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Jüdisches Volksblatt · 1899-02-24 · 2 (24.2.1899) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
2 (24.2.1899)
Date
1899-02-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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hftite 6 Wi«nt Freit<ag Jüdische* Yslksblafct 24. Föbruar 1899 lich eine Wandlung zum Besseren zu schaffen, dann sind Sie des aufrichtigen Dankes gewiss nicht bloß Ihres erbarmunaswürdigen Lehrerveteranen, sondern auch aller israelitischen Lehrern in Böhmen, -n denen auch gehört in vollster Hochachtung Ihr ergebenster F. Ans den jüdischen Organisationen. („Verein der jüdischen Fleischhauer", Wierr.) Am 22. d. M. fand im „Bayrischen Hofe" das erste Tanzkranzchen dieses Vereines statt. Gleich mit diesem ersten Schritte in die Oeffentlichkeit hat sich dieser Verein als ein kräftiger Repräsentant des jüdischen Mittelstandes declariert. Doch auch dieser Stand ist sich erst seiner Macht bewusst geworden, seitdem er sich organisiert hat. Früher hat sich niemand um sie gekümmert, aber jetzt konnte man sehen, dass man schon aufmerksam auf sie geworden ist. Da waren z. B. als Ehrengäste zu sehen die Herren Gemeinderath Niebauer Dr. Richard Rappoport rc. rc. Besonders verdient um das Arrangement des schönen Festes haben sich die Herren Weinwurm, Siegmund Kornmehl, Gvttlieb Herrmaun und viele andere Herren erworben. Alle Herren gaben sich voll und ganz ihrer Pflichterfüllung hin und trugen so sehr viel bei, die animierte Stimmung unter den Gästen bis zum Schlüsse aufrecht zu erhalten. Die Toiletten der außerordentlich hübschen Damen waren von jener einfachen, schmucklosen Eleganz, wie sie nur unser guter, jüdischer Mittelstand aufzuweisen vermag. Das Tanzen gieng bis in die Frühe unermüdlich flott vor sich und viele beklagten es, dass der Tag so rasch angebrochen. (Brigittenauer Tempelverein.) Die israelitische Cultusgemeinde hat dem Brigittenauer Bethaus-Vereine die angesuchte Jahres-Subvention von 5 0 0 fl. bewilligt und dem Vorstände des genannten Vereines für sein in jeder Hinsicht gedeihliches Wirken die vollste Anerkennung ausgesprochen. — Herr David Ritter von G u t t m a n n hat dem Bau-Comitö des Brigittenauer Tempelvereines in hochherziger Weise den Berrag von 1000 fl. gespendet. Herr Guttmann empfieng die Deputation, die diesbezüglich vorsprach, in ausnehmend liebenswürdiger Weise, erkundigte sich auf das Angelegentlichste nach den Verhältnissen des Vereines sowie der jüdischen Bewohner des Bezirkes und entließ die Deputation mit der Versicherung, seines ferneren Wohwollens und regsten Interesses. (Jüdischer Volksverein.) Am Donnerstag den 16. d. M. fand der erste Vereinsabend im eigenen Vereinslocale statt. Man konnte aus dem zahlreichen Besuche ersehen, wie dringend nothwendig ein solches Local war. Gleich nach der Begrüßung der Erschienenen seitens des Obmannes Herrn Eltbogen entspann sich eine recht lebhafte Discussion über Parteiwesen und Parteiblatt, in der sich recht deutlich zeigte, welch lebhaftes Interesse jedes einzelne Mitglied an dem Gedeihen und Fortschreiten der jüdisch-nationalen Bewegung nimmt. Auch die von der Vereinsleitung eingerichtete Lesehalle wird allabendlich lebhaft in Anspruch genommen, und gewährt eS direct ein Vergnügen, zu sehen, wie nützlich diese Einrichtung den Nerein-mitgliedern ist. (Israelitischer Krattkenunterftützun--°Vereiu „Der Wiener Dienstlttamt".) An diesem Vereine kann man ersehen, waS selbst die ärmsten der armen Juden imstande sind, wenn sie nur unter sich selbst einig sind. Arme jüdische Dienstmänner, die sich der schwersten Arbeit unterziehen, um sich und ihre Familie ehrlich zu erhalten, haben sich zusammengethan, um sich gegenseitig in der Zeit der Roth und Erkrankung zu unterstützen. Da sie wiffen, dass niemand für sie inl Unglücke sorgt, sorgen sie in Eintracht selbst für einander. Der