Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 5 (17.3.1899)
- Date
- 1899-03-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Mürz 1899 Nr. 5 voll edler Verachtung für das Gemeine. Von idealer Liebe zur Wissenschaft an sich beseelt, in höheren Sphären ohne Sinn für das Alltägliche. Er war eine Verkörperung des jüdischen ethischen Geistes. Seine Träger waren früher die Propheten, später die Talmudweisen und die mittelalterlichen Verfasser der Sittenbücher. Steinthal war ihr Nachfolger. In seiner Zeit. Heymann Steinthal wurde am 16. Mai im Jahre 1828 in Gröbzig in Anhalt geboren. Als sechsjähriger Knabe in die Bibel und die Mischnah eingeführt, genoss er eine durch und durch jüdische Erziehung. Er war für den Rabbinerberuf geweiht. Der hebräische Schriftsteller Brainiu erzählt einmal, dass Steinthal ihm als sein Lebensideal den Dessauer Rabbiner Samuel Hirsch, Verfasser religionsphilosophischer Schriften über „die Unsterblichkeit der Seele" und „die messianischen Hoffnungen", bezeichnete. Im Verhältnisse zu Steinthal ist Hirsch — auch in seiner Zeit gemessen — herzlich unbedeutend. Aber der damals vom öffentlichen Leben ausgeschlossenen jüdischen Jugend galt der Rabbinerberuf als der höchste, der edelste. Schon dem Kinde schwebte der Rabbiner Samuel Hirsch als der Träger dieses höchsten Berufes vor; in dem kindlichen Gemüthe prägte sich diese Gestalt tief ein, und Steinthal blieb allen seinen jugendlichen Erinnerungen bis zu seinem Tode treu, Nach Absolvierung des Gymnasiums zu Bernbnrg gieng er im Jahre 1843 nach Berlin, wo er Sprachen und Philosophie studierte. Zn seinen Lehrern gehörten Boeckh, Bopp, K. W. Heyse, dessen posthume Schriften Steinthal heransgab, u. a. Von Natur ans zum Sprachenforscher geschaffen — er verfasste schon in seiner frühesten Jugend für einen seiner Freunde eine Grammatik der hebräischen Sprache — empfand er immer tiefere Neigung für diese Wissenschaft und widmete sich ihr ganz. Als Rennaissance-Jude versuchte er — in der Studentenzeit — die Hegel'sche Philosophie mit der mosaischen Lehre zu vereinigen und auszngleichen. Diese gewaltsamen Ausgleichs- und Bereinigungsversnche sind in unserer Geistesgeschichte geradezu typisch. Sie erneuern sich, so oft das Judenthum mit einer fremden Cultnr in Berührung kommt. Doch immer mehr läuterte sich Steinthals Anschauung über das Judenthum, und alle Bereinigungsversuche sprachen dem späteren Völkerpsychologen ebensowenig zu, lote ihn früher die mittelalterliche Religionsphilosophie, das Amalgam der jüdischen Weltanschauung und des Aristotelismus, nicht anziehen konnte. Er promovierte im Jahre 1847, wurde im Jahre 1849 Privatdocent und im Jahre 1855, nach seiner Rückkehr aus Paris, außerordentlicher Professor an der Berliner Universität. Die jüngsten unter seinen Schülern brachten es freilich weiter. Er war auf dem Gebiete der Sprachforschung .eine Größe ersten Ranges, und seine Werke über den „Ursprung der Sprache", sein „Abriss der Sprachwissenschaft", waren bahnbrechend. Im Jahre 1859 begründete er im Vereine mit seinem Schwager, dem berühmten Professor Lazarus, die Wissenschaft der Völkerpsychologie, beide gaben bis zum Jahre 1890 . eine „Zeitschrift für Völkerpsychologie" heraus. Was Steinthal schreibt, ist gedankenreich, ohne Prunk, einfach und schlicht. Jeder Satz ist ein Product langen Nachdenkens, inhaltsreich. Seine Vortragsweise ist streng