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Jüdisches Volksblatt · 1899-03-17 · 5 (17.3.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
5 (17.3.1899)
Date
1899-03-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. März 1809 Seite 5 satz zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Schule und paus, der. sich nahezu unüberbrückbar gestaltet. Zwischen Schule und Haus! Ja, daraus erklärt sich die ganze Sache. Der jüdische Neligions-, richtiger gesagt Confessionslehrer muss nach dem heutigen System den Kindern viele Dinge als streng verboten hinstelleu, die das Kind zuhause ganz frank und frei ausüben sieht. Der Schüler muss entweder dem Lehrer oder seine Eltern als fehlerhaft betrachten, er muss denken, entweder der Lehrer lügt und alles, was er „vorplauscht", ist barer Unsinn, oder dass seine Eltern Gottesleugner und Missethäter sind. Dass das Kind sich rascher für das erste entscheidet, ist selbstverständlich. Das sind die Folgen eines reinen C o n f e s s i o n sstatt R e l i g i o n s Unterrichtes. (Wird fortgesetzt. Theater, Kunst und Literatur. Ein Concert von Sarasate bildek stets ein Ereignis und illustriert immer wieder die Thatsache, dass der Name dieses eminenten Künstlers zu den glänzendsten zählt, welche die moderne Mnsikwelt aufzmveisen hat. Das Wiener Publicum hatte vorgestern Gelegenheit, den Virtuosen zu hören, und der große Mnsikvereinssaal bot ein gesellschaftliches Bild, welches in einer solchen Farbeitfülle und lebendigen Beweglichkeit nur dann zu beobachten ist, wenn eine Individualität von anerkanntem Weltrufe ans dem Podium steht. Eine solche ist zweifellos Sarasate, und sein glänzendes Spiel verfehlte auch diesmal nicht, den tiefgehenden Eindruck auf das dichtgedrängte Auditorium, welches mit stürmischem Jubel den trefflichen Geiger begrüßte und ihn mit Zeichen enthusiastischer Anerkennung förmlich überschüttete. Aus dein ehemals schwarzlockigen, glutäugigen Jüngling — einem unverfälschten Typus seiner spanischen Heimat — ist im Laufe der Jahre eine markante, abgeklärte Persönlichkeit geworden, deren interessanter, einigermaßen an Mark Twaiil erinnernder Charakterkopf im Concertsaale alle Blicke unwillkürlich fesselt. Ueber die Kunst Sarasates ist wohl nicht viel Neues zu berichten; er versteht es, wie kaum ein zweiter, in der Behandlung der Violine durch wundersame Innigkeit des Tones Klangwirkungen hervorzuzanbern, welche in Verbindung mit einer blendenden Technik dem Zuhörer einen erlesenen Genuss bereiten. Zeigte sich Sarasate im Violin- Concert in E-moll von Mendelssohn als Künstler von elastischer Faetur, so bot ihm eine spanische Symphonie von Lalo, ein etwas seicht gerathenes, an äußeren Effecten jedoch überreiches Tongemälde, willkommenen Anlass, die Vornehmheit seiner vaterländischen Grandezza mit den stürmischen Rhythmen Des Fandango, des werbende», heiße Leidenschaft athmenden Nationaltanzes, in hinreißender Eindringlichkeit zu vereinen. Mit der sprühenden, von funkelnden Trillerketten durchleuchteten Carmen-Phantasie erschöpfte Sarasate wohl sein officielles Programm, lange nicht aber das Kopf an Kopf znsammengepferchte Contingent seiner Bewunderer, die, von den Leistungen des illnstren Gastes geradezu begeistert, denselben zn ungezählten Zugaben zn bestimmen vermochten. So absolvierte Sarasata im intimen Kreise beinahe ein zweites Concert, und in den einzelnen Stücken, die er ohne Orchester nur mit Clavierbegleitung vortrug, offenbarte sich in vielleicht noch prägnanterem Maße eine Künstlernatur, welcher auf dem Gebiete des Violinspieles uneingeschränkt die Palme souveräner Meisterschaft zugesprochen werden muss. — Frau Rosa N en d a - B e r n st e i n, die bekannte, den edelsten Gesangsstil repräsentierende Künstlerin, brachte zwei Arien von Händel und Gluck aus den Opern „Semele" und „Orpheus" zu Gehör, und wenn auch diese Schöpfungen der Form und dem Inhalte nach der gegenwärtigen Geschmacksrichtung nicht mehr vollkommen Zusagen, so wusste dennoch die genannte Dame mit vollendetem Ebenmaße ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Einen ansehnlichen Theil der reichen Ehren, ivelche dieser Concertabend mit sich brachte, darf Frau Neu d a - B e r n st ei u mit Berechtigung für sich in Anspruch nehmen. E. G. (Wohlthätigkeits - Correert.) Gräfin Anastasie K i e l m a n s e g g, rastlos in der Förderung humanitärer und gemeinnütziger