Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 2 (24.2.1899)
- Date
- 1899-02-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitflg Jüdisches Volksblatt 24. Febnar 1899 Nr. 2 In Galizien existieren wohl an 250 jüdische Creditgenossenschaften, aber erstens sind die B ü r g s ch a f t s - B e d i n g u it g e w zumeist derart statuiert, dass die Aermsten von vornherein ausgeschlossen sind, zweitens ist dieser Credit eben nicht billig. Man kann die Kleinhändler in Galizien oft darüber klagen hören, dass sie für „die Bank" arbeiten müssen. Dazu kommt noch, dass in den ganz kleinen Städten (also da, wo das galizisch-jüdische Elend in seinen entsetzlichsten Formen jene große Masse von Lnmpenprvletariern züchtet, aus denen die immer zunehmenden Bettlerscharen in den größeren und großen Städten sich recrutieren) solche Banken sich nicht erhalten können und oft einige Jahre nach ihrer Gründung liquidiert werden. Und doch könnten sich noch tausende jüdischer Familien von diesem soviel geschwächten Kleinhandel erhalten, wenn sie nur jenes Capitalininimnm in Händen hätten, das auch der kleinste Handel erfordert. Tie Erwerbsgelegenheit würde dadurch zwar nicht wachsen, aber cs würde sich dadurch nach und nach eine t heilweise wirtschaftliche Nivellierung unter den galizischen Juden selber vollziehen. Wer die galizischen Verhältnisse, besonders in den Kleinstädten, kennt, weiß, dass es fast in jeder Stadt ein Clique gibt, die mit der ausgesprochenen Absicht die Creditverhältnisse für den armen Kleinhändler erschwert, damit sie alle mögliche Erwerbsgelegenheit für sich selber ausnützt. Und hier berühren wir den vielleicht wundesten Punkt in dieser trostlosen Frage: Die Schuld an der schreckl i ch e n, entwürdigenden und verlotternden Armut der g a l i z i s ch - j ü d i s ch e n Massen trifft zu einem nicht g e r i u g e n T h e i l e d i e re i ch e n I n d e n G a l i z i e n s selber. Zn unserer großen Beschämung muss constatiert werden, dass, während die Inden des Westens über die Nothlage der galizischen Inden berathen, über Hilssactionen Nachdenken und dadurch wenigstens beweisen, dass der Hungerschrei ihrer galizischen Brüder den Weg zu ihren Herzen gefunden, während man sich im Westen von dem furchtbaren Röcheln der Hunger-Agonie der galizischen Brüder bereits beunruhigt fühlt — dass während dem allen die reichen Juden Galiziens, die fast in allen Bezirken und Städten zu finden sind, fest auf ihren Geldsäcken liegen und mit keinem Finger rühren, um irgendwie helfend noch einzngreifen. Haben die reichen Juden Galiziens die letzten Zuckungen ihrer, in den Gassen verschmachtenden Brüder nicht wahrnehmen können? Nach Wien und Prag drang schon der verpestende Hauch der Hungerseuche unter den galizischen Inden, nur die reichen unter ihnen, die sie den ganzen Tag um sich sehen, diese Unglücklichen, ihre hungermatten Augen, ihre eingefallenen Gesichter, in denen jeder Muskel nach Brod schreit — nur s i e sollten sich noch gar nicht beängstigt fühlen von dem langsamen aber sicheren Hungertode, der entwürdigend und zerstörend um sie her grassiert? Ich wiederhole, zu unserer Beschämung muss gesagt werden, nicht bloß, dass die Reichen unter der galizischen Judenheit hinter denen des Westens (oder auch Ru ss l a nd s) cm Wohlthätigkeitssinn und Opferwilligkeit weit zurückstehen, sondern auch, dass die meisten von ihnen schlechteHerzen haben, dass sie kein Mitleid haben mit ihren armen Brüdern, und wenn sie vor ihren Augen einfach Hungers