logisch, ohne jedes rhetorische Pathos. Die Berufung zum Docenten an der Hochschule für die Wissenschaft des Jndenthums im Jahre 1872 erhielt ihn auch der jüdischen Wissenschaft und der Religionsgeschichte als Forscher. Seine „Allgemeine Ethik" trägt Spuren der jüdischen Weltanschauung; der echt jüdische Optimismus dnrchdringt Steinthals ganzes ethisches System. Seine herrlichen Aufsätze über „Die Erzählnttgsknnst in der Bibel", über „Die Klagelieder Jeremias", über „Die Andacht", über „Die Demuth" u. a., sind später unter dem Titel: „Zur Bibel und Religions- Philosophie" erschienen. Mit allen Fasern seines Herzens hieng er an dem Judenthum, er liebte es so innig wie einer der „Alten". Wenn er über oder für dasselbe sprach, dann glühten seine Worte von jugendlicher Begeisternng. Seine Sätze wurden dann kurz und gewaltig; von ethischer Reinheit und edler Entrüstung getragen, ergriffen dann seine Worte fast wie die Reden der Propheten. Nach dem Buffon'schen Worte erkennt man ans dem klaren, formvollendeten Stile Lazarus' — der Vergleich liegt nahe — Lazarus, den tiefen Denker und den Weltmann, der die Oeffentlichkeit sucht und die Form nicht verachtet, aus Steinthals hingegen sein mehr verinnerlichtes Wesen, das sich selten, dafür aber kräftig, in Ausdrücken von hinreißender, ursprünglicher Kraft, alle Stilschönheit und Formenglätte verachtend, knndgibt. Wer noch seinen letzten Aufsatz gelesen, in dem er mit edlem Stolze die Gegner des Jndenthums fragt, ob sie denn auch wie wir sagen könnten: Unser Gott und auch der Gott unserer Väter", fühlte den heiligen Schauer seiner Worte. Man musste ihn wegen seiner großen Bedeutung in der Wissenschaft verehren, wegen seiner edlen Begeisterung und seiner herzgewinnenden Vorzüge wie einen Vater lieben. Ein Großer und ein Edler ist in Israel gestorben. J. B—n. Die Zustände in Galizien. Galizien fängt nachgerade an, für den österreichischen Gesammtstaat von verhängnisvoller Bedeutung zu werden. Kaum dass einige Tage verstrichen sind, seitdem die scandalöse Misswirtschaft bei der-Galizischen Sparcassa bekannt wurde, die einen berechtigten Sturm der Entrüstung in allen Kreisen ehrlich denkender und gewissenhaft handelnder Leute wachrief, tritt ein weiteres Institut in .den Vordergrund der Discussion, deren scharfe .Tonart ein gar bedenkliches Bild von den finanziellen Zuständen in der polnischen Metropole entwirft. Die mannigfaltigen Beschwichtigungsmittel, welche dem Publicum in Form von Interviews, verwaltungsräthlichen Kundmachungen, und aristokratischen Garantien dargereicht wurden, erwiesen sich als erfolglos, und deutlich tritt die Erkenntnis zutage, dass in dem elastischen Lande der Jagellonen die Anzeichen einer Finanzkrise die stolzen, historischen Erinnerungeu der Vergangenheit allmählich in den Hintergrund drängen. Wenn die besten Institute, welche den Geldverkehr eines Landes regeln, diejenigen sind, von denen man am wenigsten spricht, dann dürfte die Gatizische Creditbank, ungeachtet ihrer blaublütigen Taufpathen, kaum in der Lage sein, auf dieses Attribut begründeten Anspruch zu erheben. Mit einer hingebenden, geradezu rührenden Ausdauer befasst sich die Publicistik in der letzten Zeit mit diesem Etablissement, dessen Director Dr. Krzyzanowski nach Absolvierung eines vermuthlich statutengemäßen Champagner-Gelages es für gut befunden hat, seinem sonst so einsamen Junggesellenlebens