Bestrebungen, hatte für gestern Abend ein ungemein zahlreiches Publicum in den großen Musikvereinssaal entboten, woselbst ein Concert stattfaud, dessen Reinertrügnis dem Feriencolonien-Verein gewidmet war. Das mannigfaltige,geschmackvollzusammengestellteProgramm trug dem ernsten und heiteren Kunstgenre in gleicher Weise Rechnung, und alle Vortragsnummern, von der lapidaren Orgelfuge bis zum humorvollen Couplet, erfreuten sich der beifälligsten Aufnahme. Einen überaus herzlichen Empfang hatte Lola Beeth zu verzeichnen, welche, durch ihre äußere Erscheinung und den unverminderten Wohlklang ihrer Stinnne blendend, den von stürmischer Acclamation begleiteten Wünschen des Auditoriums nach Zugaben kaum zu entsprechen vermochte. Im Vereine mit Herrn Naval brachte die Künstlerin das bekannte Duett aus „Romeo und Julia" mit dramatischem Schwünge zu Gehör, und allseitig wurde der Wunsch laut, diese begabte Sängerin als ständiges Mitglied des Opernhauses wieder begrüßen zu können. Herr Naval erwies sich mit einigen feinpointierten Liedern von Schubert als lyrischer Tenor vornehmster Auffassung, welcher es zuwege bringt, auf der Bühne wie im Concertsaale sein Organ zu voller Schönheit zu entfalten.^ Der instrumentale Theil des Abends lag in den bewährten Händen des Violinvirtuosen Carl Prill, welcher sich als Primgeiger in dem Quartett gleichen Namens, auf dem Gebiete der Kaminermusik bereits den besten Ruf erworben hat. Mit einer tief empfundenen Romanze von S v e n d s e n und einem fröhlich dahinbrausenden Zigeunertanz von Th. N a ch e z erzeigte sich der Genannte die einmüthige Anerkennung der Zuhörerschaft,die auchdembliudenKlaviervirtuosen undComponisteu Rudolf Braun für mehrere ansprechende Pianostücke in reichem Maße zutheil wurde. Für die heitere Hälfte des gelungenen Abends sorgte unter stürmischen Beifallsbezeugungen das Quartett Beamt aus Brünn mit einer Auslese seiner köstlichsten Gaben, nicht minder die muntere Soubrette vom Raimund-Theater Mita Thören, die, in ein phantastisches Sezessions-Costüm gehüllt, mit siegreicher Laune die leichtgeschürzte Muse der Wiener Lustigkeit zu Ehren brachte. So dürfte neben der künstlerischen Bilanz des Abends auch die materielle von Erfolg begleitet gewesen sein und dem wohlthätigen Zwecke der 'Veranstaltung ein nettes Sümmchen zugeführt worden sein. —ss„ Heymann Steinthal. Das Jndcnthnm hat in einer Woche zwei große Männer verloren. Es sind dies Lndivig Bamberger und Heymann S t e i n t h a l. Beide sind in Berlin in gleichem Alter gestorben, auf beide darf das Judenthnm mit Recht stolz sein. Während aber der Name Bambergers in allen Kreisen populär ist, ivird Professor Heymann Steinthal nur von wenigen gekannt, von seinen Schülern und Fachgenossen nur betrauert. Freilich war Bamberger Politiker, Nationalvkonom und Finanzmann, und sein Wirken stand im Zeitalter der socialen Fragen sozusagen an der Tagesordnung. Steinthal dagegen widmete sein ganzes Leben der idealen Wissenschaft, der Sprachforschung und der Sprachphilosophie. Aber der Grund liegt noch anderswo. Als Politiker und als Publicist suchte eben Bamberger das öffentliche Leben, Steinthal dagegen fürchtete es und zog sich schamhaft von demselben zurück. Als Kind lebte er in einem abgesonderten Judenviertel einer deutschen Stadt. Er zog sich als Student in sein Studentenzimmer zurück, und als er damals einmal nur einer Stndentenfeier beiwohnen wollte, lief er von der Pracht des Saales und von der dort versammelten Menschenmenge überrascht davon. Als Gelehrter übertrug er dann die menschenscheue Zurückgezogenheit des Judenviertels auch auf die Gelehrtenstube. Es gibt überhaupt unter unseren Großen kaum einen, der uns durch seine Eigenschaften an die „gute" alte Zeit und an unsere großen edlen Väter so erinnerte, der durch sich selbst bie^ Continuität des jüdischen Geistes so beweisen würde wie Steinthal. Er >var von einer sprichwörtlichen Bescheidenheit. Vom öffentlichen Leben zurückgezogen, kümmerte er sich um die Anßemvelt — später auch um ihre geistigen Strömungen — nur wenig, und lebte sozusagen sich selbst geistig aus. Es war ein reiches Leben. Ein nüchterner, tiefer Denker, dabei innig und gefühlvoll. Für alles Ethische und Edle begeistert, Da erkannte Joseph Fürst, dass seine Worte ohne seinen Willen einen ironischen Beigeschmack erhielten, welcher dem schiffbrüchigen Manne so recht die Kleinlichkeit der Erfolge