Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 6 (24.3.1899)
- Date
- 1899-03-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblalt 24. März 1899 Nr. 6 Auf jenen Stätten, wo vor Jahrtausenden der Stern Davids prangte, wo vor Jahrhunderten Kreuz und Halbmond wechselten, wo vor Jahrzehnten Russland gegen Frankreich, Kreuz gegen Kreuz stand, ist heute das Feldgeschrei: „Hie Israel, hie Arier" . . . Denn das ist die große Frage: Können selbständig deutsche und selbständige jüdische Colonien friedlich nebeneinander bestehen? Bei einer weiteren Ausbreitung des politischen Einstusses Deutschlands in Palästina ist an eine noch so geringfügige politische Selbständigkeit der dortigen jüdischen Colonien schwer zu denken. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen die deutschen und die jüdischen Colonisationsideen betrachtet werden. Wir zweifeln nicht — denn Jahrzehnte haben Beweise geliefert — dass das jüdische Element dasjenige ist, welches sich dem Lande und seinem Klima am leichtesten assimiliert und das durch seine Opferwilligkeit und Beharrlichkeit die allergrößten Erfolge verheißen könnte. Wir sagen: könnte — weil sich solchen Erfolgen von allem Anfänge an schwere politische Hindernisse entgegenstellen und immer entgegenstellen werden. Der Türke stand dem Tschifut, dem Juden, immer sympathisch gegenüber, wir dürfen es sagen, sympathischer als dem Christen, der ihn immer bekämpft hat. Zu einer Zeit, da der Jude im Osmanenreiche hohe Stellen im Staate und bei Hofe einnahm, war der Christ nicht bloß zurückgedrängt, sondern es durfte sogar noch vor vierzig Jahren, als schon der europäische Einfluss die Türkei umwandelte, in den amtlichen Aetenstücken für Christ der verächtliche Ausdruck „Gjaur" angewendet werden. Aber diese Sympathie für den Juden "kann schwinden, sobald der Türkei in dem Juden eine neue politische Größe ahnen muss. Der Gedanke, dass die jüdische Colonisation der Anfang einer politischen Selbständigkeit werden könnte — das bloße Phantom eines sogenannten jüdischen Staates, einer neuen Macht, entsetzt die Pforte. Dieselbe steht einer auffallenden Anschwellung der jüdischen Colonien nicht nur nicht freundlich, sondern offen feindlich gegenüber. Diejenigen Colonien, welche gedeihen, blühen sozusagen ohne den Segen der Pforte. . Ganz anders ist die Lage der sogenannten deutschen Cojonisten, welche sich bisher nicht als Deutsche, sondern einfach als „Templer" Gezeichneten, denn als sie vor 31:Jahren unter Führung Hoffmanns an den Küsten Palästinas sich niederließen, streuten sie nicht den Samen einer nationalen deutschen Colonisations-Jdee aus, sondern nannten sich Colonisten aus religiösem Drange, und als^ ihre Aufgabe betrachteten sie es, den Tempel Gottes auf heiliger Erde neu zu erbauen. Sie wurden sogar Rajahs, wie man die nichtmoslemischen Unterthanen des Sultans nennt. Erst als das Deutschthum so mächtig anwuchs, stellten sie sich wieder unter den Schutz ihres deutschen Vaterlandes, wurden Deutsche. Diese deutschgewordenen Colonien als Basis einer weiteren Entwicklung deutscher Macht in Kleinasien zu benützen, ist eine kluge Idee des praktischen deutschen Imperators, er gibt ihr eine agricole Unterlage und verschafft gleichzeitig dem in Syrien in voller Blüte stehenden deutschen Handel einen neuen Stützpunkt. Man liebt den Deutschen im Orient nicht, aber man achtet ihn, und wo er sich niederlässt, bleibt er/ Wenn die Türken auch wollten, könnten sie es nicht hindern. Es fehlt ihnen der positive Grund. Sie