Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 6 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. März 1899 Seite 5 Theater, Kunst und Literatur. (Carl-Theater.) Für unseren modernen Geschmack sind die Gesellschaftsstücke der Franzosen schon etwas veraltet. Sie fesseln nur mehr durch geschickte Verknüpfung außerordentlich spannender Situationen, die, abgeleitet von einem zufälligen Ereignis, den Zuhörern die innere Umvahrscheinlichkeit verbergen. Ein Stück mit diesen Vorzügen, aber auch mit den Schwächen des französischen Drama ist das vieractige Schauspiel Sardous: ,,M a r c e 11 e“, das vergangene Woche zum erstenmale auf der Bühne des Carl-Theaters in Scene gieng. Es hat einen starken dramatischen Knotenpunkt, der aber nur durch Einfügung nothwendiger Hindernisse an seiner allzufrühen Aufknüpfung gehindert werden kann. Nahe an die bekannte Ohnet'sche Mache heranreichend, ist das Interesse des Zuschauers an dem Stücke bald erloschen. Der Inhalt ist, kurz erzählt, folgender: Ein Edelfräulein hat ihren Bruder, um ihn vom Kerker zu befreien, vor Gericht als Rächer ihrer Ehre bezeichnet. Ihr angeblicher Verführer möchte nun gern ihr Mann sein, sie aber verachtet ihn als den Verderber ihres Bruders. Um sein Ziel zu erreichen, folgt er ihr in das gräfliche Haus, in welchem sie als Vorleserin Brot und Schuh gefunden hat. Der jüngere Sohn des Hauses liebt sie und wird von ihr wiedergeliebt, und das Paar findet Unterstützung an der Gräfin-Mutter, die in kluger Weltweisheit trotz der Jntriguen des Verschmähten, trotz der Bosheiten der „Gesellschaft" und des Widerwillens des älteren Sohnes die Verbindung des jungen Paares ermöglicht. In dem Stücke finden sich nur wenige sogenannte Geistesblitze, von echt französischem Esprit durchweht ist nur die Schlussscene des vierten Actes. Der Beifall war mäßig und galt mehr beit Darstellern als dem Stücke. Das starke Talent der Frau H r u b y ließ sie ganz besonders in der Scene des zweiten Actes Töne echter Leidenschaft finden, zur vollendeten Grazie hindert sie aber die für mädchenhafte Unschuld doch zu unwahrscheinliche Gestalt. Frau Furlany lieferte eine Leistung voll echter Künstlerschaft. Unter der übrigens ziemlich mittelmäßigen Salongesellschaft machte sich Fräulein Jurberg recht angenehm bemerkbar. Von den männlichen Darstellern erfüllte nur Herr R e u s ch seine Aufgabe voll und ganz; Herr Stri al hat noch etwas Unbeholfenheit im Spiele. Im Ganzen war die Aufführung ein vielleicht unerwarteter Erfolg der in Abwesenbeit des Directors die Geschäfte führenden Leiter. B—k. Der Verein d5r jüdischen Hochschüler in Prag hat in seiner letzten Vollversammlung vom 12. d. M. die Bestrebungen des „Jüdischen Volksvereines" und des „Jüdischen Volksblattes", eine Organisierung der Juden Oesterreichs zu erzielen, auf das freudigste willkommen geheißen. Derselbe will der Durchführung dieses großen Zieles im Rahmen seiner Satzungen seine ganze Kraft widmen. um pflichtgemäß theilzunehmen an dem Werke der Selbsthilfe auf culturellsocialem und politischem Gebiete. Dem Aufträge der Vollversammlung gemäß erlaubt sich für den Ausschuss diese Resolution'in Kenntnis zu bringen: M. U. C. O. Kaufma u n, J. U. G. Alfred Kral, Schriftführer. dz. Obmanu-Stellvertr. Keine Exportbank. Vor wenigen Wochen noch hatte es den Anschein, dass Oesterreich-Ungarn seiner Stellung als politische Großmacht eine gleiche Position auf dem Gebiete des Handels zugesellen werde. Alle Vorbereitungen waren getroffen, um dem commerciellen Außenverkehr der Monarchie, welcher sich trotz gegentheiliger