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Jüdisches Volksblatt · 1899-03-24 · 6 (24.3.1899) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
6 (24.3.1899)
Date
1899-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Kedarlivn: 11/3, Untere Augartenstrajjö 19. Sprechstunden r N» Wochentagen'von <t bis 8 Uhr nachmittags; an Sonntagen von io bis 12 Uhr vormittags. Postadresse: Jüdisches «volkdblatt, Wien, H|3.j Vrschwrrdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitte,^, uns dringend. — Manuskripte werden nicht znriickgestestt. Postsparcassen-Conto 817087. In das Abonncincnt kann man täglich eiutretcu. Ersihkint jede« Freitag unter Mitwirkung der vom jüdischen Volksverein erwählten Prefsronnnifsron. Inserate übernehmen die Finnen: I. Danneberg, M. Dukes, Haascnstein <L Vogler, Rudolf Mosse,!l. Oppelik, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditioncn im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 8 kr. M-minisiraiivn: 11., Untere Ungartcnstrahe 19. Nbonnementspreis: Für Wie» ««. Oesterreich-Nngar» sammt Frainozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig st. 4.- fl. »- fl. 1- Fiir daS gefantmte AnSkand sammt Francozustcllung. Ganzjährig.fl. 4.5Ö Halbjährig ....... fl. 58.855 Vierteljährig.fl. 115 Ue. 6. Das Wiegenfest der Nation. Ein stolzes Wort, ein stolzer Moment! Wir Juden dürfen es erklären, wir dürfen es offen und ehrlich proklamieren — wir feiern heute das Wiegenfest unseres Volkes. Unsere Urgeschichte ist nicht in Sagen und Mythen gehüllt, wir kennen sie von unserem llrvnter Abraham, wir kennen sie vom ersten Passah-Feste an, da uns verkündet wurde: „Heute bist Du ein Volk geworden." Ein Wiegenfest! Das seltsame Gefühl dieses Tages kennt jeder an sich selbst. Es ist eine Haltestelle im eilenden Zuge des Lebens, der Ruhepunkt, von dem man zurücksieht auf den Weg, den man schon hinter sich hat, von den man vorwärts sieht auf den, der noch zurückzulegen ist. Auch unser Volk feiert jährlich in engem Familienkreise sein Wiegenfest — P e ß a ch, und es beginnt sein Fest mit der Frage: „M anisch 1 ane . . ." Was hat sich geändert im politischen, socialen und geistigen Leben des Volkes seit jenem ersten Pessach, dem ersten Wiegenfeste unseres Volkes, bis auf die heutige Zeit? Welche Lehre ziehen wir aus dieser tausendjährigen Praxis, um zu wissen, was noch zu ändern wäre? Der Sedertisch ist gedeckt, das Haus reich beleuchtet, Eltern und Kinder in festlicher Stimmung, und es ertönen die alten Lieder von der Sclaverei unserer Ahnen in Aegypten, von den Verfolgungen zu allen Zeiten, von den Unterdrückungen in allen Ländern. Mit Stolz aber erinnern wir uns an den Namen dieses Festes Peßach, im Anschlüsse an die Bibelstelle: „Denn Gott übergieng Eure Häuser, da er die Aegypter plagte und Euch rettete." Paläste sind gestürzt, und unsere armen Hütten stehen noch. Mächtige Völker sind von dem Erdboden verschwunden, und wir leben. Perser, Assyrer, Babylonier und all die mächtigen Verfolger der alten Zeit sind längst am Friedhofe der Geschichte begraben, wir aber, die Verfolgten, sehen mit ergebener, doch stolzer Genugthuung auf ihre Gräber. Pyramiden sanken in Schutt, das Capitol ist längst verwüstet, doch die Pyramide aus lebendigen Menschen, die einst Moses schuf, lebt und schafft sich immer wieder neuen Lebensbalsam, um frisch und ungebrochen dem Sturme der Zeiten zu begegnen. Manischtane? Es hat sich vieles geändert. Zweimal verloren wir unsere Selbständigkeit, wir wohnten in verschiedenen Ländern und wohnen noch dort, wir haben verschiedene Sprachen gesprochen und sprechen sie