sterben. Hätten die reichen Juden Galiziens für ihre leidenden Brüder ein gutes Herz gehabt, ihnen nach Möglichkeit bei ihren großen Geschäften und Unternehmungen Erwerbsgelegenheit geboten, ihnen mit kleinen (wenn nicht unverzinslichen), billigen Anleihen rechtzeitig unter die Arme gegriffen, hätten sie nicht vielmehr den jüdischen Kleinhandel mit vollem Bewusstsein ihres sträflichen Thuns beutegierig vernichtet — auch dann wäre wohl der von tausend Herden aus unterhaltene Verarmungsprocess der jüdischen Massen Galiziens vor sich gegangen, niemals aber wäre es dazu gekommen, dass der Hunger in seinen grausamsten Formen seinen entnervenden Stempel 5—600.000 jüdischen Gesichtern aufdrückt! (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Die galizische Sparrastenaffairestnd die Juden. - Lemberg, 12. Februar.^ Die Missstände in der galizischen Sparcasse, welche eilte unbeschreibliche Panik, insbesonders unter den Besitzern kleiner Einlagen hervorgerufen haben, sind aus der Tagespresse hinlänglich bekannt, so dass von deren Schilderung hier abgesehen werden darf. Es dürfte jedoch interessant sein, das Verhalten der p o l n i s ch e n Presse den Juden gegenüber, die von derselben den Juden in dem Rummel zngedachte Rollen kennen zu lernen. Wieder hat es sich gezeigt, dass die Juden für die Sünden anderer zu büßen berufen sind. Als es bekannt war, dass der Direction der Sparcasse von Seiten der Revisions-Commission die Decharge verweigert wurde — es ist hier gleichgiltig, ob die Revisions-Commission, welche die Missstände schon einige Jahre lang gekannt hatte, diesmal ihr Rechtlichkeitsgefühl entdeckt hat, ohne irgendwelche Nebenzwecke zu verfolgen, oder aber ob sie sich von politischen Motiven leiten ließ, indem sie der „demokratisch-liberalen Partei", d. h. dem „Stowo polskie“ und dessen Inspiratoren: Szczepanowski, Romanowicz und Rutowski einen empfindlichen Schlag versetzen wollte — als dies bekannt war, gab es nichts Natürlicheres, als dass die Eigenthümer der Einlagen ihre Fordernttgen präsentierten und ihr oft sauer erworbenes Geld znrückverlangten, was doch ihr gutes Recht war. Da nun diese kleinen Sparer größtentheils Inden sind, war die Physiognomie der ungestümen Glänbigerschaft eine vorwiegend jüdische. Dieser Umstand genügte, um nicht nur dem dazu „berufenen" Organ der christlich-socialen Partei, dem „Dziennik polski“, sondern auch dem bisher sogenannten „judenliberalen" „Slowo polskie“ den göttlichen Gedanken einzngeben, die Inden hätten eine w o h l o r g a n i s i e r t e Campagne gegen die Sparcasse unternommen, nm sie zugrunde zu richte». Ein Motiv für diese vermeintliche Campagne war bald gefunden. Den Juden handelte es sich nämlich darum, die der Sparcasse entzogenen Capitalien einem jüdischen Bankinstitute zuznwenden, das von den Abgeordneten Dr. Byk und Dr. Rapaport gegründet wurde!! Zn diesen! heiligen Zwecke hätten nicht nur die Rabbiner Lembergs, sondern auch die Rabbiner in der Provenz sogar den Sabbath freigegeben. Obwohl es sich bald heransstellte, dass all dies reine Erfindung war, dass Abgeordneter Dr. Byk bereits seit 4 Jahren mit der Gründung eines Bankinstitutes beschäftigt sei, welches nicht nur an dem Ruin der galizischen Sparcasse kein Interesse hätte, sondern im Gegentheile auf ein normales Functionieren derselben angewiesen wäre, dass Abgeordneter Dr. Rapaport mit dieser Gründung überhaupt nichts zu thnn habe und an der Spitze des geplanten Institutes, außer Dr. Byk, lauter Christen stünden, und dass