Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 2 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Wien, Freitag Jüdisci es Volk'blalt 24. Februar 1809 Seite 5 zu ignorieren. Ein Blick auf unsere Zustände muss uns lehren, dass 2 Factoren der bei uns maßgebenden Elemente recht bald auf die Erfüllung ihrer Herzenswünsche drängen werden. Die Polen werden für die Unterstützung der czechischen Postulats für Galizien Vortheile zu erwerben suchen, und die Clericalen werden aus aller Kraft der confessionellen Schule zusteuern. Wer wird diese verhindern? Etwa die deutsche „Gemeinbürgschaft"? Dazu gehören ja auch die Christlich-Socialen und die Dentschnatwnalen, also antisemitisch geaichte Parteien. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns gefasst machen, dass wir eines schönen Tages, basierend auf irgendeinem Paragraphen, die leibhafte confessionelle Schule vor uns sehen werden. Entsetzen erfasst viele unserer Glaubensgenossen bei dem Gedanken, es könnte derlei in Wirklichkeit eintreten. Sie sehen im Geiste polnische Cheder mit schmutzigen Kindern, langbärtigen Lehrern mit Peies, und ihre armen Kinder .mitten darin in diesen unheimlichen Zirkeln. Gemach, ihr furchtsamen Gemüther, so arg wird es nicht sein. Schmutzige Kinder sind nur dort, wo schmutzige Eltern sind; schmutzige, langbärtige Lehrer mit Peies .gedeihen bei uns auch nur schwer, und wozu sich den Kops zerbrechen, wie confessionelle Schulen aussehen könnten. Die confessionellen Schulen sind ja vorhanden, wir brauchen uns nur die Mühe zu nehmen, uns mit denselben vertraut zu machen. Wir brauchen nur einen Blick auf die jüdisch-politischen Gemeinden Mährens zu werfen, und wir beobachten die confessionelle Schule in der Praxis. Vielleicht durch eine Laune der mährischen Statthalterei, entstanden nach dem Jahre 1848 aus dem größten Theile der mährischen Ghettos jüdisch-politische Gemeinden mit allen Rechten und Pflichten politischer Gemeinden. Diesem Umstande verdanken es die jüdischen Schulen in diesen Gemeinden, dass sie als öffentliche, i n r e r c o n f e s s i o n e l l e Schulen gesetzlich organisiert, in Wirklichkeit aber durch die Confession der Lehrer, Schüler und deren Ettern jüdische Schulen sind. Da diese Gemeinden größtentheils von einer böhmischen Bevölkerung umgeben sind, so ist deren Isolierung durch zwei Momente bedingt: religiös und sprachlich. Hier ist also von einem Zusammenleben gar keine Spur, und doch ist nicht zu '.'erkennen, dass weit friedlichere Verhältnisse durch das N e b e n e i n a n d e r l e b e n resultieren als dort, wo man von Zusammenleben spricht. In diesen Gemeinden ist im kleinen längst durchgeführt, was die Deutschen in Böhmen sehnsüchtig erwünschen: Trennung auf allen Gebieten, Vernlinderung der Reibungss l ä ch e n. In diesen Gemeinden ist der Judenhass so groß, wie er zu allen Zeiten war, wie er sein muss, nachdem von kirchlicher Seite nichts geschieht, die Religion der Liebe praktisch allen Menschen gegenüber durchzuführen; sicherlich aber ist der Antisemitismus in diesen Gemeinden 'viel geringer als dort, wo man sich bestrebt, „zusammenzuleben". Heißt es nicht, sich selbst betrügen, wenn, man heute von Zusammenleben redet, nachdem tatsächlich Vereine, die viele Jahre confessionell gemischt waren, zerfallen, sich judenrein constituiert haben u. dgl. Unter der Herrschaft des Antisemitismus gibt es auf keinem Gebiete ein Zusammenleben, also auch nicht auf dem der Schule. Und wie sieht denn die Bevölkerung aus, die diesen jüdisch-mährischen Schulen entstammt? Ist sie vielleicht verknöchert, verjudet, verrnauschelt? Verehrte Glaubensgenossen in Wien und den großen Städten! Die Zöglinge aus den jüdischen