Versicherungen noch immer in den Anfangsstadien befindet, weitere Absatzgebiete zugänglich zu machen, und die hervorragendsten heimatlichen Industriellen hatten sich zur Gründung einer Exportbank vereinigt, die unter der Aegide der Creditanstalt die finanzielle Leitung der Actien übernehmen sollte. Das Projeci fand in den Kreisen des seriös denkenden Handelsstandes sympathische Aufnahme, man glaubte bereits den frischen, belebenden Hauch eines kräftigen Aufschwunges in allen Zweigen des großen und kleinen Gewerbebetriebes zu verspüren, man befasste sich schon mit dem eingehenden Studium jener interoceanischen Länder, welche ausersehen waren, die Erzeugnisse unserer Textilbranche mit hellem Jubel zu importieren, kurzum, der trockenen, volkswirtschaftlichen Phantasie war urplötzlich ein weiter Spielraum der abenteuerlichsten Combinationen gegeben. Die Hoffnungen, die an eine zielbewusste, thatkräftige Förderung des Exports geknüpft wurden, schienen nicht ganz unbegründet zu sein; waren doch die eifrig gepflogenen Besprechungen und vorberathenden Schritte so weit gediehen, dass die Statuten des ins Leben zu rufenden Institutes, vollkommen fertiggestellt, der maßgebenden Stelle zur Genehmigung unterbreitet .werden konnten. Hierbei fällt die Thatsache ins Gewicht, dass die Männer, welche sich mit ihren Namen, ihrer hervorragenden Bedeutung und ihrem Vermögen für die Sache einsetzten, gewiss von jeder Anwandlung selbstsüchtiger Reelame und ungezügelten Speculationsdranges freizusprechen sind, und dass alle 'einschlägigen Factoren genauest und mit vollster Objectivitüt erwogen wurden, bevor die praktische Durchführung der Idee reifte. Fabrikanten,. die über ungezählte Millionen verfügen, die Generationen hindurch die Elite der österreichischen Industrie repräsentieren, und deren fachmännisches Urtheil von größter Tragweite ist, stürzen sich nicht kopf- 'über in gewagte Unternehmungen, um etwa der persönlichen Eitelkeit zu fröhnen oder marterielle Vortheile um jeden Preis einzuheimsen. Die großen, Weltruf genießenden Etablissements in unseren Jndustrie-Eentren bedürfen nicht der mühevollen und complicierten Manipulationen, die der überseeische Handel im großen Stile mit sich bringt, der angestammte, binnenländische Kundenkreis dieser Firmen liefert ihnen nach wie vor eine Production, welche keinerlei Concurrenz zu scheuen braucht. Haben dennoch die ersten Vertreter des vaterländischen Gewerbefleißes ihren Einfluss aufgeboten, den um seine Existenz ringenden kaufmännischen Mittelstand wirksam zu unterstützen und den legitimen Zwischenhandel zu kräftigen, so dürfte in der Erfassung dieser Aufgabe zunächst das Bestreben zu erblicken gewesen sein, an Stelle der kläglichen Zustände, unter denen zahlreiche Industriezweige zu leiden haben, eine bessere Zukunft zu setzen. Die Chancen für die Verwirklichung dieser Idee waren zu Beginn der eingeleiteten Campagne die denkbar günstigsten. Jahrzehntelang ertönten ununterbrochen die Klagen von der brach darniederliegenden Unternehmungslust, an drei Regierungen war man bereits mit dem wohlmotivierten Verlangen herangetreten, unter Patronanz des Staates die Exportverhältnisse zu regeln. Enqueten wurden abgehalteu, Gutachten eingeholt, doch vergebens harrte man eines entscheidenden Schrittes, der eine Besserung in der Handelsbilanz herbeigeführt haben würde. Das reichhaltige, statistische Ziffernmaterial, welches zur Publication gelangte, sprach mit beredten Worten, es erzählte von dem continuierlichen Rückgänge der Stellung Oesterreichs im Welthandel, und Vergleiche mit