ein vorzeitiges Ende zu machen. Der Revolverschuss, welchen dieser bestrenommierte Advocat und Günstling hochmögender Latisundienbesitzer gegen seine Brust abdrückte, findet ein hallendes Echo in den Cassenlocalitäten der Bank, die sich eines Parteienandranges erfreuen, wie solcher seit Jahren nicht constatiert zu werden vermochte. In unheimlich dichten, stets anschwellenden Mengen stürmen die Aermsten der Bevölkerung die elegant geschnitzten Schalter, um ihre blutig erworbenen Sparpfennige mit fieberhaft erregter Ungeduld zurück zu verlangen, und möge ein Platzregen geistreicher Dementis auf die erhitzten Gemüther herniederströmen, niemand wird sich des Eindruckes erwehren können, dass in den schäumenden Wogen angsterfüllten Misstrauens die sichersten Kennzeichen einer wirtschaftlichen Fäulnis zu erblicken sind. Hat es früher einzelnen Journalen als hervorragende belletristische Leistung beliebt, die Juden in Galizien für den Run verantwortlich zu machen, der seine Richtung in die Liquidations-Bureaux der Galizischen Sparcassa genommen hatte, wurden damals unsere Glaubensgenossen verdächtigt, die anerkannt glänzenden Qualitäten des gegenwärtig sich in der Gerichtszelle aufhaltenden General- Directors Zyma einigermaßen in Zweifel zu ziehen, so fallen diesmal die Gründe zu einer derartigen Anschauung vollkommen weg. In unverfälschter, arischer Reinheit vollzieht sich die mächtige Bewegung jener naiven Gemüther, die respectwidrig genug sind, um dem kühn geschwungenen Wappenschilde der Nachkommen Sobieskis die schuldige Ehrfurcht schlankweg zu versagen. In der sicheren Voraussetzung, nicht dem geringsten Anhänger einer anderen Confession ausweichen zu müssen, ließ sich — 18 — den jungen Journalisten mit einem tiefen Mitleid, da er zu erkennen glaubte, dass hier wieder einmal die alte, ewig neue Geschichte von dem Juden vorlag, der unter seiner Abstammung gelitten hatte und nun in blinder Erbitterung seine ganze gescheiterte Existenz dem Judenthum auf Rechnung schrieb. Joseph Fürst lauschte mit vorgebeugtem Oberkörper und schmerzhaft angespannter Aufmerksamkeit, um sich ja kein charakteristisches Wort, keine bezeichnende Wendung entgehen zu lassen, sondern sie blitzesschnell und auf ewig seinem Gedächtnis einzngraben. Endlich hielt Ephraim inne und schöpfte Athem. Joseph Fürst aber, den seine gebückte Haltung doch schon ermüdet hatte, richtete sich auf, und dabei fiel sein Blick auf den lächelnden Hans Dagobert, welcher der einzige, der sogenannte „Renommierchrist" in der ganzen Redaction war. Das brachte den jungen Mann zur Besinnung, 'und so rief er den Localredacteur, der weiter schimpfen wollte, noch rechtzeitig entgegen: „Aber Herr Ephraim, Sie und ich, wir sind doch auch noch Juden." Ephraim wandte sich um und warf einen erstaunten, unwilligen Blick auf seinen jungen College». „Ja so," sagte er und strich sich mit der knochigen, langfittgerigeu Hand zweimal über die niedrige Stirn. Dann schritt er zu seinem Platze und ließ sich in den Redactionsstuhl fallen. Nach einer Weile fragte er: „Haben Sie Ihren Nekrolog schon fertig?" Joseph Fürst bejahte und reichte ihm das Blatt Papier, welches dem verstorbenen Elephanten Pollack gewidmet war. Noch mit finsterer Miene ergriff der Localredacteur das Mannscript, um es zu lesen. Aber sofort verklärte sich sein Blick, und ein fast freudig-spöttisches Lächeln umspielte seine