hindern die Juden, sich festzusetzen, weil ein neues Reich, ein jüdisches Reich, entstehen könnte, aber ein mächtiges deutsches Reich existiert schon. Und um ihre Ohnmacht und ihre Unlust zu verhüllen, kann die Pforte nichts anderes thun, als dies mit der Sympathie für den treuesten, den einzigen Freund der Türkei vor sich selbst zu entschuldigen. Die Idee des Kaisers Wilhelm findet keine realen Hindernisse und siegt. Der deutschen Colonisation in Palästina ist. durch den Erwerb einer Kohlenstation und einer Länderstrecke eine neue glänzende Perspective eröffnet. Die jüdischen Colonien können nur fortblühen, wenn sie sich Nätürlich darf auch der schmählich betrogene Gatte der etwas leichtlebigen Diva nicht fehlen; er absolviert in mächtiger Ergriffenheit eine obligate Ohnmacht, und kaum ist. diese glücklich überstanden, dröhnt unheimlich die hohe Gerichtsbarkeit an das Thor, um ihren entsprungenen Schützling wieder hinter Schloss und Riegel zu setzen. Dieser Schreckschuss war zum Glück nur ein fauler Scherz, deü sich eine romantisch angehauchte Duleinea erlaubte, der Abenteurer verspürt eine Mattigkeit in seinen Gliedern, er' ist schläfrig geworden — noch einen schluchzenden Scheidegruß au den silberhellen Mond, und der unerschrockene Frouenbezwinger geht zu Bette. Der überzeugenden Plastik dieses herrlichen Schlusses vermag sich niemand zu entziehen. Ein Held — vermut hlich ist darunter Giovanni Casanova gemeint — der im Ausbruche feiner Begierden noch genug Höflichkeit besitzt, dem Publicum angenehme Ruhe zu wünschen, ist eine derartig liebenswürdige Erscheinung, dass man gerne an die schattenhaften, blutleeren Typen vergisst, mit welchen der Dichter, ohne Ziel und Plan, die Bühne bevölkerte. Selbst jene Episodenfigur eines Perlenhändlers dcirf nicht ausgenommen werden, welche der Autor, augenscheinlich in pietätvoller Erinnerurlg an seine Vorfahren, als commerciell thätigen Juden entworfen und empfunden hat. Die darstellenden Künstler bemühten sich nach Kräften, ihren undankbaren Aufgaben gerecht zu werden und das Stück vor dem Untergange im Canal grande zu retten. Herr H'a r t m a n n, anfangs gespreizt und zu reichlich in Spiel und Bewegung, fand im Verlaufe seiner Rolle die überzeugenden Accente des welterfahrenen Routiniers, dem zur Erreiäiung seiner verwerflichen Zwecke kein Mittel zu schlecht erscheint, während Frau Hohenfels, ungeachtet der ihr denen anderer Nationen angliedern, und Deutschland hat mehrfach versucht, sie für sich zu gewinnen. Der deutsche General-Consul Herr v. Tischendorff hat einigemale bereits, wenn beispielsweise russischjüdische Colonisten von den türkisä)en Behörden drangsaliert wurden, dieselben unter seinen Schutz genommen. Eine politisch selbständige Ausgestaltung der jüdischen Colonien aber passt der ambitiösen deutschen Politik heute noch weniger als der türkischen. (Die vorstehenden Ausführungen entstammen einer geschätzten Feder, die, mit den Verhältnissen wohlvertraut, eine Darstellung der Sachlage nach den besten Informationen gibt. Wir wollten die Wirkung dieser Darstellung in keiner Weise beeinträchtigen, weshalb wir sie ungekürzt wiedergeben, ohne uns mit den darin ausgesprochenen Ansichten ganz zu identificieren. Die Redaction.) Vom Tage. Herr Dr. Pattai, ein Mann, der in seinem ganzen Gehaben sich sonst bemüht, Geschmack zu entwickeln, hat in der Versammlung in der Volkshalle die bekannte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes kritisiert und dabei sehr geschmacklose Ausfälle