Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 3 (3.3.1899)
- Date
- 1899-03-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432764-2432767--0023-2433524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Wien, Freiing Jüdisches Volksblatt Z. März 1899 Nr. 3 Es gibt da eigentlich alles, was man will, eine ganze Menge anderer, nicht so neubackener Affairen, als die des Dreyfus. DreyfuS, der Unschuldige, mit seinen unmenschlichen Leiden — Dreyfus, der Schuldige, aber jedenfalls auf illegale Weise Verurtheilte — er interessiert die guten Franzosen wenig, weil er für sie'gar nicht existiert, er liefert ihnen bloß den Schlachtruf. Der Capitän selbst beunruhigt den öffentlichen Geist nicht, die alten feindlichen Parteien sind es, welche das Wort ..Dreyfus" erfanden, um mit unglaublicher Kühnheit die Franzosen in einen Kampf zu stürzen, der schon vor der Affaire entbrannt war. Sollte jemand daran zweifeln, so genügt die Erinnerung an die Bewegung der letzten Zeit, um ihn zu überzeugen, dass der ganze widerliche Lärm, der wegen der Affaire geschlagen wird, nichts weiter ist, als der Kampf ums Leben einer — todtgebvrenen Republik. Sollte ich den ekelhaften Feldzug gegen den Präsidenten beleuchten, für den die Wahl durch die republikanische Majorität hinreichte, um als Dreyfnsard behandelt zu werden? Oder das Benehmen des Ministers Dupuy, dessen einziges Ziel eS war, alle ists" zu verhüllen, die sich bloß durch ihre Nuance unterscheiden, aber dieselbe Aufgabe verfolgen, den Sturz der Republik? Soll ich dies beleuchten, wo es so klar für sich selbst spricht? Wo dies alles zeigt, dass man, ohne Stellung zur Affaire genommen zu haben, als ärgster Dreyfnsard behandelt wird, bloß, weil man Republikaner ist? Jetzt, da der Minister durch einen Nationalisten gezwungen wurde, seine Wicht als republikanischer Minister zu erfüllen, da der Senat für den Antrag der Regierung, die Affaire dem vereinigten Cassationshofe zuzuweisen, stimmen wird,*) da ganz Paris von Hausdurchsuchungen bedroht ist, jetzt beglückwünscht man sich zum Siege der Republik, oder man spottet über die Minorität der Royalisten, die ihre Präfecten der Zukunft schon in Bereitschaft hielten. Aber man hüte sich vor der Illusion eines Erfolges, der den Republikanern den Kopf verdrehte. Die Stunde der Republik wird schlagen, trotz des siegreichen Anscheines haben die letzten Vorgänge zu deutlich ihre Schwäche gezeigt. Die Republik wusste während ihres laugen Bestandes keine natürliche Kraft zu erringen, und wenn sic jetzt siegt, so verdankt sie dies weder ihrer eigenen Kraft, noch der Schwäche ihrer Gegner, sondern den Fehlern dieser Gegner, welche sie besiegte. Und worin besteht dieser Fehler? Sie haben die Idee, in der sie ihre Stärke fanden, die Idee der Einigkeit, den Personen aufgeopfert, die diese Idee repräsentieren, und wurden dadurch zersplittert und geschwächt. So kam es, dass sie scheitern mussten, aber nicht für immer, dass sie gefallen sind, aber um sich mit desto größerer Energie wieder zu erheben. Ihr Sturz gibt ihnen eine gute Lehre. Sie wissen nun, dass man, wenn die Person, welche Träger der Idee ist, derselben nicht zuhilfe kommen will oder kann, diese Person opfern muss. Wohl mögen sich die Republikaner für den Augenblick zusammenschließen, allein, von dem Momente an, wo sie sich sicherer fühlen, werden sie uneinig werden und sich gegenseitig bekämpfen, weil ihre Meinungsverschiedenheiten viel tiefer gehen, während ihre Gegner bloß in der Wahl der Person differieren. Sobald sie einwilligen, diesen Unterschied aufzugeben, werden sie einig und daher stärker, als die Republikaner sind. Ein Dwtator, eine ausgedehntere und allgemeine Wahl, eine Volksherrschaft, endlich ein Jmperialismns ohne Imperator