noch, wir haben verschiedene Sitten angenommen — aber unter allen Formen, unter allen verschiedensten Lebensarten haben wir unser nationales Bewusstsein nicht verloren, unseren Stamm nicht verleugnet, unsere moralischen und geistigen Errungenschaften nicht aufgegeben. Saison-Dichtung. (Hugo von H o f m a n n s t h a l s Einacter „D e r A b e n t e u r e r und d i e S ä n g e v i n" und „DieHochzeit d e r S o b e > d e". Erste Aufführung im B u r g t h e a t e r.) Alljährlich, wenn unstillbare Lenzessehnsucht durch die Gemüther zieht und der äußere wie der innere Mensch im Begriffe ist, farbenprächtige Frühlingstoiletle anzulegen, schmückt sich auch die Literatur mit wallenden Prunkgewändern, um dein vielbesungenen Erwachen aus dem verpönten Winterschlafe nicht unvorbereitet gegenüberzustellen. In den bizarrsten Formeil und seltsamsten Gestalten flattern dann ungezählte, grimmige Dichtergrüße auf den geduldigen Tisch des freundlichen Lesers, der, ob einer solchen Hochflut geistiger Production erschreckt, in Verlegenheit geräth, lvelches der üppig empfundenen Werke er zuerst ans derHand legen soll. Süßlich schmachteilde Verslyrik und symbolistisch geschraubte Prosa bilden den schablonenhaften Nahmen der meifteu dieser Offenbarungen, in welchen quälende Unnatur als Urquell einer neuen Lebensanschaunng mit Harfe und Psalter bejubelt werden. Doch nur allzubald lassen die verworrellen Melodien, die den zufällig Bildungsbedürftigen überfallen, den Grnndton erkenneu, auf welchen die herrschende Richtung gestimmt ist: Kampf gegen logischer! Jdeenaufbau, Unterdrückung naiver Unbefangenheit und Vermeidung jeglicher selbstständigen Auffassung, welche den Verdacht schöpferischen Talents erregen könnte. Jung-Oesterreich lässt sich aber nicht bange machen; im Glauben, eine gute und schöne Sache zu vertreten, erhebt es dräuend sein Haupt gegen fadenscheinige Ueberlieferung, veraltete Bewunderungssucht und abgeschmackten Gefühlsdusel, und ein Windstoß gewaltiger Opposition fegt durch den Wiener Dichterwald, Wien. 24. Marz 1899. Und jetzt! Sollte wirklich der alte Faden unserer Geschichte abgeschnitten werden? Sollen wir wirklich das alles aufgeben, wofür unsere Eltern so schwer und bitter gekämpft? Beim Seder-Tische wird die Zeugenschaft gegeben, dass wir in anderen Völkern nicht aufgehen können, dass auch die modernen Pharaos nicht erreichen werden, was einst die alten mit ihren wüthenden Verfolgungen nicht erzielen konnten. — Der Vernichtungsprocess der Geschichte überschreitet unser Volk, unsere Hütten werden gerettet. Einst war der Nil dazu ersehen, unsere Kinder aufzunehmen, sie zu vernichten. Und gerade vom Nil kanc Moses, unser Erlöser, in den königlichen Palast, um später die Juden zu sammeln, sie aus der Sclaverei zu befreien und das Peßachfest mit dem Wort zu begründen: Denn heute bist Du ein Volk geworden. Scheint es nicht, dass die Rolle des einstigen Nil der heutige Antisemitismus übernommen hat? Wahrlich! Auch aus diesem entstand ein moderner, geistiger Moses, der die Juden rettet und in ihnen ihr Nationalbewusstsein wieder weckt. Wenn die Antisemiten wüssten, wie viel sie beigetragen zu unserem Heil, zur Erkenntnis unseres Volksgeistes, zur Wiederbelebung unserer nationalen Gefühle, man sollte meinen, sie müssten schon aus Hass gegen unser Volk ihren Antisemitismus aufgeben. Der Nil hat uns den Moses gegeben, der jetzige Antisemitismus hat nicht wenig dazu beigetragen, unser Nationalbewusstsein wieder zu erwecken. Und mit der Hagada rufen wir aus: Durch Nacht zum Licht! Auch die bitteren Kräuter gehören zu unserem Befreiungsfeste, auch