten Generalversammlung wurde einstimmig beschlossen, die um den Verein durch langjährige Thätigkeit vielverdienten Herren P. Halpern und Jos. Silbermark zu Ehrenmitgliedern zu ernennen, und überreichten denselben — -m II. Aron stammte aus einem sehr reichen Hause in Mähren und war der einzige Sohn, geliebt von den Eltern über die Maßen. Die Mutter, eine -arte, schlanke Frau, deren Ebenbild er war, hütete ihn wie ihren Augapfel; der Vater, ein tüchtiger Geschäftsmann, mit einem Blicke, der über den beschränkten Gesichtskreis einer kleinen Gemeinde weit hinausreichte, ivar einzig und allein auf die Zukunft d:s Sohnes bedacht, und demgemäß * war sein Streben darauf gerichtet, aus dem Sohne mehr zu machen, als cr selber war. Der Bruder des Baiers, von Aron schlechtweg der Vetter Wolf genannt, war die Herzensfreude des Knaben. Die Großeltern väterlicherseits waren hochbetagt; sie liebten das Enkelkind mit närrischer Zärtlichkeit. Der Großvater setzte sich den Knaben auf den Kopf und trug ihn durch alle Stuben in der Wohnung herum, was der Kleine Reiten nannte. Tie Großmutter überschiittete und verzärtelte ihn mit Süßigkeiten und Leckerbissen aller Art. Aron erfuhr in seiner Knabenzeit nichts als Liebe. Er war sanft und folgsam; nie hatte er einen Vorwurf anzuhören. Sein ganzes Dasein war ein sanft dahinfließender Strom von angenehmen Empfindungen. Bis zum dreizehnten Jahre saß Aron mit seinen Altersgenossen im „Cheder", wo er bei dem „Bocher" jede Woche die „Szedreh" lernte mit Mendelssohns Uebersetzung und mit „Raschi"; am Freitag mussten die Knaben die „Szedreh maiwer sein" nach dem „Trop" und am Sabbath-Nachmittag gieng es zum „Verhören" beim Rabbi. Nach der „Barmizwah", die in solenner Weise gefeiert wurde, begann der Vater den Sohn allmählich in die Geheimnisse des Geschäftslebens einzuweihen. Zwei unauslöschliche Erinnerungen waren dem zum Jünglinge heranreifenden Knaben aus der „Chederzeit" zurückgeblieben. Die eine bezog sich auf die Eröffnung der Eisenbahn, die andere betraf den Vetter Wolf. Als siebenjähriger Kuabe hatte er den Arbeitern beim Ausgraben der Erde und beim Abtragen der mannigfachen hügeligen Erhöhungen zur Herstellung der Ebene für den Schienenweg zugesehen, denn die Strecke von Wien nach Brünn führte unmittelbar au seinem Heimatsorte vorüber. Man besprach die Sache allerorten, und seine Phantasie war davon mächtig angeregt, als er erfuhr, dass die Wagen sauf der Eisenbahn nicht von Pferden würden gezogen werden. Er hörte sprechen von der Kraft des Dampfes; aber er konnte sich davon keine Vorstellung machen, wie es möglich sei, dass ein Wagen ohne Pferde laufen solle. Gawriele Stnffer erzählte eine drollige Geschichte. Tief nuten in Ungarn saß zu jener Zeit in einer sehr frommen Gemeinde ein Rabbi, der als hervorragender Talmudist in großem Ansehen stand, sonst aber von den Dingen der Welt nicht viel wusste und sich um dieselben auch nicht kümmerte. Doch drang die Nachricht von der bevorstehenden Errichtung der Eisenbahn bis in seine Gelehrtenstnbe. Am Sabbath Abend pflegten sich zum „Scholes-S.udas mehrere Gemeindemitglieder beim Rabbi einznsinden, und bei dieser Gelegenheit wurde dann, nachdem der Rabbi ein „fein Mörtel" gesagt, hie und da auch von den Dingen gesprochen, die in der Welt Vorgehen. Da diese Leute in Geschäftsangelegenheiten nicht selten Reisen machten und der eine oder der andere nach Pest oder gar bis Wien kam, so konnte es nicht fehlen, dass sie die Neuigkeiten, die sie über die Dinge der Welt erfuhren, mit nach Hause brachten. Als sie nun wieder einmal am Sabbath-Abend beim Rabbi saßen und von weltlichen Dingen die Rede war, da machte einer, der eben von Wien zurückgekommen, die Bemerkung: Sie haben bei „seh'" doch auch ein' großen „Szechel". Ich bin die Wvch' in Wien gewesen, Hab ich gehört ein' groß „Chidesch". Einer von England hat gemacht, dass man wird können fahren auf ein' Wagen ohne „Ferd". Ohne „Ferd"? rief alles erstaunt. Ja — wiederholte der also Befragte — man wird fömti*h fahren auf ein' Wagen ohne „Ferd". Wird man fahren statt mit „Ferd" mit Ochsen — sagte einer der Zuhörer; der Berichterstatter aber fuhr fort: Was redst Du da, Löbele, mit Dein' narreschen „Szechel"? Wo wär da das „Chi.desch"? Den „Szechel" haben doch die Bauern auch. Die spanneu doch auch Ochsen ein statt der „Ferd". Ich sag' Dir doch aber, man wird können fahren auf ein' Wagen ohne „Ferd", ohne Ochsen, ohne alles. Der Wagen wird geh'u von selbst. Wie ist das möglich? — fragte Löbele. Das ist doch das „Chidesch"! — erhielt er zur Antwort. Nun nahm der Rabbi, der bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, und alles lauschte seinen Worten. Zu fahren auf ein' Wagen ohne „Ferd" — sagte er, „is der Emmes" ein großer „Szechel". Aber was ist dabei der „Tachles hadower"? Ob ich fahre mit „Ferd" oder ohne „Ferd". Es ist ein „Szechel". aber was kommt dabei heraus? Was brauch ich zu fahren auf ein' Wagen ohne „Ferd", wenn ich kann fahren mit „Ferd"? Man hat doch „Ferd". Soll man lassen die „Ferd" zusehe»'? Es ist ein „Szechel", aber ich brauch den „Szechel" nicht. Haben unsere „Chachvmim" ein' anderen „Szechel" gehabt. Sie haben gewusst schon damals, es wird einmal eine Zeit kommen, wo die Welt wird so schlecht sein, dass die Leut werden am „Tischebvw" nicht tverden wollen fasten. Haben sie gemacht, man „tovr" an „Tischebvw" in der Früh kein „Tsillen" legen. Und „hießt" fresst's! Das heißt ein „Szechel". Diese Geschichte hatte allgemeine Heiterkeit erregt. Auch Aron hatte sie mit angehört. Während aber die Erwachsenen lachten über die Naivetät des Rabbi, welcher meinte, die „schlechte" Welt, von der er sprach, werde sich zurückhalten, am „Tischebvw" zu essen, weil man „Tsillen" legen darf, lachte der Knabe gar nicht; er konnte sich nicht genug verwundern über die Gleichgiltigkeit, mit welcher der ungarische Rabbi die Neuigkeit aufgeuvmmen hatte. Er verstand das nicht. Dass mau mit einem Wagen ohne Pferde soll fahren können, das war eine Vorstellung, die sein ganzes e Präses feieriid Diplor 100 & der n Jahrei human z" kö NM 3 Israels „Engel Anregi 0. oi!2.- lil. <>. «>. * S s F :i 1; 6 n 7. \ 6.5 i 6.2 6 <» t äÄ . S! ' ■/' ~ '■ _'!’XL ■_II'.-_1_^-^--- y V