die behauptete Freigebnng des Sabbaths widersinnig sei, war unterdessen der Zweck der Erfinder erreicht: Die Angelegenheit bekam ein confessionelles, ein jüdisches, ja antichristliches Gepräge, und die Aufmerksamkeit wurde von den Schuldigen auf die Inden abgelenkt. Doch nur für einige Zeit. Glücklicherweise liegen die aufeinander eifersüchtigen Zeitungsredactionen in heftigem Streite. So kam es, dass bald alle Welt wusste, dass Szczepanowski et consortes die galizische Sparcasse mit der Kleinigkeit von ungefähr 7 Millionen in Anspruch genommen hatten und dass deren Organ, das „Slowo polskie“, ein Interesse an der Verschleierung dieser Thatsache und an der Hetze gegen die Juden — gegen wen denn sonst? — hatte. Als vollends die Regierung einzngreifen gezwungen!var und das Rettungswerk begann, konnten die Juden ein wenig aufathmen und hörten auf, als Landesverräther, als Schädlinge — wenigstens mit Bezug ans die galizische Sparcasse — beschimpft zu werden. Bei dieser Gelegenheit darf nicht unerwähnt gelassen werden, dass die galizische Sparcasse vollkommen judenrein ist — jndenrein sowohl in dem Sinne, dass sie keinen einzigen jüdischen Angestellten beschäftigt, als auch in dem Sinne, dass der behufs Förderung des Gewerbes, besonders des Kleingewerbes gewährte Credit nur nicht den Juden zugute kommt, obwohl die Einlagen, wie gesagt, überwiegend jüdisch sind. Bei der gegenwärtigen Sachlage drängt sich unwillkürlich die Frage auf: wie hoch würde der Credit den christlichen Gewerbetreibenden Galiziens zu stehen kommen, wenn die Inden, die im mobilen Capital mit 75 Percent vertreten sind, thatsächlich dieses ihr Capital statt in galizischen Richtwerten in nichtgalizischen Werten anlegten; ob der Credit ihnen nicht etwas zu thener zu stehen käme? Es könnte scheinen, eine so starke Bctheiliguug der Inden am mobilen Capital zeuge von deren tvirtschaftlicher Macht. Ein tieferer Einblick in die Lage der Juden und eine ettvas aufmerksamere Analyse derselben — die wir uns hier diesmal versagen müssen — dürften jedoch bald ein getreues Bild der specifisch-galizischen Judennoth gewinnen helfen. Uebrigens tvürde, wenn die Lage der Inden in Galizien nicht verzweifelt wäre, der in Bälde in Lemberg abzuhaltende jüdische Gemeindetag nicht als ersten Punkt der Tagesordnung vorgeschlagen haben: die Berathung über die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien und über die Mittel, welche der traurigen Lage abzuhelfen imstande wären. Der genannte Gemeindetag wird auch über die Mittel berathen, wie der systematischen Ausschließung der Juden von den staatlichen und autonomen Aem tern abgeholfen werden kann. Diesen Berathungen und deren Resultat soll nicht "vorgegriffen werden. Ueber deren Verlauf uud Ausgang werde ich Ihnen seinerzeit berichten. — 8 — Lrmdenbrrrg. (G e m e i n d e - A u s s ch n s s w a h l. V e r e i n s g r ü n d u n g.) Montag, den 20. uud Dienstag, den 21. d. fanden hier die Gemeindeansschusstvahlen statt. Es wurden 7 Juden in den Gemeindeansschuss gewählt, und zwar die Herren: H. Kuffner, gew. Bürgermeister von Lnndenburg, Heinrich B i t t n e r, Sigmund R e i ß, Dr. Berthold S a x, Josef H o l l ä u d e r, Bernhard Stein und Sigmund Hoffman it. Als Ersatzmänner wurden gewühlt (Juden) die Herren: Carl F rank und Moriz B i t t n e r. —• Unter dem Namen „Israelitischer Frauen-Wohlthätigkeitsoerein" hat sich ans Anlass des 50jähr. Regierungsjnbilänms Sr. Mas. des Kaisers ein Verein gegründet, welcher den Zweck verfolgt, hilfsbedürftige Frauen, bedürftige Studierende und arme Bräute zu unterstützen. Als Präsidentin des Vereines wurde Frau Regine Baue r, Tvctorsgattin in Luudenburg, gewählt, zur Viceprüsidentin Frau Bertha Stein, zur Contrvlorin die Gattin des hiesigen Rabbiners, Frau Carola Groß, zur Schriftführerin Frau Anna Spiegler und zur Cassierin Frau Grethe Hecht gewählt. 