dünnen Lippen. Dann sah er auf und sagte mit einer Stimme, die zwar noch etwas vibrierte, aber im Grunde recht freundlich klang: „Na ja, Fürst, Sie sind doch noch jung. Sie werden nie im Leben ein Journalist." „Warum nicht?" fragte lächelnd Fürst, der sich über dieses Wort fast wohl geärgert hätte, jetzt aber aufrichtig erfreut war, dass Ephraim seine gute Laune so rasch zurückgewann. „Aber, Meuscheuskind, ich bitte," sagte Ephraim jetzt in einem belehrenden, fast väterlichen Tone. „Wie kann mau nur, wie kann man? Da schreiben Sie mir als Ueberschrift: „Pollack ist tobt." Solch eine Spitzmarke! Das ist doch keine Ueberschrift, doch keine Spitzmarke." Joseph Fürst setzte nun die Gründe auseinander, welche ihn zu dieser Ueberschrift bestimmten. Diese Spitzmarke führe sofort in medias res. Nun wisse das Publicum, dass sein Liebling nicht mehr sei urtb werde sich umso begieriger ans die Notiz stürzen, um über die letzten Stuudeu des - l0 — Elephanten etwas Näheres zu erfahren. Aber der Localredacteur ließ sich durch die Argumentationen nicht beirren und schüttelte den Kopf. „Sie vergessen," sagte er, „dass das Wort Pollack auch einen Familiennamen bezeichnet, der in Deutschland oft vorkommt. Wenn Sie nun schreiben, Pollack ist todt, so denkt das Publicum an irgendeine berühmte Größe dieses Namens. So ein berühmter Jurist, so ein berühmter Chennker, ein berühmter Professor — der Teufel weiß, was sonst. Um so was aber, liebster Herr Fürst, kümmert sich das Publicum durchaus nicht. Nun aber passen Sie ans, ivas i ch hier für eine Spitzmarke anbringen werde..." Man sah, wie die Feder des Localredactenrs einige Kreuz- und Querstriche über das Papier zog und wie er dann ein paar Worte niederschrieb: „Hören Sie nun, Fürst. Und auch Sie, Dagobert. Ich möchte doch gerne wissest, wie diese Spitzmarke Ihnen gefällt." „Ich höre. Göttlicher, ich bin ganz Doppelohr," erlviederte Dagobert. „Fmis Poloniae," las nun der Localredacteur. „Sollte es nicht besser Polackii heißen?" fragte Dagobert. „Still doch, Menschenskind, still. Also: Finis Poloniao — denn der größte der Pollacken ist dahin." Joseph Fürst lachte herzhaft ans, und auch Dagobert applaudierte eifrig. „Das nlnss man ihm lassen, riesenhaft, colossal — der Homer der Spitzmarken, Ephraim!" „Ja wohl. Ein Tausendsassa, wie keiner sonst." Man merkte es dem Localredacteur wohl an, wie sehr der aufrichtige Beifall der jungen Leute ihm schmeichelte, und Joseph Fürst, der vorher erst einen Blick in die Seele dieses Mannes gethan hatte und in die Wunde, an welcher er sich hoffnungslos verblutete, hielt es nun für seine Pflicht, die journalistische Ueberlegenheit Ephraims und sein Talent, den einfachsten Notizeil eine verblüffende Fassung zu geben, möglichst dick zu unterstreiche. Sv rühmte er zunächst den ausgezeichneten Einfall, gerade zwei lateiilische Worte an die Spitze zu stellen, weil dadurch der Reiz des Fremdartigen erregt würde. Käme der Leser aber nun weiter zu der feierlichen Begründung dieser Worte, dass nämlich der größte der Pollacken dahin wäre, so "könnte ihn wohl gar ein Schauer überlaufen, die geheimnisvolle, überirdische Ahnung einer welthistorischen Erscheinung. Umso freudiger wäre dann aber die Ueberraschnng, wenn statt dessen der alte, wvhlvertrante Elephant — „ Uzen Sie inich?" schrie der Localcedaelenr, der abwechselnd rvth und bleich geworden uun\ : L, ‘ ■ I .-- —- '' Kr-'