Schulen Mährens nehmen es mit jedem Städter auf allen Gebieten staatlichen und socialen Lebens auf. Ihr braucht nur um Euch zu blicken, sie sind in Eurer nächsten Nähe als Männer der Wissenschaft, Universitäts- Professoren, Hofräthe, Architekten, Ingenieure, Advocaten, Lehrer, Industrielle, Kaufleute, Handwerker rc. In diesen Schulen sind f ä m m t l i ch e Kinder der Jndengemeinde, der Sohn des reichsten Mannes sitzt neben dem Kinde des armen Hausierers, spielt und lacht nüt demselben. Hier wird der demokratische Geist gezüchtet, der in diesen Gemeinden vorherrscht, der Kriecherei und Hoffahrt nicht aufkommen lässt, der den Reichen aufs Korn nimmt und denselben zwingt, die Pflichten des Besitzes zu üben. Hier lernt das jüdische Kind arbeiten und sich fürs Leben vorbereiten. Proletarier kommen nicht aus diesen Schulen, und die Strafanstalten erhalten von hier nur sehr geringen Zuzug. Allerdings hören die Kinder dieser Schulen auch mauscheln und lernen von den Erwachsenen auch den jüdischen Jargon. Das verhindert aber nicht, dass sie in den Mittelschulen zu den besten Schülern zählen und an der Universität mit Auszeichnung studieren. So sehen die Resultate der mährischen Schulen aus. Aehnlich würden die Erfolge der jüdisch-confessionellen Schule überall erscheinen. Wir können also ganz getrost dieser Eventualität entgegensehen. Die Antisemiten würden durch die confessionelle Schule Aehnliches erleben, wie durch die Einführung des Befähigungsnachweises auf gewerblichem Gebiete. Wir handeln also vorläufig im Sinne der Resolution der in Wien stattgefunde.nen Protestversammlung, verlangen die interconfessionelle Schule (mit Ausschluss antisemitisch gesinnter Lehrer) für unsere Kinder, lassen uns aber vom jüdischen Standpunkte aus keine Sorge zu Herzen gehen, wenn thatsächlich die confessionelle Schule eingeführt werden sollte. Die mährischen Schulen zeigen uns, was jüdische Schulen leisten und was wir von der confessionellen Schule zu erwarten hätten. Prag, am 20. Februar 1899. Sehr geehrte Redaction! Wir beziehen uns auf Ihren Artikel in der 1. Nummer Ihres geschätzten Blattes „Die Schule in Dentschböhmen", in welchem „der reisende Lehrer" — jedenfalls eine ganz besondere Speeies — von einem Lehrerveteranen erzählt, der, aller Mittel entblößt, nach 42jähriger Lebrthätigkeit ein kümmerliches Dasein fristen muss, ohne dass ihm von irgendeiner Seite Hilfe wird. Der genannte Autor frag«, ob es in Böhmen keinen israelitischen Lehrerverein gibt, der diesem bedauernswürdigen Greise unter die Arme greifen könnte. Wir erlauben uns, auf diese Anfrage zu antworten. Es gibt in Böhmen einen Verein der jüdischen Lehrer, den „Israelitischen Landeslehrerverein in Böhmen", der im Vorjahre das 25jährige Jubiläum seines Bestandes feierte. Ueberdies hat der Autor des Artikels „Die Schicke im czechischen Böhmen" in der vorerwähnten Nununer unseres Vereines auch gedacht, indem er über das Wirken desselben bei einer besonderen Gelegenheit meldete. Eigenthümlich erscheint es jedenfalls, dass ein israelitischer Lehrerveteran in Böhmen von unserem Vereine keine Kenntnis hat und sich während seiner langen Wirksamkeit nicht interessierte, ob ein Fachverein bestehe, dem er als Mitglied hätte beitreten können. Leider gibt es auch solche Lehrer, die von dem Lehrervereine entweder gar keine Notiz oder nur in der Noth solche nehmen. Es ist nicht unsere Absicht, das Wirken des Israelitischen Landeslehrervereines hervorzuheben, allein es ist erwiesen, dass diese Körperschaft seinen Mitgliedern und auch oft Nichtmitgliedern nach Maßgabe der demselben zur Verfügung stehenden Mittel immer Hilfe angedeihen ließ. Zu dem Gewähren von jährlichen Renten hat er, der