dem mächtig aufstrebenden deutschen Kaiserstaate ließen die Inferiorität unseres Landes in noch ernsterem Lichte erscheinen. Mit allseitiger, ungeheuchelter Zustimmung wurde daher ein in großen Zügen angelegter Plan begrüßt, welcher nichts anderes wollte, als auf Basis wertvoller und dauernder Garantien dem österreichischen Handel jene Erdtheile zu erschließen, welche bisher dem hiesigen Kaufmanne kaum mehr als geographische Begriffe galten. Handels-Museum und Export- Akademie sollten in friedlicher Eintracht Zusammenwirken, um der österreichischen Friedensflagge auf weiten Meeren ehrenvolles Geleite zu geben und die Erzeugnisse des Mutterlandes auch dort zu Ansehen zu bringen, wo bisher die colonialen Mächte den gesammten Handelsverkehr förmlich monopolisiert hatten. Die Marke „Made in Austria" war also bestimmt, die Reise um die Welt, in der man arbeitet, anzutreten, und waghalsige Utopisten sahen in ihrer Einbildungskraft die schwerbeladenen Dampfer in Triest und Fiume verankert, welchen die Aufgabe zusiel, österreichische Fabricate und österreichische Cultur nach den fernsten Emporien zu tragen. — 24 — -ihrer innigen Zuneigung. Haschel schürte dieses Feuer der Leidenschaft des Idioten mit großer Geschicklichkeit. ' Er wusste ihm zu beweisen, dass das Mädchen sich nur für ihn schmücke, nur auf die Gasse komme, um ihn zu treffen, und ihm verstohlen verliebte Blicke zuwerfe. Er machte den schwachsinnigen Burschen ganz verrückt, der possierlich in dem Staate eines civilisiert sein wollenden Negerfürsten, durch die Gasse stolzierte. Auf dem Haupte einen ans der Gasse anfgelesenen, zerknitterten Cylinder, die Hände in Handschuhen ohne Finger, in einem speckglänzendeu, schäbigen Gehrocke der ihm bis an die Knie reichte und weit über die Finger hinausragte, und einer buntgeflickten Hose, schritt er einher wie ein Sieger. Er wurde mit der Zeit kühner und warf dem Mädchen, wenn er ihrer beim Fenster ansichtig wurde, Kusshändchen zu, die sie in ihrer Eitelkeit als schmeichelhafte Anerkennung ihrer Schönheit mit Lachen hinnahm. Nun schien Haschel der Moment gekommen, seinen Plan ausznführeu. Er wusste dem Idioten klarzumachen, dass das Mädchen in heißer Liebe für ihn entbrannt sei, beneidete ihn um sein Glück mit dem Hinznfügen, dass er schon längst gewusst habe, dass tu ihm mehr stecke, als man glaube. Der Idiot betrachtete sich schon als unzweifelhafter Bräutigam des Mädchens, und es dauerte nicht lange, erschien er auf Betreiben Haschels vor dem Vater, um seine Werbung vorznbringen. Es war „Schabbes" vormittags, bevor man in den Tempel gieng, die Zeit der üblichen Morgenvisiten im Ghetto. Mit großer Mühe hatte ihn Haschel bis zum Hanse befördert, nun stieß er ihn die schmale Treppe hinauf zur Wohnung des „Schwiegervaters". Er hatte ihn in ein dem Zwecke entsprechendes Costüm gesteckt, in einem Frack, der ihm um den Leib schlotterte wie eine Windfahne, seinen obligaten Cylinder, gestärkte Borbrnst und weiße Masche. Er hatte ihm auch mit großer Mühe das Sprüchlein beigebracht, womit er die Werbung Vorbringen sollte. Hinter der Treppe versteckt, harrte Haschel nun der Dinge, die da kommen sollten. Lange währte es, bis der Cretin zagenden Herzens Math fasste, die Thüre zu öffnen. Endlich war er im Zimmer, Haschel hörte eine lange Weile keinen Laut, dann ein Poltern und Schimpfen; die Thüre wurde aufgerissen, und mit einem kräftigen Tritte jemand die Treppe heruntergewvrfen. — Unten las Haschel den Cretin auf; er wand sich vor Lachen, Thränen traten ihm aus den Allgen. Der arme Bursche war ganz verstört und