gegen die Juden verbrochen. Er machte die Juden für die Entscheidung verantwortlich, trotzdem er sehr wohl wissen muss, dass Herr Brunner in seinen plötzlichen und überlegten Entschlüssen am allerwenigsten an sein Judenthum denkt oder auf solches Rücksicht nimmt, trotzdem er weiß, dass die Juden in ihrer Gesammtheit die Verantwortung für den Schritt des Herrn Brunner ablehnen. Es ist darum wenig geschmackvoll vom Herrn Dr. Pattai, den Inden wegen der „Sünden" des unbequemen Gemeinderath Brunner zu drohen, es ist mehr als geschmacklos, sie als kirchenfeindlich hinzustellen, weil Hecr ' Brunner gegen die Vergeudung des Gemeindevermögens protestiert. Wir geben Herrn Dr. Pattai die Versicherung, dass die Wiener Inden gegen alle Kirchenspenden nichts einzuwenden haben; was sie wünschen, ist nur, dass auch sie an den Spenden der Gemeinde in dem Percentsatze participieren, der ihnen nach ihrer Zahl und nach ihrer Steuerleistung zukommt. Wenn der Gemeinderath diese Pflicht erfüllt, dann werden sie gegen die Spenden an andere Neligionsgenossenschaften und Kirchen nichts cinznwenden haben. Aber so geschmacklos ist der Dr. Pattai nicht, dass er solche Ideen an der geeigneten Stelle vertritt. Seine Geschmacklosigkeit geht nur soweit, den Juden zu beschimpfen. Das ist eben heute salonfähig, und Herr Dr. Pattai ist ja „Salonmann/ Wenn die offieiösen Journale Herrn Sectionschef R o s n e r nicht missverstanden haben, dann bereitet Graf Thun ein Sprachengesetz vor. .Äach dem langen Studium, das Graf Thun zur Fertigstellung dieses Gesetzes verwendete, muss es das Rechenexempel - dM--seligen Archimedes bei weitem übertreffen und ein Meisterstück an diplomatischer Berechnung sein. Selbstverständlich wird Graf Thun in dem Gesetze nur mit den Nationen rechnen, die einen Factor in seinem staatsmännischen Calcul bilden; weiter einzugehen auf die Bedürfnisse des Landes, das rentiert sich nicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Gesetz, welches auch den Schutz der Minoritäten ins Auge fasst, die bislang nur vom Paragraph 1 des Staatsgrundgesetzes ansonst aber leider in keiner Weise vor Ungercchtigkeiren geschützt wurden, weit mehr zur Ordnung im Reiche beitragen würde; ein Minoritätenschutz der auf einer neuen Wahlordnung — vielleicht nach dem Principe des in Frankreich so bewährten Listen - Scrutiniums — basiert und bte nationale Autono m i e zur Grundlage der sprachlichen Bedürfnisse im Gerichtsverkehre nimmt. Aber mit solchen Einzelheiten sich zu befassen, liegt für unseren Premier kein Grund vor. Es handelt sich ja nur darum, der Obstruction den Mund zu stopfen, nicht darum, den Staat zu retten und dessen Völker zufriedenzustellen. Man gibt ein Sprachengesetz, um den Kindern den Willen zu thun. Man kann nur das Schreien nicht hören; wer still duldet, darf still weiter dulden. aufgebürdeten falschen Sentimentalität, zeigt, wie ein sieghaftes Talent auch die Plattheit öder Floskeln mit dem Schimmer verklärender Künstlergröße umglänzen kann. Den Hintergangenen General gab Herr F r a n k, jeder Zoll ein weinerlicher Provinzler, der im Verlaufe der Begebenheiten die Scheidungsklage gegen seine ungetreue, schlechtere Ehehälfte wahrscheinlich in herzbrechenden Hexametern überreicht haben würde. In der „Hochzeit der Sobeid e", in drei Verwandlungen spielend, bedient sich Hofmannsthal des orientalischen Märchenzaubers, um einen ziemlich abendländischen Vorgang, der sich in unserer vorgeschrittenen Gegenwart häufig genug wiederholt, mit dem Nimbus