stets reichlich gegeben, es eben nicht gebracht. Dafür haben dieselben Männer, die dem israelitischen Lehrervereine in Böhmen angehören, vor 25 Jahren einen Pensionsfouds ins Leben gerufen, der, wenn er auch noch nicht imstande ist, volle nvrmalinäßige Pensionen den Berechtigten zu gewähren, immerhin percentuelle Jahresquoten sichert. Die Einzahlungen in denselben sind für jedermann in der Zelt der Rüstigkeit erschwinglich. Dem Lehrerverein kann also kein Vorwurf gemacht werden, dass er dem von „dem reisenden Lehrer" aufgespürten Lehrerveteranen bisher nicht beigesprungen, denn erstens handelt es sich in diesem Falle nicht um ein Mitglied, und zweitens hatte der Verein von denr Elend des Armen bisher noch keine Kenntnis. Wir haben stets, wenn es galt, Noth zu lindern, die College» oder deren Witwen ulld Waisen zu unterstützen, unsere Pflicht gethau, und lnüsseu daher den Vorwurf, als hätten wir in diesem Falle unsere Collegenpflicht verabsäumt, von uns weisen. Uebrigens gibt es der arinen leistungsunfähigen und am Hungertuche nagenden Collegen, trotz der von uns gewährten Unterstützungen, mehr als genug. Denn die Zahl der vor der Zeit zum Dienste untauglich gewordenen, weil physisch und psychisch überangestrenäten Lehrer rc. rc. wächst mit jedem Jahre und es ist für dieselben reine andere Hoffnung, als, wenn sie grau geworden, die Mildthätigkeit in Anspruch zu nehmen. Denn solange der Lehrer, sobald er ein gewisses Alter erreicht, aus einer besseren Stellung weichen und dann unstet von Ort zu Ort wandern muss, bis er überhaupt keinen Posten mehr erhält, solange er der Willkür und'den Launen gewisser Herrschergelüste rechtmrd schutzlos preisgegeben ist, solange die Genreinden sich keine Gewissensbisse daraus machen, was aus einem alten, langjährigen, gekündigten Lehrer wird, solange es keine diesbezügliche geregelte Wechselseitigkeit geben wird und kein Gesetz vorhanden ist, das die Altersversorgung der Eultusbeamten in allen Gemeinden befiehlt, solange werden die Rufe der Repräsentanz der Israeliten in Böhmen, nach den Gemeinden vergeblich verhallen, solange werden auch Rufe nach den Lehrern, deren Verhältnisse im allgemeinen nicht glänzende sind, gur Unterstützung der ärmsten Eollegen nur den Erfolg haben, dass vielleicht eine momentane Erleichterung gewährt werden kann. Sollte es jedoch Ihrer püblieistischen, jugendfrischen, muthigen und vielleicht auch ausdauernden Thätigkeit gelingen, diesbe^üg- -L 4 — 8 — Schafe. Eine Ghettofigur von Adolph Donath. Er war einer jener Philosophen aus dem Volke, welche gerne über alles, was sie hören und sehen, sprechen wollen. Wie ein Kind war er. Wenn man ihn reizte, konnte er weinen. Stundenlang saß er bei dem Fenster seines Stübchens und murmelte: „Wolken, Wolken, Wolken. Sterne, Sterne, Sterne. Und warum nennen sie mich den Meschuggenen? . . ." Man nannte ihn nämlich den Meschuggenen, weil er nicht so lebte, nicht so sprach und dachte, wie die anderen aus der Gasse. So gieng er eines schönen Tages in die Nachbargemeinde H. uiib bat, man möge sofort „Kohol" setzen lassen. Und als die Aeltesten der Gemeinde versammelt waren, Hub er an: „In meiner Heimat rufen mir bie Gassenbuben Meschuggener nach. Kinder und Narren reoen doch die Wahrheit. Bin ich meschugge?" Dann schwieg er. Aber die Aeltesten erhoben sich von ihren Plätzen, lachten ihn aus und giengen ihres Weges... So blieb er Schaje, der Meschuggene. Schaje war in dem mährischen Städtchen K. geboren. Sein Vater besaß Vermögen, sparte sich aber den Bissen vom Munde ab und wirkte abstoßend durch sein wortkarges Benehmen. Auch Schaje musste das fühlen. Er blieb sich selbst überlassen, der Welt entfremdet und wurde ein Grübler, ein Philosoph. Nur das Weib war ihm ein Räthsel. Dem opferte er seine ganze einfältige Sehnsucht. So wurde er ein Selave der heimlichen Liebe. Das Weib schien ihm ein seltenes Geschenk des Himmels und dessen Vermittler war ihm der „Schadchen". „Der Schadchen ist ein „Zadik", sagte er immer. „Eine „Mizwe", wenn man ihm etwas schenkt." Darum waren die Schadchen von K. .