wird sich in Frankreich entwickeln, und wenn es auch niemand auszusprechen wagt, man fühlt es in der Luft der Straßen und den politischen *) Was inzwischen auch thatsächlich geschehen ist. Anmerkung der Redaction. gottbegnadeten Dichters als moralische Anstalt im weitesten Sinne des Wortes geöffnet bleiben sollte, hat sich längst in ihr pures Gegentheil verkehrt. Der rohe Effect der Zote, die Banalität einer, an die unglaublichste Niedrigkeit grenzenden Sprache, eine stupende Raffiniertheit in dem Aufstöbern von Illustrationen zur sattsam bekannten Geschichte des großstädtischen Lasters — aus diesen Bestandrheilen setzt sich das Denkvermögen jener Olympier zusammen, die innerhalb unserer Glaubensgenossen eine festgeschlossene Phalanx bedingungsloser Bewunderer finden. Wie unermüdlich unser Völkchen diesen Weg der Unnatur nachtritt, mit welch leidenschaftlichem Pflichtgefühl alles angestaunt wird, was tantiemsüchtige Speculanten aus den verborgensten Winkeln der Schamlosigkeit hervorsuchen und von dem grellen Lampenlichte der Soffitten mit dem Strahlenkränze der Dichterweihe umglänzen lassen! Nicht angeschminkte Prüderie oder scheinheilige Frömmelei sind die Hilfsmittel, um eine Geschmacksverirrung, welche immer weitere Wellen zieht, blohzulegen; die Betrachtung der eigenen Lebensführung liefert in überreicher Fülle den Stoff zur plastischen Wahrnehmung oes Effectes, welchen dieser Bildungsgang mit sich bringt. Mit allzu überzeugender Deutlichkeit zeigt sich, dass die moderne literarische Kost, an deren Zubereitung unsere Hausfrauen soviel Gefallen finden, ein zerstörendes und vernichtendes Element ist, dessen Ingredienzen dem Morast einer verlogenen, auf unverhüllter Schlüpfrigkeit beruhenden Sonderstellung entsprossen sind und die, gleich einem schleichenden Gifte, alle Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens mit heimtückischer Gewalt untergraben. Zunächst ist es der Familiensinn, welcher ungezählte Jahrhunderte hindurch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit im Judenthum wach erhielt, und der heute Gefahr läuft, in bedenkliches Schwanken zu gerathen. Der leichtfertige Flirt und die sanft geflüsterten, von gekräuselten Dichterlippen hingehauchten Schmeicheleien, welche unsere Frauenwelt einspinnen, lockern zusehends die Bande häuslicher Eintracht, die seit jeher ein bezeichnendes Merkmal der jüdischen Ehen bildeten. Eine tiefgreifende, nach außen mühsam verschleierte Eorruption hat sich in unserem Judenthum eingenistet, die Sumpfpflanze des confusen Naturalismus, welche in der heißen Treibhausluft unserer Theater üppig gedeiht, rst zum Wappenbilde des lüsternen Seelenadels geworden, dem das Kainszeichen des Verfalles voranschwebt. Der krankhaft überreizte Zustand unserer Gesellschaft, ihr Taumel in den bizarrsten Verrenkungen des Geschmackes muss binnen kurzer Frist einer energischen Remedur weichen, welche die gesunde Vernunft wieder in chr angestamlntes Recht einsetzt. Die Auspicien mehren sich, dass Haus und Familie, Herz und Sinn, aus dem bösen Tramne schwerer Verirrungen erwachend, einer kräftigen Heilung entgegensetzen, welche die Fluten freien imb reinen Lichtes selbst in die Gemarkungen jener nächtlichen Finsternis ergießen wird, die sich bisher als uneinnehmbarer Schutzwall hohlen Eigendünkels und glattester Modeselaverei erwies. Emil Gross. Zirkeln. Ist auch Deroulode gescheitert, weil er einen anderen ins Elysve entführen wollte, wir dürfen trotzdem nicht überrascht sein, wenn uns eines Tages die „Agence Havas" die Nachricht von einem neuen Dictator meldet. Es sind nicht die Anhänger, sondern die Gegner, welche der Sache zuhilfe kommen. Cavaignac, der Anti-Dreyfusard, schuf die Möglichkeit der Revision, Doroulede hat den