8. R. Horazdiowitz. (H i st orisches aus der G ein e i n d e.) Die Stadt Horazdiowitz war, wie die meisten im Mittelalter entstandenen größeren Ansiedlungen, von Mauern, Wüllen und Gräbern umgeben. Mehrere Thore führten in dieselbe. Der alte jüdische Friedhof, dessen wir unlängst erwähnten, lag am Ostende der Stadt zwischen der Festnngsmaner, dem Watte und Graben. Nim erweiterte sich die Stadt zusehends nach Osten, es entstanden Gebäude auf den Plätzen hinter der Ostmaner und eine Communicationsstraße war dringend nöthig. Deshalb verlangte die Stadtgemeinde, es möge eine neue Gasse, welche durch den alten jüdischen Friedhof zu führen hätte, errichtet werden. Man kann sich deuten, welche Sensation diese Ansfordernng hervorrief; denn gerade der verlangte Complex war mit zahlreichen Leichensteine» bedeckt, und den Juden war von jeher der Friedhof ein geheiligter, unantastbarer Ort. Die Juden wollten selbstverständlich von dem Begehren der Stadtgemeinde nichts wissen, es kain zum Prvcesse, der nach der damaligen Gerichtsordnung viele Jahre dauerte und zu nngnnsten der Jndengeineinde, respective der Chewra entschieden wurde; denn der „Cvmnmnicativn, dem Verkehre wie der Cultnr müsse alles weichen". Die Gasse wurde durch den Friedhof geführt, die auf diesem Grunde befindlichen Leichen ansgehoben und auf dem neuen Friedhöfe beerdigt. Selbstverständlich wurde hierdurch der alte Friedhof in zwei Theile, einen großen und einen kleinen, getljeüt; in diesem Zustande befindet er sich annoch; nur ist er besser gepflegt; denn die unermüdliche Fürsorge des bereits erwähnten Herrn Wilhelm L. Kohn hat diese Ruhestätte mit zahlreichen Bäumen bepflanzt. Bevor wir von dem alten Friedhofe Abschied nehmen, drängt es uns noch, zn erwähnen, dass vor vielen Jahren ein Denkstein ans demselben nach London an die Gesellschaft hebräischer Alterthümer gesandt wurde; es handelte sich damals darum, das Alter jüdischer Ansiedlnngen im österreichischen Staate, beziehentlich in Böhmen, zu docnmentieren. Schulstagen. Dir ranfessronelle Schule ln der Pruris. Von L. Riesenfeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. In Wien fand vor einigen Wochen eine Protest- Versammlung statt, welche sich mit dem Attentate, welches der antisemitische Wiener Bezirksschulrath gegen die jüdischen Schulkinder verübt hat, eingehend befasste. Es wurde fast einstimmig Front gegen die confessionelle Volksschule gemacht und jeder Versuch, der confessiouellen Schule eine gute Seite abzugewinnen, wurde im Keime erstickt. Was in Wien verfügt wurde, kann getrost als Ausgeburt des Hasses bezeichnet werden. Hier wurden Judenclassen gemacht, damit die Schüler derselben an den Pranger gestellt werden können. Umgeben von antisemitischen Lehrern und Schülern sollte, die Judenbrut schon in zartester Kindheit gedemüthigt und geknechtet werden. Der Schrei der Entrüstung, der überall, wo Hass noch nicht jedes menschliche Gefühl erstickt hat, zu vernehmen war, ist daher vollkommen erklärlich. Der nüchterne Verstand lässt sich von Schlagworten nicht gefangen nehmen und begibt sich auf den Boden der Thatsachen, wenn er zu einem weisen Entschlüsse