- es gab deren sehr viele — seine „guten" Freunde. Sie umschwärmte» ihn, gaben ihm Rathschlüge, er solle Gedichte schreiben miö acht Seiten lange Liebesbriefe, so werde ihm der Himmel das Weib seiner Sehnsucht schenken. Und Schaje gab ihnen Vorschüsse und zahlte ihnen Reisen, damit sie ihm eine Braut suchten. Hie und da fuhr er mit. Man erzählte ihm nämlich oft: Du Schaje, die Rosa aus B. hat sich verliebt in Dich. Denn sie weiß, dass Du dichtest und philosophierst und möchte Dich heiraten. Sie ist bildhübsch und hat als „Nedan" eine große „Gewure" und eine seidene „Eritioline". Schaje rieb sich vor Vergnügen die Hände .und fuhr mit auf Brautschau. (Schluss folgt.) Stilleben. (P it r im - Eri n n erunge«.) Die Abendschatten senken sich herab. Graue Nebel fließen von den Bergen in die Straßen des nordischen Städtchens und hüllen sie in einen schmutzig-weißen Mantel ein. Von dem düsteren Grau der Straßen rette ich mich in das einzige vorhandene Wirtshaus. Eine dunstgefüllte Stube umgibt mich. Am Stammtische thronen die Bürger und Honoratioren mit ihren dicken, biergefüllten Bäuchen ' und machen ihre gewohnten Spnsschen und Mätzchen. An einem Tische in einer gemüthlichen Ecke, abseits von den Leuten, lasse ich mich nieder, müde, gequält und zerschlagen von dem Gefühle der Sehnsucht, der Einsamkeit und des Bangseins. Ein fröhliches Fest wird heute in Israel begangen, im kalten Winter das warme Purimfest. Nur ich, mit . überquellendem Herzen hier allein, umgeben von diesen Fremden! „Herr Wirt,; eine Flasche Wem!" Dir, o schöne, holde Jugendzeit, weih' ich mein erstes Glas, da ich ein unschuldiger Knabe im stillen Ghetto der fernen Judenstadt mit Freude und Lust an der gar wundersamen Errettung unserer Voreltern aus den Banden' ' hartherziger Verfolger mich ergötzte, da ich mit blitzendem Auge und gerötheter Wange mir gelobte, Mordechai, dessen Namen ich trage, zum Vorbilde zu - nehmen, den Manu der klugen Güte, in dem sich Menschenliebe paarte mit scharfem Verstände. Naht Ihr Euch schon, Ihr Tage der Kindheit, Ihr traulichen Gestalten n'ohlbekannter Bilder? Seid nur willkommen! Ich grüße Euch viel tausendnml. — —- Das war ein Backen und Kochen, ein Scheuern und Kehren dem fröhlichen Feste zu Ehren. Ich tripple meiner Mutter in die Küche nach, wo es so viele süße Sachen gibt, die das Kinberherz so sehr erfreuen: Datteln, Mandeln, Rosinen und angemachter Topfen, bestinunt für die „Topfendelkel". Fröhlich steckt mir die Mutter ein paar Rosinen in den Mund; sie kennt ihren - Buben, der das Süße so gerne schmatzt. Und ich beginne schön zu thun. „Mutter, ich kann die Purimgeschichte so gut erzählen; der Lehrer hat sie uns heute erzählt. Willst Tu sie hören?" „Heute abends, mein Schatz, ' wenn wir das Nachtessen nehmen." Und ich nach einer Weile: „Mutter, gibt es jetzt auch noch solche böse, eklige Menschen, wie der Haman?" Und mit meinen braunen Augen schau' ich ihr in das volle, glänzende Antlitz, nicht ahnend, welch' schwierige Frage ich beantwortet wissen wollte. Aber der Kuchen war inzwischen gar gebacken. Meine Mutter drückt mir ' ein Körbchen in die Hand. Darin liegen ein paar Weinflaschen. Sie stellt den Kuchen auf einen Teller, schlägt eine weiße Serviette herum, deren Ende ich .mit der Linken fasse 'und hurtig gehts mit dein „Schlachmones" zu den Groß-