Verein gewährt seinen Mitgliedern eine Krankenunterstützung von 8 fl. wöchentlich, bei Entbindungen der Frauen wird das Mitglied ebenfalls unterstützt, auch bei allen anderen Unglücksfällen, die einen Menschen, der von seiner ehrlichen Händearbeit lebt, leicht treffen können, soweit es nur die Vereinsmittel gestatten. Es ist daher angezeigt, dass dieser Verein auch von den anderen Claffen der jüdischen Bevölkerung unterstützt wird. (Jüdisch-akademische Lesehalle.) In dem bekannten Cyklus der Jüdisch-akademischen Lesehalle, in welchem schon früher Professor Moritz Benedikt, Dr. Sag der und Redacteur Adolf Gelber gesprochen hatten, gelangte Sonntag den 19. d. Herr Dr. Rudolf Lothar mit einem Vortrage ,Das Burgtheater und seine Dichter" zum Worte. Von der oft beklagten Burgtheatermisere ausgehend, führte Dr. Lothar diesen Stand der Dinge auf das Schwanken zwischen moderner Kunst und conservativer Schauspielerei zurück und kam zu dem Resultate, dass die Hauptaufgabe des Burgtheaters —• vermöge der Beschaffenheit seines aristokratischen Stammpublicums und der obersthofmeisterlichen Censur, welche allzu radicalen Ideen den Zutritt verwehrten — in der mustergiltigen Darstellung klassischer Dramen bestehe. Im Verlaufe seines Vortrages hatte Dr. Lothar die gesammte dramatische Production in Oesterreich während der letzten fünfzig Jahre in ihren bedeuteudsten Erscheinungen charakterisiert. Lebhafter Beifall eines zahlreichen Publicums, das den Saal des niederösterreichischen Gewerbevereines füllte, lohnte die interessanten Ausführungen des Vortragenden. B. (Verein „Nächstenliebe".) Am 16. d. M. fand die Generalversammlung dieses seit 1880 bestehenden humanitären Vereines des 2. Bezirkes statt. Der Jahresbericht constatiert mit Genugthuung die freudige Thatsache der andauernden Prosperität und Ansammlung des Vereinsvermögens, sowohl des allgemeinen Fonds, wie des für außerordentliche Unterstützungen. Die Mitgliederzahl beträgt 514 gegen 509 im Vorjahre. Mit Bedauern sieht der Verein seinen langjährigen und hochverdienten Obmann Herrn Simon Nr. © Nenman n seiner erschütterten Gesnudheit halber auS dem Vorstande scheiden. Der Rechnungsabschluss zeigt eine Einnahme von fl. 4192-25 gegenüber einer Ausgabe von fl. 3642-85, mithin einen Zuwachs deS BereinsvermögenS von fl. 549'40, das Ende 1898 fl. 15.032-48 beträgt inclusive eines Bethausfonds von fl. 600. Außerdem besitzt der Verein drei Thorarolleu nebst Silberzubehör rc. Der außerordentliche Unterstütznngsfonds, für besondere Nothlagen bestimmt, weist eine Einüahme von fl. 964-76 gegen fl. 390 Ausgabe, sowie einen Fonds von fl. 3660 in Staatseffekten. Die abtretenden Vorstandsmitglieder Adolf Fischer, Max Knöpfelmacher, Hermann Löwy, Ad. Schramek, Leop. Sonntag und Moritz Strach wurden wiedergewählt, ferner die Herren I. Danneberg, Moritz Kammermann und Arnold Winter für ein, respective zwei Jahre neugewählt. (Frauen - Wohlthätigkeits - Verein „Providentia".) Der Vorstand dieses hnmanitäreu Vereines, bestehend aus den Damen Honore Krell, Präsidentin, Anna Brandt, Schriftführerin, Jsabella Zucker, Vicepräsidentin, Frau Dr. Ernestine Thiemann, Controlorin und Jenny Thiemann, Cassierin, versendet den 25. Jahresbericht, nach welchem die Einnahmen 7727 fl. betragen, darunter der Reinertrag einer Mark Twain-Vorlesung mit 1683 fl. Bemerkenswert ist, dass von den Ausgaben 23 alte erwerbsunfähige Witwen mit Jahrespensionen ä 24 fl., int Ganzen mit 552 fll, ferner Wöchnerinnen und kranke Frauen mit 2781 fl. unterstützt wurden. Die Auslagen für vertheiltes Brennmaterial belaufen sich auf 411 fl. Der Stand des Barvermögens beträgt 1711 fl. Indem der Vorstand den Gönnertt für die edle Theilnahme am guten Werke dankt, propagiert er zugleich die gesunde Idee eines zu gründenden Wöchnerinnenheims, doch bittet er einstweilen um freundliche Zuwendung von Wäsche, Leinen und jeder Art Kindbettzeug behufs Zusendung an arme Wöchnerinnen, damit das jüdische Familienleben durch arge Noth nicht getrübt werde. Die Linderung so großen Elendes sindet sicherlich reichen Gotteslohn und himmlischen Segen! —n. (Humanitäts-Verein im X. Bezirk.) Die Vorgänge in diesem Vereine, sowie den Bericht über den heute morgens geendetett Ball werden wir in nächster Nummer Nachträgen. Theater, Kunst und Literatur. (Jiidische Charaktere.) sLiterarische Studien von S. Lublinski. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin, 1899.] Die meisten der heutigen p. t. Literaten haben das Malheur, semitischen Ursprunges zu sein. Das ist ihnen natürlich sehr unangenehm, und so mancher von denen, die da „d i ch t.e n" wollen, glaubt, seine krumme Nase trage Schuld an dem langsamen Wachsen seines Ruhmes. Ueber solche Individuen ein Wort zu verlieren, wäre jammerschade. — S. Lublinski — o — eitern. Mit einem seligen Stolze durchwandle ich die Straße und grüße und lächle jeden an, dem ich begegne. Nachdem ich meine Geschenke abgegeben habe, nimmt mich mein Großvater auf den Schoß, und mehr zu sich noch, als zu dem hoch aufhorchenden Knaben sagt er: „Mein Modcheleben wird auch so gut und brav sein wie Mordechai, von dem ihm der Lehrer in der Schule erzählt hat. Und dann wird er Landraw werden, der das ganze T'nach mitsammt der Gemara auswendig^ kann." Und in singendem Tone beginnt er den ersten Vers der Megillah mir vorzusagen und wird nicht müde, ihn zu wiederholen, bis ich ihn ohne Stocken wiederholen kann. Dann küsst er mich und legt segnend ferne Hände aus mein Haupt. Doch ich eile rasch fort, fiebernd vor Aufregung, weil die Zeit hkTannaht, wo ich im Maskenzuge der Kinder mitthun darf. Da für uns Kleine das Gewühl des Abends nichts taugte, kam meine Mutter auf den guten Gedanken, uns am Tage maskiert zu Bekannten und Verwandten zu schicken, um uns des Vergnügens und des eigenen Reizes nicht zu berauben, der im Verkleiden gelegen ist. Wir Kinder treten also an. Wahrlich, ein lustiges Völkchen, eine burrte Gesellschaft. Meine Schwester, ein feines und zartes Mägdlein mit großen, schönen Augen und wunderbar ausdrucksvollem Gesichte, nimmt sich als Braut m dem weißen Tüllkleidchen mit den schwarzen Tupfen gar nicht so übel aus. Fritz, ihr Altersgenosse, rm hellgelben Nankinganzuge, macht den Bräutigam, während wir anderen drei Paare die Gefolgschaft bilden. Die Mädchen tragen merkwürdig alte Kleider mit himmelblauem Schleier vor dem Gesichte, die Knaben eine Wachslarve, an welcher der lange Schnurrbart selbstverständlich nicht fehlen darf. Und der seltsame Zug bewegt sich durch die engen, winkeligen Straßen der Judenstadt, angestaunt, bewundert, herzlich belacht und begrüßt von Groß und Klein, ein kleines Vorspiel der ungleich größeren Dinge am kommenden Abend. — — Die Jahre verrauschen. Ich bin Quintaner am Piaristen-Gymnasium unseres Städichens. Wie alle Judenknaben, die m der Khille aufgewachsen sino, bin auch ich über meine Jahre hinaus gereift Vieles hat mir das Leben bereits erzählt, das halbwüchsigen Knaben sonst nicht so leicht bekannt wird. Und auch der tiefere Sinn der Purimgeschichte hatte sich mir zu enthüllen begonnen. Auf meine seltsame Frage an meine Mutter hätte ich nun leider die Antwort geben können. An unserer verwundeten Seele, die, an der Judenvolksschule von keiner Roheit berührt, sich gilt und gesund entwickelt hatte, lernten wir die Bedeutung des Satzes, dass wir im Goles seien, kennen. Umso enger schlossen wir uns deshalb an, umso zäher und energischer suchen wrr die guten alten Sitten des Ghetto zu pflegen, zu bewahren und fortzubilden. Das Lainen der Megillah war für uns ein Fest, an dem nicht theilzunehmen wie Volksverrath gegolten hätte. Und wenn rvir zur Stelle kamen „Lajehodiin Hoje", wie sangen wir aus voller Kehle froh und begeistert und voll Zuversicht auf den guten Stern mit, der uns bisher durch Trübsal und