Republikanern Verstärkung gebracht und die republikanischen Minister werden schon trachten, die Gegner der Republik in Athem zu erhalten. Vom Tage. Die Taktik der Antisemite», nur jene Männer zu beschimpfen, die sich nicht wehren können, steht wiederum in vollster Blüte. Die Aerzte, welche in Erfüllung ihrer Pflicht sich keinem Menschen und auch keinem Antisemiten entziehen dürfen, werden, soferne sie Juden sind, seit einiger Zeit in der unverschämtesten Art von den antisemitischen Blättern beschimpft. Kein Mittel bleibt unversucht, die Existenz und die Laufbahn der jüdischen Aerzte zu vernichten und das Vertrauen in der Bevölkerung zu zerstören. Die gemeinste Denunciation, die freche Aufforderung zum durch nichts begründeten Boycott, ja sogar die Kanzel sind die Kampfmittel der rüdesten Partei Oesterreichs. Neuerdings ist die Parole ausgegeben worden, die Juden ans den Meister- und Bezirkskrankencassen zu entfernen, und nun veröffentlicht ein antisemitisches Blatt mit genauer Adreffenangabe eine Liste aller jüdischen Cassenürzte, sie so an den Pranger stellend. Diese Liste, auf welcher sich übrigens auch vier christliche Aerzte befinden, wurde gerade an jenem Tage veröffentlicht, an welchem die Wiener Staatsanwaltschaft gegen einen christlichen Arzt die Untersuchung wegen grober Pflichtverletzung einleitete. Aus diesem Zufalle lässt sich die Logik aller antisemitischen Roheit ableiten. Wie lange soll dies noch geduldet werden! Wann endlich wird man sich aufraffen, diesen elenden Gemeinheiten in energischer Weise entgegenzutreten. Das Landtagsmandat von Mährisch-Weißkircherr-Leipttik wird abeunals einem „Deutsch-Freisinnigen" zufallen, natürlich nur mit Hilfe der dort wohnenden Juden. Die Verhältnisse in dieser Städtegruppe sind typisch für die aller gemischtsprachigen Bezirke Mährens. Von den „Deutschen" dieser Städte sind mindestens fünf Achtel Juden, die bei den Wahlen ausschlaggebend sind. Seit Jahrzehnten vertheidigen die Juden ihr „Deutschthum" mit einer Zähigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre. Was haben sie nun davon? In den eigenen Städten blüht der latente Antisemitismus so stark wie überall, selbst der offene macht aus seinen Principien — natürlich die Wahlzeit ausgenommen — kein Geheimnis. Und die Czechen? Einer unserer Mitarbeiter war zufällig bei der letzten Landtagswahl in Leipnik. Aus den umliegenden Dörfern kamen die czechischen Bauern scharenweise hereingeströmt, mit Fahnen und Tafeln. Auf diesen konnte man lesen: Juden, wählt nicht deutsch, man wird Euch züchtigen! Juden, hütet Euch vor unserem Zorn! Juden, man wird Eure Häuser verbrennen! rc. Die Juden werden wirtschaftlich von den Czechen boycottiert, die zerstörende Macht des „svuj k svemu“ lässt sich an dem Ruin so mancher jüdischen Familie Nachweise». Trotzdem wählen die Juden noch immer deutsch. Und der Dank? Als vor einigen Jahren die Stelle eines Directvrs der mährischen Landesirrenanstalt an den W ü r d i g st e n, der zufällig ein Jude war, verliehen werden sollte, da meinte der damalige Herrscher Mährens, Dr. P r o m b e r, der von den Juden gewählte Abgeordnete Leipniks und Weißkirchens: „Bevor ich die Stelle einem Juden gebe, gebe ich sie einem Czechen." Was muss denn noch alles geschehen, um die Inden Mährens von dem unseligen Wahne zu heilen, dass sie gleichberechtigte Deutsche seien? Die „Berliner Staatsbürger-Zeitung" hat sich über unsere Programm-Nummer einen Leitartikel gegönnt. Der Artikel ist an einigen Stellen nicht schlecht, nämlich dort, wo er — uns abdruckt. Dieswöchentliches ans dem Rathhanskeller. Es wurde in der abgelanfenen Woche nicht gesungen und nicht gerauft. Das galizische Jndenelend. Von Dr. D. Neumark. (Schluss.) Dieses unjüdische und unwürdige