gelangen soll. Gewiss sollen Kinder derselben Gemeinde eine (interconfessionelle) Schule besuchen. Dieselbe. Luft, dasselbe Klima, dieselben Lebens- und Erwerbsverhältnisse, also auch dieselbe Schule. So sollte es sein, so könnte es sein, wenn wir normale Verhältnisse hätten. Leben wir Juden heute in normalen Verhältnissen? Vor ■'> > Jahren konnte man getrost sagen, in der Schule herrschen normale Verhältnisse. Da waren alle Lehrer, selbst die clerical gesinnten, pflichtgetreu, die allen Kindern gegenüber unbefangen auftraten. Ist dies heute auch der Fall? Ja, ist in Wien z. B. auch nur die Möglichkeit geboten, von allen Lehrern vorauszusetzen, sie werden sich vom Gifte des Antisemitismus fernehalten? Da müssten ja die Lehrer wahre Engel sein. Das Beispiel, das ihnen täglich geboten wird, ist ja zu verlockend. Rauscher (richtiger Berauschter, siehe Gerichtssaal), Krautmann, Tomola u. dgl. werden Directoren, Gemeinde- und Stadträthe. Warum? Etwa ihrer pädagogischen Leistungen halber? Das Streberthum, das in allen Ständen üppig wuchert, wird doch vor dem Lehrerstande nicht Halt machen. Sind die Machthaber in Wien, die des Lehrers Wohl und Wehe in ihren Händen haben, Antisemiten, so können die Lehrer nicht unberührt vom Antisemitismus bleiben. Glücklicherweise ist es nicht möglich, zugleich clerical und lehrerfreundlich zu sei n. Wir beobachten in Wien auch schon den Krieg gegen den besseren Theil der Lehrerschaft. Wie ergeht es nun jüdischen Kindern, die antisemitische Lehrer haben? Wie es dem ergeht, der aus Liebe angewiesen ist und ohne Liebe nicht leben kann und dem ein hasserfülltes Herz entgegentritt. Beim besten Willen — und Antisemiten haben den schlechtesten Willen — kann ein solcher Lehrer keinen guten Einfluss auf ein Judenkind ausüben. Wenn wir also das Wohl unserer Kinder ins Auge fassen, so sollten wir auf Errichtung rein confesfioneller Schulen dringen. Dem widerspricht aber der Liberalismus, der „Gleichheit" in der Schule fordert; ferner der Gedanke, durch Zusammenleben der Kinder in der Schule soll das friedliche Zusammenleben der künftigen Staatsbürger im Leben angebahnt werden. Das klingt alles recht schön, wenn nur wir Juden nicht immer die Opfer dieser herrlichen Doctrinen würden! Liberalismus? In Ungarn ist man bis heute auch noch liberal und die Staatsbürger wohnen friedlich — zum mindesten so friedlich wie in Oesterreich — neben einander, trotz der herrschenden confessionellen Schule. Die Protestanten bleiben beharrlich bei der confessiouellen Schule selbst in großen Städten, z. B. in Wien und Brünn, und diese nüchternen Leute dürften auch etwas vom Liberalismus verstehen; wahrscheinlich danken sie für die Umarmung des Katholicismus, lassen die Doctrin hübsch ungeschoren und behalten aus gesundem Egoismus ihre confessionelle Schule. Sollen also rein jüdische Schulen angestrebt werden? Roch nicht. Unsere Kinder sollen confessionslose oder richtiger interconfessionelle Schulen besuchen, aber sie sollen ihre Jugend ungetrübt durchleben. Gegen antisemitische Lehrer muss entschieden Front gemacht werden; wer sich zum Antisemitismus bekennt, hat jüdischen Kindern ferne zu bleiben. Ist dies für jetzt nicht dnrchzuführeu, so haben wir die Scheu vor jüdischen Schulen abzulegen, die Doctrin für bessere Zeiten zn reservieren und uns ausschließlich gleich den Protestanten von dem Wöhle unserer Kleinen leiten zu lassen. Die Frage, wie sieht denn die confessionelle Schule in der Praxis aus, ist auch aus politischen Gründen nicht