Elend geleitet und geleuchtet hat. Der Gottesdienstrst zu Ende. Wir eilen nach Hause, um unseren Maskenzug zusammenzustellen, der aber nun einen kräftigeren Inhalt bekommen hat als früher. Welch buntes Leben herrscht auf der Straße. Das stille Ghetto ist vertvandelt. Hunderte von Menschen durchziehen die Straße auf und ab, neugierig gespannt, was der Abend bringen wird. Und der volle Mond gießt sein silberhelles Licht auf die eigenartige Seenerie, die sich nun entwickelt. Ein Derwisch tritt auf. Im Nu ist er vom vollen Menschenstrome itmgeben. Der Zug bewegt sich zum Nöhrbrunnen, der an der „Altschule" angebaut ist. Der Derwisch besteigt die Stufen, zieht eine Nolle aus der Falte des Burnus und plötzlich wird es in der weiten Runde stille. In Knittelversen mit köstlichem Humor gibt er eine blutige Satire auf die Gemeindezustände zum Besten. Da wird mcht die Person, nicht die Würde geschont, mag es sich um den Rosch-Hakol handeln oder den Schames. Schonungslos werden Missstände aufgedeckt, ohne das es an Lob für wirklich gute Thaten im Vortrage fehlte. Dieser ist aber deshalb so wirksam, weil er von edler Begeisterung für das nationale Wesen und Emfinden getragen ist, und dieser Adel der Wahrheitsliebe, verbunden mit dem Feuer, das die Jugend so schöir kleidet, der die Herzen der Zuhörer erbeben und erschauern macht. Da ertönt von der Straße her eine Trompete. Und die Menge eilt zu dem sich nahenden Zuge, der eine Judengemeinde darstellt. Deutlich theilt sich diese in eine modern und in eine antiquiert gekleidete Gesellschaft. Es fehlt auch nicht „der Prediger und Seelsorger", wie „der Raw", die Hauptperson des nun folgenden Stückes, das den Kampf der assimilieeten Juden mit beu national empfindenden zum Gegenstände hat. Unter dem Jubel der Zuhörer nimmt die Disputation für den Prediger einen ungünstigen Verlauf, und. beschämt muss er am Ende gestehen, dass der Lehrer (Raw) in Israel noch immer mehr Geltung, Ansehen und Würde hat, als der dogmatisch zugespitzte., nachgeäsfte Heilsbringer der Seele. Und die Menge der Masken, mehr oder weniger originell, wird immergrößer, das Gewühl auf der Straße inrmer beängstigender. Da wird es nun Zeit, bei jenen bekannten Leuten, rvelche heute offene Tafel halten, vorzusprechen. Offene Tafel! 9118 ob sich das Wort erfüllte: Wer hungrig ist, trete ein und esse mit, freue sich mit den Fröhlichen und lasse Trübsal zuhause. Im hellen Lichterglanze erstrahlt das Zimmer und beleuchtet einen wohlangerichteteii Tisch, der sich gleichsam unter der Last der aufgehäuften Vorräthe biegt. Am Kopfende sitzt der Bai Habijis, das goldgestickte Käppchen auf dem Haupte. An seiner Seite die Gattin im schweren Seidenkleide mit der großen goldenen Uhrkette. Aus der anderen Seite hat er mehrere Säckchen, gefüllt mit Scheide- und Silbermünzen. Und wer von den Armen der Gemeinde konrmt, isst und trirrkt, soviel er nur kann und mag. Beim Scheiden aber drückt ihm der Hausherr heimlich ein Geldgeschenk in die Hände, stets sich vor Augen ballend, dass Wohlthun das vorzüglichste Gesetz, der Inhalt aller Gesetze seiner Religion sei. Es ist ein fortdauerndes Kommen und Gehen durch die weitgeöffneten Thüren, und je mehr Gäste, maskiert oder unmaskiert, auf dem Plane erscheinen, desto freudiger glänzt der Hausherr, desto röther erstrahlt seine Frau vor innerer Genugthnung. Aber die Nacht schreitet vor, und allmählich verstumrnt das tolle Getriebe. Bald liegt das Ghetto wieder ernst, friedlich und feierlich da in seiner ruhigen Pracht, die eindringlichste Sprache redend. Verträumt blicke ich auf. Ich finde mich allein in der Wirtsstube. Schlaftrunken lehnt der Kellner am Schankgesims. Mein pochendes Herz ist zur Ruhe gekommen. Noch ein letztes Glas auf das Wohl meiner Lieben in der fernen. Heimat, und gestärkt ,rnd getröstet erhebe ich mich von meinem Tische. M.

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