Verhalten der reichen Juden Galiziens gegen ihre armen Brüder wäre aber ganz unmöglich, wenn es in der galizischen Judenheit eine öffentliche Meinung gäbe. Von Pflichten der Reichen gegen die Gesammtheit wissen in-- der galizischen Judenheit weder die Neichen noch die Gesammtheit. Dies leitet uns von den materiellen zu den culturellen Ursachen des galizischen Jndenelends hinüber; die galizischen Inden stehen in ihren großen Massen auf einer sehr tiefen Cultnrstufe. Dies wird oft behauptet und entspricht leider der Wahrheit. Nur verlangt die Sache ein wenig Ueberlegung. Ich will hier selbstverständlich nicht um den Begriff Cultnr hernmphilosophieren, wobei es sich vielleicht Herausstellen würde, dass gerade die galizischen Inden bei etwas mehr (Volksschul-)Bildung der Massen zur Schaffung einer wirklich jüdischen C u l t u r die Geeignetsten sind. Hier soll angenonimen werden, dass Cultnr dasjenige bedeutet, tvovon die westlichen Juden mehr besitzen als ihre östlichen Brüder. Worin aber besteht dieses Plus? Besitzen die westlichen Inden eine entwickeltere Intelligenz? Dies wird kein Mensch behaupten, der die galizischen Juden kennt: Hat der gebildete Stand der Westjnden mehr hervorragende einzelne Intelligenzen aufzuweisen als jener der galizischen Inden? Das Gegentheil wird wohl eher der Fall sein. Man sehe sich nur näher iu den Großstädten um und prüfe die Regisseure der öffentlichen Meinung nach ihrer Abstammung. Das Plus an Cnltur, das die Westjuden vor den galizischen thatsächlich aufzuweisen haben, ist neben ihrem größeren Wohlstände, der allein schon geeignet ist, diesen Schein zu wecken, nichts anderes als die Allgemeinheit der B o l k s s ch ulbild ung. Besäße jeder galizische Jude, bei gleichbleibender Zahl der gegenwärtig vorhandenen hervorragenden Einzel- Intelligenzen, die einfache Volksschulbildnng, wie dies im Westen der Fall ist, dann würde das galizische Judenthum den Vergleich mit seinen westlichen StammeSgenoffen wahrlich nicht zu scheuen brauchen. Also Bolksschulbild ung und noch einmal Volksschulbildung! Der Gedanke der „Israelitischen Allianz", in Galizien Volksschulen zu gründen, den der selige Baron Hirsch später zu dem seinigen gemacht, ist dis jetzt das Glücklichste, was die westlichen Juden für Galizien unternommen und theilweise durchgeführt haben. Hier ist das Nebel an einer seiner mächtigsten Wurzeln angefasst. Der Versuch des Herrn Herzberg-Fränkel, irgend einer wirtschaftlichen Hilfsaction, etwa H a u s i n d u st r i e e n, vor der Gründung nicht nur weiterer, sondern auch der bereits bestehenden H i r s ch'schen Schulen den Vorzug zu geben, ist der unglücklichste Einfall, den ich je bei diesem Schriftsteller gelesen habe. Mit der Gründung von Schulen übernehmen wir kostenschwere Pflichten, die Staat und Gemeinde zu tragen haben und, soweit die Staats- und Gemeindeschulen von den Juden Galiziens in Anspruch genommen werden, thatsächlich tragen. Ich will hier absehen von dem besonderen Werte jüdischer Schulen mit jüdischen Lehrern für jüdische Kinder, aber was frommen uns alle Schulen, wenn sie nicht besucht werden, was nützt der Schulzwang, wenn er nicht durchgeführt wird! Die Hauptschuld daran trifft gewiss die pflichtvergessenen und für das Los ihrer Kinder apathischen Eltern, aber auch die Herren Schuldirectoren, Kreisnnd Landesschul-Jnspectoren trifft ein gut Theil der Schuld. Hätten die Schuldirectoren, die Bezirksschulräthe und der Landesschulrath (in dem übrigens die galizischen Juden nicht einmal eine Vertretung haben) ihre Pflicht mit einer wenigstens zur Hälfte so treuen Gewissenhaftigkeit erfüllt, mit der die Steuereinnehmer und -Jnspectoren über die pünktliche Eintreibung der Schulumlage wachen, daun wäre der allgemeine