die genießen wir am Sederabende, da wir das Wiegenfest unseres.,.Volkes feiern. . . Viele, viele bittere Kräuter haben wir verzehrt, und viele werden wir noch verzehren, bis wir unser nationales Wiegenfest mit vollen Freuden feiern können, bis wir wirklich alle nationalbewusst werden, alle, einen Volkskörper bilden, einen o r g a n i s i e r t e n V o stk s k ö r p e r. Kaiser Wilhelms Palästina- Die Palästinareise des deutschen Kaiserpaares trägt dem deutschen Reiche eine Frucht um die andere. Man weiß, dass Kaiser Wilhelm den deutschen Financiers eine Reihe neuer reicher Concessionen verschafft hat. Nach diesem Vorspiele, das uns Deutschlands Wachsthum am Goldenen Horn und in Kleinasien zeigt, kommen nun die großen Acte in Palästina. Ein kleines Zeichen deutschen Besitzes in Palästina hatte die Kaiserreise schon hinter-?. Jahrgang. lassen — die anfangs nur für 8 Tage ein deutsche Post in Jaffa. Die deutsche Post in Ja jetzt die Nachricht im Heiligen Lande verbreiten dass Kaiser Wilhelm den kirchlichen Besitzthümern Staatseigenthmn hinzufügt. U e b e r Paris kommt eine sensationelle N a ch r i ch t, aus einer einwandfreien Quelle von einer politisch und ökonomisch unabhängigen Seite: es wird positiv gemeldet, dass Kaiser Wilhelm in der Nähe von Caesarea, an der einzig guter! Stelle der unwirtlichen K ü st e, e i n e K o h l e n st a t i o n und dazu gehörige Ländereien käuflich für Deutschland erworben habe. Deutsche Colonien in Kleinasien, im Innern des fruchtbaren Anatolien, an der Küste Palästinas — es sind alte deutsche Pläne, von denen schon vor Jahren der kürzlich verstorbene Wali von Korcia, Ali Kemaly Pascha, und der vor zwei Jahren abgesetzte Mutessarif von Jerusalem, Ibrahim Hakki Pascha, dem Schreiber dieser Zeilen gesprochen haben. Sie zeigten uns die Pläne, sie zeichneten uns die Länderstrecken, welche in Frage standen. Und eins nach dem anderen trifft ein. Wenige Monate sind es her, dass wir dem deutschen Kaiserpaare von seinem Landungsplätze in Haifa bis Jaffa und von Jaffa bis Jerusalem Schritt um Schritt folgten. Wir hörten die Worte der Bewunderung und des Entzückens, welche den vom Sonnenbrände und Wüstensande getrockneten Lippen des Kaisers Wilhelm entschlüpften, als sein Blick die Oasen der Colonisten fand. Zweifaches hatte der deutsche Kaiser Gelegenheit zu sehen. Naturgemäß fesselten ihn vor allem die Colonien der Templer, die sogenannten deutschen Colonien. Aber er konnte sich andererseits nicht der Erkenntnis verschließen, dass die jüdischen Colonien. welche mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatten, als die von den Flügeln des deutschen Adlers getragener! Bestrebungen der Templer, im Verhältnisse zu den Colonien der letzteren mindestens diesen gleichwertig erschienen. Die jüdische Ackerbauschule von Jaffa mit ihrer vor den Thoren Jerusalems gelegenen Filiale erweckte des Kaisers besonderes Interesse. Diese Schulen. haben eine hohe erzieherische Bedeutung für das nach seinen Ursitzen zurückströmende jüdische Element. Aus dem Schoße dieser Pflanzschulen sind wertvolle Blüten dem Handwerke und der Agricultur entsprossen. Diesen Schulen verdankt man es, dass die aus allen Welttheilen hergewanderten Elemente sesshaft geworden sind und eine gewisse Selbstständigkeit erlangt "haben. Es ist eine verheißungsvolle Basis, auf welcher die Zukunft bauen kann. köckW deutsche der die Zweige seines stacheligen Gehölzes gleich giftigen Speeren dem kühnen Eindringling entgcgenzückt. Zu den Vertretern dieses Genres „Jung-Wien", welchem das Burgtheater mit ganz besonderer Bereitwilligkeit die Pforten