offenbarte, die er jetzt noch zu erringen hatte. Etwas Grausames und Hartes, fast Höhnisches stieg in Joseph empor, und in seiner Seele reifte der Entschluss, sich um diese verlorene Existenz, die aufschrie, wo man sie auch anfasste, weiter nicht zn bekümmern. Wozu auch? Er wollte doch lieber an sich denken, an seine herrlichen Hoffnungen, die in voller Garbe standen, wie ein Aehrenfeld im Sommer, über welchem Millionen von Sonnenfäden und vereinzelte Schmetterlinge lautlos hinschwebten. Mochten die Tvdten ihre Todteu begraben; er, der Lebende, kümmerte sich nicht darum. In dieser träumerischen, phautastischell Stimmung lag Joseph hingegossen im Lehnstuhle und gab sich schönen, blauen Träumen hin. Eine süße Müdigkeit übermannte ihn allmählich, und die heiße Last im Zimmer kam ihnl gar nicht mehr drückend vor, sondern umspielte seine Glieder .wie ein auflösender, warmer Strom. Wohl hielt er die Augen halb geschlossen. Aber dennoch sah er, wie sich Hans Dagobert mit einer großen, ans einer alten Zeitung zusammengedrehteu Papierdüte dem Localredacteur näherte. „Die Krone, Krone," murmelte Joseph. Denn also nannte man die Papierdüte, die die jungen Leute sich gegenseitig scherzend aufsetzten, wenn der eine oder der andere von ihnen eine besonders gelungene Pointe zum besten gab. „Die Krone von Zion," sagte Haus Dagobert und stülpte die Düte auf Ephraims Kopf. Dieser aber riss sie herunter, warf sie ans die Erde und trat sie mit den Füßen. „Die verfluchten Juden," schrie er dabei. Da stand Joseph Fürst vom Stuhle auf und schwankte zu der Ecke, in welcher die zerknitterte Düte lag. Als er sie dann vor sich auf dem Tische liegen sah, da strich er fast zärtlich und liebevoll über das misshandelte Papier. Er glättete es, streichelte es und befreite es sorgfältig von jeder hässlichen Falte. „Sie wollen wohl König von Zion werden?" schlug Ephraims Stinnne hart und höhnisch an sein Ohr. „Warum auch nicht?" murnrelte Joseph. „Alles ist möglich, alles." Daun setzte er sich nieder und schrieb mit fliegender Feder seinen Lunstbericht. 'r' "" ' : ’ ~ ovellenschatz. 1 ■M *j __ jx ojejjcjjc ~jfc jjc'Jfc~if^ K- Morst Ephraim, der Localredacteur. Skizze von S. Lublinski. (Schluss.) Er wusste, er würde heraufkommen in irgendeiner Form. Ob gerade als Schriftsteller — niemand weiß es. Aber trotzdem stand es ihm felsenfest, dass es ihm beschieden wäre, stolz und heldenhaft auf der Menschheit Hohen zu wandeln, unter dem tiefen Blau eines südlichen Himmels, im unsterblich schonen, goldenen Sonnenlicht. Fast war ihm jetzt, als zuckte ein glühender Strom durch alle seine Adern, dass er am liebsten die Arme weit ausgebreitet hätte, um irgend etwas Unbekanntes, Großes und märchenhaft Schönes glühend zu umfangen. Aber er that es nicht, er streckte nicht die Arme aus, sondern lehnte sich in seinen Stuhl zurück, schloss die Augen und lächelte selig verträumt. Rasch jedoch schreckte die heisere, spitze Stinnne des Localredacteurs ihn wieder empor. „Sv gemein kann nur ein Jude sein", rief Ephraim. Er meinte damit den Adolph Rosenbaum, der diesen'Brief über ihn geschrieben hatte. Aber dabei blieb er nicht stehen, sondern im Handumdrehen wurde ihm dieser Rosenbaum zu einer Verkörperung des gesammten Judenthums. Wie eine Flasche mit einer gegohrenen Flüssigkeit, wenn der Stöpsel losgeflogen ist, schäumend aufspritzt, so dass sie jeden, der ihr zu nahe kommt, mit ihrem Inhalte überschüttet, so brach es jetzt mis Ephraim heraus, der seine Sätze und wild verwirrten Gedanken mit einer hell sich überschlagenden, kreischenden Stimme herausstieß, immer lauter wurde und mit den Armen gestieulierte, als wollte er jeden Niederschlagen, der ihm zu widersprechen wagte. Aber es widersprach ihm niemand, da Joseph Fürst in seiner augenblicklichen, glückseligen und halb berauschten Stimmung sich frei und heiter genug fühlte, das ganze Schauspiel mehr von der humoristischen Seite zn nehmen. Lächelnd sah er sich deu hageren, keifenden Mann mit den scharf geschnittenen Gesichtszügell an, der ganz roth geworden war und sein Pincenez am schwarzen Faden fortwährend durch die Luft warf. Je mehr Ephraim in Hitze gerieth, desto mehr auch zeigte er, dass ihm die Bewegungen und Gesticulationen seiner Rassengenossen, über die er jetzt so furchtbar schimpfte, durchaus nicht fremd waren. Aber diese Wahrnehmung erfüllte

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