Schulbesuch unter den galizischen Juden schon längst durchgeführt worden. Aber diese Herren sehen es ja gerne, wenn sich die Juden dem Schulbesuche entziehen. Die Unbeholfenheit seiner Concurrenten kann jedermann gewiss nur willkommen sein. Die Herren Schuldirectoren in Galizien t h u n a u ch d a n n n i ch t i h r e P f l i ch t, wenn s i e z u wiederholte «malen daran gemahnt werden. Wozu auch? Das wird oben, im Bezirks- und Landesschulrathe gewiss nicht verlangt! Sind aber schon die Unbeholfenheit, der komische und schädliche Beamten- und „Prizim"-Respect, der Mangel an Kenntnis der Landessprache, welche Eigenschaften die Folgen der Unterlassung des Schulbesuches sind, an sich geeignet, eine wirtschaftliche Schwäche herbeiznführen, so ist die geradezu f a t a l i st i s ch e Gesinnung der galizischen Juden, die nicht nur in der Uuterlassung der Bolksschnlerziehung, sondern in der Erziehung ihrer Kinder überhaupt in die Erscheinung tritt, die entschieden w i r k u n g s r e i ch st e Ursache des galizischen Judenclends: die Erziehung der Kinder für einen b e st i m m t e n Lebe ns beruf ist in den großen Massen der galizischen Juden überhaupt eine sehr seltene Erscheinung. Dabei muss bemerkt werden, dass die sogenannte „Clius-Darga“, die niedrigste Volksclasse, viel vernünftiger vorgeht und deshalb auch viel besser daran ist, als die „bessere" Classe; wobei jeder Kenner 'der Verhältnisse weiß, dass von den 500.000 bis 600.000 jüdischen Bettlern Galiziens mindestens 80 Percent zur „mejuchosim“ (besseren) Classe zählen. Und dies, was besonders hervorzuheben ist, ist nicht nur bei den Armen, sondern auch bei den Wohlhabenden und sogar Neichen der Fall, s» dass anch von dieser Seite her für reichlichen Bettlernachwuchs gesorgt ist. Wer zählt die tansende „gefallener" jüdischer Familien in Galizien? Was noch vor. 20, 10 Jahren „bekobhod'er" (ehrenhafter) Mittelstand war, verstärkt heute schon längst die Reihen der Hungerleider. Zur Rede gestellt, warmn nicht für einen bestimmten Beruf gesorgt wird, lautet die Antwort: „Ich weiß, Schtusim, nach der „Chasunuh" wird sich schon alles geben!" Und erst diese „Chasunas", diese „Partien", die jährlich zu tausenden geschlossen werden, diese nenentstehenden Familien, ohne die geringste Aussicht aus hinreichenden Erwerb, der einem solch neuen „Hause" als Fundament diente! Solange hier kein Wandel geschaffen wird, ist das Elend der galizischen Juden unheilbar. Und da ist es wieder die Nothwendigkeit der allgemeinen Volksschulbildung, die in den Vordergrund tritt. Aus Kinde r n ohne V o l k s s ch u l b i l d u n g kann man n i ch t s R e ch t e s mache n. Auch die politische Unreife der galizischen Juden ist bekanntlich eine der Ursachen ihres Elends. Solange die galizischen Juden den Wert des Wahlzettels nicht kennen, solange sie es nicht verstehen werden, zwischen Polen und Ruthenen das Zünglein au der Wage zu sein, um so ihre politischen Rechte zu wahren, solange werden die gegenwärtigen Machthaber sich jene rücksichtslosen Uebergriffe erlauben, welche die Einschränkung der jüdischen Lebensberufe und die Vernichtung des jüdischen Kleinhandels (denn nur dieser leidet) im Gefolge haben. Doch auch die Erziehung zur politischen Reife ist unmöglich bei Vvlksmassen, die keine V o l k s s ch u l b i l d u n g besitzen! — Dies sind alles c u l t u r e l l e Ursachen, aber man sieht, wie greifbar materiell sie bei näherer Betrachtung werden. In einen! anderen jüdischen Blatte habe ich auch über diese, vielfachen Ursachen des Elends entsprechenden Hilfsa c t i v n e n einiges gesagt. Doch hier sollte ich nur über die gegenwärtige Lage, was wohl heißt: über das unsägliche leibliche und g e i st i g e Elend der galizischen Juden, sprechen. -;v /'»