öffnet, zählt auch Hugo H o f m a n u von Hof rn a n n s t h al, der philosophische Spross eines Adclsgeschlechtes, dessen Stammbaum in eine der ältesten Wechselstuben Wiens zurückreicht, liebst umfassenden materiellen Gütern hat dieser verzärtelte Günstling der Wiener Gesellschaft von seinen, man könnte auch sagen „unseren", Ahnen die uns selbverständlich scheinende Lust zu fabulieren geerbt. Wenn aus Rücksichten der Humanität und selbstlosen Menschenliebe frühere Erzeugnisse der Hosmannsthal'schen Muse in den Archiven des edlen Hauses als argwöhnisch gehütete Schätze hermetisch verschlossen blieben, so hat jetzt der nivellierende Hauch poetischer Sendung die alterthümlichen Truhen gesprengt und den weitesten Kreisen Werke zugänglich gemacht, " die den untrüglichen Beweis erbringen, dass ihr Autor die Dichtungen ziemlich bekannter Collegen im Apoll, wie jene von Schiller und Grillparzer, mit rührendem Fleiße und andauernden Annexionsgelüsten seinem Gemüthe näherrückte. Letzten Samstag hatten Wien und Berlin gleichzeitig Gelegenheit, Hofmannsthal, der bisher durch eine Reihe wunderlicher Gedichte und sentimerrtaler Skizzen seine Zugehörigkeit zur secessionistisch gefärbten Gefühlspinselei bekundete, als dramatischen Schriftsteller kennen zu lernen. Das Burgtheater brachte zwei Stücke von ihm zur Aufführung, welche der gespanntesten Aufmerksamkeit begegneten, weniger des Inhaltes, als vielmehr der gleißenden Fülle wegen, mit welcher der Dichter, vom Decorateur und Costüm-Schneider freundlichst unterstützt, zu fesseln trachtete. In beiden Stücken wagen sich, in schwankenden, zerrinnenden Umrissen nur, sporadische Anflüge von künstlerischer Beobachtung hervor, und zeigt sich im unentwirrbaren Gewühle bombastisch, hohler Parabeln einmal das Fadenende eines emporwachsenden Conflictes, so schlägt sofort ein Schwall verrenkter Versfüße an das Ohr, welcher, zu einer sanften Langweile hinüberleitend, allmählich das Stadium harmloser Theilnahmslosigkeit mit sich bringt. „D e r Abenteurer und die Särrgerin", eine altvenetianische Lasterhöhle in einem Acte, imitiert den Rococostil aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und gewährt perspectivifchen Einblick in den Salon eines Hochstaplers erster Güte, der sich in einem Palazzo eingemietet hat, um die Erinnerung an seinen unbequenren Aufenthalt in den berüchtigten Bleikammern für einige Zeit zu vergessen. In diesem von der Stiege aus offenbar separierten Absteigequartier herrscht ungemein lebhaftes Treiben; eine aus allen Gefängnissen zusammengewürfelte, aus den zweifelhaftesten Elementen bestehende Sippe von treuen Abonnenten der Galeere hat sich zu riuem ebenso heiteren wie falschen Spielchen eingefunden, während im Vordergründe der Scene der wackere Gastgeber erst die Sterne anseufzt und dann mehrere prüde thuende Theaterdamen, welche nicht dem geringsten Tugendbunde angehört haben dürften, durch schwere Zechinen umgarnen will. Diese Exposition treibt ungestürn dern Höhepunkte zu, und im nächsten Augenblicke huscht auch schon durch eine der vielen verborgenen Seitenthüreu in schwarzen Spitzenschleier und mit thränenfeuchten Wimpern eine Sängerin herein, die das Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Galan zu einern schier endlosen Monologe veranlasst, der in anmuthiger Abwechslung alle Phasen menschlicher Leidenschaften, insbesondere als frappierende Neuheit die Wonnen der Liebesfreude unb die Qualen des Liebesleides mit erschütternder Umständlichkeit bespricht. Die heutige Uummer enthalt die Oster-Keiluge.

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