zitterte wie Espenlaub, der Schreck lag ihm iu allen Gliedern. Der Cyliilder war in einen Winkel gekollert, das Borhemd stak ihm aus dem Fracke heraus, und der Frack selbst war mit Staub und Schmutz bedeckt. Mit Hilfe Haschels fand er das Gleichgewicht wieder, rieb sich die Seite, und einer besseren Eingebung folgend, machte er plötzlich einen Sprung und lief davon wie besessen. Einige Stunden darauf machte die „Werbung des Cretins" die Runde im Ghetto. Wo er sich zeigte, wurde er mit unbändigem Gelächter empfangen und mit Spott und Hohn überschüttet. Er traute sich gar nicht mehr auf die Gasse und verkroch sich in die verstecktesten Winkel. Aber mit dieser gelungenen That wllchs der Ruhm Haschels ins Maßlose. Seine That wurde allgemein belacht, umsomehr, da man dem alten Filz diese Blamage gerne gönnte. üovelienschatz. Typen aus dein Ghetto. „Haschel, der Spassmacher." Von I g n a z W e i ß. Wie ein duftiger Schleier liegt ein Stück echter, goldener Poesie über die Gässchen des Ghettos in dem mährischen Städtchen B. ausgebreitet. Der große Sturm der uunvälzenden Ereignisse scheint diese Gegend kaum gestreift zu haben. Die rissigen, halbmorschen Hänschen ragen wie Denkmäler" einer abgestorbenen Zeit in die Gegenwart. Das holperige Pflaster aus ungefügen > Steinen, auf denen die nur selten hier verkehrenden Wagen ein donnerartiges Getöse hervornfen; die schmutzigen, winkligen Gässchen hügelig und steil, verleihen dem Stadttheil jenes orientalische Colorit, das man sich schwer hinwegdenken könnte von dem Leben, das hier pulsiert. In dieser Stadt hat sich .das Ghettoleben mit einer seltenen Reinheit erhalten, wobei aber das Wort „Reinheit" auch den historischen Schmutz bedeutet, der nothwendigerweise den meisten Ghettos anhaftet. Noch wie vor hundert Jahren, wohne» die Leute zusammengepfercht in diesen halbzerfalleuen Häusern, die sie von ihren Urgroßvätern ererbt haben. An jeder Scholle, an jedem Steine kleben merkwürdige Erinnerungen, jeder Mensch kennt den Stammbaum des anderen, und jeder Stammbaum hat seine Geschichte eines heldenhaften Ringens gegen einen blindwüthigen Fanatismus, die sich von Vater .auf Sohn fortpflanzt und mit einen Beitrag liefert zur zähen Widerstandskraft des jüdischen Volkes. Die Thore, die das Ghetto gegen die Christenstadt abgesperrt, sind zwar schon lange gefallen, aber die steinerne» Wölbungen, die die Thore eingefasst, stehen noch als Ausgänge des Ghettos, wie' Triumphpforten einer überwundenen Zeit. Viele Häuser sind auf Treppen gebaut, die bei milder Witterung als eine Art Veranda benützt werden, um ' der dumpfen Zimmerlult zu entrinnen. Dann lagern auf den Stufen Männer, Greise, Frauen und Kinder in buntem Durcheinander. Da wird geschwätzt, ' ' gelacht; -gescherzt in glücklicher Selbstvergessenheit, entrückt allem Elend und Leid. ' - In dieser Gesellschaft fehlte fast nie „Haschel, der Spassmacher". Heute sind schon die Tage seines Glanzes vorbei. Er hat sich schon lange ' znrückgezügen von dein Geschäfte der Lustigkeit, ohne einen würdigen Ersatz .zu hinterlassen. Er war ein armer Teufel, aber eine lustige Haut. Immer zu Spässen und Ulken aufgelegt. Die markanteste, populärste Figur des Ghettos.' Arbeiten war nicht seine Leidenschaft; das überließ er anderen. Er'saß gewöhnlich, natürlich nur wenn es genügend warm war, auf-einer " kleinert Bank vor dem Hänschen/in dem er eine sehr bescheidene Wohnung inne hatte. War es ihm aber da zu sonnig und zu heiß, so' legte er sich ' auf die Steinfließen des gegenüberliegenden beschatteten Hauses nnd schnarchte 1 wie eine Säge.