einer höheren Weisheit zu bekleiden. Ein wohlhabender, persischer Junggeselle, der seines Alleinseins müde geworden ist, hegt den begreiflichen Wunsch, endlich ein blühendes Mädchen zn heiraten, welches er in Sobeide als Frau seiner Wahl heimgeführt zn haben glaubt. Run kommt der geschäftliche. Theil. Der Vater Sobeidens, Bachtjar, hat augenscheinlich schlechte Geschäfte gemacht, er ist in Schulden gerathen unb sieht in dem reichen Hagestolz seinen Gläubiger. Um ein außergerichtliches Arrangement der obschwebenden unangenehmen Differenzen zu ermöglichen, fasst Sobeide rasch den Entschluss, sich zu opfern, und reicht dem Alten die Hand. Die junge Dame tritt jedoch mit einem completen Herzensroman in das Brautgemach; statt, dass sie ihrem Gemahl um den Hals fällt, wie dies bei civilisierten Leuten während der Flitterwochen allgemein gebräuchlich ist, gesteht sie offen, dass sie sich eigentlich nach einem anderen, Assad, des Teppichhändlers Schalnassar Sohn, sehne, welcher sie deshalb nicht zum Weibe nahm, weil seine Armut ihn hin¬ Die Aerztehetze. Jeder Leser antisemitischer Zeitungen weiß, dass seit geraumer Zeit von diesen Organen in vollkommen systematischer Weise die jüdischen Aerzte verunglimpft werden. Durch die Mittel niedrigster Verleumdung, durch erfundene Berichte, durch schamlose Dennunciationen wurden planmäßig Versuche nulernommen, das Vertrauen der Bevölkerung an ihre Aerzte zu erschüttern, und die Anzeichen mehren sich, die darauf Hinweisen, dass dieses verbrecherische Unterfangen nicht ohne den beabsichtigten Zweck geblieben ist. War schon der Inhalt von Alarmnachrichten durch frevelhaft veröffentliche Presserzeugnisse an und für sich geeignet, gleich falschem Feuerlärm Beängstigung und Bennruhigung Hervorzurufelk, so war es wesentlich die Art und Form der Verbreitung dieser verlogenen Artikel, welche die Oeffentlichkeit direct darauf stoßen sollte, dass ihre Gesundheit und ihr Leben durch jüdische Aerzte gefährdet sei. Die unerhörten Beschimpfungen und Pauschalverdächtigungen, welche sich der Aerztestand in der Gemeindestube und im Landtage gefallen lassen musste, sind gewiss ebenso bekannt, wie die ungeheure Frivolität, mit der die Subvention an die Wiener Freiwillige Rettnngsgesellschaft vom Wiener Gemeinderathe verweigert wurde. Wie tief beschämend waren die Alkgriffe gegen die jüdischen Aerzte zur Zeit, als die Pestgefahr für Wien drohend aufstieg und im Reichsrathe Leute von der geistigen Inferiorität der Schneider und Gregorig die jüdischen Aerzte in frechster Weise beschimpften. Der brutale Kampf gegen die jüdischen Aerzte wurde rücksichtslos betrieben. Ist die Situation des Arztes in materieller Hinsicht wegen der schwankenden Grundlage sehr oft eine ziemlich missliche, so ist speciell der jüdische Arzt bezüglich seiner Berufsehre völllg dem Gutdünken seiner nicht immer billig denkenden Mitmenschen ausgeliefert. Wie weit hier Hass und Niedrigkeit gehen, beweist wohl zur Genüge ein tragischer Fall, der sich vor kaum einen halben Jahre in Budapest abspielte. Ein Reichsrathsabgeordneter, der durch seine antisemitischen Velleitäten viel von sich reden machte, beschuldigte einen jüdischen Arzt, seinen Sohn durch schlechte Behandlung getödtet zu haben, und nicht genug an dieser Beschuldigung, stellte der Abgeordnete öffentlich die monströse Behauptung auf, der Arzt sei bestochen worden, ihn seines Kindes zu berauben. Diese erbitterten Angriffe giengen dem hochangesehenen Arzte so sehr zu Herzen, dass er trübsinnig wurde und einen Selbstmord begieng. Und in dieser Methode der Angriffe bewegt sich das Treiben der antisemitischen Presse. Es wurden Artikel veröffentlicht, die nicht nur die Thätigkeit der jüdischen Aerzte im Spitale und in der Privatpraxis emer gehässigen und verlogenen Kritik unterzogen, es wurden auch die jüdischen Aerzte namentlich angeführt, die bei Krankencassen oder Vereinen thätig sind, damit sie, als Juden bekannt, ihre, Stellung einbüßen. Auch die Wissenschaft wurde, ganz besonders auf denjenigen Gebieten, auf welchen Juden Hervorragendes geleistet hatten, verunglimpft. Man geht nicht fehl, wenn man aus der Art der periodisch in den antisemitischen Blättern erschienenen Aufsätze schließt, dass Aerzte selbst daran thätig sind, College»», welchen sie in Bezug auf Wissen und in der Auffassung der humanen Pflichten des ärztlichen Standes nicht gewachsen sind, aus Gründen der confessionellen Unterschiede auf diese Weise schädigen, indem sie sich selber in den Mantel der Anonymität hüllen. Es darf auch nicht unerwcihnt gelassell werden, dass an einigen Krankenanstalten Wiens jüdische Aerzte zur Weiterbildung in ihrem Berufe keine Aufnahme finden, dass au solchen Instituten, die vornehmlich, wenn nicht ausschließlich, von Juden ins Leben gerufen und noch unterstützt werden, jüdische Aerzte dem antisemitischen Terrorismus weichen müssen, ja, dass sogar offene Stellen unbesetzt bleiben, wenn der einzige Petent zufällig Jude ist. Nicht mehr Wissen und erworbene Fähigkeiten allein sind bestimmend, um an einigen Kliniken eine Stelle zu erlangen, sondern auch, oder besser gesagt, zumeist das Glanbensbekenntnis. Doch nicht nur durch die Presse, durch die Vertreter in den gesetzgebenden Körperschaften und durch ihre offenen und derte, Hochzeit zu machen. Der junge Ehegreis gibt Sobeide frei, sie läuft sofort, ohne jede Begleitung, in das Haus Affads und sieht dort zu ihrem Entsetzen, dass sie schmählich belogen wurde. Ueberall prunkender Glanz, Edelsteine und Seidengewebe, und gerade betritt sie die Schwelle, wie Assad mit seinem sittenlosen, gichtbrüchigen Vater, den zu vergiften sich leider keine passende Gelegenheit fand, um den Besitz der schönen Witwe Gulistane, welche die Wirtschaft führt, kämpft. Sobeide bezeichnet diesen Vorgang sehr zutreffend als große Gemeinheit und kehrt zu ihrem Gatten zurück, der just zur Verdauung des Frühstücks in seinen Gärten promeniert, als sie an das Gitter pocht. Ohne Kraft, die ihr zutheil gewordene Enttäuschung ertragen zu können, und tief beschämt, als Retourware behandelt zu werden, steigt sie ans einen Thurm, von welchem sie sich in die Tiefe stürzt. Mit brechender Stimme gesteht sie ihrem von Edelmuth triefenden Gemahl, dass sie doch nicht „fair* an ihm gehandelt habe; sie stirbt und mit ihr das Stück. Die unrichtigen Voraussetzungen, unter welchen dieser Einacter leidet, treten deutlich zutage. An die alberne, die Grenzen der Lächerlichkeit streifende Charakterschwäche des alternden Ehemannes kann ebenso wenig geglaubt werden, wie an einen mögliche»! Widerstreit in der Seele des jungen Weibes. Dieses Geschöpf, »veder Frau noch Mädchen, vollsührt ein Doppelspiel, ivelchen» nicht ein Funken weiblicher Hoheit innewohnt. Auf der einen Seite ein fingierter Opfermuth, der mit schlauer Berechnung materielle Vortheile ergattert, auf der anderen reuevolle Unterwürfigkeit einem ungeliebten Manne gegenüber, welcher die Entlaufene mit unverminderter Zärtlichkeit in seine Ar»ne schließen sott. Hat das Weib wirklich ein